Mittwoch, 21. Oktober 2026

InterviewPioniergeist trifft Exzellenz

[17.04.2026] Seit Mitte 2025 trägt MAN Energy Solutions den Namen Everllence. Was es mit der Umbenennung auf sich hat und welche Strategie das Unternehmen beispielsweise im Bereich der Energiewirtschaft fährt, erläutert CEO Uwe Lauber im Interview mit stadt+werk.

Dr. Uwe Lauber

(Bildquelle: Everllence SE)

Herr Dr. Lauber, MAN Energy Solutions trägt seit Mitte 2025 den Namen Everllence. Welches strategische Signal möchten Sie mit dem neuen Namen insbesondere an den Energiemarkt senden?

Die Umbenennung ist die logische Folge unserer Entwicklung der vergangenen Jahre. Wir sind heute im Markt längst nicht mehr nur für Motoren und Turbomaschinen bekannt, sondern unterstützen erfolgreich weltwirtschaftliche Schlüsselindustrien wie die Energiewirtschaft bei der Reduzierung von schwer vermeidbaren Emissionen. Diesen Wandel unterstreichen wir mit unserem neuen Namen. Der inhaltliche Wandel startete schon früher und ebenfalls mit einer Namensänderung: 2018 haben wir begonnen, technologische Lösungen zur Senkung von klimaschädlichen Emissionen in den strategischen Fokus zu nehmen. Aus MAN Diesel & Turbo wurde deshalb MAN Energy Solutions. Heute sind wir nicht nur als Hersteller klimaneutraler Schiffs- und Kraftwerksmotoren etabliert, sondern auch marktführend als Anbieter von Großwärmepumpen und CCUS, also Anlagen zur CO2-Abscheidung. Wir sind ein größeres, wachstumsstärkeres und breiter aufgestelltes Unternehmen geworden. Mit dem neuen Namen tragen wir dieser Entwicklung Rechnung – ohne unsere Geschichte zu vergessen. In Everllence steckt zum einen das Wort Ever im Sinne von First Ever, also die Rückbesinnung auf den einzigartigen Ingenieurs- und Pioniergeist, der das Unternehmen seit 260 Jahren auszeichnet. Zum anderen greift es den Begriff Excellence auf, der unser Selbstanspruch ist.

Welche Rolle spielt das Leitmotiv „Moving big things to zero“ in Ihrer Strategie?

Mit diesem Leitmotiv konzen­trieren wir uns vor allem auf die Dekarbonisierungs- und Effizienzlösungen für jene Sektoren der Weltwirtschaft, die klimaschädliche Emissionen kaum vermeiden können. Der Energiewirtschaft bieten wir beispielsweise zukunftsfähige Dual-Fuel- und Gasmotoren an, die mit klimaneutralen Kraftstoffen CO2-Emissionen reduzieren. Unsere Großwärmepumpen wiederum dekarbonisieren weltweit die Wärmeversorgung von Städten und Industrieanlagen. Zudem sorgen unsere Technologien zur CO2-Abscheidung und Speicherung für die sichere Entnahme von unvermeidbaren CO2-Emissionen aus industriellen Prozessen. All diese Technologien sind keine Zukunftsmusik, sondern bereits im Markt erprobt.

Und welche dieser Technologien hat Ihrer Einschätzung nach das größte Wachstumspotenzial?

Für die Zukunft haben sowohl Großwärmepumpen als auch die CO2-Abscheidung große Bedeutung. 40 Prozent der CO2-Emissionen weltweit werden durch die Wärmeerzeugung verursacht. Mit nur einer Großwärmepumpen­lösung lässt sich über das Fernwärmenetz klimaneutrale Wärme für zehntausende Haushalte bereitstellen. So könnte die Wärmeversorgung ganzer Städte dekarbonisiert werden. Auch an der CO2-Abscheidung führt kein Weg vorbei. Sie könnte etwa in der Zementindustrie eingesetzt werden, die weltweit circa acht Prozent der CO2-Emissionen verursacht.

„Wir unterstützen die Energiewirtschaft bei der Reduzierung von schwer vermeidbaren Emissionen.“

Welche Bedeutung messen Sie dem Hochlauf von grünem und blauem Wasserstoff bei?

Wasserstoff wird in Zukunft zum unverzichtbaren Rohstoff für die Produktion synthetischer Kraftstoffe, mit denen unsere Kraftwerks- und Schiffsmotoren klimaneutral werden. Die Nachfrage wird immens sein, daher brauchen wir hier endlich einen pragmatischen Ansatz. Natürlich muss das Ziel grüner Wasserstoff sein, aber aktuell ist dieser nur in sehr geringen Mengen verfügbar. Wenn uns also blauer Wasserstoff helfen kann, Produktionskapazitäten aufzubauen, Skaleneffekte zu erzielen und den Markthochlauf zu beschleunigen, müssen wir ihn als Brückenkraftstoff anerkennen. Der Wasserstoffhochlauf tritt schon viel zu lange auf der Stelle, und wir können diesen nicht noch länger mit langwierigen Grundsatzdiskussionen aufhalten.

Können Sie konkrete Projekte nennen, mit denen Everllence aktuell zur Dekarbonisierung von Energieversorgern beiträgt?

Im vergangenen Jahr haben wir im dänischen Esbjerg erfolgreich eine Meerwasserwärmepumpe in Betrieb genommen (wir berichteten). Sie ersetzt ein stillgelegtes Kohlekraftwerk und versorgt über 25.000 Haushalte mit klimaneutraler Fernwärme, was jährlich 120.000 Tonnen CO2 spart. Zudem werden wir in den kommenden Jahren gemeinsam mit RheinEnergie in Köln die mit 150 Megawatt (MW) größte Flusswärmepumpe in Europa bauen. Diese wird 50.000 Haushalte klimaneutral mit Wärme versorgen.

Welche Rolle spielen die Stadtwerke in Bezug auf innovative Dekarbonisierungslösungen?

Die kommunale Wärmeversorgung steht vor der größten Transformation in der Geschichte der Bundesrepublik, und die Stadtwerke sind diejenigen, die diese Herkulesaufgabe meistern. Ihre Rolle kann also gar nicht hoch genug geschätzt werden. Bis 2028 müssen alle Kommunen ihre Wärmeplanung abgeschlossen haben. In dieser entscheidenden Phase wollen wir Partner der Kommunen sein. Im Markt begegnen wir einerseits einem immensen Interesse an Großwärmepumpen. Andererseits sehen wir, dass der Wissensstand zu dieser Technologie noch gering ist – bislang haben Kommunen ja vor allem Kraftwerke gebaut. Auch auf behördlicher Seite fehlt noch die Erfahrung im Umgang mit der Technologie, was zu teils schmerzhaften Verzögerungen bei den Genehmigungsverfahren führt. Dass Großwärmepumpen die ideale Technologie für eine effiziente und umweltfreundliche Wärmewende sind, beweisen wir in Esbjerg. Ich bin überzeugt, dass bald viele weitere Stadtwerke davon Gebrauch machen werden.

Gibt es Projekte, bei denen Sie erstmals verschiedene Ihrer Technologien in einem integrierten Ansatz zusammenführen?

Unsere Gas- und Dual-Fuel-Motoren können die unabhängige Energieversorgung von Daten- und Rechenzentren sichern. Das ist ein gigantischer globaler Markt, der aktuell durch den Boom bei Künstlicher Intelligenz rasant wächst. Gleichzeitig produzieren diese IT-Infrastrukturen Abwärme, die sich durch die zusätzliche Integration unserer Wärmepumpenlösungen in Hochtemperaturwärme umwandeln lässt. Einerseits versorgen wir so die Rechenzentren zuverlässig mit Energie. Andererseits können wir die Abwärme aus den Rechenzentren nutzen, um diese über eine Großwärmepumpe ins Fernwärmenetz einzuspeisen. Noch wird dieses Leistungsvermögen nicht ausgeschöpft, aber wir sehen darin großes Potenzial für die Energie- und Wärmewende.

Wie verändern geopolitische Entwicklungen und die europäische Energie- und Klimapolitik die Prioritäten von Everllence?

Der Kampf gegen den Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Davor können wir die Augen nicht verschließen. Zugleich muss man anerkennen, dass neben die Megatrends Dekarbonisierung und Digitalisierung, an denen wir 2018 unsere Strategie ausgerichtet haben, weitere globale Herausforderungen getreten sind. Sicherheit etwa hat heute einen ganz anderen Stellenwert als noch vor einigen Jahren. Die jüngsten Ereignisse in Berlin, wo ganze Stadtteile über Tage von der Elektrizitätsversorgung abgeschnitten wurden, zeigen eindringlich, dass die Energiewirtschaft als Betreiber Kritischer Infrastruktur davon massiv betroffen ist. Und wieder stehen die Stadtwerke hier in der ersten Reihe.

Wo steht Everllence im Jahr 2030?

In den vergangenen sechs Jahren haben wir jedes Jahr neue Rekordauftragseingänge verbucht. Wir sind klar auf Wachstumskurs. Das wollen wir natürlich weiterführen und in den kommenden Jahren unsere Position als Dekarbonisierungs-Champion festigen. Unser klares Ziel ist es, dass bis 2030 unsere klimaneutralen Lösungen den Großteil unseres Umsatzes ausmachen.

Interview: Alexander Schaeff

Im Interview, Dr. Uwe LauberDr. Uwe Lauber ist Vorsitzender des Vorstands sowie Vertriebsvorstand von Everllence. Er ist Mitglied des Nationalen Wasserstoffrats der Bundesregierung, Vorsitzender des Fachverbands VDMA Motoren und Systeme sowie Vorstand des VDMA-Arbeitskreises Power-to-X for Applications.

Stichwörter: Unternehmen, Everllence,


Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Unternehmen

EnBW: Energiewelt-App überarbeitet

[16.10.2026] Die EnBW hat ihre Kunden-App überarbeitet und um neue Funktionen zur Verbrauchsüberwachung und Steuerung von Energieanlagen erweitert. Die Anwendung integriert nun auch ein Heim-Energie-Management-System, mit dem sich unter anderem Wärmepumpen und Elektroautos steuern lassen. mehr...

Schleupen/Hansen: Zusammenarbeit verlängert

[16.10.2026] Die Softwareunternehmen Schleupen und Hansen Technologies setzen ihre Zusammenarbeit im Energiedatenmanagement für weitere fünf Jahre fort. Mehr als 80 Energieversorger mit über drei Millionen Messstellen nutzen die gemeinsame Lösung bereits. mehr...

Stadtwerke Tübingen: Gewinn gesteigert

[13.10.2026] Die Stadtwerke Tübingen haben ihren Gewinn im Geschäftsjahr 2025 auf rund 685.000 Euro gesteigert. Trotz anhaltenden Kostendrucks investierte der kommunale Versorger 33,7 Millionen Euro, vor allem in die Energie- und Wasserversorgung. mehr...

Mainova: Bilanz für das erste Halbjahr 2026 vorgelegt

[12.10.2026] Der Energieversorger Mainova hat im ersten Halbjahr 2026 ein bereinigtes Ergebnis von 159,2 Millionen Euro erzielt und damit weniger als im Vorjahr. Während das Gas- und Fernwärmegeschäft zulegte, belasteten höhere Kosten für Erneuerbare-Energien-Projekte die Bilanz. mehr...

VIVAVIS/TelemaxX: Kooperation bei OT-Betrieb

[09.10.2026] VIVAVIS und TelemaxX haben eine Partnerschaft für den Betrieb kritischer OT-Anwendungen in der Energiewirtschaft geschlossen. Die Unternehmen wollen Stadtwerken und Netzbetreibern eine Betriebsplattform anbieten, die vollständig auf deutscher Infrastruktur läuft und ohne internationale Cloud-Anbieter auskommt. mehr...

evm/Iqony: Wärmegeschäft in Koblenz gebündelt

[30.09.2026] Energieversorgung Mittelrhein und Iqony bündeln zum 1. Oktober 2026 ihr Wärmegeschäft im Koblenzer Stadtteil Rauental. Die gemeinsame Gesellschaft Wärme Moselbogen soll die bestehenden Netze verbinden und bis 2034 rund 500 weitere Gebäude anschließen. mehr...

Stadtwerk am See/Stadtwerke Tübingen: Beteiligung an KWA Contracting

[29.09.2026] Das Stadtwerk am See und die Stadtwerke Tübingen sind neue Aktionäre von KWA Contracting. Gemeinsam wollen die Unternehmen Energieprojekte für Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg entwickeln und umsetzen. mehr...

STAWAG/Trianel: Langfristige Fortsetzung der Kooperation

[25.09.2026] STAWAG und Trianel setzen ihre Zusammenarbeit bei zentralen energiewirtschaftlichen Dienstleistungen langfristig fort. Schwerpunkte bleiben das Beschaffungs- und Risikomanagement sowie die Vermarktung von Erzeugung und Flexibilität. mehr...

Stadtwerke Buxtehude/enercity contracting: Wärmegesellschaft gegründet

[17.09.2026] Die Stadtwerke Buxtehude und enercity contracting wollen gemeinsam ein Wärmenetz im Nordwesten Buxtehudes entwickeln. Dafür haben die Unternehmen die Buxtehuder StadtWärme GmbH gegründet. Vorgesehen ist unter anderem der Einsatz von Großwärmepumpen. mehr...

Georg Fischer/Jaske & Wolf: Kooperation bei Wärmelösungen

[16.09.2026] Georg Fischer und Jaske & Wolf Verfahrenstechnik bündeln ihre Kompetenzen für die Transformation des Wärmesektors. Im Fokus der strategischen Partnerschaft stehen Lösungen für Wärmeerzeugung, Wärmenetze und die Sektorkopplung. mehr...

Familienfest zum 75-jährigen Bestehen von WAGO am Hauptsitz in Minden mit Mitarbeitenden und ihren Familien vor einem Bällebad.

WAGO: 75-jähriges Bestehen gefeiert

[15.09.2026] Mit einem Familienfest am Hauptsitz in Minden und Päpinghausen hat WAGO sein 75-jähriges Firmenjubiläum gefeiert. Tausende Mitarbeitende und ihre Familien erhielten dabei Einblicke in den Standort und die Unternehmensgeschichte. mehr...

WEMAG: Beteiligung an 360Volt

[15.09.2026] Die WEMAG beteiligt sich mit 15 Prozent am Wärmepumpenspezialisten 360Volt. Mit der Minderheitsbeteiligung will der Energieversorger sein Wärmegeschäft ausbauen und insbesondere neue Angebote für die Wohnungswirtschaft entwickeln. mehr...

Stadtwerke Wunsiedel: Erzeugung für die Region

[15.09.2026] Die Stadtwerke Wunsiedel treiben den Aufbau eines regionalen Energiemarkts voran. Über ihre Beteiligungsgesellschaft Zenergie haben sie sich an dem Plattformanbieter SEtrade beteiligt. Dessen Software soll Erzeugung, Verbrauch und Speicherung von Energie in der Region aufeinander abstimmen. mehr...

kraftwerk Software Gruppe: Verschmelzung zum gemeinsamen Unternehmen

[11.09.2026] Die kraftwerk Software Gruppe hat ihre bisherigen Unternehmen eins+null, iS Software und msu solutions zusammengeführt. Sie firmieren künftig gemeinsam als kraftwerk Software Systems. Die bisherigen Standorte in Regensburg bleiben erhalten. mehr...

Somentec: Aufbau von eigenem AI Hub

[10.09.2026] Somentec hat einen eigenen AI Hub für den Einsatz Künstlicher Intelligenz aufgebaut. Die Plattform soll interne Prozesse unterstützen und künftig auch KI-Funktionen in der Branchenlösung XAP. ermöglichen. mehr...