InterviewTief integrierte Systeme

Andreas Weber
(Bildquelle: Kraftwerk Software Gruppe)
Herr Weber, viele Unternehmen nutzen KI bislang eher als Zusatzfunktion – etwa über ChatGPT oder andere Tools. Warum reicht das aus Ihrer Sicht nicht aus?
Wenn man die Entwicklung verfolgt hat, sieht man ja, welche enorme Leistungssteigerung KI-Systeme inzwischen erreicht haben. Der entscheidende Punkt ist jedoch: KI darf nicht nur um ein System herum eingesetzt werden, sondern muss tief in die Softwarearchitektur integriert sein. Wir haben das Glück, dass wir technologisch auf einem sehr modernen Stack arbeiten. Auf Basis der Microsoft-Plattform setzen wir bereits auf moderne Oberflächen und Technologien – und betten KI direkt in unsere Systeme ein. Dabei nutzen wir verschiedene KI-Lösungen für unterschiedliche Anwendungsfälle. Gleichzeitig spielt der Datenschutz eine wichtige Rolle. Bestimmte Daten dürfen nicht einfach in externe Systeme übertragen werden. Deshalb haben wir begonnen, eigene Infrastruktur für KI-Anwendungen in unseren Rechenzentren aufzubauen – mit eigenen Servern, Agenten und entsprechenden Plattformdiensten.
Sie verfolgen eine Plattformstrategie für die Energiewirtschaft. Was steckt strategisch dahinter?
Unser Ziel ist es, alle Unternehmen der Gruppe auf einen gemeinsamen Technologie-Stack zu bringen. Ein Beispiel ist das Produkt WinEV der iS Software, das inzwischen nicht mehr weiterentwickelt wird. Die bestehenden Kunden werden daher schrittweise auf die moderne Plattformbasis von Microsoft Business Central migriert. Das ermöglicht uns, auf einer technologisch aktuellen Grundlage zu arbeiten – und dort auch Künstliche Intelligenz sinnvoll zu integrieren.
Sie bilden mit Ihrer Plattform die gesamte kaufmännische Wertschöpfungskette eines Energieversorgers ab. Welche Vorteile bringt das den Kunden?
Viele Stadtwerke arbeiten heute mit einer Vielzahl unterschiedlicher Systeme. Sie haben ein EDM-System, ein Dokumentenmanagementsystem (DMS), ein ERP-System und weitere Speziallösungen. Insgesamt müssen sie häufig fünf oder sechs Dienstleister koordinieren, um ihre Prozesse abzubilden. Gerade kleinere und mittelständische Stadtwerke sind damit zunehmend überfordert. Unsere Plattform verfolgt deshalb den Ansatz, möglichst viele Funktionen aus einer Hand bereitzustellen. Die Systeme sind tief miteinander integriert und müssen nicht mehr über zahlreiche Schnittstellen verbunden werden. Das reduziert Komplexität und erleichtert die Weiterentwicklung.
Welche Probleme entstehen, wenn Daten weiterhin in vielen getrennten Systemen liegen?
Wenn man über KI spricht, kommt man an einer zentralen Datenbasis nicht vorbei. Nur wenn Daten konsistent zusammengeführt werden, lässt sich ihr volles Potenzial nutzen. Wenn ich hingegen mit mehreren unterschiedlichen Softwareanbietern arbeiten muss und meine Daten in proprietären Systemen liegen – teilweise aus Technologien, die 30 oder 40 Jahre alt sind –, wird eine durchgängige Integration nahezu unmöglich. In unserer Plattform laufen die Daten dagegen in einem gemeinsamen Datenmodell zusammen. Dadurch lassen sich neue Anwendungen entwickeln, etwa Benchmarking zwischen Stadtwerken. Ein Versorger könnte beispielsweise sehen, wie andere Unternehmen vergleichbarer Größe bestimmte Prozesse organisieren und wo Verbesserungen möglich sind.
„Unsere Plattform reduziert Komplexität.“
Sie haben auch ein eigenes DMS entwickelt. Welche Rolle spielt es im Kontext von KI?
Ein DMS ist für uns ein zentraler Baustein, weil es Daten aus verschiedenen Zeiträumen zusammenführt: historische Dokumente, aktuelle Informationen und auch Prognosedaten. Damit kann man beispielsweise analysieren, wie sich der Energieverbrauch eines Kunden über viele Jahre entwickelt hat und wie er sich künftig verändern könnte. Diese Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Prognose ist für KI-Anwendungen besonders wertvoll.
Sie nutzen unter anderem Microsoft Copilot, setzen aber auch andere KI-Systeme ein. Warum verfolgen Sie einen offenen Ansatz?
Wir setzen bewusst auf mehrere KI-Systeme und orchestrieren sie je nach Anwendungsfall. Unsere Serverstruktur erlaubt es uns, eigene Agenten zu entwickeln und flexibel mit unterschiedlichen KI-Technologien zu arbeiten. Heute mag etwa die KI-Lösung Claude in bestimmten Bereichen besonders leistungsfähig sein, morgen könnte ein anderes Modell vorne liegen. Deshalb wollen wir technologisch offen bleiben.
Das Thema digitale Souveränität wird intensiv diskutiert. Wie gehen Sie damit um?
Wir bieten verschiedene Betriebsmodelle an. Viele Kunden nutzen unsere Lösungen in der Azure-Cloud. Gleichzeitig betreiben wir aber auch eigene Infrastruktur in deutschen Rechenzentren, die entsprechend zertifiziert sind – etwa nach ISO 27001. Darüber hinaus arbeiten wir bereits an einer cloudbasierten Infrastruktur, die unabhängig von US-Anbietern ist und vollständig in Deutschland betrieben wird.
Ein weiterer Trend sind KI-Agenten. Worin unterscheiden sie sich von klassischen Chatbots?
Ein Chatbot beantwortet in der Regel einzelne Fragen oder führt einfache Dialoge. Ein Agent hingegen kann komplette Prozesse bearbeiten. Wir arbeiten bereits mit mehreren Agenten, die E-Mails analysieren, Berichte erstellen oder Aufgaben automatisch anlegen. Diese Agenten können miteinander interagieren und unterschiedliche Arbeitsschritte kombinieren.
Wo sehen Sie konkrete Einsatzmöglichkeiten?
Ein großes Potenzial liegt in der prozessübergreifenden Automatisierung. Ein Agent könnte etwa den gesamten Ablauf zwischen Marktkommunikation, Abrechnung und Buchhaltung überblicken und koordinieren. Ein klassisches Beispiel ist die Jahresabrechnung. In vielen Stadtwerken bindet sie heute noch enorme Ressourcen. In Zukunft könnten solche Prozesse automatisiert nachts durchlaufen, während Mitarbeitende am nächsten Tag nur noch Ergebnisse prüfen oder Fehler analysieren.
Die Energiewirtschaft steht insgesamt vor großen Herausforderungen. Können Plattformlösungen hier wirklich helfen?
Ich glaube, dass viele Unternehmen künftig nicht mehr ohne solche Lösungen auskommen werden. Plattformlösungen können helfen, Prozesse zu standardisieren, Aufwand zu reduzieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen.
• Der Beitrag ist in der Ausgabe Mai/Juni 2026 von stadt+werk erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
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