Sonntag, 1. Februar 2026

IT-TrendsÜbergang in die digitale Welt

[24.04.2014] Marktforscher erwarten steigende Investitionen der Energiewirtschaft in die IT-Infrastruktur. Gefragt sind innovative Software-Lösungen und IT-Services. Experten sind zudem sicher: Ohne Big Data und Cloud Computing geht bald nichts mehr in der Branche.
Big Data und Cloud Computing sind für die Energiewirtschaft unverzichtbare Werkzeuge und werden in Zukunft noch wichtiger.

Big Data und Cloud Computing sind für die Energiewirtschaft unverzichtbare Werkzeuge und werden in Zukunft noch wichtiger.

(Bildquelle: PEAK Agentur für Kommunikation / MEV Verlag)

Gemessen am gesamten IT-Markt in Deutschland mit einem Volumen von knapp 58 Milliarden Euro im Jahr 2012 stellt die Branche der Energie- und Wasserversorgung mit einem Anteil von 2,5 Prozent zwar nur eine Randerscheinung dar. Die Marktforscher von IDC prognostizieren für den im Vergleich zu den USA oder China noch unreifen Markt jedoch ein überdurchschnittlich starkes Wachstum von 5,6 Prozent bis zum Jahr 2017. Das liegt nicht zuletzt an der Energiewende. Denn die deutsche Energiewirtschaft steht vor der Herausforderung, neue Kompetenzfelder aufbauen zu müssen. Für das Jahr 2017 rechnet IDC in diesem vertikalen IT-Markt mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 1,8 Milliarden Euro. Vor allem geht es darum, neue IT-Dienste flexibler und schneller bereitzustellen.

Zeitalter der intelligenten Dienstleistungen

Als wegweisend für die gesamte Branche sind dabei intelligente Dienstleistungen rund um Smart Grids und Smart Metering anzusehen. Kaum zu übersehen ist jedoch, dass Deutschland sich bezüglich Smart Metering noch in einem Regulierungsstau befindet. Dieser werde sich allerdings in diesem Jahr auflösen, hofft Frank Schmidt, Leiter Konzerngeschäftsfeld Energie bei der Deutschen Telekom. Das deutsche Unternehmen gehört laut IDC zu den aufstrebenden Spielern beim Outsourcing und anderen innovativen IT-Dienstleistungen für die Energiebranche. Beispiel Smart Metering: „Wir werden in diesem Jahr die Messsystem- und eine Roll-out-Verordnung erhalten, 2015 wird das Jahr der konkreten Feldtests und 2016 startet der Ausbau der intelligenten Zähler im großen Maßstab“, sagt Frank Schmidt. Das größte Smart-Metering-Projekt Deutschlands, „Mülheim zählt“ von RWE, habe gezeigt, dass sich Zählerdaten kostengünstig und zuverlässig via Mobilfunk übertragen lassen. Rund 15.000 Zählpunkte vor Ort liefern Daten mit einer Verfügbarkeit von 99 Prozent. Nun rechnet die Deutsche Telekom nach dem EU-Schutzprofil und der Technischen Richtlinie noch in diesem Jahr mit ersten zertifizierbaren Smart Meter Gateways.
In den kommenden Jahren sind vor allem Investitionen in Software-Lösungen gefragt. Pendelten sich die Investitionsvolumina laut IDC im vergangenen Jahr noch bei 385 Millionen Euro ein, so erwarten die Auguren in diesem Segment ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 9,3 Prozent bis 2017 – und damit ein Volumen von knapp 600 Millionen Euro. „Wir gehen davon aus, dass zahlreiche industriespezifische Software-Lösungen die Ausgaben in den kommenden Jahren weiter antreiben“, sagt Sabrina Stadler, Consultant bei IDC in Frankfurt am Main. Im Kommen ist vor allem Software, um die Netzsteuerung, Emissionskontrolle und Kraftwerkssteuerung zu verbessern. Daneben feilen die Unternehmen weiter an ihren Geschäftsprozessen, um Kosten zu senken und Abläufe zu beschleunigen, beispielsweise durch Investitionen in Lösungen wie SCAD (Supervisory Control and Data Acquisition), DMS (Distribution Management System) und Geo-Informationssysteme (GIS).

Mobile Lösungen

Zusätzlichen Auftrieb erhalten die IT-Ausgaben nach Einschätzung von IDC durch Smart Metering und Smart Grids – hier vor allem durch leistungsstarke Hardware auf der Versorgerseite sowie mobile Lösungen, die allmählich Einzug bei den Versorgern halten. „Gerade der Ausbau von intelligenten Stromnetzen und Stromzählern wird die IT-Investitionen in den kommenden Jahren positiv beeinflussen“, ist Sabrina Stadler überzeugt.
Von wachsender Bedeutung in der Energie- und Wasserversorgung ist auch das Thema Big Data. Die Digitalisierung von Geschäfts- und Kundendaten führt dazu, dass die Datenmenge bei den Versorgern stark angestiegen ist. Dadurch stehen diese zunehmend vor der Herausforderung, die immer größeren Datenberge zu verwalten und produktiv zu nutzen. Big-Data-Lösungen tragen zum Beispiel dazu bei, durch Datenanalyse in Echtzeit Störungen im Betriebsablauf frühzeitig zu erkennen.

Selektives IT-Outsourcing

Als größte Umsatz- und Kostentreiber erweisen sich dabei IT-Services, etwa in Richtung Planung, Implementierung, Betrieb, Wartung und Support. Um die Herausforderung im Griff zu behalten, dürfte sich der Trend in Richtung selektives Outsourcing weiter verstärken. Laut den Marktforschern von IDC machen insbesondere kleinere Unternehmen davon Gebrauch.
„Weitere Themen sind die Öffnung der Anwendungsarchitekturen in Richtung Mobilität sowie der verstärkte Einsatz von Social Media im Vertrieb. Kurz gesagt, die Energiebranche muss den Übergang von der analogen in die digitale Welt schaffen“, sagt Ralph Trapp, Geschäftsführer des Bereichs Energiewirtschaft beim Beratungsunternehmen Accenture. So habe sich das gezielte Nutzen von externen Daten aus der Cloud gerade beim Vertrieb mit Blick auf die Kundenbindung als kosteneffiziente Lösung erwiesen. Accenture rechnet beim Cloud Computing auch mit einer wachsenden Nachfrage der kommunalen Versorger, die sich aufgrund ihrer kleinteiligen Struktur wegen mangelnder Skaleneffekte auf ihr Kerngeschäft und die Bündelung ihrer IT-Ressourcen konzentrieren. „Andere Branchen sind hier schon deutlich weiter, gerade im Customer Relationship Management“, so Trapp weiter.

Erkenntnisse durch Big Data

„Ohne IT ist die Steuerung der Stromnetze nicht mehr durchführbar“, bestätigt auch Alain Reingruber vom IT-Dienstleister Atos Deutschland. Sein Credo zur durchgängig vernetzten Energiewirtschaft: Der Privatkunde werde einem intelligenten Zähler (Smart Meter) im Haushalt nur dann zustimmen, wenn sichergestellt sei, dass die Datenerfassung nicht die Privatsphäre verletze. Manche Vision geht deutlich weiter: Durch Big Data ließen sich etwa Erkenntnisse zur Mediennutzung auch für die Vorhersage zukünftiger Stromverbräuche nutzen. „Über Cloud Computing wird eine effektive Verarbeitung dieser Daten mit der geforderten Flexibilität überhaupt erst zu einem wirtschaftlichen Preis möglich“, betont Alain Reingruber.
Für manches Unternehmen dreht sich vieles in den kommenden Jahren aber um handfeste und bodenständige Herausforderungen. Beispielsweise darum, mehr Überblick in den Dschungel der unzähligen IT-Anwendungen zu bringen. Die Standardisierung und Harmonisierung sowie die sukzessive Erneuerung bestehender Systeme bleibe deshalb in den nächsten Jahren weiterhin ganz oben auf der Agenda angesiedelt, meint Helmut Stocker von der Unternehmensberatung Deloitte. Der Herausforderung stellen sich neben versierten kleineren Branchenspezialisten vor allem die führenden IT-Dienstleister. „Kurz gesagt, proprietäre Insellösungen werden abgeschafft und durch bewährte, standardisierte und automatisierbare Lösungen ersetzt“, erläutert Axel Szymanski, der bei Hewlett-Packard (HP) für den Kunden E.ON zuständig ist. Dagegen gerieten hoch spezialisierte Anbieter proprietärer Systeme weiter ins Hintertreffen. Das unausweichliche Fazit des HP-Experten: Gerade die Energieversorger, die mehr Effizienz, Flexibilität und Liquidität erreichen wollen, kommen an der Cloud nicht mehr vorbei. Nutznießer dieses Trends seien Drittanbieter, vor allem Service Provider und versierte Business Enabler, bilanziert Szymanski.

Smarte Energienetze

Die vielschichtige digitale Branchenagenda im Blick hat auch Pierre Joeris, verantwortlich für die Geschäftsentwicklung im Bereich Energiewirtschaft bei IBM Deutschland. Um smarte Energienetze künftig besser auszubalancieren, seien intelligente Big-Data-Lösungen und Cloud Computing unverzichtbar. Nur so könnten Daten unterschiedlicher Herkunft zusammengeführt, ausgewertet und gezielt genutzt werden. Bevor diese Vision allerdings im Alltag greifbar wird, bedarf es seitens der Hersteller erheblicher Überzeugungsarbeit, vor allem mit Blick auf Datenschutz und Datensicherheit bei Smart Metering und Smart Grid.

Lothar Lochmaier ist Wirtschaftsjournalist in Berlin.




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