AI4GridsNetze optimal steuern

KI-gestützte Betriebsführung kann helfen, dezentrale Anlagen und Geräte reibungslos in die bestehenden Netze zu integrieren.
(Bildquelle: Halfpoint/stock.adobe.com)
Die Energiewende bringt eine Vielzahl neuer Erzeuger und Verbraucher mit sich: Photovoltaikanlagen auf privaten Dächern, elektrische Wärmepumpen in Haushalten und nicht zuletzt der zunehmende Einsatz von Elektrofahrzeugen. Für die Netzbetreiber in Deutschland stellt das eine erhebliche Herausforderung dar, denn all diese Anlagen und Geräte müssen möglichst reibungslos in die bestehenden Mittel- und Niederspannungsnetze integriert werden, ohne die Netzstabilität zu gefährden.
Das Projekt AI4Grids widmete sich genau diesem Thema und entwickelte KI-gestützte Methoden zur Optimierung der Betriebsführung und Planung von Verteilnetzen. Ziel war es, trotz der zunehmenden Dezentralisierung und Elektrifizierung die Sicherheit und Stabilität der Netze zu gewährleisten – und das ohne aufwendigen und kostenintensiven Netzausbau.
Das im Dezember 2023 abgeschlossene Forschungsprojekt war Teil der KI-Leuchtturminitiative des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Verbundpartner waren die HTWG Hochschule Konstanz, das International Solar Energy Research Center (ISC) Konstanz, das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE sowie das Stadtwerk am See, die Energiedienst-Gruppe und als assoziierter Partner die Stadtwerke Konstanz.
Im Mittelpunkt von AI4Grids stand die Entwicklung eines Gesamtalgorithmus, der verschiedene KI-Modelle und klassische Verfahren zu einem integrierten, echtzeitfähigen Steuerungssystem für Verteilnetze mit hohem Anteil erneuerbarer Energien und Elektrofahrzeugen vereint. Damit lässt sich auch bei unvollständiger Messdatenerfassung ein stabiler und ökonomisch optimierter Betrieb sicherstellen.
Mangel an Messpunkten
Das System basiert auf einem Digitalen Zwilling des Stromnetzes, der kontinuierlich mit Messdaten aus dem realen Betrieb aktualisiert wird. Eine der größten Herausforderungen ist die bislang geringe Digitalisierung der Verteilnetze, die häufig nur über begrenzte Messdaten verfügen. Aufgrund des Mangels an flächendeckenden Messpunkten sind präzise Vorhersagemodelle unerlässlich, um diese Lücke zu schließen.
In jedem Berechnungsschritt werden zunächst probabilistische Lastprognosen für nicht gemessene Knoten im Niederspannungsnetz erstellt. Hierfür nutzt das Team ein an der HTWG entwickeltes Modell auf Basis von Bernstein-Polynomial Normalizing Flows, das eine realistische Vorhersage der zukünftigen Nachfragesituation unter Berücksichtigung von Unsicherheiten ermöglicht. Dieser innovative Ansatz erlaubt nicht nur die Generierung einzelner Punktschätzungen, sondern bildet Unsicherheiten und verschiedene mögliche Szenarien als bedingte Wahrscheinlichkeitsverteilungen ab – ein entscheidender Vorteil angesichts stark schwankender Verbrauchsmuster. Damit können Gebäude oder Anlagen ohne verfügbare Messdaten zuverlässig in das Netzmodell integriert werden.
Prognosemodell für Photovoltaikerzeugung
Parallel dazu entwickelte der Projektpartner ISC Konstanz ein Prognosemodell für die Photovoltaikerzeugung. Damit lässt sich die Einspeisung unter Berücksichtigung der lokalen Bedingungen realistisch abbilden – ein wesentlicher Aspekt angesichts der erheblichen Unterschiede bei Ausrichtung und Verschattung der Anlagen. Die Ergebnisse der Prognosemodelle fließen anschließend in eine klassische Lastflussberechnung des Gesamtnetzes ein. Dadurch können aktuelle Spannungsverhältnisse und Ströme sehr effizient bestimmt werden.
Der so ermittelte Netzzustand wird im Anschluss von einem KI-Regler ausgewertet. Dabei kamen zwei vielversprechende KI-Ansätze zum Einsatz. Zum einen wurden Convolutional Neural Networks (CNNs) verwendet, die auf eine netztopologieunabhängige Visualisierung und Störungserkennung spezialisiert sind und hohe Erkennungsgenauigkeiten von bis zu 99 Prozent erzielten. Zum anderen wurden Graph Neural Networks (GNN) genutzt, die das Netz direkt als Graph abbilden und so flexibel auf Veränderungen in der Netzstruktur reagieren können. Diese GNNs erreichen eine Testgenauigkeit von 94,4 Prozent und sind ein zentraler Bestandteil für die KI-gestützte Betriebsführung.
Auf dieser Grundlage bestimmt der KI-Regler optimale Steuerungshandlungen für die Netzführung, wie etwa Lastverschiebungen oder die Anpassung der Einspeisung flexibler Anlagen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen werden dem Netzbetreiber als Handlungsempfehlungen übermittelt und in den Digitalen Zwilling zurückgeführt. So entsteht ein geschlossener, lernfähiger Regelkreis, der mit zunehmender Datenmenge und -qualität kontinuierlich genauer wird.
Praxisfähiger Ansatz
Das Zusammenspiel dieser Komponenten – von der Erstellung realistischer Last- und Erzeugungsprofile über die präzise Simulation des Netzzustands bis hin zur Generierung und Evaluierung optimaler Steuerungsmaßnahmen – bildet das Herzstück des AI4Grids-Gesamtsystems. Mit einem Digitalen Zwilling eines Stromnetzes und realen Messdaten konnte das Team im Hardware-in-the-Loop-Labor am Fraunhofer-Institut ISE erste Ergebnisse erzielen, die belegen, dass dieser Ansatz praxisfähig ist und eine optimale Betriebsführung ermöglicht.
Im Netzgebiet des Stadtwerks am See wurden zudem an zehn Transformator- und Kabelverteilerstationen intelligente Messgeräte installiert. Diese verbessern kontinuierlich die Datengrundlage und tragen wesentlich dazu bei, dass der Algorithmus auch in einem dynamisch veränderlichen Netz zuverlässige Prognosen liefert.
Energieversorger profitieren von den Ergebnissen von AI4Grids in vielfacher Hinsicht: Die KI-basierten Verfahren ermöglichen eine deutlich präzisere und dynamischere Netzführung, reduzieren die Notwendigkeit kostenintensiver Netzausbaumaßnahmen und erhöhen gleichzeitig die Versorgungssicherheit. Durch Echtzeitreaktionen auf Netzbelastungen können potenzielle Engpässe frühzeitig erkannt oder gar vermieden werden, wodurch Ausfälle und Störungen minimiert werden. Darüber hinaus unterstützen realitätsnahe Last- und Erzeugungsprognosen die langfristige Netzplanung, fördern den effizienten Einsatz vorhandener Ressourcen und erleichtern die Integration erneuerbarer Energien.
Mit dem Projektende von AI4Grids ist die Arbeit jedoch nicht abgeschlossen: Das Forschungsteam untersucht derzeit effektive Strategien zur Reduktion von Treibhausgasemissionen in der energieintensiven Industrie im Projekt DeepCarbPlanner gefördert von der Carl-Zeiss-Stiftung.
Nachfolger flowgrids
Das Nachfolgeprojekt flowgrids, das im Rahmen des Programms bwinvest-Sprint vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg gefördert wird, verfolgt aktuell das Ziel, die entwickelten Algorithmen in weiteren Reallaboren und im praktischen Feldbetrieb marktreif weiterzuentwickeln. Mit den Algorithmen sollen Stadtwerke und Netzbetreiber künftig dabei unterstützt werden, ihre Netze effizienter, resilienter und klimafreundlicher zu steuern.
Gunnar Schubert ist Professor für Physik und Elektrotrechnik an der HTWG Hochschule Konstanz sowie Vizepräsident für Nachhaltigkeit und Transfer an der HTWG. Er koordinierte das Verbundprojekt AI4Grids. Die Wissenschaftler Manuela Linke und Marcel Arpogaus sind Doktoranden in der AG Regenerative Energiesysteme an der HTWG. Linke war zudem Leiterin des KI-Leuchtturmprojekts AI4Grids.
Ostsee: Hybrider Strom-Interkonnektor geplant
[24.02.2026] Deutschland, Lettland und Litauen planen mit dem Baltic-German PowerLink einen hybriden Strom-Interkonnektor durch die Ostsee. Das rund 600 Kilometer lange Seekabel soll Offshore-Windparks anbinden und die Märkte enger koppeln – nun starten die Netzbetreiber die Detailplanung. mehr...
Mitnetz Strom: Zahl der Netzeingriffe gesunken
[17.02.2026] Der Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom hat 2025 erneut weniger Einspeisemanagement-Eingriffe verzeichnet – trotz neuer Rekorde bei erneuerbaren Energien. Grund sind umfangreiche Netzinvestitionen, doch weiter steigende EEG-Leistungen und politische Rahmenbedingungen bleiben entscheidend. mehr...
Balzhausen: Pilot für die Einspeisesteckdose
[09.02.2026] Die Einspeisesteckdose stellt übliche Ausschreibungsverfahren für erneuerbare Energien auf den Kopf. LEW Verteilnetz hat dieses Verfahren jetzt in seinem Netzgebiet im Rahmen eines Pilotprojekts in Balzhausen erprobt. mehr...
enercity Netz: Digitaler Zwilling von Niederspannungsnetz in Betrieb
[09.02.2026] enercity Netz hat einen Digitalen Zwilling für das Niederspannungsnetz in Betrieb genommen. Das virtuelle Echtzeitmodell soll die Netzführung in Hannover präziser machen und bereitet den Weg für automatisierte Steuerung, schnellere Entstörung und neue Planungsprozesse. mehr...
Westfalen Weser Netz: Niederspannungsleitsystem mit CLS-Management gekoppelt
[09.02.2026] Westfalen Weser Netz koppelt erstmals ein Niederspannungsleitsystem direkt mit dem CLS-Management. Der gestartete Pilotbetrieb zeigt, wie sich Netzzustände automatisiert steuern lassen und welche Rolle das für §14a EnWG spielt. mehr...
Netzanschlüsse: Reifegrad statt Windhundprinzip
[06.02.2026] Die Übertragungsnetzbetreiber ändern das Verfahren für Netzanschlüsse grundlegend. Künftig ist nicht mehr die Schnelligkeit eines Antrags entscheidend, sondern dessen Umsetzbarkeit. Das Ziel besteht darin, einen transparenten und planbaren Prozess zu etablieren. mehr...
Hertener Stadtwerke: Stabiles Stromnetz
[05.02.2026] Das Stromnetz in Herten hat 2024 erneut eine sehr hohe Zuverlässigkeit erreicht. Mit einem SAIDI-Wert von rund 1,84 Minuten pro Haushalt liegt die Ausfallzeit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. mehr...
BDEW: Milliardeninvestitionen in den Netzausbau gefordert
[02.02.2026] Neue Regionalszenarien der Stromverteilnetzbetreiber zeigen einen drastisch steigenden Bedarf an Netzanschlüssen bis 2045. Der BDEW fordert deshalb Milliardeninvestitionen in den Netzausbau und bessere regulatorische Rahmenbedingungen, um privates Kapital zu mobilisieren. mehr...
Hessen: Projektstart von SGLive
[26.01.2026] Mit dem Projekt SGLive startet in Hessen ein dreijähriges Vorhaben zur Digitalisierung der Verteilnetze und zur Stärkung der Resilienz des Energiesystems. Die Hochschule Darmstadt, das Ingenieurbüro Pfeffer und die Denkfabrik House of Energy arbeiten dabei mit rund einer Million Euro EU-Kofinanzierung an Smart-Grid-Technologien und IT-Sicherheitskonzepten. mehr...
Hamburger Energienetze: eRound bündelt drei digitale Lösungen
[05.12.2025] Die Hamburger Energienetze bündeln unter der Marke eRound drei digitale Lösungen für Lade-Infrastruktur, Verteilnetze und Smart-City-Anwendungen. Ziel ist eine effizientere Steuerung der Energiewende und ein transparenter Blick auf den Zustand kritischer Infrastruktur. mehr...
TransnetBW: Gesetz zur Strompreis-Senkung verabschiedet
[04.12.2025] Ein staatlicher Zuschuss von 6,5 Milliarden Euro soll 2026 die Netzentgelte und damit die Strompreise für Verbraucherinnen und Verbraucher spürbar dämpfen. Bundestag und Bundesrat haben das entsprechende Gesetz verabschiedet. mehr...
Niederviehbach: Zweite Einspeisesteckdose gestartet
[02.12.2025] In Niederviehbach ist das zweite bayerische Pilotprojekt zur sogenannten Einspeisesteckdose gestartet. Damit soll laut Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger der Netzausbau schneller, effizienter und planbarer werden. mehr...
Schleswig-Holstein: Strategiepapier für mehr Netz-Flexibilität
[28.11.2025] Ein neues Strategiepapier soll mehr Flexibilität beim Netzanschluss schaffen und Engpässe bei der Energiewende vermeiden. Nach Angaben des schleswig-holsteinischen Energiewendeministeriums sollen dafür Vergaberegeln, Anschlussverfahren und die Nutzung bestehender Netzpunkte grundlegend überarbeitet werden. mehr...
Hamburg: Projekt zur Netzsteuerung gestartet
[24.11.2025] In Hamburg startet das Leitprojekt FARFALLE, das eine präzisere und fairere Netzsteuerung nach §14a EnWG ermöglichen soll. Die Partner entwickeln dafür ein Verfahren, das steuerbare Verbrauchseinrichtungen gezielt statt pauschal drosselt und so Engpässe effizienter beseitigt. mehr...
Langmatz: Plastik schlägt Beton
[17.11.2025] Warum Kabelschächte aus Kunststoff langfristig die bessere Wahl sind und welche Vorteile sich daraus für Tiefbauunternehmen, Netzbetreiber und Kommunen ergeben, erklärt Dieter Mitterer, einer der beiden Geschäftsführer von Langmatz, im Interview. mehr...















