InterviewWir haben schon viel erreicht

Kerstin Andreae
(Bildquelle: Thomas Trutschel/BDEW)
Frau Andreae, der BDEW stellt seinen Kongress 2026 unter das Leitmotiv „Zukunft sichern“ durch eine klimaneutrale, resiliente und bezahlbare Energieversorgung. Wie groß ist aktuell die Herausforderung, diese drei Ziele gleichzeitig zu erreichen?
Die Herausforderung ist groß, aber lösbar. Daran arbeiten seit Jahren viele kluge Köpfe in Politik, Wirtschaft und Energiewirtschaft, nicht zuletzt im BDEW. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass uns das gelingt. Für uns als BDEW ist das Verständnis wichtig, dass sich alle drei Ziele bedingen.
Wie bewerten Sie die derzeitige energiepolitische Lage in Deutschland? Wo steht die Energiewende nach Ihrer Einschätzung im Frühjahr 2026?
Wir haben schon viel erreicht. Erneuerbare Energien sicherten 2025 rund 56 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland. Ein neuer Rekord. Und das trotz eines historisch windschwachen Jahres. 2026 könnten wir dank des starken Zubaus schon auf die 60 Prozent zusteuern – es geht also in großen Schritten voran. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns: mehr Elektrifizierung, Transformation hin zu grünen Gasen, kluge Lösungen für die Wärmeversorgung.
Mit Katherina Reiche steht eine Bundeswirtschaftsministerin im Zentrum der energiepolitischen Debatte. Welche Erwartungen verbindet die Energiewirtschaft mit ihrem Kurs?
Die Energiewirtschaft erwartet von der Bundesregierung, dass die zentralen energiepolitischen Aufgaben konsequent angegangen und in engem Austausch umgesetzt werden. Dringlich ist etwa der weitere Ausbau erneuerbarer Energien und der Netzausbau. Hier brauchen wir mehr Tempo, daher müssen wir bei der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und dem sogenannten Netzpaket zügig vorankommen. Unserer Ansicht nach gehört hierzu ein Beschleunigungspaket zum Netzausbau auf die Agenda, entsprechende Vorschläge haben wir eingereicht. Gleiches gilt für das Thema Wasserstoff. Damit der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft gelingen kann, braucht es jetzt mehr Verbindlichkeit in Form eines Gesetzes, das alle Maßnahmen an einer Stelle bündelt und Planungssicherheit entlang aller Wertschöpfungsstufen herstellt. Klarheit brauchen wir auch bei der Wärmewende und der Modernisierung des Gebäudebestands. Entscheidend ist, dass dies unter investitionsfreundlichen Rahmenbedingungen geschieht. Zudem muss der Um- und Ausbau der verschiedenen Infrastrukturen gut abgestimmt verlaufen, Mehrfachinfrastrukturen sollten im Sinne der Kosteneffizienz vermieden werden. Auch hier warten wir nach wie vor ungeduldig auf den Gesetzentwurf zum geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz.
„Die Energiewende ist ein Investitionsthema mit enormem Potenzial.“
Wo sehen Sie aus Sicht des BDEW derzeit den größten politischen Handlungsbedarf – beim Ausbau der Erneuerbaren, bei der Versorgungssicherheit, beim Netzausbau oder bei der Bezahlbarkeit von Energie?
Eine Priorisierung wäre hier nicht zielführend: ohne Netzausbau kein Zubau. Ohne Zubau keine Versorgungssicherheit. Und ohne die Optimierung von EE- und Netzausbau bleibt die Bezahlbarkeit auf der Strecke. Insofern ist die zentrale Herausforderung, vor der wir stehen, all das in Einklang zu bringen, statt das eine über das andere zu priorisieren.
Der BDEW Kongress gilt als eines der wichtigsten Branchentreffen des Jahres. Welche Bedeutung hat die Fachveranstaltung in diesem Jahr für Energiewirtschaft und Politik besonders?
Das Motto des diesjährigen BDEW Kongresses lautet „Zukunft sichern“. Mit diesem Leitgedanken möchten wir die zentrale Aufgabe der Energiewirtschaft unterstreichen, eine klimaneutrale, resiliente, bezahlbare und weiterhin sichere Energieversorgung zu ermöglichen. Dafür brauchen wir die passenden Rahmenbedingungen, daher werden wir auf dem Kongress kurz vor der Sommerpause noch auf die richtigen Weichenstellungen der eben angesprochenen zentralen Gesetzesvorhaben drängen. Gleichzeitig geht es um Planungs- und Investitionssicherheit für unsere Branche, damit wir weiterhin das Fundament für die wirtschaftliche Stärke des Landes legen können. Der BDEW Kongress ist mit 1.800 Teilnehmenden die größte und wichtigste Plattform der Branche, um gemeinsam mit Politik, Wirtschaft und weiteren Stakeholdern die Herausforderungen unserer Zeit zu diskutieren.
Planungs- und Investitionssicherheit sind zentrale Voraussetzungen für die Branche. Was muss die Politik jetzt konkret tun, damit Unternehmen wieder mit mehr Vertrauen investieren?
Die Energiewende ist ein Investitionsthema mit enormem Potenzial. Deshalb sollte die Bundesregierung die genannten Weichenstellungen rasch umsetzen. Investitionen brauchen bessere und verlässliche Rahmenbedingungen. Klar ist aber auch: Die Branche kann die enormen Investitionssummen nicht allein stemmen. Der Deutschlandfonds ist ein wichtiges Element, um Finanzierungskosten zu reduzieren. Die ersten Finanzierungsinstrumente liegen vor. Nun braucht es den politischen Willen von Bund und Ländern, gemeinsam starke Eigenkapital- und Risikoübernahmeinstrumente auf die Beine zu stellen. Genau hier liegt der wohl größte Hebel, um Projekte finanzierbar zu machen und privates Kapital in großem Umfang zu mobilisieren.
Worauf dürfen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer programmatisch freuen? Welche Highlights, Debatten oder prominenten Gäste stehen beim BDEW Kongress 2026 besonders im Fokus?
Besonders spannend werden die Keynotes und Panels der Bundesministerinnen und -minister Katherina Reiche, Wirtschaft und Energie, Verena Hubertz, Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, Carsten Schneider, Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und Reaktorsicherheit, und Karsten Wildberger, Digitales und Staatsmodernisierung. Das Panel mit den Vorsitzenden der Regierungsfraktionen Matthias Miersch und Jens Spahn wird insbesondere den Ausbau erneuerbarer Energien, die Zukunft der Energie-Infrastruktur sowie industrie- und klimapolitische Rahmenbedingungen diskutieren. Auch internationale Gäste bringen wir auf die Bühne: Der Botschafter der Ukraine, Oleksii Makeiev, hat uns für ein Panel zum Wiederaufbau der Energie-Infrastruktur in der Ukraine zugesagt. Mit dem 15. US-Energieminister Dan Brouillette beleuchten wir die Auswirkungen der US-Energiepolitik auf Europa und Deutschland.
Wenn Sie zum Abschluss einen Wunsch an Politik und Wirtschaft frei hätten: Welche zentrale Botschaft sollte vom BDEW Kongress 2026 ausgehen?
Die Energiepolitik braucht jetzt Klarheit, Tempo – und gemeinsame Prioritäten. Manchmal kommt es mir so vor, als befänden sich energiewirtschaftliche Fragestellungen mit anderen gesellschaftlich relevanten Entscheidungen in einem Tauschgeschäft. Das mag politisch erklärbar sein, aber Sachpolitik sieht anders aus. Die Auswirkungen der Sperrung der Straße von Hormus auf Verfügbarkeit und Preise von Öl und Erdgas haben uns einmal mehr vor Augen geführt, wie wichtig es ist, die Menge an fossilen Importen weiter zu reduzieren. Mit der Transformation unseres Energiesystems haben wir bereits eine Menge erreicht. Jetzt kommt es darauf an, diesen Kurs in engem Austausch von Politik und Wirtschaft entschlossen fortzusetzen.
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