Sonntag, 26. April 2026

GenossenschaftenDie Energie im Dorf lassen

[03.04.2013] In Deutschland sind heute rund 80.000 Bürger in Energiegenossenschaften aktiv. Welche Bedeutung kann das genossenschaftliche Beteiligungsmodell für die kommunale Energieversorgung gewinnen? Einige Beispiele zeigen die Perspektiven.
Energiegenossen: Gemeinde Großbardorf ist Bioenergiedorf 2012.

Energiegenossen: Gemeinde Großbardorf ist Bioenergiedorf 2012.

(Bildquelle: FNR/Jan Zappner)

So sieht die kommunale Energieversorgung der Zukunft aus: Die Energie des Dorfes dem Dorfe. Zumindest in der unterfränkischen Gemeinde Großbardorf funktioniert dieses Prinzip, das Leitmotiv der Genossenschaft Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen Energie, bereits seit mehreren Jahren erfolgreich. Zahlreiche, überwiegend von den Bürgern finanzierte Biogas- und Photovoltaikanlagen sind dort entstanden. Außerdem wurde das Nahwärmenetz mit einem Budget von drei Millionen Euro ausgebaut. Der Lohn: In diesem Jahr hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die Gemeinde als eines der drei Bioenergiedörfer 2012 in Deutschland ausgezeichnet.

Genossenschaft als Modell

Deutschlandweit sind immerhin 80.000 Bürger in Energiegenossenschaften aktiv. Der Vorteil für Kommunen: „Anders als zum Beispiel Fonds fördern Genossenschaften die regionale Wertschöpfung, indem etwa ortsansässige Handwerksbetriebe oder Banken eingebunden werden“, erläutert Eckhard Ott, Vorstandsvorsitzender beim Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV). Er sieht das Genossenschaftsmodell als die insolvenzsicherste Rechtsform in Deutschland an. Die reine Energiegenossenschaft mit dem Ziel, Strom, Wärme oder beides zu produzieren, stellt dabei meist einen überschaubaren Zusammenschluss von Bürgern, Stadtwerken, Kommunen und privaten Unternehmen dar. Was die Finanzierungsseite angeht, so gibt es unterschiedliche Modelle wie Schuldverschreibungen, Genussrechte, partiarisches Darlehen oder die stille Beteiligung. „Energiegenossenschaften sind einfach zu gründen und ermöglichen eine gleichberechtigte Bürgerbeteiligung“, so Ott weiter.
Mehr Zusammenarbeit durch überregionale Kooperationsmodelle steht andernorts auf der Agenda. Als wegweisendes Beispiel kann das Vorhaben „19 Kommunen – ein Ziel!“ dienen. In einer ansonsten relativ strukturschwachen bayerischen Region in der Oberpfalz arbeiten in der Genossenschaft Neue Energie West immerhin 17 Kommunen und zwei Stadtwerke Hand in Hand. Bislang sind via Bürgerbeteiligung seit 2009 über 45 Millionen Euro in die lokale Energiewende geflossen. „Die interkommunale Energiegenossenschaft ermöglicht dabei ein sach- und zielorientiertes Arbeiten“, bekräftigt Helmut Amschler, Vorstand der Stadtwerke Grafenwöhr. Die Finanzierung einzelner Bürgervorhaben im Bereich der regenerativen Energien erfolge außerhalb der regulären kommunalen Haushalte, um so mehr Spielraum zu gewinnen.
Der Anteil der erneuerbaren Energien habe, so führt der Experte der Stadtwerke Grafenwöhr weiter aus, bereits die 50-Prozent-Marke erreicht, wobei die Photovoltaik in der Region am stärksten wachse. Mehr noch: Die Verantwortlichen des interkommunalen Gestaltungsansatzes loten nicht nur den gemeinsamen Strombezug zwischen den Stadtwerken, der Kommune und den Energiegenossenschaften aus. Darüber hinaus beabsichtige man auch die Rückübertragung der örtlichen Stromverteilnetze.

Dezentraler Ansatz

Dass in dem Beziehungsgeflecht Bürger, Stadtwerke und Kommunen auch gänzlich neue Betreibermodelle entstehen können, dokumentiert Hans-Detlef Feddersen. Er ist Geschäftsführer beim Bürgerwindpark Lübke-Koog. Die ostfriesische Region gilt als Paradebeispiel für die Energiewende von unten. Schließlich befinden sich rund 90 Prozent der Windanlagen in Bürgerhand. Geplant sei nun für das kommende Jahr die Gründung einer Bürgernetzgesellschaft. „Die Bürgerbeteiligung beim Netzausbau stellt ein erfolgversprechendes Zukunftsmodell dar“, argumentiert Feddersen. Vorgesehen in der „Arge Netz“ ist ein Investitionsvolumen von rund 200 Millionen Euro. Der Eigenkapitalanteil liege bei 40 Prozent. Im nächsten Schritt stehen die Modalitäten zur Finanzierung an. Dabei sei auch Netzbetreiber Tennet mit an Bord.
Letztlich liegt die Aufgabe der kommunalen Akteure auch darin, gerade bei komplexen Projekten für einen sinnvollen Interessenausgleich unter den Beteiligten zu sorgen. Getreu dem Leitmotiv „Voneinander lernen, voneinander profitieren“. In einen zukunftsweisenden Gestaltungsprozess sollten deshalb möglichst viele Bürger von Anfang an eingebunden sein. Denn die jeweilige Lösung im lokalen Energiemix liege zwar vor Ort bereit: „Aber in den Kommunen fehlt häufig der zuständige Organisator für die Energiewende“, gibt Werner Neumann von der kommunalen Energieagentur der Stadt Frankfurt am Main zu bedenken. Der Experte favorisiert einen eigens bestellten Energiewendeorganisator, der den regionalen Strommarkt aktiv gestalte, und zwar im steten Dialog mit den übrigen Energie-Managern aus der Kommune, den örtlichen Betrieben und den Energieverbrauchern.

Prinzip der aktiven Bürgerbeteiligung

Die Praxis scheint mancherorts schon weiter fortgeschritten. In der Energielandschaft Morbach etwa setzt man bereits seit geraumer Zeit auf das Prinzip der aktiven Bürgerbeteiligung. „Wenn sich die Menschen als Kommanditisten an Bürgerwind- oder Solarprojekten beteiligen, dann bleibt der erwirtschaftete Mehrwert in der Region“, bilanziert Gregor Eibes, Landrat beim zuständigen Landkreis Bernkastel-Wittlich (Rheinland-Pfalz). Der Kommunalpolitiker hebt die Vorteile der kommunalen Energiegesellschaft gegenüber einer reinen Pachtlösung hervor. Durch die gemeinsame Entwicklung und den Betrieb, etwa der besten Windstandorte, ließe sich nicht nur in der gesamten Region das Projektrisiko verringern. Auch attraktive Renditen in der Betreibergesellschaft seien möglich, was aufgrund der niedrigen Kostenstruktur der Betreibergesellschaft auch attraktive Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger eröffne.
Zweifellos werde die Bedeutung der Kommunen bei der Energiewende in Zukunft noch erheblich wachsen, bestätigt auch Hannah Büttner vom Beratungsunternehmen IFOK. Für die Energieexpertin nimmt das Gewicht der lokalen Akteure auch deshalb zu, weil am Prinzip der Dezentralität kein Weg vorbei führe, um den globalen Klimawandel gemeinsam zu bewältigen. Das Besondere an der kommunal organisierten Energiewende formuliert Büttner so: „Im Kleinen wird hier erprobt, was in Deutschland, Europa oder der ganzen Welt gelingen soll.“

Lothar Lochmaier ist Wirtschaftsjournalist in Berlin.




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Politik: Verbände positionieren sich zu aktuellen Gesetzentwürfen

[24.04.2026] Die Gesetzentwürfe zu StromVKG, EEG und Netzpaket stoßen in der Branche auf breite Zustimmung und scharfe Kritik zugleich. Verbände warnen vor Investitionsrisiken und Ausbauhemmnissen, während die Bundesregierung unter Zeitdruck zentrale Weichen stellt. mehr...

Stadtwerke München: Nachbesserungen bei Energiegesetzen

[24.04.2026] Die Stadtwerke München unterstützen die geplanten Reformen beim Erneuerbare-Energien-Gesetz und beim Netzanschlussverfahren grundsätzlich, warnen jedoch vor schwächeren Investitionsanreizen und einem langsameren Ausbau erneuerbarer Energien, vor allem in Städten. mehr...

Baden-Württemberg: 15-Punkte-Plan für künftige Landesregierung

[21.04.2026] Erneuerbaren-Verbände legen einen 15-Punkte-Plan für den Umbau der Energieversorgung in Baden-Württemberg vor. Der Katalog zielt auf schnelleren Ausbau, mehr Versorgungssicherheit und neue Impulse für Industrie und Verkehr – und setzt die künftige Landesregierung unter Handlungsdruck. mehr...

Gas- und Dampfkraftwerk der Stadtwerke Düsseldorf mit moderner Industriearchitektur, großem verglasten Turm und Schornstein auf dem Betriebsgelände bei Tageslicht.

BDEW: Mix bei Kraftwerksstrategie

[17.04.2026] Der BDEW spricht sich für mehrere Technologien zur Absicherung der Stromversorgung aus. Neben Gaskraftwerken nennt der Verband Batteriespeicher und flexible Stromnachfrage. Hintergrund ist die Debatte über das Ausschreibungsdesign der geplanten Kraftwerksstrategie. mehr...

BEE: Fossile Abhängigkeiten verringern

[14.04.2026] Der Bundesverband Erneuerbare Energie begrüßt die geplanten Entlastungen der Bundesregierung angesichts steigender Energiepreise. Zugleich fordert der Verband schnellere Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien. mehr...

BDEW: Mehr Tempo bei Elektrifizierung

[13.04.2026] Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft begrüßt die Ergebnisse des Koalitionsausschusses zum Ausbau erneuerbarer Energien. Zugleich kritisiert der Verband die ausbleibende Senkung der Stromsteuer. mehr...

Umfrage: Mehrheit empfindet Energie-Abhängigkeit als Bedrohung

[10.04.2026] Eine große Mehrheit der Deutschen sieht die Abhängigkeit von Energieimporten als Bedrohung. Eine aktuelle Umfrage zeigt zugleich klaren Rückhalt für mehr erneuerbare Energien und Speicher – und stellt politische Pläne infrage. mehr...

Saarland: Gasspeicher-Strategie gefordert

[02.04.2026] Das Saarland fordert eine nationale Strategie für Gasspeicher, um sinkenden Füllständen und Marktunsicherheiten zu begegnen. Angesichts geopolitischer Spannungen und steigender Preisrisiken wächst der Druck auf den Bund, rechtzeitig vor der nächsten Heizperiode zu handeln. mehr...

Bundesverband Erneuerbare Energie: Branche legt Maßnahmenpaket vor

[31.03.2026] Die Erneuerbaren-Branche legt ein eigenes Maßnahmenpaket für ein kostengünstiges und resilientes Energiesystem vor. Es reagiert auf umstrittene Gesetzesvorschläge aus dem Bundeswirtschaftsministerium und zielt auf mehr Investitionssicherheit und geringere Systemkosten. mehr...

Deutscher Städte- und Gemeindebund: Umsetzung der Wärmewende in Gefahr

[30.03.2026] Deutschlands Kommunen warnen vor einem finanziellen Kollaps, der Investitionen in die Wärmewende ausbremst. Ohne grundlegende Reformen und verlässliche Förderstrukturen drohen Planung und Umsetzung vor Ort ins Stocken zu geraten. mehr...

Gaspaket: Lob und Kritik von Branchenverbänden

[26.03.2026] Drei Branchenverbände bewerten den Gesetzentwurf zum Gas- und Wasserstoffbinnenmarkt grundlegend unterschiedlich. Ihre Stellungnahmen zeigen, wo es beim Umbau der Gasnetze zu Biomethan und Wasserstoff noch hakt und welche Nachbesserungen sie fordern. mehr...

Klimaschutzprogramm: Stellungnahmen von VKU, BSW-Solar und BDEW

[26.03.2026] VKU, BSW-Solar und BDEW haben das neue Klimaschutzprogramm der Bundesregierung bewertet und fordern Nachbesserungen. Die Verbände sehen Fortschritte, warnen aber vor Umsetzungsdefiziten und widersprüchlichen Signalen für zentrale Sektoren der Energiewende. mehr...

Naturstrom: Umfrage zur Energiepolitik veröffentlicht

[18.03.2026] Eine große Mehrheit der Bevölkerung bewertet die Energiepolitik der Bundesregierung negativ und lehnt zentrale Reformpläne ab. Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage zeigen wachsende Skepsis gegenüber Solar- und Heizungsentscheidungen – mit möglichen Folgen für Investitionen und Akzeptanz der Energiewende. mehr...

Hauptverwaltung des Energieversorgers Badenova in Freiburg mit moderner Glasfassade, Eingangsbereich und Skulptur vor dem Gebäude.

Badenova: Forderungskatalog nach Landtagswahl

[13.03.2026] Nach der Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg fordert der Energieversorger Badenova ein schnelleres Vorgehen bei der Energie- und Wärmewende. Das kommunale Unternehmen hat dazu ein Papier mit zwölf Punkten vorgelegt. Darin geht es unter anderem um Finanzierung, Genehmigungen, Wärmenetze und den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft. mehr...

KRITIS-Gipfel: Forderung nach stärkerer Resilienz

[11.03.2026] Energieverbände fordern eine stärkere Ausrichtung auf Resilienz und Schutz Kritischer Infrastrukturen in Deutschland. Anlass war der erste KRITIS-Gipfel, der gestern in Berlin stattfand. Dort berieten Vertreter der Branche, der Politik und der Bundeswehr über neue Bedrohungslagen und konkrete Schutzmaßnahmen. mehr...