Mittwoch, 8. Juli 2026

GenossenschaftenDie Energie im Dorf lassen

[03.04.2013] In Deutschland sind heute rund 80.000 Bürger in Energiegenossenschaften aktiv. Welche Bedeutung kann das genossenschaftliche Beteiligungsmodell für die kommunale Energieversorgung gewinnen? Einige Beispiele zeigen die Perspektiven.
Energiegenossen: Gemeinde Großbardorf ist Bioenergiedorf 2012.

Energiegenossen: Gemeinde Großbardorf ist Bioenergiedorf 2012.

(Bildquelle: FNR/Jan Zappner)

So sieht die kommunale Energieversorgung der Zukunft aus: Die Energie des Dorfes dem Dorfe. Zumindest in der unterfränkischen Gemeinde Großbardorf funktioniert dieses Prinzip, das Leitmotiv der Genossenschaft Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen Energie, bereits seit mehreren Jahren erfolgreich. Zahlreiche, überwiegend von den Bürgern finanzierte Biogas- und Photovoltaikanlagen sind dort entstanden. Außerdem wurde das Nahwärmenetz mit einem Budget von drei Millionen Euro ausgebaut. Der Lohn: In diesem Jahr hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die Gemeinde als eines der drei Bioenergiedörfer 2012 in Deutschland ausgezeichnet.

Genossenschaft als Modell

Deutschlandweit sind immerhin 80.000 Bürger in Energiegenossenschaften aktiv. Der Vorteil für Kommunen: „Anders als zum Beispiel Fonds fördern Genossenschaften die regionale Wertschöpfung, indem etwa ortsansässige Handwerksbetriebe oder Banken eingebunden werden“, erläutert Eckhard Ott, Vorstandsvorsitzender beim Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV). Er sieht das Genossenschaftsmodell als die insolvenzsicherste Rechtsform in Deutschland an. Die reine Energiegenossenschaft mit dem Ziel, Strom, Wärme oder beides zu produzieren, stellt dabei meist einen überschaubaren Zusammenschluss von Bürgern, Stadtwerken, Kommunen und privaten Unternehmen dar. Was die Finanzierungsseite angeht, so gibt es unterschiedliche Modelle wie Schuldverschreibungen, Genussrechte, partiarisches Darlehen oder die stille Beteiligung. „Energiegenossenschaften sind einfach zu gründen und ermöglichen eine gleichberechtigte Bürgerbeteiligung“, so Ott weiter.
Mehr Zusammenarbeit durch überregionale Kooperationsmodelle steht andernorts auf der Agenda. Als wegweisendes Beispiel kann das Vorhaben „19 Kommunen – ein Ziel!“ dienen. In einer ansonsten relativ strukturschwachen bayerischen Region in der Oberpfalz arbeiten in der Genossenschaft Neue Energie West immerhin 17 Kommunen und zwei Stadtwerke Hand in Hand. Bislang sind via Bürgerbeteiligung seit 2009 über 45 Millionen Euro in die lokale Energiewende geflossen. „Die interkommunale Energiegenossenschaft ermöglicht dabei ein sach- und zielorientiertes Arbeiten“, bekräftigt Helmut Amschler, Vorstand der Stadtwerke Grafenwöhr. Die Finanzierung einzelner Bürgervorhaben im Bereich der regenerativen Energien erfolge außerhalb der regulären kommunalen Haushalte, um so mehr Spielraum zu gewinnen.
Der Anteil der erneuerbaren Energien habe, so führt der Experte der Stadtwerke Grafenwöhr weiter aus, bereits die 50-Prozent-Marke erreicht, wobei die Photovoltaik in der Region am stärksten wachse. Mehr noch: Die Verantwortlichen des interkommunalen Gestaltungsansatzes loten nicht nur den gemeinsamen Strombezug zwischen den Stadtwerken, der Kommune und den Energiegenossenschaften aus. Darüber hinaus beabsichtige man auch die Rückübertragung der örtlichen Stromverteilnetze.

Dezentraler Ansatz

Dass in dem Beziehungsgeflecht Bürger, Stadtwerke und Kommunen auch gänzlich neue Betreibermodelle entstehen können, dokumentiert Hans-Detlef Feddersen. Er ist Geschäftsführer beim Bürgerwindpark Lübke-Koog. Die ostfriesische Region gilt als Paradebeispiel für die Energiewende von unten. Schließlich befinden sich rund 90 Prozent der Windanlagen in Bürgerhand. Geplant sei nun für das kommende Jahr die Gründung einer Bürgernetzgesellschaft. „Die Bürgerbeteiligung beim Netzausbau stellt ein erfolgversprechendes Zukunftsmodell dar“, argumentiert Feddersen. Vorgesehen in der „Arge Netz“ ist ein Investitionsvolumen von rund 200 Millionen Euro. Der Eigenkapitalanteil liege bei 40 Prozent. Im nächsten Schritt stehen die Modalitäten zur Finanzierung an. Dabei sei auch Netzbetreiber Tennet mit an Bord.
Letztlich liegt die Aufgabe der kommunalen Akteure auch darin, gerade bei komplexen Projekten für einen sinnvollen Interessenausgleich unter den Beteiligten zu sorgen. Getreu dem Leitmotiv „Voneinander lernen, voneinander profitieren“. In einen zukunftsweisenden Gestaltungsprozess sollten deshalb möglichst viele Bürger von Anfang an eingebunden sein. Denn die jeweilige Lösung im lokalen Energiemix liege zwar vor Ort bereit: „Aber in den Kommunen fehlt häufig der zuständige Organisator für die Energiewende“, gibt Werner Neumann von der kommunalen Energieagentur der Stadt Frankfurt am Main zu bedenken. Der Experte favorisiert einen eigens bestellten Energiewendeorganisator, der den regionalen Strommarkt aktiv gestalte, und zwar im steten Dialog mit den übrigen Energie-Managern aus der Kommune, den örtlichen Betrieben und den Energieverbrauchern.

Prinzip der aktiven Bürgerbeteiligung

Die Praxis scheint mancherorts schon weiter fortgeschritten. In der Energielandschaft Morbach etwa setzt man bereits seit geraumer Zeit auf das Prinzip der aktiven Bürgerbeteiligung. „Wenn sich die Menschen als Kommanditisten an Bürgerwind- oder Solarprojekten beteiligen, dann bleibt der erwirtschaftete Mehrwert in der Region“, bilanziert Gregor Eibes, Landrat beim zuständigen Landkreis Bernkastel-Wittlich (Rheinland-Pfalz). Der Kommunalpolitiker hebt die Vorteile der kommunalen Energiegesellschaft gegenüber einer reinen Pachtlösung hervor. Durch die gemeinsame Entwicklung und den Betrieb, etwa der besten Windstandorte, ließe sich nicht nur in der gesamten Region das Projektrisiko verringern. Auch attraktive Renditen in der Betreibergesellschaft seien möglich, was aufgrund der niedrigen Kostenstruktur der Betreibergesellschaft auch attraktive Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger eröffne.
Zweifellos werde die Bedeutung der Kommunen bei der Energiewende in Zukunft noch erheblich wachsen, bestätigt auch Hannah Büttner vom Beratungsunternehmen IFOK. Für die Energieexpertin nimmt das Gewicht der lokalen Akteure auch deshalb zu, weil am Prinzip der Dezentralität kein Weg vorbei führe, um den globalen Klimawandel gemeinsam zu bewältigen. Das Besondere an der kommunal organisierten Energiewende formuliert Büttner so: „Im Kleinen wird hier erprobt, was in Deutschland, Europa oder der ganzen Welt gelingen soll.“

Lothar Lochmaier ist Wirtschaftsjournalist in Berlin.




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Naturstrom: Weniger Negativpreise

[07.07.2026] An der Strombörse gab es im ersten Halbjahr 2026 deutlich weniger Stunden mit negativen Preisen als im Vorjahr. Eine Analyse zeigt, warum die Preise trotz der globalen Energiekrise insgesamt stabil blieben und welche Rolle erneuerbare Energien und Flexibilität dabei spielen. mehr...

Ein großer Mobilkran richtet auf einer Freifläche am Waldrand einen Gittermast einer Hochspannungsfreileitung auf. Mehrere Monteure begleiten die Montage, während weitere Mastsegmente am Boden bereitliegen. Über der Baustelle erstreckt sich ein blauer Himmel mit großen weißen Wolken.

TenneT: Bund steigt ein

[06.07.2026] Der Bund hat seine Beteiligung am Stromübertragungsnetzbetreiber TenneT Germany abgeschlossen. Über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hält der Staat nun 25,1 Prozent der Anteile. Nach Angaben der Bundesregierung soll damit der Ausbau des Stromübertragungsnetzes unterstützt werden. mehr...

Großer Solarpark mit langen Reihen von Photovoltaikmodulen vor mehreren Windenergieanlagen. Die Anlage erstreckt sich über eine offene Landschaft unter einem wolkigen Himmel und veranschaulicht die kombinierte Nutzung von Solar- und Windenergie zur Stromerzeugung.

BDEW/ZSW: BDEW/ZSW

[02.07.2026] Erneuerbare Energien haben im ersten Halbjahr 2026 einen Rekordanteil an der Stromversorgung in Deutschland erreicht. Vorläufigen Berechnungen von ZSW und BDEW zufolge stammten 58 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen. mehr...

Gedämmte Fernwärmeleitungen verlaufen in mehreren Bögen über das Außengelände einer Energieanlage. Die groß dimensionierten silberfarbenen Rohre führen entlang eines modernen Technikgebäudes und veranschaulichen die Infrastruktur eines Wärmenetzes.

Städtetag / VKU: Verlässliche Regeln für die Wärmeplanung

[01.07.2026] Zum Stichtag für die Veröffentlichung kommunaler Wärmepläne fordern der Deutsche Städtetag und der Verband kommunaler Unternehmen ein umfassendes Wärmepaket der Bundesregierung. Nach Angaben beider Verbände sorgen geplante Änderungen am Gebäudemodernisierungsgesetz für Unsicherheit bei Kommunen und Stadtwerken. mehr...

Energieeffizienzgesetz: Stellungnahmen zur Gesetzesnovelle

[26.06.2026] Die Bundesregierung hat die Novelle des Energieeffizienzgesetzes beschlossen und mehrere Vorgaben für Unternehmen und Rechenzentren angepasst. Verbände aus Digitalwirtschaft und Energiewirtschaft begrüßen den Abbau von Bürokratie, sehen aber weiterhin Nachbesserungsbedarf bei einzelnen Regelungen. mehr...

Netzausbau: Bündnis fordert Freileitungsvorrang

[17.06.2026] Ein Bündnis aus Netzbetreibern, Verbänden und Wirtschaftsorganisationen fordert einen konsequenten Freileitungsvorrang beim Ausbau neuer Gleichstromtrassen. Die Akteure warnen, dass Ausnahmen im Bundesbedarfsplangesetz den Netzausbau verteuern und verzögern könnten. mehr...

Hessen: Finanzielle Beteiligung soll Pflicht werden

[15.06.2026] Hessen will Kommunen künftig verpflichtend an den Erträgen von Wind- und Solaranlagen beteiligen. Das neue Gesetz soll die Akzeptanz der Energiewende vor Ort erhöhen und den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen. mehr...

BDEW Kongress 2026: Branche fordert Planungssicherheit

[11.06.2026] Die Energiebranche fordert von der Bundesregierung zügige Entscheidungen bei zentralen energiepolitischen Vorhaben. Beim BDEW Kongress 2026 warnten Verbandsvertreter vor Verzögerungen bei wichtigen Gesetzen und forderten mehr Planungssicherheit für Investitionen. mehr...

Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), spricht auf der Bühne des BDEW-Kongresses 2026 an einem Rednerpult. Hinter ihr ist das Kongresslogo auf einer großflächigen, violett beleuchteten Bühnenwand zu sehen. Im Vordergrund stehen die roten Buchstaben des BDEW-Logos. Die Aufnahme zeigt ihren Auftritt während der Eröffnung der Fachveranstaltung.

BDEW Kongress 2026: Verband drängt auf schnelle Beschlüsse

[11.06.2026] Der BDEW fordert von der Bundesregierung ein abgestimmtes Energiepaket für 2026. Nach Ansicht des Verbands müssen mehrere zentrale Gesetzesvorhaben zügig beschlossen werden, um Investitionen in die Energieinfrastruktur abzusichern. mehr...

Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche spricht auf dem BDEW-Kongress 2026 an einem Rednerpult vor einem großen Publikum. Hinter ihr zeigt eine überdimensionale Leinwand eine Nahaufnahme der Ministerin während ihrer Rede. Der Bühnenhintergrund ist in violetten und magentafarbenen Tönen gestaltet und trägt das Logo „BDEW Kongress 2026“.

BDEW Kongress 2026: Reiche wirbt für Energiekonsens

[11.06.2026] Auf dem BDEW Kongress setzte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche ein Zeichen. Um Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit gleichermaßen zu gewährleisten, sei ein Energiekonsens zwischen Politik, Energiewirtschaft und Gesellschaft notwendig. Die Energiewende könne nur gelingen, wenn politische Ziele und energiewirtschaftliche Realität zusammengeführt würden. mehr...

Nordrhein-Westfalen: Bürgerenergiegesetz überarbeitet

[11.06.2026] Nordrhein-Westfalen hat das Bürgerenergiegesetz für Windenergieprojekte überarbeitet und das Beteiligungsverfahren vereinfacht. Kommunen erhalten in bestimmten Fällen mehr Geld, während neue Regeln die Umsetzung von Projekten erleichtern. mehr...

Mehrere Photovoltaikmodule sind auf dem geneigten Ziegeldach eines Wohnhauses installiert. Die Solaranlage wird von Sonnenlicht angestrahlt, während im Hintergrund unscharf Bäume und ein blauer Himmel zu sehen sind. Das Bild symbolisiert die dezentrale Erzeugung von Solarstrom und die Nutzung erneuerbarer Energien im privaten Haushalt.
bericht

Energy Sharing: Solarstrom teilen

[03.06.2026] Seit diesem Monat können die Bürger selbst erzeugten Solarstrom untereinander teilen. Das sogenannte Energy Sharing soll für beide Seiten Vorteile bringen. Doch es gibt noch Hürden für die Stromgemeinschaften. mehr...

Titelbild des „Fortschrittsmonitors 2026 Energiewende“ von EY und dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Zu sehen ist eine Person mit Schutzhelm und Sicherheitsgeschirr, die auf dem Maschinenhaus einer Windenergieanlage sitzt und über eine hügelige Landschaft mit zahlreichen Windrädern blickt. Links im Bild steht der Schriftzug „Fortschrittsmonitor 2026 Energiewende“ in einem farbigen Rahmen. Unten rechts sind die Logos von EY und BDEW platziert. Die Szene vermittelt den Ausbau erneuerbarer Energien und die Energiewende in Deutschland.

BDEW/EY: Fortschritte bei der Energiewende

[02.06.2026] Der Ausbau erneuerbarer Energien und die Elektrifizierung sind in Deutschland 2025 weiter vorangekommen. Das geht aus dem aktuellen Fortschrittsmonitor Energiewende von BDEW und EY hervor. Gleichzeitig sehen die Herausgeber erheblichen Handlungsbedarf, um die Klimaziele bis 2030 zu erreichen. mehr...

EEG-Novelle: Bayern und Baden-Württemberg fordern Änderungen

[02.06.2026] Baden-Württemberg und Bayern fordern im Bundesrat Änderungen an der geplanten EEG-Novelle, um den Ausbau der Windenergie an Land zu beschleunigen. Die Länder wollen mehr Ausschreibungsvolumen und bessere Bedingungen für Projekte im Süden, um Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit zu stärken. mehr...

Energieministerkonferenz: Geschlossenes Signal für die Energiewende

[27.05.2026] Die Energieministerkonferenz auf Norderney hat sich geschlossen für den weiteren Ausbau der Energiewende ausgesprochen und zugleich neue Maßnahmen für Versorgungssicherheit, Netzausbau und Kraftwerksplanung beschlossen. mehr...