Donnerstag, 13. August 2026

Fraunhofer IEGEU-Projekt entwickelt neue Bohrtechnik

[13.08.2026] Das EU-Projekt UPLIFT entwickelt mit der MTD-Technologie eine Bohrtechnik, die bestehende Geothermiebohrungen durch seitliche Mikro-Bohrungen erweitern soll. Das Verfahren wird in einer drei Kilometer tiefen Bohrung in Tschechien getestet und soll höhere Wärmeleistungen bei geringerem Erschließungsrisiko ermöglichen.

Bisherige Funktionsweise MTD-Verfahrens.

(Bildquelle: Fraunhofer IEG)

Das EU-Forschungsprojekt UPLIFT entwickelt eine Bohrtechnik, mit der sich bestehende Geothermiebohrungen durch seitliche Mikro-Bohrungen erweitern lassen. Wie die Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG  berichtet, soll die Technologie dazu beitragen, mehr warmes Wasser aus bestehenden Bohrungen zu fördern und zugleich die Risiken bei der Erschließung neuer Geothermieprojekte zu senken.

Im Mittelpunkt steht die vom Fraunhofer IEG entwickelte Micro Turbine Drilling-Technologie (MTD). Sie erzeugt aus einem bestehenden Bohrloch gezielt kleine Seitenbohrungen. Diese sogenannten Micro-Sidetracks erschließen zusätzliche Bereiche des Untergrunds und vergrößern die Kontaktfläche zwischen Bohrloch und wasserführendem Gestein. Dadurch kann mehr warmes Wasser gefördert werden. Zugleich verbessert sich die Durchlässigkeit für die Förderung und Injektion von Flüssigkeiten.

Vorteile des Verfahrens

Das Verfahren soll vor allem dort Vorteile bieten, wo bestehende Geothermiebohrungen nicht die erwartete Leistung erreichen. Häufig begrenzen zu geringe Fördermengen aus dem tiefen Untergrund die Wärmeausbeute. Mit den zusätzlichen Seitenästen wollen die Forschenden weitere wasserführende Bereiche erreichen, ohne eine vollständig neue Tiefbohrung niederzubringen. Projektentwickler und Betreiber könnten damit vorhandene Bohrungen und Investitionen besser nutzen.

Die MTD-Technologie arbeitet mit einer weniger als fünf Zentimeter langen und knapp vier Zentimeter breiten Mikro-Bohrturbine. Wasserdruck treibt die Turbine über einen flexiblen Schlauch an. Ein Ablenkschuh führt sie in der gewünschten Tiefe seitlich aus dem bestehenden Bohrloch. Der diamantbestückte Bohrkopf zerkleinert das Gestein bei hoher Drehzahl. Wasser spült das Bohrklein aus dem Bohrloch. Je nach Gestein erreicht das Verfahren einen Vortrieb von etwa drei Metern pro Stunde.

Kameras und akustische Sensoren überwachen den Bohrprozess. Auch die Analyse des Rückflusses liefert Informationen über den Bohrvorgang. So lässt sich die Position der Mikro-Bohrung auch in engen Bohrlöchern kontrollieren. Im Vergleich zu einer konventionellen Perforation können die Seitenbohrungen fünf- bis zehnmal tiefer in die Gesteinsformation reichen. Das Verfahren soll dabei schädigende Effekte im Gestein vermeiden.

Verzicht auf klassische Bohranlage

Ein weiterer Vorteil ist der Verzicht auf eine klassische Bohranlage. Das als rigless bezeichnete Verfahren eignet sich deshalb besonders für bestehende oder reaktivierte Bohrungen. Die Technologie kann nach Angaben der Fraunhofer IEG in unterschiedlichen Gesteinen eingesetzt werden. Dazu zählen kristalline Hartgesteine wie Granit und Basalt ebenso wie Sandstein, Tonstein, Kalkstein und Evaporite wie Halit.

Im Rahmen von UPLIFT entwickelt das Fraunhofer IEG einen auf die Anforderungen der Geothermie zugeschnittenen Prototypen. Diesen wollen die Projektpartner unter realen Bedingungen in einer drei Kilometer tiefen Bohrung des tschechischen Forschungszentrums RINGEN in Litoměřice testen. Der Prototyp soll die bestehende Bohrung um zusätzliche Abzweige erweitern. Die Forschenden untersuchen anschließend, wie stark sich dadurch die Leistungsfähigkeit des geothermischen Systems erhöht.

UPLIFT steht für Unlocking Petrothermal Lithologies through Innovative Fracture Technologies. Das Projekt läuft von Mai 2026 bis April 2030. Die Europäische Union fördert es im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon Europe mit rund 10,9 Millionen Euro. Das Gesamtbudget liegt bei rund 12,2 Millionen Euro. Koordiniert wird das Vorhaben vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung. Zum Konsortium gehören unter anderem die Fraunhofer IEG, die Charles University in Tschechien, Geo-Energie Suisse, Solexperts, das Fraunhofer-Chalmers Centre for Industrial Mathematics, die ETH Zürich und die European Federation of Geologists.

Bessere Ressourcen-Nutzung

Neben der Bohrtechnik untersucht UPLIFT weitere Ansätze für eine bessere Nutzung geothermischer Ressourcen. Dazu gehören Laborversuche im schweizerischen BedrettoLab, digitale Modelle und ein Echtzeit-Überwachungssystem für Geothermie-Anlagen. Die Projektpartner wollen damit Kosten, technische Risiken und Entwicklungszeiten senken. Langfristig soll die tiefe Geothermie dadurch zuverlässiger und wirtschaftlicher werden und einen größeren Beitrag zur klimaneutralen Wärmeversorgung von Städten und Industrie leisten.

Niklas Geißler, Gruppenleiter Mikro-Bohrtechnologie an der Fraunhofer IEG, sieht vor allem bei bestehenden Bohrungen Potenzial: „Viele Geothermie-Projekte bleiben heute hinter den erwarteten Wärmeleistungen zurück, weil die Fördermengen an Tiefenwasser zu klein sind.“ Die MTD-Technologie könne hier neue Möglichkeiten schaffen, bestehende Bohrungen gezielt zu erweitern und damit die Erfolgschancen von Projekten zu erhöhen.





Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Geothermie

Hamburg: Tiefengeothermie-Projekt steht kurz vor Inbetriebnahme

[10.08.2026] Hamburgs erstes Tiefengeothermie-Projekt steht vor der Inbetriebnahme. Noch 2026 soll Erdwärme aus mehr als 1.300 Metern Tiefe in das Fernwärmenetz von Wilhelmsburg eingespeist werden. mehr...

Badenova: Vorbereitung von Tiefbohrungen

[10.08.2026] Das Geothermieprojekt Erdwärme Breisgau hat die bergrechtliche Genehmigung für die nächste Projektphase erhalten. Badenova und Herrenknecht bereiten nun die Bohrungen vor und investieren gemeinsam in die Erschließung eines Tiefengeothermie-Reservoirs. mehr...

Rheinisches Revier: Vorbereitung zu seismischen Messungen

[27.07.2026] Fraunhofer IEG bereitet seismische Messungen zur Erkundung des geothermischen Potenzials im Rheinischen Revier vor. Die Untersuchungen sollen die Datengrundlage für kommunale Wärmeplanung und künftige Geothermieprojekte verbessern. mehr...

EWP Potsdam: Bohrstart für Tiefengeothermie

[17.07.2026] Die Energie und Wasser Potsdam hat am Heizkraftwerk Süd die Bohrungen zur Erschließung von Tiefengeothermie begonnen. Mit dem Projekt soll eine weitere erneuerbare Wärmequelle für die Fernwärmeversorgung der Landeshauptstadt erschlossen werden. mehr...

München: Große Seismik-Kampagne

[14.07.2026] Im Großraum München beginnt Ende August eine groß angelegte seismische Messkampagne zur Erkundung von Geothermiepotenzialen. Nach Angaben des Forschungsprojekts GIGA-M soll dabei erstmals ein durchgängiges dreidimensionales Modell des tiefen Untergrunds entstehen. mehr...

Ruhrgebiet: Größtes Geothermie-Erlaubnisfeld

[25.06.2026] Im Ruhrgebiet entsteht das bislang größte Geothermie-Untersuchungsfeld in Deutschland. Für das Projekt „Erdwärme Metropole Ruhr“ wurde nun die entsprechende Erlaubnis erteilt. mehr...

Potsdam: Verlängerung von Projekt zur Tiefengeothermie

[24.06.2026] EWP und das GFZ erschließen in Potsdam gemeinsam weitere Standorte für die Tiefengeothermie. Die vierjährige Kooperation soll den Umbau der Wärmeversorgung beschleunigen und den Weg für den Ersatz des bestehenden Heizkraftwerks ebnen. mehr...

Münster: Forschungsbohrung für 2027 geplant

[22.06.2026] In Münster soll 2027 eine Forschungsbohrung prüfen, ob sich heißes Thermalwasser in mehr als einem Kilometer Tiefe nutzen lässt. Das Projekt könnte die Grundlage für eine klimafreundliche Wärmeversorgung legen und wichtige Entscheidungen für die Wärmewende in der Region beeinflussen. mehr...

Schematische Darstellung einer Anlage zur tiefen Geothermie. Die Grafik zeigt einen Querschnitt durch den Untergrund mit mehreren Gesteinsschichten. Zwei Bohrungen reichen bis in rund 3.500 Meter Tiefe zu einer etwa 150 Grad Celsius heißen wasserführenden Schicht. Heißes Wasser wird über eine Förderbohrung an die Oberfläche geleitet, zur Erzeugung von Fernwärme und Elektrizität genutzt und anschließend über eine zweite Bohrung wieder in den Untergrund zurückgeführt. An der Oberfläche sind Gebäude, Felder, Stromleitungen und technische Anlagen dargestellt. Die Beschriftungen „Fernwärme“ und „Elektrizität“ verdeutlichen die Nutzung der geothermischen Energie.

Baden-Württemberg: Landesregierung setzt auf Geothermie

[12.06.2026] Die neue Landesregierung in Baden-Württemberg will den Ausbau der tiefen Geothermie vorantreiben. Nach Angaben der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg sollen Hemmnisse für die Technologie abgebaut werden. Derzeit befinden sich 17 Anlagen im Land in Planung, eine weitere wird gebaut. mehr...

Stadtwerke Husum: Tiefengeothermie für Wärmeversorgung

[02.06.2026] Die Stadtwerke Husum lassen die Möglichkeiten für eine Nutzung von Tiefengeothermie untersuchen. Eine Machbarkeitsstudie soll klären, ob und wo Bohrungen möglich sind und unter welchen Voraussetzungen sich das Vorhaben umsetzen lässt. mehr...

München: Geothermie-Messungen im Projekt GIGA-M

[01.06.2026] Mit einer Seismik-Kampagne sollen im Großraum München bislang ungenutzte Erdwärme-Potenziale untersucht werden. Mehrere Stadtwerke und kommunale Unternehmen haben sich dazu im Forschungsprojekt GIGA-M zusammengeschlossen. mehr...

Mehrere weiße Vibro-Trucks stehen auf einer Straße am Rand eines Feldes. Die Spezialfahrzeuge werden für seismische Messungen zur Untersuchung des Untergrunds eingesetzt. Der Himmel ist bewölkt.

Nürnberg: N-ERGIE plant Erdwärmeprojekt

[27.05.2026] N-ERGIE will in der zweiten Jahreshälfte 2026 den Untergrund in und um Nürnberg mit 2D-Seismik-Messungen untersuchen. Die Daten sollen helfen, das Potenzial von Erdwärme in der Region Nürnberg genauer zu bewerten. mehr...

Neuhofen: Informationsveranstaltung zu Tiefengeothermie-Projekt

[22.05.2026] Das Tiefengeothermie-Projekt „Rhein-Pfalz“ hat seine erste Bürgerinformationsveranstaltung in Neuhofen genutzt, um Technik, Bohrungen und Wärmenetzpläne vorzustellen. Das große Interesse der Besucher zeigt, wie stark die regionale Wärmewende und die Aussicht auf langfristig stabile Wärmepreise die Menschen vor Ort beschäftigen. mehr...

Oberschwaben: LGRB startet seismische Messkampagne im Herbst

[20.05.2026] In Oberschwaben beginnt im Oktober 2026 eine groß angelegte 2D-Seismik zur Erkundung tiefer geothermischer Potenziale. Die Messkampagne soll Kommunen und Energieversorgern belastbare Daten für klimaneutrale Wärmeprojekte liefern und gilt als wichtiger Baustein der Wärmewende in Baden-Württemberg. mehr...