Samstag, 4. April 2026

WärmeplanungSonne auf großer Fläche nutzen

[20.10.2020] Wärmenetze mit erneuerbaren Energien bieten vielversprechende Möglichkeiten, um die Wärmewende vor Ort voranzubringen. Immer häufiger werden auch große Solarthermie-Freiflächenanlagen eingebunden.
14.800 Quadratmeter Fläche: das Kollektorfeld Ludwigsburg-Kornwestheim.

14.800 Quadratmeter Fläche: das Kollektorfeld Ludwigsburg-Kornwestheim.

(Bildquelle: Solites)

Die Wärmewende im Gebäudesektor stellt für Kommunen eine der größten Herausforderungen dar: In Deutschland entfällt über die Hälfte des Endenergieverbrauchs auf die Bereitstellung von Wärme und rund zwei Drittel davon auf den Gebäudesektor. Der Anteil erneuerbarer Energien im Wärmebereich betrug 2019 lediglich rund 14,5 Prozent. Studien zeigen, dass dieser Anteil verfünffacht werden muss. Erneuerbare können etwa bei Heizanlagen in den Gebäuden oder Wärmeversorgungsstrukturen zum Einsatz kommen. Wärmenetze stellen hierbei eine strategische Option für die Wärmewende im Gebäudebereich dar. Sie ermöglichen es, erneuerbare Energien, Effizienztechnologien und Sektorenkopplung nutzbringend, kostengünstig und zukunftsfähig in lokale Wärmeversorgungssysteme zu integrieren. Aus organisatorischer Sicht ermöglichen Wärmenetze ein schnelles Vorankommen. Das sieht man beispielsweise bei Gemeinden, die aktuell von dezentralen Gebäudeheizungen auf ein Wärmenetz auf Basis erneuerbarer Energien umstellen. In wenigen Jahren erreichen sie so eine fast vollständige Wärmewende bis hin zu einer komplett klimaneutralen Wärmeversorgung.

Hohe Investitionen

Wärmenetze erfordern jedoch hohe und langfristige Investitionen. Die Voraussetzung dafür schafft eine kommunale Wärmeplanung, wie sie beispielsweise Baden-Württemberg künftig für Stadtkreise und große Kreisstädte einführt. Dazu werden bestehende Wärmebedarfe und Versorgungsstrukturen untersucht und alle Energieträger erfasst, die künftig eine klimaneutrale, möglichst auf lokalen Ressourcen basierende Wärmeversorgung ermöglichen sollen.
Die Nutzbarkeit erneuerbarer Energiequellen hängt oft von der lokalen Verfügbarkeit ab. Zu nennen sind hier Energieholz, Biogas, Solarthermie und Geothermie. Eine wichtige Rolle spielen auch die Nutzung von Abwärme, zum Beispiel aus Industrieprozessen, sowie von überschüssigem erneuerbarem Strom, der über Wärmepumpen und Elektrokessel in Wärme umgewandelt werden kann. Immer mehr Versorger entdecken solarthermische Großanlagen als einen heute kostengünstigen und risikoarmen Wärmeerzeuger für ihre Nah- und Fernwärmesysteme. Bei diesen Anlagen werden die erforderlichen großen Kollektorfelder meist auf Freiflächen installiert. Zum Einsatz kommen dabei großflächige Flach- oder Vakuumröhrenkollektoren, die speziell für die Verwendung in Wärmenetzen mit Temperaturen bis 100 Grad Celsius entwickelt wurden. Kombiniert mit beispielsweise Biomasseheizwerken bedient die Solarthermie typischerweise den kompletten sommerlichen Wärmenetzbetrieb und insgesamt rund 20 Prozent der erforderlichen Jahreserzeugung. Mit großen saisonalen Wärmespeichern können auch höhere Anteile an Solarwärme erreicht werden. Ab einer Größe von rund 3.000 Quadratmetern Kollektorfläche, beziehungsweise zwei Megawatt Leistung, werden mit Regelförderung konkurrenzfähige Gestehungskosten von circa 40 Euro pro Megawattstunde erzielt. Die Preisstabilität und Unabhängigkeit von Energiepreissteigerungen ist attraktiv für die Wärmeversorger.

Geeignete Flächen finden

Als zentrales Problem bei der konkreten Projektentwicklung erweist sich das Finden geeigneter ortsnaher Flächen. Ein Vorteil der Solarthermie ist, dass sie nahezu unabhängig vom Standort nutzbar ist und keine Beschränkungen bezüglich ihrer Verfügbarkeit bestehen. Außerdem nimmt sie in puncto Flächeneffizienz mit Abstand eine Spitzenposition unter den Erneuerbaren ein. Je Hektar Landfläche können pro Jahr circa 2.000 Megawattstunden Wärme geerntet werden. Dennoch herrscht insbesondere in urbanen Räumen große Konkurrenz, was die Flächennutzung durch Wohnungsbau, Gewerbeansiedlung und Landwirtschaft angeht. Flächen im Außenbereich unterliegen oftmals dem Landschafts- und Naturschutz. Die Montage der Kollektoren auf Dachflächen stellt ökonomisch nur bedingt eine Alternative dar, da die Kosten für die Installation auf Dächern deutlich höher sind als die für große Freiflächenanlagen. Aktuelle Projekte zeigen jedoch, dass selbst in Ballungsräumen ein Interessenausgleich zugunsten von Solarenergie und Klimaschutz möglich ist. Voraussetzung ist eine konstruktive Zusammenarbeit der zuständigen Behörden (Bau, Naturschutz, Landwirtschaft), eine frühzeitige Einbindung der Interessengruppen, eine Abwägung der Nutzungskonkurrenzen sowie die Entwicklung möglicher Synergien mit dem Naturschutz.

Kehrtwende für Großanlagen

In Deutschland sind heute rund 40 in Wärmenetze eingebundene solarthermische Großanlagen in Betrieb. Über die Hälfte davon wurden seit den 1990er-Jahren in Forschungsprogrammen des Bundes realisiert. Mitte der 2010er-Jahre gab es eine Kehrtwende: Die Anlagen werden heute von Wärmeversorgern vornehmlich aus betriebswirtschaftlichen Gründen und als Maßnahme für den lokalen Klimaschutz realisiert. Der derzeitige Zuwachs findet im Wesentlichen in zwei Bereichen statt: städtische Bestands-Fernwärmenetze in Ballungsräumen und kleinere, meist neue Wärmenetze im ländlichen Raum. Allein im vergangenen Jahr entstanden in Ludwigsburg, Potsdam, Halle, Bernburg, Ettenheim und Erfurt deutschlandweit sechs große Solarthermieprojekte im Bereich städtischer Fernwärme. Das Kollektorfeld der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim ist mit 14.800 Quadratmetern vorerst die größte Solarwärmeanlage in Deutschland. Seit diesem Frühjahr unterstützt sie ein Biomasse-Heizkraftwerk und ersetzt gasbetriebene Blockheizkraftwerke.

Solarthermie und Bioenergie

Allein durch diese Solarwärmeprojekte wuchs die Nennleistung solcher Anlagen in Deutschland zum Jahreswechsel um mehr als die Hälfte auf rund 70 Megawatt an. Ein ebenfalls stetiger Zuwachs an Solarthermieprojekten ist bei den Energiedörfern zu verzeichnen. Dort versorgt große Solarthermie meist in Kombination mit Biomasse ländliche Ortschaften mit CO2-neutraler Wärme. Oftmals ergeben sich daraus positive Nebeneffekte für die kleineren Gemeinden: schnelles Internet, regionale Wertschöpfung und eine neue Attraktivität der Dörfer.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Wärmenetze auf Basis erneuerbarer Energien vielerorts einen wichtigen Baustein für den kommunalen Klimaschutz darstellen werden. Die Politik hat dies erkannt und stellt heute attraktive Förderprogramme für Wärmeplanung, Machbarkeitsstudien und letztendlich die relevanten Investitionen in Wärmenetze und erneuerbare Erzeugungsanlagen bereit.

Thomas Pauschinger ist Mitglied der Geschäftsleitung beim Steinbeis Forschungsinstitut Solites in Stuttgart.




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Photovoltaik | Solarthermie

Aachen: Dynamischer Photovoltaik-Ausbau

[01.04.2026] Der Ausbau von Photovoltaikanlagen auf Aachener Dächern hat sich seit 2020 nahezu verfünffacht. Die Stadt übertrifft damit ihre Klimaziele deutlich und will mit neuer Förderung vor allem Mehrfamilienhäuser und Unternehmen stärker einbinden. mehr...

Kreis Kassel: Mobiler PV-Fahrradanhänger unterwegs

[26.03.2026] Ein mobiler Photovoltaik-Fahrradanhänger bringt Solarstrom flexibel an Schulen und Veranstaltungen im Landkreis Kassel. Die Anlage verbindet Energieerzeugung, Netzeinspeisung und Bildungsarbeit und soll nun im Unterricht praktische Einblicke in die Energiewende liefern. mehr...

Herrsching am Ammersee: Gymnasium nutzt PVT-Module

[26.03.2026] Ein Gymnasium in Herrsching am Ammersee nutzt erstmals PVT-Module in Kombination mit Geothermie für seine Energieversorgung. Das hybride System reduziert den Bedarf an Erdsonden deutlich und zeigt, wie sich Flächen- und Genehmigungsgrenzen in Neubauten überwinden lassen. mehr...

Stadtwerke Münster: Bürgerbeteiligung innerhalb eines Tages gezeichnet

[12.03.2026] Die Bürgerbeteiligung für den Agri-Solarpark Amelsbüren der Stadtwerke Münster war innerhalb eines Tages vollständig gezeichnet. Das Tempo zeigt die hohe Unterstützung für regionale Energiewende-Projekte in Münster und verweist auf ein Solarprojekt, das Stromproduktion und Landwirtschaft kombiniert. mehr...

Trianel: Verkauf von Solarpark

[10.03.2026] Das Unternehmen Trianel Energieprojekte hat einen 70,4-MWp-Solarpark in Brandenburg an einen Infrastrukturfonds von Nuveen verkauft. Der Deal zeigt, wie kommunale Projektentwickler große Photovoltaikprojekte für institutionelle Investoren strukturieren und vermarkten. mehr...

evm: Solarpark hat Förderzusage erhalten

[09.03.2026] Der geplante Solarpark Weltersburg-Guckheim hat in der jüngsten EEG-Ausschreibung der Bundesnetzagentur einen Förderzuschlag erhalten. Damit sind die Vermarktungsbedingungen für das Projekt gesichert – und der Bau einer 16-MWp-Freiflächenanlage auf einer ehemaligen Tongrube rückt näher. mehr...

Oldenburg: PV-Anlagen auf Lärmschutzwänden geplant

[09.03.2026] Photovoltaik-Module auf neuen Lärmschutzwänden sollen künftig Strom für das geplante Sport- und Gesundheitsbad am Flötenteich in Oldenburg liefern. Die Stadtverwaltung sieht darin eine günstigere und naturverträglichere Alternative zur ursprünglich vorgesehenen Floating-PV-Anlage auf dem Gewässer. mehr...

Nürnberg: Kommunale Gebäude haben PV-Anlagen erhalten

[06.03.2026] Die Stadt Nürnberg hat auf sechs kommunalen Gebäuden neue Photovoltaikanlagen mit zusammen rund 306 kWp installiert. Das Programm aus dem Sonderfonds Energiemangellage soll die Eigenstromversorgung stärken, Energiekosten senken und jährlich bis zu 300.000 kWh klimafreundlichen Strom liefern. mehr...

Berlin: Stadtwerk beliefert Howoge mit Allgemeinstrom

[04.03.2026] Die Berliner Stadtwerke liefern seit Jahresbeginn den gesamten Allgemeinstrom für den Wohnungsbestand der Howoge. Der langfristige Vertrag setzt auf Ökostrom und nutzt auch Solarstrom von den Dächern – mit Folgen für Versorgungssicherheit und Preisstabilität. mehr...

Bundesverband Solarwirtschaft: Frontalangriff auf die Energiewende

[03.03.2026] Ein geleakter Entwurf zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sieht die Streichung der Förderung für neue private Solaranlagen und eine Pflicht zur Direktvermarktung vor. Die Solarbranche warnt vor massiven Folgen für Investitionen, Arbeitsplätze und die Klimaziele. mehr...

Greenovative: Kommunen profitieren von Solarparks

[02.03.2026] Greenovative hat 2025 mehr als 320.000 Euro an Kommunen im Umfeld seiner Solarparks ausgezahlt. Grundlage ist die freiwillige Beteiligung nach § 6 EEG, mit der Städte und Gemeinden direkt an den Stromerlösen partizipieren. mehr...

ABO Wind: Zuschlag für drei Solarparke erhalten

[25.02.2026] ABO Energy erhält in der jüngsten EEG-Ausschreibung der Bundesnetzagentur Zuschläge für drei Solarparke mit rund 50 Megawatt Leistung. Damit baut der Projektentwickler sein Hybridportfolio aus Photovoltaik und Batteriespeichern weiter aus und behauptet sich in einem erneut stark überzeichneten Wettbewerbsumfeld. mehr...

Baden-Württemberg: PV-Flächenziel vorzeitig erreicht

[20.02.2026] Baden-Württemberg hat sein PV-Flächenziel des Energie- und Klimaschutzkonzepts 2030 bereits ein Jahr früher erreicht und übertroffen. Statt der angestrebten 250.000 Quadratmeter sind auf Landesgebäuden schon rund 272.000 Quadratmeter installiert – mit klaren Folgen für den weiteren Ausbau bis 2030. mehr...

bericht

Photovoltaik: Agri-PV-Potenzial für Kommunen

[18.02.2026] Eine Studie des Fraunhofer ISE hat das Potenzial der Agri-Photovoltaik in Deutschland ermittelt. Auf den am besten geeigneten Flächen sind demnach insgesamt rund 500 Gigawatt Leistung möglich. Auch für die Gemarkungen von Kommunen kann das Potenzial berechnet werden. mehr...

bericht

Solarenergie: Verstärkte Investitionen gefragt

[16.02.2026] Solarenergie ist die günstigste und populärste Art der Stromerzeugung. Bis 2030 soll die bundesweit installierte Solarleistung noch einmal nahezu verdoppelt werden. Wie gestaltet sich die Energiewende in Photovoltaik, Speichern und Solarthermie? mehr...