Mittwoch, 11. März 2026

Fraunhofer IEGStudie belegt Geothermie-Potenzial von verkarsteten Kalkgesteinen

[11.03.2026] Verkarstete Kalkgesteine in zwei bis drei Kilometern Tiefe könnten in Nordrhein-Westfalen ein bislang unterschätztes Reservoir für geothermische Wärme sein. Neue Bohrkernanalysen aus Iserlohn zeigen, welches Potenzial diese Gesteinsschichten für Wärmenetze und Industrieversorgung besitzen.

Sieht erstmal aus wie ein alter Korken, ist aber ein verkarsteter, von Spalten durchzogener Kalkstein.

(Bildquelle: Fraunhofer IEG/Heinelt)

Verkarstete Kalkgesteine aus dem Devon könnten künftig eine wichtige Rolle für die geothermische Wärmeversorgung in Nordrhein-Westfalen spielen. Das zeigt eine Studie des Fraunhofer IEG, das im Rahmen des Reallabors Geothermie Rheinland Bohrkernproben aus der Region Iserlohn untersucht hat.

Wie das Institut berichtet, analysierten die Forschenden Porosität, Durchlässigkeit und Struktur der Gesteine, um ihr geothermisches Potenzial zu bestimmen. Im Mittelpunkt stehen Kalkgesteinsschichten, die sich vor rund 400 Millionen Jahren im Devon als Sedimente ablagerten und später durch tektonische Prozesse verändert wurden. Über lange Zeiträume löste zirkulierendes Tiefenwasser Teile des Gesteins auf und schuf ein Netzwerk aus Spalten und Hohlräumen. Diese Verkarstung kann die hydraulischen Eigenschaften stark verbessern.

„Unsere Ergebnisse zeigen: verkarstete Gesteine in zwei bis drei Kilometer Tiefe können für Energieversorger ein echtes Reservoir für die Wärmewende sein“, sagt Studienleiter Manfred Heinelt vom Fraunhofer IEG. Durch die erweiterten Hohlräume lässt sich heißes Tiefenwasser vergleichsweise leicht fördern und als Wärmequelle nutzen. Beispiele aus München, Paris und den Niederlanden zeigen, dass solche hydrothermalen Systeme bereits heute ganze Stadtquartiere mit Wärme versorgen.

Labormessungen bestätigen gute Fließeigenschaften

Die Labormessungen bestätigen nun erstmals auf breiter Datengrundlage, dass die Devon-Kalksteine im Raum Iserlohn deutlich bessere Fließeigenschaften besitzen als bisher angenommen. Während unveränderte Kalkgesteine nur wenig Wasser führen, erreichen verkarstete Einheiten effektive Porositäten von bis zu 14 Prozent und hohe Durchlässigkeiten. Dadurch kann Tiefenwasser schneller durch das Gestein zirkulieren, was die wirtschaftliche Nutzung der Erdwärme erleichtert.

Für die Analysen bestimmten die Forschenden unter anderem Dichte, Wärmeleitfähigkeit und akustische Eigenschaften der Bohrkerne. Zusätzlich führten sie Durchlässigkeitsexperimente unter Druck- und Temperaturbedingungen durch, wie sie in 2.000 bis 3.000 Metern Tiefe herrschen. Computertomographische Aufnahmen machten das innere Hohlraumsystem der Gesteine sichtbar. Die Messwerte flossen anschließend in ein Modell ein, das das geothermische Wärmeangebot der Gesteinsschichten bis in drei Kilometer Tiefe abschätzt.

Das Ergebnis deutet auf ein beachtliches Potenzial hin. Mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent liegen die theoretisch verfügbaren Wärmemengen im Untergrund von Iserlohn bei über 87 Terajoule. Das entspricht ungefähr dem jährlichen Wärmebedarf von rund 1.500 Haushalten. Besonders hohe Werte treten dort auf, wo die Devon-Kalkgesteine große Mächtigkeiten erreichen und höhere Temperaturen herrschen.

Hinweise für kommunale Wärmeplanung.

Die Devonkalke sind in Nordrhein-Westfalen nördlich der Linie Aachen–Düsseldorf–Arnsberg in relevanten Tiefen verbreitet. Die Studie liefert damit auch Hinweise für die kommunale Wärmeplanung. Sie zeigt, wie stark die Verkarstung die Eigenschaften eines geothermischen Reservoirs beeinflusst, und entwickelt zugleich einen methodischen Rahmen, um komplexe Kalksteinsysteme geologisch, chemisch und petrophysikalisch zu charakterisieren.

Die Untersuchung entstand in Zusammenarbeit des Fraunhofer IEG mit der Ruhr-Universität Bochum und der Technischen Hochschule Georg Agricola. Veröffentlicht wurde sie unter dem Titel Geothermal potential of karstified Devonian carbonates in NW Germany in der Fachzeitschrift Geothermics. Sie wurde im Rahmen des Reallabors Geothermie Rheinland von Bund und Land Nordrhein-Westfalen gefördert.





Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Geothermie

GeoTHERM expo & congress: Messe bestätigt ihren Stellenwert

[06.03.2026] Die GeoTHERM expo & congress 2026 in Offenburg hat ihre Rolle als führende europäische Fachmesse für Geothermie erneut bestätigt. Mehr Besucher, starke internationale Beteiligung und ein Innovationspreis für ein neues seismisches Erkundungsfahrzeug zeigen, wie dynamisch sich die Branche im Zuge der Wärmewende entwickelt. mehr...

Stadtwerke Bruchsal: John Deere erhält grüne Fernwärme

[06.03.2026] Das Bruchsaler Werk von John Deere soll künftig mit geothermisch basierter Fernwärme versorgt werden. Ein neuer Liefervertrag mit den Stadtwerken Bruchsal und die Übernahme der Energiezentrale sollen die Wärmewende vor Ort voranbringen. mehr...

Bohrgerät bei der Verlegung von Erdsonden für ein kaltes Nahwärmenetz: Auf einer Baustelle sind gestapelte Sondenrohre zu sehen, während ein Arbeiter die Tiefenbohrung zur Nutzung von Erdwärme vorbereitet.

Stadtwerke Münster: Kalte Nahwärme im Neubaugebiet

[27.02.2026] Im Neubaugebiet Albachten-Ost setzen die Stadtwerke Münster auf ein zentrales Wärmesystem, das mit Erdwärme betrieben wird. Rund 100 Erdsonden werden künftig rund 500 Wohneinheiten mit Wärme versorgen. Die Investitionskosten belaufen sich auf 8,5 Millionen Euro. mehr...

Berlin: Kicken und wärmen

[23.02.2026] Unter einem Fußballspielfeld in Berlin entsteht ein großflächiges Geothermie-Kollektorfeld, das vier öffentliche Gebäude vollständig mit erneuerbarer Wärme versorgt. Das Projekt am Maikäferpfad gilt als wirtschaftlich tragfähiges Modell für die kommunale Wärmewende und zeigt, wie sich Sportflächen energetisch doppelt nutzen lassen. mehr...

Praxisforum Tiefengeothermie: Neuer Name spiegelt Aufschwung

[23.02.2026] Das Praxisforum Geothermie Bayern firmiert künftig als Praxisforum Tiefengeothermie und richtet sich damit neu aus. Die Umbenennung reagiert auf das Geothermie-Beschleunigungsgesetz und den bundesweiten Ausbau der Tiefengeothermie – und markiert einen strategischen Schritt für das Branchentreffen im Oktober 2026. mehr...

Trier: Kaltes Nahwärmenetz im Bau

[18.02.2026] Im Trierer Stadtteil Gartenfeld entsteht derzeit ein neues Wärmenetz. Es nutzt oberflächennahe Geothermie und soll sowohl Neubauten als auch Bestandsgebäude versorgen. Laut den Projektbeteiligten ist das Vorhaben als Pilotprojekt angelegt. mehr...

Blick von oben in eine Messehalle der GeoTHERM in Offenburg: Zahlreiche Aussteller präsentieren an hell beleuchteten Ständen Bohrtechnik, Geothermie- und Energielösungen, während Fachbesucherinnen und Fachbesucher zwischen den Ständen Gespräche führen.

Fraunhofer IEG: Mehr Tempo bei Geothermie

[16.02.2026] Auf der GeoTHERM in Offenburg präsentiert das Fraunhofer IEG neue Ansätze zur Nutzung von Erdwärme. Das Ziel besteht darin, die Geothermie schneller in den Massenmarkt zu bringen. Die Forschenden sehen großes Potenzial für Kommunen und Industrie. mehr...

bericht

Potsdam: In der heißen Phase

[12.02.2026] Potsdam ist ein bundesweit und europäisch beachtetes Leuchtturmprojekt für Tiefengeothermie und erneuerbare Fernwärme. Das Vorhaben zeigt, wie die Wärmewende technisch machbar und wirtschaftlich umsetzbar ist. mehr...

bericht

Forschung: Den Blick in den Untergrund öffnen

[02.02.2026] Um das Potenzial von Geothermie als klimaneutrale Wärmequelle zu nutzen, brauchen Stadtwerke nicht nur Investitionsbereitschaft, sondern auch fundierte Daten und erprobte Technologien. Hier setzt das Reallabor Geothermie Rheinland des Fraunhofer IEG an. mehr...

Stadtwerke München: Bauabschnitt von Goethermie-Großprojekt abgeschlossen

[02.02.2026] Beim Geothermie-Großprojekt Michaelibad in München ist ein wichtiger Bauabschnitt abgeschlossen: Die acht Standrohrbohrungen sind fertiggestellt. Damit ist der erste Meilenstein der Bauphase für die größte Geothermie-Anlage Kontinentaleuropas erreicht. mehr...

Duisburg: Ministerium unterstützt Erkundungsbohrung

[13.01.2026] Nordrhein-Westfalen fördert in Duisburg eine Erkundungsbohrung zur Tiefengeothermie mit rund 7,5 Millionen Euro. Das Projekt der Stadtwerke Duisburg soll die Grundlage für eine klimafreundliche und langfristig bezahlbare Wärmeversorgung im Fernwärmenetz schaffen. mehr...

Eckernförder Bucht: LBEG weist Erlaubnisfeld für Tiefengeothermie aus

[13.01.2026] An der Eckernförder Bucht ist ein neues Erlaubnisfeld für Tiefengeothermie ausgewiesen worden. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie hat dafür dem Unternehmen Moin Moin! Innovativcluster Erdwärme das Erlaubnisfeld Schwansen zugeteilt. mehr...

GeoTHERM: Fraunhofer IEG zeigt Wärmewende-Forschung

[19.12.2025] Fraunhofer IEG präsentiert auf der GeoTHERM 2026 in Offenburg anwendungsnahe Forschung für die Wärmewende und positioniert Geothermie als zentrale Säule nachhaltiger Wärmeversorgung. mehr...

Schornsheim: Klimaneutrales Neubaugebiet fertiggestellt

[11.12.2025] Schornsheim hat das neue Neubaugebiet Gänsweide übernommen, das komplett auf Erdwärme setzt. MVV zufolge ist es das erste Gebiet der Verbandsgemeinde Wörrstadt, das mit einem kalten Nahwärmenetz erschlossen wurde. mehr...