Samstag, 20. Juni 2026

Stadtwerke MünsterUntergrundmodell liefert möglichen Bohrstandort

[06.05.2026] Die Stadtwerke Münster haben aus einer groß angelegten 3D-Seismik ein detailliertes Untergrundmodell bis 6.000 Meter Tiefe erstellt und leiten daraus einen ersten möglichen Bohrstandort für Tiefengeothermie am Stadthafen ab.

Im November und Dezember 2024 führten die Stadtwerke mit Vibrotrucks eine flächendeckende geologische Untersuchung von Münster durch.

(Bildquelle: Stadtwerke Münster GmbH)

Ein dreidimensionales seismisches Modell des Münsteraner Untergrunds liefert den Stadtwerken Münster eine deutlich präzisere Grundlage für ihre Tiefengeothermie-Planungen. Wie der regionale Energieversorger mitteilt, sprechen die ausgewerteten Messdaten insbesondere am Stadthafen für eine vertiefte Prüfung eines ersten Bohrstandorts.

Die Stadtwerke hatten im November und Dezember 2024 eine flächendeckende 3D-Seismik im Stadtgebiet durchführen lassen (wir berichteten). Dabei entstanden rund 500 Terabyte geologische Rohdaten. Aus diesen Daten wurde ein räumliches Abbild des Untergrunds bis in etwa 6.000 Meter Tiefe errechnet. Im Fokus stehen drei kalkhaltige Gesteinsschichten, die für hydrothermale Tiefengeothermie grundsätzlich als wasserführende Reservoirhorizonte infrage kommen: die Oberkreide in etwa 900 bis 1.500 Metern Tiefe sowie Kohlenkalk und Massenkalk in Tiefen zwischen rund 4.700 und 6.700 Metern.

Gute geologische Voraussetzungen

Das seismische Modell zeigt zwar nicht direkt, ob und in welcher Menge heißes Thermalwasser vorhanden ist. Es bildet jedoch Lage, Mächtigkeit und Verlauf der Schichten sowie geologische Bruchzonen ab, die für die Durchlässigkeit des Gesteins entscheidend sind. Besonders ins Gewicht fallen nach Angaben der Stadtwerke der Münster-Sprung und der Sachsen-Sprung. Beide tektonischen Strukturen bilden ein zusammenhängendes Störungssystem unter dem Stadtgebiet. Solche Störungszonen gelten als günstig, weil sie Wasser speichern und zirkulieren lassen können. „Der Münster-Sprung und der Sachsen-Sprung bilden zusammen ein Störungssystem unter Münster. Das sind gute geologische Voraussetzungen für Tiefengeothermie“, sagt Projektleiter Carsten Lehmann.

Neben der geologischen Eignung prüfen die Stadtwerke die üblichen infrastrukturellen Randbedingungen für einen wirtschaftlichen Betrieb. Ein Standort muss nahe am bestehenden Fernwärmenetz liegen, ausreichend Fläche für Bohrplatz und Energiezentrale bieten und berg- sowie wasserrechtlich genehmigungsfähig sein. Für den Bohrplatz kalkuliert das Unternehmen mit bis zu 10.000 Quadratmetern, für das spätere Heizwerk mit weiteren rund 6.000 Quadratmetern.

Gründlichkeit vor Schnelligkeit

Nach dieser Gesamtabwägung rückt ein Gelände der Stadtwerke am Stadthafen neben dem DHL-Verteilzentrum in den Vordergrund. Die Fläche wird derzeit als Lagerplatz und für Containerbüros genutzt. Sie liegt in unmittelbarer Nähe zur zentralen Fernwärmeeinspeisung und befindet sich bereits im Eigentum des Versorgers. „Diesen Standort prüfen wir intensiv für eine erste Bohrung. Hier geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit“, erklärt Markus Bieder, Leiter der Wärme- und Stromerzeugung der Stadtwerke.

Geplant ist zunächst eine Erschließung der flacheren Kalksteinschicht in 900 bis 1.500 Metern Tiefe. Für den späteren Betrieb ist eine Bohr-Dublette erforderlich: Eine Förderbohrung bringt heißes Tiefenwasser an die Oberfläche, eine zweite Bohrung verpresst das abgekühlte Wasser wieder in den Untergrund. Im angeschlossenen Heizwerk entzieht ein Wärmetauscher dem Thermalwasser die nutzbare Energie und speist sie in das Fernwärmesystem ein.

Ein bereits gesicherter Standort im Busso-Peus-Quartier in Gievenbeck bleibt dagegen vorerst nur für tiefere Horizonte interessant. Für die zunächst anvisierte flachere Oberkreide-Schicht fällt die geologische Bewertung dort schwächer aus.

Weitere Forschungsbohrung geplant

Zusätzliche Erkenntnisse erwarten die Stadtwerke aus einer Forschungsbohrung des Geologischen Dienstes NRW, die für 2027 in Münster vorgesehen ist. Das Land nutzt den Standort im Rahmen des „Masterplans Geothermie NRW“ als Referenzpunkt für das gesamte Münsterland, weil die Datenlage dort inzwischen besonders dicht ist. Die Bohrung soll erstmals das Kalkgestein der Oberkreide in mehr als 1.000 Metern Tiefe direkt erschließen und die technische Machbarkeit der Tiefengeothermie wissenschaftlich absichern.

Parallel dazu treiben die Stadtwerke die Vorbereitung ihrer eigenen ersten Tiefenbohrung voran. Das Unternehmen peilt derzeit das Jahr 2028 an. Bis dahin müssen Fördermittel gesichert, die bergrechtlichen Genehmigungen bei der Behörde in Arnsberg eingeholt und die technische Auslegung der Bohranlage abgeschlossen werden.

Für Münster hat das Vorhaben strategisches Gewicht: Tiefengeothermie soll nach den Planungen der Stadtwerke künftig bis zu die Hälfte der Fernwärme liefern und ist damit ein Schlüsselbaustein auf dem Weg zur klimaneutralen Wärmeversorgung bis 2045.





Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Geothermie
Schematische Darstellung einer Anlage zur tiefen Geothermie. Die Grafik zeigt einen Querschnitt durch den Untergrund mit mehreren Gesteinsschichten. Zwei Bohrungen reichen bis in rund 3.500 Meter Tiefe zu einer etwa 150 Grad Celsius heißen wasserführenden Schicht. Heißes Wasser wird über eine Förderbohrung an die Oberfläche geleitet, zur Erzeugung von Fernwärme und Elektrizität genutzt und anschließend über eine zweite Bohrung wieder in den Untergrund zurückgeführt. An der Oberfläche sind Gebäude, Felder, Stromleitungen und technische Anlagen dargestellt. Die Beschriftungen „Fernwärme“ und „Elektrizität“ verdeutlichen die Nutzung der geothermischen Energie.

Baden-Württemberg: Landesregierung setzt auf Geothermie

[12.06.2026] Die neue Landesregierung in Baden-Württemberg will den Ausbau der tiefen Geothermie vorantreiben. Nach Angaben der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg sollen Hemmnisse für die Technologie abgebaut werden. Derzeit befinden sich 17 Anlagen im Land in Planung, eine weitere wird gebaut. mehr...

Stadtwerke Husum: Tiefengeothermie für Wärmeversorgung

[02.06.2026] Die Stadtwerke Husum lassen die Möglichkeiten für eine Nutzung von Tiefengeothermie untersuchen. Eine Machbarkeitsstudie soll klären, ob und wo Bohrungen möglich sind und unter welchen Voraussetzungen sich das Vorhaben umsetzen lässt. mehr...

München: Geothermie-Messungen im Projekt GIGA-M

[01.06.2026] Mit einer Seismik-Kampagne sollen im Großraum München bislang ungenutzte Erdwärme-Potenziale untersucht werden. Mehrere Stadtwerke und kommunale Unternehmen haben sich dazu im Forschungsprojekt GIGA-M zusammengeschlossen. mehr...

Mehrere weiße Vibro-Trucks stehen auf einer Straße am Rand eines Feldes. Die Spezialfahrzeuge werden für seismische Messungen zur Untersuchung des Untergrunds eingesetzt. Der Himmel ist bewölkt.

Nürnberg: N-ERGIE plant Erdwärmeprojekt

[27.05.2026] N-ERGIE will in der zweiten Jahreshälfte 2026 den Untergrund in und um Nürnberg mit 2D-Seismik-Messungen untersuchen. Die Daten sollen helfen, das Potenzial von Erdwärme in der Region Nürnberg genauer zu bewerten. mehr...

Neuhofen: Informationsveranstaltung zu Tiefengeothermie-Projekt

[22.05.2026] Das Tiefengeothermie-Projekt „Rhein-Pfalz“ hat seine erste Bürgerinformationsveranstaltung in Neuhofen genutzt, um Technik, Bohrungen und Wärmenetzpläne vorzustellen. Das große Interesse der Besucher zeigt, wie stark die regionale Wärmewende und die Aussicht auf langfristig stabile Wärmepreise die Menschen vor Ort beschäftigen. mehr...

Oberschwaben: LGRB startet seismische Messkampagne im Herbst

[20.05.2026] In Oberschwaben beginnt im Oktober 2026 eine groß angelegte 2D-Seismik zur Erkundung tiefer geothermischer Potenziale. Die Messkampagne soll Kommunen und Energieversorgern belastbare Daten für klimaneutrale Wärmeprojekte liefern und gilt als wichtiger Baustein der Wärmewende in Baden-Württemberg. mehr...

Kaiserslautern: Pfälzer Wärme aus dem Untergrund

[07.05.2026] Das Unternehmen Deutsche ErdWärme und die Stadtwerke Kaiserslautern prüfen, ob Geothermie künftig zur Wärmeversorgung der Stadt beitragen kann. Dafür werden Daten aus seismischen Messungen im Untergrund ausgewertet. mehr...

Wuppertal: Machbarkeitsstudie zur tiefen Geothermie

[01.04.2026] Die Fraunhofer IEG und die Wuppertaler Stadtwerke starten eine Machbarkeitsstudie zur Nutzung tiefer Geothermie in Wuppertal. Die Untersuchung soll klären, ob Erdwärme aus mehreren tausend Metern Tiefe künftig zur klimafreundlichen Wärmeversorgung der Stadt beitragen kann. mehr...

Herrsching am Ammersee: Gymnasium nutzt PVT-Module

[26.03.2026] Ein Gymnasium in Herrsching am Ammersee nutzt erstmals PVT-Module in Kombination mit Geothermie für seine Energieversorgung. Das hybride System reduziert den Bedarf an Erdsonden deutlich und zeigt, wie sich Flächen- und Genehmigungsgrenzen in Neubauten überwinden lassen. mehr...

Praxisforum Tiefengeothermie: Schwerpunkte des Programms

[23.03.2026] Das Praxisforum Tiefengeothermie stellt vier thematische Foren für sein Programm 2026 vor, darunter ein neues Wärmenetz-Forum. Die Veranstaltung in Pullach will zeigen, wie sich die heimische Energiequelle schneller ausbauen lässt und gewinnt vor dem Hintergrund hoher Energiepreise an Brisanz. mehr...

Vulcan Energy: Neuer Bohrplatz in Rohrbach

[18.03.2026] Vulcan Energy baut mit dem Bohrplatz Trappelberg in Rohrbach einen weiteren Standort für sein Geothermie- und Lithiumprojekt Lionheart bei Landau. Der Ausbau soll klimaneutrale Wärme liefern und die industrielle Lithiumgewinnung in der Region voranbringen. mehr...

Plattform Erneuerbare Energien BW: Informationsportal zur Geothermie gestartet

[13.03.2026] Die Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg hat das Informationsportal Geothermie BW gestartet. Die neue Online-Plattform soll Transparenz über Projekte der tiefen Geothermie schaffen und den fachlichen Austausch zwischen Bürgern, Kommunen und Fachakteuren im Land stärken. mehr...

Fraunhofer IEG: Studie belegt Geothermie-Potenzial von verkarsteten Kalkgesteinen

[11.03.2026] Verkarstete Kalkgesteine in zwei bis drei Kilometern Tiefe könnten in Nordrhein-Westfalen ein bislang unterschätztes Reservoir für geothermische Wärme sein. Neue Bohrkernanalysen aus Iserlohn zeigen, welches Potenzial diese Gesteinsschichten für Wärmenetze und Industrieversorgung besitzen. mehr...

GeoTHERM expo & congress: Messe bestätigt ihren Stellenwert

[06.03.2026] Die GeoTHERM expo & congress 2026 in Offenburg hat ihre Rolle als führende europäische Fachmesse für Geothermie erneut bestätigt. Mehr Besucher, starke internationale Beteiligung und ein Innovationspreis für ein neues seismisches Erkundungsfahrzeug zeigen, wie dynamisch sich die Branche im Zuge der Wärmewende entwickelt. mehr...