Mittwoch, 4. März 2026

InterviewFlexibilitäten optimal vermarkten

[27.07.2023] Mit der automatisierten Vermarktung von Flexibilitäten können Energie­erzeuger zusätzliche Erlöse erzielen. Im stadt+werk-Interview erklärt Harald Ott, Produkt-Manager bei Verbund, wie dies mit der Lösung ­VERBUND Power Flex gelingt.
Harald Ott

Harald Ott

(Bildquelle: Verbund Energy4Business GmbH)

Herr Ott, das Energiesystem der Zukunft ist dezentral, kleinteilig und erneuerbar. Warum werden Flexibilitätsprodukte benötigt?

Der kurzfristige Flexibilitätsbedarf im Strommarkt steigt durch die Integration volatiler erneuerbarer Energien aus Wind- und Solarkraftwerken. Die Flexibilitäten werden vor allem auf der Netzebene benötigt, da die erneuerbaren Quellen überwiegend auf der unteren Netz­ebene angeschlossen sind, wo es dann zu Engpässen kommen kann, weil die eingespeiste Leistung gar nicht mehr abtransportiert werden kann. Flexibilitätslösungen bilden hier eine Brücke, um schon jetzt Integrationsmöglichkeiten zu bieten, obwohl der angestrebte Netzausbau noch nicht abgeschlossen ist. Wenn die Netze dann ausgebaut sind, können die erneuerbaren Energien optimal genutzt werden. Derzeit müssen im Redispatch 2.0 Anlagen abgeregelt werden, weil zu viel Strom im Netz ist. Wenn flexible Verbraucher am Netz sind, können sie diese heute noch überschüssige Energie zu entsprechend günstigen Preisen abnehmen.

„Um Flexibilitäten vermarkten zu können, ist ein hoher ­Automatisierungsgrad notwendig.“
VERBUND Power Flex heißt Ihre Lösung zur Flexibilitätsvermarktung. Zum Einsatz kommt beispielsweise die Kundenplattform VERBUND-Vision. Welche Aufgaben hat diese Plattform?

Um kleinteilige Flexibilitäten effizient vermarkten zu können, ist ein hoher Automatisierungsgrad notwendig. Genau das wollen wir mit unseren Lösungen erreichen. Dennoch benötigen wir zusätzliche Informationen, etwa über geplante Wartungen oder Anlagenstillstände. Dazu dient das Kommunikationsportal VERBUND-Vision. So werden uns beispielsweise Planungsdaten für Wartungen übermittelt. Unsere Kunden wiederum erhalten zeitnah die konkreten Vermarktungsergebnisse ihrer Anlagen im kurzfristigen Energiehandel. Darüber hinaus ist ein sehr leistungsfähiges Energiedaten-Management in die Plattform integriert. So können Verteilnetzbetreiber ihre Daten an uns übermitteln; und auch unsere Fernwirkdaten werden eingespeist. Damit erhalten die Kunden von uns alle wesentlichen Informationen, können aber auch eigene Berichte erstellen.

Teil der Lösung sind die Optimierungplattform Volery und der VERBUND-Power-Pool. Welche Rolle spielen sie?

Die Volery-Plattform optimiert den Anlagenbetrieb für die Spot-, Intraday- und Regelenergiemärkte. Sie verwaltet auch die Regelenergieabrufe. All dies geschieht online und automatisiert. Damit stehen alle Informationen über Speicherfüllstände, Anlagenverfügbarkeit und die entsprechenden Flexibilitäten zur Verfügung. Das heißt, man kennt die aktuelle Situation, blickt in die Zukunft und kann so die bestmöglichen Ergebnisse am Markt erzielen. Mit dem VERBUND-Power-Pool treten wir gemeinsam mit unseren Kunden als virtuelles Kraftwerk an den Regelenergiemärkten auf. Die Leistungen der einzelnen Anlagen werden gebündelt, sodass für die Übertragungsnetzbetreiber eine hohe Sicherheit besteht, dass die angebotenen Leistungen auch garantiert und abrufbar sind.

Wie können Stadtwerke mithilfe von VERBUND Power Flex handeln und davon profitieren?

In einem ersten Schritt suchen wir mit dem Kunden nach Möglichkeiten des automatisierten Einsatzes seiner Anlagen an den Energiemärkten. Insbesondere der Intraday-Markt ist von den Stadtwerken oft noch nicht erschlossen. Das Stadtwerk kann entscheiden, ob der Grad der Automatisierung eine direkte Steuerung der Anlagen erlaubt. Dann wird die Anbindung der Anlagen abgestimmt. Im nächsten Schritt wird analysiert, welche Erlöse in der Vergangenheit möglich gewesen wären. Dazu müssen wir die Grenzkosten und Anlagenrestriktionen genau kennen. Dann können wir eine Vermarkungsstrategie für den Kunden konzipieren und die möglichen Erlöse mit bisherigen Ergebnissen vergleichen. So werden die zusätzlichen Erlöspotenziale durch den automatisierten Einsatz sichtbar.

Die Flexibilitätsvermarktung läuft vollautomatisiert ab. Wie funktioniert das?

Zur Umsetzung der Flexibilitäts­vermarktung werden Rahmen­bedingungen, Preisinformationen und ein Grenzpreis für den Kauf und Verkauf von Energie benötigt. Ein Handelsalgorithmus platziert automatisiert Angebote am Markt oder kauft Angebote von anderen Anbietern. Mit unseren selbstentwickelten Fernwirkkomponenten können wir die Anlage steuern, überwachen und online auf Störungen reagieren. Wir bieten dem Kunden auch die Möglichkeit, seine Anlage jederzeit aus der Vermarktung zu nehmen, wenn plötzlich Probleme auftreten. Unsere Lösung reagiert automatisch auf Störungen und stoppt die Vermarktung, bis die Anlage wieder verfügbar ist.

Wie hoch ist der Aufwand für die Einführung und den Betrieb der Plattform?

Zunächst müssen die Kunden verstehen, wie Flexibilitätsvermarktung funktioniert. Der Aufwand, die Anlage an unsere Systeme anzuschließen, ist relativ überschaubar. Bis das Konzept für die Flexibilitätsvermarktung steht und der Vertrag unterschrieben werden kann, dauert es allerdings einige Monate. Bei unserem Geschäftsmodell verfolgen wir das Prinzip, dass der Kunde möglichst geringe Fixkosten hat, das heißt, wir erheben nur eine Servicegebühr und profitieren ansonsten von den Optimierungsergebnissen.

Kann die Flexibilitätsvermarktung auch dazu beitragen, die Energiekos­ten für Unternehmen und Verbraucher zu senken?

Ja. Als beispielsweise die Strompreise im vergangenen Jahr sehr hoch waren, konnten Kunden mit Power-to-Heat-Anlagen aus überschüssiger Energie viel Wärme erzeugen und so erhebliche Kosten einsparen.

Wie wirkt sich die Flexibilitätsvermarktung auf den Netzausbau aus und wie wird sich das Energiesystem weiterentwickeln?

Die Flexibilitätsvermarktung wird den Netzausbau nicht überflüssig machen, allenfalls lokal für Entlastung sorgen. Wichtig ist, dass Speichermöglichkeiten geschaffen werden. Während in Österreich und der Schweiz viele Pumpspeicher in Betrieb sind, werden in Deutschland andere stationäre Speicher benötigt. Hier sehen wir ein dynamisches Wachstum bei Batteriespeichern. Mit der Elektromobilität oder der Wasserstofferzeugung kommen neue Flexibilitäten auf den Markt, die integriert werden müssen. Bei Haushalten und Kleinstanlagen erwarte ich eher eine Art Selbst­optimierung, die durch Anreize angestoßen werden kann. Es wird eine spannende Frage sein, ob es gelingt, solche Gemeinschaften zu bilden und in das Energiesystem zu integrieren.

Interview: Alexander Schaeff

Im Interview, Harald OttAls Produkt-Manager bei VERBUND Energy4Business ist Harald Ott verantwortlich für die Vermarktung von Flexibilitäten aus Anlagen von Industrieunternehmen, Versorgern und Ökostromproduzenten über das virtuelle Energiesystem von VERBUND. Zuvor war Harald Ott als Controller bei VERBUND Trading tätig.



Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Informationstechnik

VertiGIS: Vorarlberger Energienetze erneuert Geo-Informationssystem

[04.03.2026] Das Unternehmen Vorarlberger Energienetze stellt sein Geo-Informationssystem auf die dritte Generation um und setzt dabei auf Technologie von VertiGIS. Der Wechsel ist wegen des auslaufenden Altsystems bis 2028 zwingend und betrifft Datenqualität, Netzbetrieb und künftige KI-Anwendungen gleichermaßen. mehr...

Mitarbeiterin im Kundenzentrum der evm mit Headset vor zwei Monitoren im Büro, im Hintergrund eine gelbe Wand mit evm-Logo.

evm: KI-Chatbot entlastet Kundenservice

[03.03.2026] Das kommunale Unternehmen Energieversorgung Mittelrhein (evm) zieht eine Zwischenbilanz zum Einsatz seines KI-Chatbots Eva. Demnach wurden allein im Jahr 2025 mehr als 40.000 Gespräche geführt. mehr...

WEMAG: Wechsel auf S/4HANA-Plattform

[03.03.2026] Die WEMAG-Gruppe hat ihre IT-Systeme grundlegend umgestellt. Nach einer Projektzeit von 18 Monaten nutzt das Unternehmen nun die S/4HANA-Plattform von Thüga SmartService. Dabei wurden 92 Buchungskreise und knapp 500 Nutzerinnen und Nutzer migriert. mehr...

bericht

Plattformstrategie: Hybrid denken, souverän handeln

[26.02.2026] Die Erlanger Stadtwerke sind mit Microsoft 365 auf eine Plattform umgestiegen, die Mitarbeitende spürbar entlastet und die Zusammenarbeit effizienter gestaltet. Im Sinne der digitalen Souveränität wurde für die Softwarearchitektur ein hybrider Ansatz gewählt. mehr...

Wuppertaler Stadtwerke: IT-Partnerschaft mit rku․it besiegelt

[23.02.2026] Die Wuppertaler Stadtwerke bauen ihre IT mit der NextGen-Plattform von rku.it aus. Die strategische Partnerschaft soll Prozesse im SAP-Umfeld modernisieren und den kommunalen Versorger langfristig digital absichern. mehr...

cortility: Zusatzmodule an SAP S/4HANA angepasst

[20.02.2026] Das Unternehmen cortility hat mehrere Zusatzmodule für SAP S/4HANA Utilities überarbeitet. Die Lösungen nutzen die neue Systemarchitektur und lassen sich ohne große Anpassungen integrieren. Weitere Erweiterungen sind angekündigt. mehr...

Salesfive: CRM-Vorlage für Stadtwerke

[20.02.2026] Die Energieversorgung Oberhausen und Salesfive präsentieren eine CRM-Lösung für Stadtwerke. Die auf Praxiserfahrungen basierende Vorlage soll den Kundenservice schneller und effizienter machen. Laut den Unternehmen ist der Start innerhalb weniger Wochen möglich. mehr...

Martin: Umstieg auf Stackable Data Platform

[18.02.2026] Das Unternehmen Martin für Umwelt- und Energietechnik analysiert Betriebsdaten seiner Waste-to-Energy-Anlagen mit der Stackable Data Platform zentral in einer Open-Source-Umgebung. Damit will das Unternehmen Emissionen präziser steuern, Wartungen vorausschauend planen und als Teil Kritischer Infrastruktur datensouverän bleiben. mehr...

Visualisierung einer Energiehandels-Software vor einem Windpark bei Sonnenuntergang: Links ist ein digitales Dashboard mit Diagrammen, Kurven und Tabellen zu Stromdaten zu sehen, rechts erstrecken sich mehrere Windkraftanlagen. Rote, leuchtende Datenlinien durchziehen die Landschaft und symbolisieren die digitale Vernetzung und Steuerung erneuerbarer Energien.

Kisters: Neue Plattform für den Energiehandel

[12.02.2026] Das Unternehmen Kisters präsentiert auf der E-world energy & water 2026 eine neue Software für das Portfoliomanagement. Die Lösung richtet sich an Energiehändler, Stadtwerke und Dienstleister. Sie soll Prozesse automatisieren und den Handel mit Strom und Gas effizienter machen. mehr...

bericht

Klimamanagement: Software und Beratung aus einer Hand

[11.02.2026] Der IT-Dienstleister regio iT unterstützt Kommunen mit einem modularen Lösungspaket bei Klimaschutz- und Klimaanpassungsstrategien. Es handelt sich um eine synergetische Kombination aus IT-gestütztem Datenmanagement, strategischer Beratung und effizienter Beschaffung. mehr...

ITC: KI-Werkzeugkasten vorgestellt

[30.01.2026] ITC hat einen cloudbasierten KI-Werkzeugkasten für Stadtwerke und Energieversorger vorgestellt, der sofort einsetzbare Funktionen für Kundenservice, Prozessautomatisierung und Energiemanagement bündelt. Ziel ist es, technische Hürden abzubauen und Künstliche Intelligenz als praktisches Arbeitsmittel im Tagesgeschäft einzuführen. mehr...

Stadtwerke Eberbach: Umstieg auf Kraftwerk-Plattform

[29.01.2026] Die Stadtwerke Eberbach ersetzen ihr bisheriges SAP-System durch die Kraftwerk-Plattform auf Basis von Microsoft Business Central. Ausschlaggebend für die Entscheidung war die Möglichkeit, alle energiewirtschaftlichen Prozesse auf einer durchgängigen Softwarelösung abzubilden. mehr...

GABO IDM: Zunehmende Bedeutung von Digitalen Informationszwillingen

[27.01.2026] Digitale Informationszwillinge sollen ungeplante Stillstände in Energieanlagen deutlich verkürzen und die Anlagenverfügbarkeit erhöhen. Nach Angaben der GABO IDM bündeln sie technische Daten, Dokumentation und Prozesse in einer zentralen, webbasierten Plattform. mehr...

TelemaxX: Verunsicherung bei Cyber-Sicherheit nimmt zu

[15.01.2026] Seit Inkrafttreten des NIS-2-Gesetzes nimmt die Verunsicherung vieler mittelständischer Unternehmen bei Fragen der Cyber-Sicherheit deutlich zu. Der Rechenzentrumsbetreiber TelemaxX meldet eine stark gestiegene Nachfrage nach Beratung zu Compliance, IT-Betrieb und Nachweispflichten. mehr...

The Green Bridge: Mit KI Netze schützen

[14.01.2026] Sabotageakte auf Strom- und Versorgungsnetze zeigen, wie verwundbar Städte sind. Ein KI-gestütztes Geo-Clustering soll helfen, kritische Knotenpunkte präzise zu erkennen, gezielt zu schützen und im Ernstfall schneller zu reagieren. mehr...