Dienstag, 21. April 2026

CrowdfundingAlternative Finanzierungsmodelle

[21.04.2026] Die Stadtwerke Hennigsdorf haben 20 Prozent der Kosten für ihren Wärmespeicher über Crowdfunding finanziert. Das Projekt zeigt, dass die finanzielle Beteiligung der Bevölkerung an solchen Projekten den Rückhalt für die Energiewende stärkt.

nformationsveranstaltung zum Crowdfunding-Projekt in Hennigsdorf.

(Bildquelle: Stadtwerke Hennigsdorf)

Crowdfunding ist längst nicht mehr nur etwas für Start-ups, Kreative oder Tüftlerinnen und Tüftler. Diese Finanzierungsform ist vielmehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen und etabliert sich allmählich auch in der Energiebranche. Bürgerinnen und Bürger beteiligen sich an Projekten zur Nutzung erneuerbarer Energien, investieren etwa in Wind- und Solarkraft und profitieren doppelt, nämlich von emissionsarmer, nachhaltiger Versorgung sowie einer attraktiven Rendite. Doch nicht nur deshalb war es den Stadtwerken Hennigsdorf wichtig, mit Crowd­investing die Menschen vor Ort in den Bau ihres Wärmespeichers einzubeziehen. Die Energiewende ist noch kein Selbstläufer, vielfach fehlt die Akzeptanz oder ein Bewusstsein für die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Und weil Investieren neben Profitieren auch Verantwortung bedeutet, wollten die Stadtwerke dazu ermutigen, die Wärmewende mitzugestalten.

Crowdfunding in der Praxis

Wie so etwas in der Praxis aussehen kann, zeigt das Wärmespeicherprojekt in Hennigsdorf. Es verfolgt das Ziel, die Stadt möglichst emissionsarm mit Fernwärme zu versorgen. Die Errichtung eines Multifunktionswärmespeichers war zentrales Element und Endpunkt des lang angelegten, aus EU- und Bundesmitteln geförderten Verbundprojekts Wärmedrehscheibe. Dieser wissenschaftlich begleitete Umsetzungsprozess strebte die vernetzte, flexible Nutzung verschiedener erneuerbarer Wärmequellen im Fernwärmenetz an. Konkret handelte es sich dabei um industrielle Abwärme, Biomasse, Biomethan-BHKW und Solarthermie. Der Wärmespeicher ist ein entscheidender Baustein, um die Fernwärmeversorgung der 27.000-Einwohner-Stadt schrittweise auf bis zu 80 Prozent klimaneutrale Wärme umzustellen.

Der Wärmespeicher wurde insbesondere zur effizienteren Nutzung industrieller Abwärme aus dem Hennigsdorfer Stahl- und Walzwerk konzipiert und kann darüber hinaus auch Überschusswärme anderer Erzeuger im Netz aufnehmen und bedarfsgerecht bereitstellen. Er erhöht die Nutzung industrieller Abwärme und verdrängt fossile Brennstoffe im Wärmemix. Dadurch können jährlich rund 3.310 Tonnen CO₂ vermieden und etwa 14.740 Megawattstunden Primärenergie eingespart werden. Die geringere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist ein zusätzlicher positiver Effekt.

Kleine Beiträge für Großes

Durch Beteiligungen in unterschiedlicher Höhe aus der Bürgerschaft haben die Stadtwerke Hennigsdorf ein zentrales Infrastrukturprojekt für die Zukunft umgesetzt. Der 2024 fertiggestellte Multifunktionswärmespeicher ist 24 Meter hoch, hat einen Durchmesser von 18 Metern und ein Fassungsvermögen von 5.100 Kubikmetern. Mit einer zusätzlich nutzbaren Wärmemenge von rund 13.400 Megawattstunden stärkt er die Versorgungssicherheit der Fernwärme und ermöglicht die zuverlässige Versorgung von rund 80 Prozent des Hennigsdorfer Stadtgebiets.

Die Baukosten für den Wärmespeicher beliefen sich insgesamt auf rund fünf Millionen Euro, hiervon wurde eine Million Euro über das Crowdinvesting aufgebracht. Die Kostenaufteilung im Detail: 2,7 Millionen Euro (54 Prozent) wurden von der Deutschen Kreditbank (DKB) finanziert, die auch die Finanzierung des Gesamtprojekts Wärmedrehscheibe übernommen hat. Weitere 1,3 Millionen Euro (26 Prozent) stammen aus der BEW-Einzelmaßnahmenförderung (Modul III) der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze. Mit 20 Prozent hat sich die Crowd beteiligt.

Crowdfunding funktioniert auch für kommunale Infrastrukturprojekte. Bei den Stadtwerken Hennigsdorf begann alles mit einem Workshop bei der DKB, über deren Crowdfunding-Plattform das Stadtwerk die Teilfinanzierung des modernen Wärmespeichers schließlich erfolgreich realisieren konnten. Crowdinvesting setzt Vertrauen voraus. Die Bürgerbeteiligungsplattform DKB-Crowd bot dafür verlässliche Rahmenbedingungen. Sie ist auf nachhaltige Anlageprojekte spezialisiert und ermöglicht einen unkomplizierten, niederschwelligen Zugang auch für Kleinstanleger – ohne Zusatzkosten. Zudem übernimmt die Plattform die komplette organisatorische Abwicklung, sodass für die Stadtwerke-Mitarbeitenden nur eine geringe zusätzliche Arbeitsbelastung entstand – ein Aspekt, der für kommunale Unternehmen besonders relevant ist.

Aufmerksamkeit generieren

Um Aufmerksamkeit für das Crowdfunding-Projekt zu erreichen, sind die Stadtwerke Hennigsdorf neben der Kommunikation über Social Media mit Informationsveranstaltungen an die Öffentlichkeit gegangen. Viele Bürgerinnen und Bürger konnten über eine Informationsveranstaltung direkt auf der Baustelle sowie am Unternehmensstand auf einem beliebten Hennigsdorfer Stadtfest adressiert werden. Beides waren gute Gelegenheiten, um über das Projekt ins Gespräch zu kommen und die Wärmewende nachvollziehbar zu machen. Die Reaktionen auf das Crowdfunding waren durchweg positiv. Viele Bürgerinnen und Bürger zeigten großes Interesse am Projekt und suchten das Gespräch, auch wenn sich nicht alle selbst finanziell beteiligten. 

Insgesamt ließen sich mit dem Crowdinvesting deutlich mehr Menschen erreichen, als sich am Ende tatsächlich beteiligt haben. Auffällig war dabei vor allem das Engagement vor Ort: Die Hennigsdorfer Anlegerinnen und Anleger stellten im Durchschnitt deutlich höhere Beträge bereit als die Investierenden aus dem übrigen Bundesgebiet. Rund 500.000 Euro – also etwa die Hälfte des Crowdinvesting-Volumens – stammen aus Hennigsdorf, eingebracht von 61 Familien. Das unterstreicht, dass insbesondere das Angebot vor Ort angenommen und mitgetragen wurde.

Ablauf und Konditionen

In einer exklusiven Vorzeichnungsphase vom 1. Juli bis zum 31. August 2024 konnten zunächst Anlegerinnen und Anleger aus Hennigsdorf investieren und sich dabei einen Zinssatz von 5,5 Prozent pro Jahr sichern; bereits in diesem Zeitraum kam rund die Hälfte des angestrebten Gesamtvolumens zusammen. Mit Beginn der bundesweiten Zeichnungsfrist am 1. September 2024 – bei einem Zinssatz von 4,5 Prozent pro Jahr für auswärtige Investierende – war das gesamte Investitionsvolumen von einer Million Euro innerhalb weniger Stunden vollständig gezeichnet. Der Mindestanlagebetrag lag bei 250 Euro, Beteiligungen waren in 50-Euro-Schritten bis zu einem Höchstbetrag von 25.000 Euro möglich. Die Laufzeit beträgt zehn Jahre. Es handelt sich um ein Nachrangdarlehen mit jährlicher Zinszahlung jeweils zum 30. Juni; die Rückzahlung erfolgt ratenweise über die gesamte Laufzeit, ebenfalls jeweils zum 30. Juni.

Die Stadtwerke Hennigsdorf würden Crowdfunding wieder nutzen und auch innerhalb der Branche weiterempfehlen. Crowdinvesting ist nicht die günstigste Form der Projektfinanzierung, eröffnet aber eine zusätzliche Möglichkeit, frühzeitig Transparenz zu schaffen und Akzeptanz für die notwendigen Veränderungen in der Energieversorgung aufzubauen.


Der Autor, Christoph SchneiderChristoph Schneider ist seit 2020 Geschäftsführer der Stadtwerke Hennigsdorf. Vor seinem Wechsel ins Beteiligungsmanagement der städtischen Gesellschaften baute er das Stadtmarketing Hennigsdorf auf und leitete es mehrere Jahre.



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