Donnerstag, 24. September 2026

BayernAusbau über Plan

[28.01.2013] In Bayern liegt der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung heute noch bei etwa der Hälfte. Beim Ausbau erneuerbarer Energien ist der Freistaat aber auf einem guten Weg.
Martin Zeil: Strom soll nicht nur umweltverträglich produziert werden

Martin Zeil: Strom soll nicht nur umweltverträglich produziert werden, sondern muss auch weiterhin zuverlässig und bezahlbar fließen.

(Bildquelle: Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie)

Die Energiewende ist für Bayern und für ganz Deutschland eine der größten und wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre. Es muss nahtlos ein Ersatz für den schwindenden Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung gefunden werden, der in Bayern heute noch bei etwa der Hälfte liegt. Gleichzeitig hält der Freistaat an dem Ziel fest, die CO2-Emissionen auf unter sechs Tonnen pro Kopf und Jahr zu senken.
Vielfältige Aktivitäten auf Landesebene, wie etwa die Planungshilfen für den Ausbau der erneuerbaren Energien oder die Innovationsoffensive bei der Energieforschung, setzen wichtige Impulse. Mit einem Windenergieerlass wurde die Genehmigung von Windkrafträdern erleichtert. Vergleichbares ist nun für die Wasserkraft geplant. Aus dem Staatshaushalt stehen allein im Nachtragshaushalt 2012 65 Millionen Euro für herausragende, anwendungsnahe Projekte in den Bereichen Energieforschung und -technologie bereit. Nach wie vor ist aber viel zu tun.

Ausbau gewinnt an Dynamik

Bayern hat sich das Ziel gesetzt, bis 2021 rund 50 Prozent des verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien zu decken. Von 2009 bis 2012 konnte dieser Anteil von rund 23 auf etwa 33 Prozent gesteigert werden, sodass der Ausbau sogar leicht über dem Plan liegt. Insbesondere der Neubau von Photovoltaikanlagen hat in den vergangenen Jahren alle Erwartungen übertroffen, mittlerweile sind in Bayern rund 9.000 Megawatt Leistung installiert. Aber auch die Entwicklung der Windenergie gewinnt zunehmend an Dynamik. 2011 wurden im Freistaat 75 neue Anlagen mit 165 Megawatt Leistung errichtet – ein Spitzenwert für ein Binnenland. Hier kommen die Stärken der einzelnen Regionen zur Geltung. So liegen bei der Erzeugung von Strom aus Biomasse Schwaben und Mittelfranken vorne, Niederbayern ist Spitzenreiter bei der Solarenergie. Die Windenergie wird bislang vor allem in Nordbayern genutzt. Ein immer größerer Teil der Stromerzeugung und damit auch der Wertschöpfung erfolgt dezentral verteilt über das ganze Land.
Strom soll aber nicht nur umweltverträglich produziert werden, sondern muss auch weiterhin zuverlässig und bezahlbar fließen. Beide Themen hat das bayerische Wirtschaftsministerium von Beginn an sehr kritisch begleitet. So hieß es anfangs vonseiten der Bundesregierung, die Energiewende werde die Bürger nicht mehr als einen Cappuccino im Monat kosten. Dass das eine unzulässige Verniedlichung ist, hat das bayerische Wirtschaftsministerium stets betont. Der aktuelle Anstieg der EEG-Umlage auf knapp 5,3 Cent lieferte die Bestätigung. Dieser Weg kann nicht weiter beschritten werden, wenn weder eine Deindustrialisierung angesteuert noch die Akzeptanz der Energiewende aufs Spiel gesetzt werden soll. Hier helfen auch Diskussionen über die Befreiungstatbestände nicht weiter – es geht um gerechte Verhältnisse für alle und das richtige Maß.

Strompreisbremse notwendig

Der notwendige erste Schritt wäre eine Strompreisbremse. Die Erhöhung der EEG-Umlage muss durch eine Absenkung der Stromsteuer ausgeglichen werden. Mittelfristig führt kein Weg an einer Reform des EEG vorbei. Das heutige System ist nicht effizienzorientiert und liegt fernab der Märkte. Erforderlich wäre eine Marktintegration der erneuerbaren Energien und die Einbettung in ein System, das die Erzeugung am jeweils günstigsten Standort und effiziente, innovative Technologien fördert: ein so genanntes Mengenmodell – perspektivisch auch europaweit.
Ein anderes zentrales Thema ist die Versorgungssicherheit. Gerade im Süden Deutschlands ist die Situation bereits heute angespannt, wie der Februar 2012 gezeigt hat. Mit jedem weiteren Kernkraftwerk, das vom Netz geht, wird die Lage kritischer. Um die natürlichen Schwankungen der erneuerbaren Energien ausgleichen zu können, sind zwingend zusätzliche Gaskraftwerke erforderlich. Eine große Rolle können dabei auch die Stadtwerke mit lastnahen, neuen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen spielen. Zudem führt kein Weg an einem Kapazitätsmechanismus vorbei – und die Zeit drängt. Erfreulicherweise nimmt der Bund die Warnungen inzwischen wesentlich ernster und beabsichtigt kurzfristig die Einführung einer so genannten Netzreserve. Das ist ein erster wichtiger Schritt, dem aber zügig die Einführung eines umfassenden Kapazitätsmechanismus folgen muss.
Gleichzeitig müssen die Netze mit Hochdruck ausgebaut werden. Insbesondere die Thüringer Strombrücke ist zwingend erforderlich, um den bedeutendsten Engpass zu beseitigen. Dabei sind Netzausbau und Kraftwerksneubau keineswegs als Konkurrenz zu verstehen. Beides ist notwendig, um Versorgungssicherheit und Netzstabilität aufrechtzuerhalten.

Agentur für Energie

Um der Komplexität der Aufgaben gerecht zu werden, hat die Bayerische Staatsregierung im August 2011 die Bayerische Energieagentur ENERGIE INNOVATIV gegründet. Diese ist die zentrale Informationsdrehscheibe für den Aufbruch
Bayerns in ein neues Energiezeitalter. Sie koordiniert die Aktivitäten der Staatsregierung und der Bezirksregierungen. Außerdem entwickelt und organisiert sie den Energieeffizienzpakt und dokumentiert die Fortschritte beim Umbau der Energieversorgung. Zur Information und Koordination der Energie-Akteure wurden vier Arbeitsforen eingerichtet, in denen betroffene Verbände und Institutionen konkrete Lösungswege für das Gelingen des Umbaus der Energieversorgung aufzeigen.
Wichtige Herausforderungen können aber letztlich nur auf Bundesebene gelöst werden, da dort 90 Prozent der Energiegesetzgebung stattfinden. Das bedeutet aber nicht, dass alle entscheidenden Fragen aus Berlin gesteuert werden müssen. Bayern bringt sich deshalb mit konstruktiven Lösungsvorschlägen ein. Zur immer wieder erhobenen Forderung nach einer zentralen Steuerung beim Ausbau der erneuerbaren Energien ist festzuhalten, dass sich die Planwirtschaft in der Geschichte nicht bewährt hat. Natürlich ist es sinnvoll, sich abzustimmen, aber wo beispielsweise eine Windkraftanlage entsteht, muss vernünftigerweise dem Investor überlassen bleiben. Viel wichtiger als die Gedanken um eine fest vorgegebene Planung bei den erneuerbaren Energien ist doch die Frage, wie intelligent mit der anderen Seite der Medaille umgegangen werden kann: der Verteilung oder Speicherung des Stroms in Spitzenzeiten einerseits und der Absicherung der Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, andererseits.

Martin Zeil ist seit 2008 Bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie sowie Stellvertreter des Ministerpräsidenten.


Stichwörter: Politik, Bayern, Martin Zeil


Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Novelle des KWKG: Verbände fordern Nachbesserungen

[23.09.2026] BDEW, VKU und AGFW begrüßen die Eckpunkte des Bundeswirtschaftsministeriums zur Novelle des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes. Nachbesserungsbedarf sehen die Verbände unter anderem bei Laufzeit, Fördersätzen und den Bedingungen für bestehende KWK-Anlagen. mehr...

Windenergie: Verbände fordern Südquote

[22.09.2026] Bei der jüngsten Ausschreibung für Windenergie an Land sind nach Angaben von Erneuerbaren-Verbänden nur knapp fünf Prozent der bezuschlagten Leistung auf Bayern und Baden-Württemberg entfallen. Die Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg und der Landesverband Erneuerbare Energien Bayern fordern deshalb Änderungen am Ausschreibungssystem und eine Südquote im EEG. mehr...

Pumpen in einer Kraft-Wärme-Kopplungsanlage

VKU: Stadtwerke zweifeln an Wärmewende-Ziel für 2045

[17.09.2026] Eine Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) zeigt erhebliche Zweifel kommunaler Wärmeversorger am Zeitplan der Wärmewende. Drei Viertel der Befragten halten klimaneutrales Heizen bis 2045 unter den derzeitigen Rahmenbedingungen für unrealistisch. mehr...

BDEW/VKU: Kritik am BNetzA-Entwurf

[17.09.2026] BDEW und VKU haben Nachbesserungen bei der geplanten Kapitalverzinsung für Gasnetzbetreiber gefordert. Aus Sicht der Verbände reichen die von der Bundesnetzagentur vorgesehenen Zinssätze nicht aus, um die notwendigen Investitionen in die Transformation der Gasnetze zu finanzieren. mehr...

Bitkom: Besserer Schutz von Stromnetzen gefordert

[10.09.2026] Angesichts mutmaßlicher Sabotageversuche auf die Strominfrastruktur fordert der Digitalverband Bitkom einen stärkeren Schutz des Energiesystems. Neben physischen Angriffen müssten dabei auch Cyber-Attacken stärker berücksichtigt werden. mehr...

BDEW: Besserer Schutz für Kritische Infrastrukturen

[08.09.2026] Der BDEW dringt auf bessere Rahmenbedingungen für den Schutz der Energieversorgung. Der Verband fordert unter anderem weniger öffentlich zugängliche Infrastrukturdaten, eine wirksamere Drohnenabwehr und einen staatlich finanzierten Resilienzfonds. mehr...

Energiewende-Digitalisierungs-Allianz: Gesetzentwurf soll Netzbetreiber stärker in die Pflicht nehmen

[08.09.2026] Eine Allianz aus 17 Energieunternehmen fordert bundesweit einheitliche und digitale Verfahren für Netzanschlüsse und Netzbetrieb. Ein eigener Gesetzentwurf sieht 30 Maßnahmen vor – darunter finanzielle Ansprüche von Netznutzern, wenn Verteilnetzbetreiber gesetzliche Standards nicht einhalten. mehr...

Sachsen-Anhalt: Energiebranche mahnt Kontinuität an

[08.09.2026] Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnen Verbände und Unternehmen vor einem Bruch in der Energiepolitik. BEE, BWE und LichtBlick verweisen auf die wirtschaftliche Bedeutung der erneuerbaren Energien und fordern verlässliche Rahmenbedingungen für weitere Investitionen. mehr...

BDEW/VKU: Stellungnahme zum Brandanschlag

[02.09.2026] Nach dem Angriff auf ein Umspannwerk in Turnow-Preilack haben sich BDEW und VKU zum Schutz Kritischer Energie-Infrastruktur geäußert. Beide Verbände fordern Konsequenzen, unterscheiden sich aber in der Frage, welche Rolle Staat und Betreiber beim Schutz der Stromnetze übernehmen sollen. mehr...

Bundesregierung: Eckpunkte für ein Wärmenetzpaket beschlossen

[28.08.2026] Die Bundesregierung hat Eckpunkte für ein neues Wärmenetzpaket beschlossen. Der geplante Rechtsrahmen soll Investitionen erleichtern und zugleich Preise sowie Verbraucherrechte neu regeln. mehr...

RWE/Amprion: Stromanbieter kritisieren geplante Übernahme

[19.08.2026] Die geplante Übernahme von Amprion durch RWE stößt bei vier Ökostromanbietern auf Kritik. Sie fordern von der Bundesnetzagentur eine neue Prüfung, weil sie Risiken für Wettbewerb, Netzunabhängigkeit und den Zugang zu Flexibilitätsmärkten sehen. mehr...

Windenergie-auf-See-Gesetz: VKU fordert Ausbau mit Augenmaß

[19.08.2026] Der VKU fordert für den weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie mehr Wettbewerb und eine stärkere Orientierung am tatsächlichen Stromertrag. Zur Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes schlägt der Verband unter anderem ein niedrigeres Ausbauziel und kleinere Ausschreibungsflächen vor. mehr...

interview

Interview: Schocks absorbieren

[10.08.2026] Die Energiebranche fordert klare Regeln für den Schutz Kritischer Infrastrukturen. stadt+werk sprach mit Kerstin Andreae, BDEW, und Ingbert Liebing, VKU, über die Bedrohungslage und mögliche Wege zu höherer Sicherheit. mehr...

Verband Region Stuttgart: Ausbau der Stromnetze beschleunigen

[06.08.2026] Der Verband Region Stuttgart und zahlreiche Partner wollen den Ausbau der Stromnetze in der Region beschleunigen. Eine gemeinsame Absichtserklärung soll Planungs- und Genehmigungsverfahren vereinfachen und die Zusammenarbeit von Kommunen, Netzbetreibern und Stadtwerken stärken. mehr...

Bundesregierung: StromVKG verabschiedet

[04.08.2026] Das neue Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz schafft den Rahmen für zusätzliche flexible Stromkapazitäten. Es soll die Versorgung auch bei wachsendem Anteil erneuerbarer Energien und dem Kohleausstieg absichern. mehr...