WienFahrplan zur Klimamusterstadt

Die PV-Anlage auf dem Rathausdach ist Teil der Wiener Sonnenstrom-Offensive.
(Bildquelle: K21 media GmbH)
Wien hatʼs drauf – das kann kaum eine andere Stadt so zu Recht von sich behaupten wie die Hauptstadt der Republik Österreich. Regelmäßig wird die Donaumetropole als lebenswerteste Stadt der Welt ausgezeichnet. In Kategorien wie Stabilität, Gesundheitsversorgung, Bildung und Infrastruktur werden Spitzenwerte erreicht. Die Stadt bietet ein hervorragendes öffentliches Verkehrssystem, bezahlbaren Wohnraum, viele Grünflächen und ein reichhaltiges Kulturangebot. Darüber hinaus zeichnet sich Wien durch soziale Integration, nachhaltige Stadtentwicklung und hohe Lebensqualität aus. Das historische Erbe, die modernen Einrichtungen und das internationale Flair machen Wien zu einer attraktiven Stadt für Einwohner und Touristen.
Wiener Sonnenstrom-Offensive
„Wien hatʼs drauf“ ist aber nicht etwa der Slogan von Wien Tourismus, der offiziellen Tourismusorganisation, sondern der Claim der Sonnenstrom-Offensive der Stadt. Was die Touristen, die Selfies vor dem imposanten Wiener Rathaus schießen, nicht sehen: Auf dem Dach des neugotischen Sakralbaus aus der Zeit der Habsburgermonarchie ist eine Photovoltaikanlage installiert.
Das Bundesdenkmalamt der Alpenrepublik hat sich zwar jahrelang gegen den Bau des Sonnenkraftwerks auf dem Rathausdach gewehrt, doch nun gilt auch in Österreich: Klimaschutz geht vor Denkmalschutz. Ende 2023 konnten schließlich rund 570 Solarmodule auf einer Fläche von 1.110 Quadratmetern installiert werden. Die PV-Anlage liefert seit April 2024 Strom vom Rathausdach. Sie hat eine Leistung von 235 Kilowatt peak und soll jährlich 130 Tonnen CO2 einsparen.
Besonderes Augenmerk auf Bürgerbeteiligung
Die Sonnenstrom-Offensive startete 2021 mit dem Ziel, bis 2030 eine PV-Leistung von 800 Megawatt peak auf Wiener Dächern zu installieren. Rund ein Viertel der Wiener Haushalte könnte dann mit Sonnenstrom versorgt werden. „Wien hatʼs drauf“ verfolgt dabei mehrere Schwerpunkte. So plant die Stadt den konsequenten Ausbau von Photovoltaikanlagen auf eigenen Gebäuden und Flächen. Besonderes Augenmerk wird auf die Bürgerbeteiligung gelegt. Durch Partizipationsmodelle und Förderungen werden Anreize für Privatpersonen geschaffen, sich aktiv an der Energiewende zu beteiligen. Gleichzeitig wurden die Rahmenbedingungen durch vereinfachte Genehmigungsverfahren und optimierte gesetzliche Regelungen verbessert, um den Ausbau deutlich zu erleichtern.
Ergänzend gibt es ein erweitertes Förder- und Beratungsangebot und ein stark erhöhtes Förderbudget, das Projekte vom Einfamilienhaus bis zur Großanlage unterstützt. Zusätzlich werden innovative Lösungen wie Photovoltaik-Gründächer oder Anlagen auf mehrgeschossigen Wohnbauten gezielt gefördert. Die Klima- und Innovationsagentur der Stadt Wien bietet kostenlose Beratung und Unterstützung beim Umstieg auf erneuerbare Energien. Die Maßnahmen zeigen bereits Wirkung: Seit Beginn der Offensive hat sich die Solarstromkapazität in der Stadt vervierfacht. Über ein öffentliches PV-Dashboard kann der Fortschritt der Sonnenstrom-Offensive live verfolgt werden.
Bis 2040 klimaneutral
Die Sonnenstrom-Offensive ist aber nur ein Teil der Wiener Klimaschutzinitiativen. Wie in vielen anderen Kommunen hat man auch im Wiener Rathaus längst erkannt, dass der Klimawandel erhebliche Auswirkungen auf das Leben in der Stadt hat. Bereits 1999 wurde das erste Wiener Klimaschutzprogramm initiiert, mit dem nach Angaben der Stadtverwaltung allein zwischen 2009 und 2021 jährlich 1,4 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen eingespart wurden.
Heute ist Wien mit über zwei Millionen Einwohnern nicht nur die größte Stadt Österreichs, sondern auch eine der am schnellsten wachsenden Metropolen Europas. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist die Bevölkerung nach Angaben der Stadtverwaltung um 450.000 Menschen gewachsen – ein Wachstum, das zahlreiche Herausforderungen mit sich bringt, auch für die Klimaschutzbemühungen. Zudem ist Wien vom Klimawandel besonders betroffen. Nach Angaben der Stadt ist die Durchschnittstemperatur in Wien im Vergleich zum langjährigen Mittel von 1961 bis 1990 um 9,7 Grad Celsius gestiegen. Wien geht deshalb einen Schritt weiter und will zur Klimamusterstadt werden. Im Mai 2022 wurde ein Klimafahrplan beschlossen. Darin ist dieses Ziel definiert: Bis 2040 wird die Stadt klimaneutral, dann werden alle Gebäude in Wien emissionsfrei und erneuerbar beheizt und – wo nötig – auch gekühlt.
Verantwortlich für die Umsetzung des Klimafahrplans ist der Wiener Stadtrat für Klima, Umwelt, Demokratie und Personal, Jürgen Czernohorszky. Der SPÖ-Politiker sagt: „Unser Klimafahrplan ist die Grundlage für mehr als 100 zentrale Maßnahmen und Hebel, um Wien in allen Bereichen klimaneutral zu machen.“ Hitzewellen und Überschwemmungen seien kein Zufall, so Czernohorszky, sondern gezielte Folgen der Klimaerwärmung. Gerade die intensiven Sommer der vergangenen Jahre hätten die Gesellschaft alarmiert und das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Klimaschutzes geschärft. Für Czernohorszky ist daher klar: Die Arbeit an Klimaanpassung und Klimaschutz ist eine der größten Herausforderungen der Zukunft.
Initiative „Raus aus Gas“
Eines der ambitioniertesten Projekte des Klimafahrplans ist das Programm „Raus aus Gas – Wiener Wärme und Kälte 2040“, das den vollständigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bei der Beheizung und Kühlung von Gebäuden bis 2040 vorsieht. Der Handlungsbedarf ist groß: Rund 90 Prozent der CO2-Emissionen im Wiener Gebäudesektor werden durch Gasheizungen verursacht.
Klimastadtrat Czernohorszky betont die Dringlichkeit: „In Wiener Wohnungen sind fast 600.000 Gasthermen installiert, davon rund 450.00 dezentrale Anlagen. Sie alle müssen durch erneuerbare und klimaneutrale Alternativen ersetzt werden.“ Und nicht nur das: Die Wienerinnen und Wiener kochen viel mit Gas. 260.000 Kochstellen müssen ebenfalls umgerüstet werden. Ein Man-to-the-Moon-Programm nennt Jürgen Czernohorszky das Vorhaben. Um diesen umfassenden Wandel zu ermöglichen, setzt das Konzept „Raus aus Gas“ auf eine Vielzahl technischer Lösungen. Drei Maßnahmen stehen dabei im Vordergrund:
- Fernwärmeausbau: Wien setzt vor allem in dicht besiedelten Gebieten verstärkt auf Fernwärme, die eine effiziente Möglichkeit bietet, große Stadtteile nachhaltig zu beheizen, indem sie aus erneuerbaren Quellen und Abwärme gespeist wird. Das Wiener Fernwärmenetz, das vom kommunalen Energieversorger Wien Energie betrieben wird, ist mit über 1.300 Kilometern eines der größten Europas. Rund 440.000 Wiener Haushalte und 7.800 Großkunden werden mit Fernwärme versorgt. Bis 2040 sollen rund 56 Prozent der Wiener Haushalte von klimaneutraler Wärme profitieren. Dafür baut Wien Energie die bestehende Infrastruktur massiv aus – rund 420 Kilometer zusätzliche Fernwärmeleitungen und 50 neue Umformerstationen sind geplant.
- Wärmepumpenlösungen: In weniger dicht bebauten Gebieten, in denen ein Fernwärmeanschluss unwirtschaftlich oder nicht realisierbar ist, kommen Wärmepumpen zum Einsatz. Sie nutzen Umgebungswärme, Grundwasser oder Erdwärme und sorgen so für eine klimafreundliche Beheizung von Ein- und Mehrfamilienhäusern.
- Energetische Sanierung: Ein zentraler Bestandteil des Programms ist die umfassende Sanierung des Gebäudebestands. Ziel ist es, den Energieverbrauch durch bessere Dämmung und energieeffiziente Heizsysteme zu senken. Der Umstieg auf erneuerbare Energien wird dadurch erleichtert und kostengünstiger.
Klärwerk wird zum Kraftwerk
Neben diesen Kerntechnologien setzt Wien auch auf innovative Lösungen wie Niedertemperatur-Wärmenetze, Solarthermie und die verstärkte Nutzung von Abwärme. So wird auch die größte Kläranlage der Stadt in Wien Simmering zum Kraftwerk ausgebaut. Wien Energie errichtet dort eine der leistungsstärksten Großwärmepumpen Europas, um Wärme aus dem Abwasser zu gewinnen. Mit Strom aus dem nahegelegenen Wasserkraftwerk Freudenau an der Donau und der Abwärme aus dem Abwasser des Klärwerks kann die Anlage zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien betrieben werden, so Wien Energie. Die erste Ausbaustufe hat eine Leistung von 55 Megawatt und liefert Wärme für bis zu 56.000 Haushalte. „Die Kläranlage in Simmering ist ein Vorzeigebeispiel: Hier werden das Abwasser, der Klärschlamm, die Wasserkraft und die Sonnenenergie genutzt, um sauberen Strom und klimafreundliche Wärme zu gewinnen“, betont Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky.
Eine weitere Großwärmepumpe entsteht in der Müllverbrennungsanlage Spittelau. Die thermische Abfallverwertungsanlage geht als Kunstwerk durch. Sie prägt das Wiener Stadtbild durch den markanten Schornstein, der wie die gesamte Fassade vom Wiener Künstler Friedensreich Hundertwasser gestaltet wurde. Der Schlot spielt eine wichtige Rolle bei der Wärmerückgewinnung. Denn schließlich wird dem Kondensat, das bei der Abkühlung des Rauchgases entsteht, die Wärme entzogen. Moderne Wärmepumpentechnik in der hochkomplexen Anlage erwärmt das Wasser auf rund 90 Grad Celsius, das dann in das Fernwärmenetz eingespeist wird. Die Wärmepumpe soll noch in diesem Jahr in Betrieb gehen und mit einer Gesamtleistung von 16 Megawatt weitere 16.000 Haushalte mit Wärme versorgen.
Soziale Aspekte der Wärmewende
Die Müllverbrennungsanlage Spittelau gilt als Vorbild für den Klimaschutz in der Stadt Wien, weil sie Technik, Kunst und Ökologie verbindet. Die Wiener Wärmewende hat aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt: die soziale Gerechtigkeit. Der Ausstieg aus Gas und der Umstieg auf erneuerbare Energien sollen nicht zu sozialen Verwerfungen führen. Deshalb entwickelt die Stadt umfassende Fördermodelle und Finanzierungsprogramme, um den Umbau leistbar zu machen. Vor allem im sozialen Wohnungsbau, der in Wien eine große Rolle spielt, wird der Wandel aktiv vorangetrieben. Wiener Wohnen, die größte Hausverwaltung der Stadt, setzt auf Pilotprojekte, um klimafreundliche Heizsysteme in den zahlreichen Gemeindebauten zu etablieren.
Säule Energieraumplanung
Eine wichtige Säule von „Raus aus Gas“ ist auch die kommunale Wärmeplanung, in Wien Energieraumplanung genannt. Die Stadt wird in den kommenden Jahren systematisch untersuchen, welche Gebiete für welche Form der erneuerbaren Energieversorgung am besten geeignet sind. Diese Planung soll die Grundlage für den gezielten Ausbau von Fernwärme und Wärmepumpenanlagen schaffen. Parallel dazu werden die rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst. Neue Gesetze und Verordnungen sollen sicherstellen, dass der Ausstieg aus Gas nicht nur möglich, sondern auch verpflichtend wird. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Novelle der Wiener Bauordnung, die bereits 2020 erste Klimaschutzzonen festlegte, in denen Neubauten ausschließlich mit erneuerbaren Energien beheizt werden dürfen.
Das deutsche Pendant zum Programm „Raus aus Gas“ ist das Heizungsgesetz der gescheiterten Ampelkoalition. Damit Schlagzeilen wie „Der Heiz-Hammer“ (Bild-Zeitung) nicht zu Verunsicherung und Widerstand in der Bevölkerung führen, setzt Wien auf transparente Kommunikation und umfassende Beratung. Mit der Initiative „100 Projekte Raus aus Gas“ werden Vorzeigeprojekte ins Rampenlicht gerückt, die den Umstieg auf erneuerbare Heizsysteme demonstrieren und anderen als Vorbild dienen. Darüber hinaus bietet Wien eine Vielzahl von Beratungsangeboten, die Hausbesitzer und Mieter bei der Umstellung unterstützen – von der Planung bis zur Umsetzung.
Umfassende Transformation
Der Wiener Klimafahrplan ist mehr als ein Klimaschutzprogramm. Er soll zu einer umfassenden Transformation führen, welche die Stadt nicht nur unabhängiger von fossilen Energieträgern machen, sondern auch dazu beitragen soll, die Lebensqualität für zukünftige Generationen zu sichern. Der Wiener Ansatz ist ganzheitlich: Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit werden nicht getrennt betrachtet. „Unsere Mission ist es, Wien als Stadt mit der höchsten Lebensqualität der Welt zu erhalten – für alle Menschen, die hier leben“, sagt Stadtrat Jürgen Czernohorszky. „Der Klimafahrplan wird daher immer mit dem Fokus auf sozialen Zusammenhalt und Partizipation umgesetzt.“
Vorreiter in Europa
Die Stadt Wien positioniert sich mit ihrer Klimaschutzstrategie als Vorreiter in Europa und will zeigen, dass eine Großstadt den Weg zur Klimaneutralität erfolgreich gehen kann – mit technischem Know-how, sozialer Verantwortung und starkem politischen Willen. Es bleibt zu hoffen, dass die Hauptstadt Österreichs ihre ehrgeizigen Pläne auch mit einer politisch weiter nach rechts gerückten Wählerschaft und einer neuen Regierung unter einem möglichen Bundeskanzler Herbert Kickl weiterverfolgen kann.
FPÖ-Chef Kickl spricht vom „so genannten Klimawandel“, kritisiert Maßnahmen wie die CO2-Bepreisung und nennt die Klimaziele überzogen. Stattdessen fordert er eine „Klimapolitik mit Hausverstand“. Damit ist wohl nicht gemeint, die Möglichkeiten von Kunst, Kultur und Wissenschaft zu nutzen, um neue Denkweisen für eine bessere Welt zu schaffen – wie es im Wiener Klimafahrplan heißt.
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