Freitag, 19. Juni 2026

GeothermieStrom und Wärme aus dem Untergrund

[26.01.2012] Am Internationalen Geothermiezentrum Bochum werden die Möglichkeiten der tiefen Geothermie im großen Stil erforscht. Ein Ergebnis: Geothermie kann zu einem zukunftsweisenden Energiesystem beitragen. Auch Stadtwerke können von der Energie aus der Tiefe profitieren.
Geothermie-Bohrung: Wärmequellen unter Tage erschließen.

Geothermie-Bohrung: Wärmequellen unter Tage erschließen.

(Bildquelle: Internationales Geothermiezentrum)

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Geothermie als umweltfreundliche, klimaschonende und wirtschaftliche Energieform einzusetzen. Grundsätzlich ist es unterhalb der Erdoberfläche mit zunehmender Tiefe immer wärmer; bis zu einer Nutzungstiefe von 400 Metern spricht man noch von oberflächennaher Geothermie, bei größeren Tiefen von tiefer Geothermie.
Während die oberflächennahe Geothermie zum Heizen und Kühlen von Gebäuden in Verbindung mit einer Wärmepumpe eingesetzt werden kann, sind die Anwendungsmöglichkeiten in größeren Tiefen breiter. So ist bei entsprechender Tiefe und Temperatur die direkte Einspeisung in (Fern-)Wärmenetze ebenso möglich wie die Stromerzeugung.
Aktuell gilt die oberflächennahe Geothermie im Neubaubereich als wirtschaftlich und ist technisch am Markt etabliert. Sie wird – je nach Region – im unteren zweistelligen Prozentbereich eingesetzt, bei leicht steigenden Tendenzen. Tiefe Geothermie ist in Deutschland noch ein Nischenprodukt. Allerdings gehen verschiedene Prognosen mittelfristig von einem rasanten Wachstum in allen Bereichen und Regionen Deutschlands aus, sodass im Jahr 2050 der Anteil der Geothermie an eingesetzter Heizenergie rund 30 bis 35 Prozent betragen könnte.

Oberflächennahe Geothermie

Für Stadtwerke oder regionale Energieversorger gibt es verschiedene Möglichkeiten, von der verstärkten Nutzung der Geothermie bei der Wärmeversorgung zu profitieren. Aufgrund der vorherrschenden Versorgungstrukturen wird der Endkunde immer noch mit Strom beliefert, um die Wärmepumpe zu betreiben. Denn die Nutzung oberflächennaher Geothermie ist nur in Verbindung mit einer Wärmepumpe möglich. Die Wärmepumpe verbraucht dabei allerdings 20 bis 25 Prozent der abzugebenden Heizenergie als elektrische Antriebsenergie. Viele Stadtwerke haben bereits auf die Marktanforderungen reagiert und bieten spezielle Wärmepumpentarife an. Die Palette reicht von preisreduzierten Angeboten in Kombination mit bestimmten Sperrzeiten bis zur gezielten Vermarktung von grünem Ökostrom, um das Gesamtsystem „geothermische Wärmepumpe“ komplett CO2-neutral zu gestalten.
Neue Geschäftsfelder und -modelle ergeben sich für Stadtwerke vor allem im Bereich des Wärme-Contracting. Erfolgreiche Projekte zeigen, dass die Wärme- und gegebenenfalls auch Kälteversorgung über Inselnetze richtungsweisend sein können. Am Bonner Bogen beispielsweise werden über 150.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche für Büro-, Gewerbe- und Hotelimmobilien über ein Contracting-Modell erfolgreich versorgt. Andere Beispiele zeigen auch das Potenzial für kleinere Neubauwohngebiete.

Wärme aus der Tiefe

Vor allem in Süddeutschland sind bislang Lösungen in großem Maßstab umgesetzt worden, die auf der Nutzung von Tiefengeothermie beruhen. Die günstigen geologischen Bedingungen im Alpenvorraum erleichtern die Erschließung der unterirdischen Wärme. Auch hier zeigt sich, dass die Stadtwerke wichtige Treiber und Betreiber der Projekte sind. Sowohl das erste erfolgreiche Kraftwerk zur Strom- und Wärmeerzeugung in Unterhaching, als auch viele der rein wärmegeführten Projekte sind von Stadtwerken (zum Beispiel München) oder von Konsortien mit starker Beteiligung von Stadtwerken (zum Beispiel STEAG) geprägt.
Zukünftig werden solche Projekte aber auch in den geologisch weniger prädestinierten Regionen Deutschlands und Mitteleuropas zum Einsatz kommen. Dabei sind dann weniger die Voraussetzungen der Wärmequelle unter Tage entscheidend als vielmehr die obertägigen Abnehmerstrukturen und Wärmesenken.

Kompetenzplattform in Bochum

Das Internationale Geothermiezentrum Bochum (GZB), 2006 gegründet, ist eine Verbundforschungseinrichtung von Wissenschaft und Wirtschaft. Angesiedelt an der Hochschule Bochum sind die RWTH in Aachen, die FH Gelsenkirchen, die Hochschule OWL und die TU Darmstadt die weiteren universitären Träger. Hinzu kommen assoziierte Universitäten aus Chile, Neuseeland, Kroatien, Griechenland und der Türkei. Neben weiteren Institutionen des Öffentlichen Rechts (EnergieAgentur NRW, Bezirksregierung Arnsberg, Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr GmbH, Stadt Bochum und die IHK Mittleres Ruhrgebiet) sind über 25 Firmen der Geothermiebranche aktive Partner des GZB.
Das GZB ist dabei nicht nur wissenschaftliche Kompetenzplattform, sondern auch aktiver Partner bei der Umsetzung konkreter Projekte. Erfahrungen hat das GZB in der Erstellung von Machbarkeits- und Variantenstudien bis hin zur Ausarbeitung konkreter geothermischer Anlagen und ihrer Auslegung. Das Portfolio reicht von großen, solitären Einzelgebäuden bis zur Versorgung neuer Plangebiete mit über 500 Einheiten.

Nutzung am GeoTechnikum

Das Internationale Geothermiezentrum ist Triebfeder für ein innovatives Projekt in Bochum, einer Großstadt mitten in der dicht besiedelten Metropole Ruhr. Durch die hochschuleigene Forschungsinfrastruktur des GeoTechnikums sind die Mitarbeiter und Projektpartner des GZB in der Lage, neue Ansätze und Ideen zur Erschließung und Nutzung geothermischer Energie unter „in-situ“ Bedingungen zu testen, zu erproben und bis zur Marktreife zu entwickeln. Ab 2012 wird in Bochum eine neuartige Methode zur Erschließung der geothermischen Energie in Tiefen von rund 1.000 Metern erstmals als Machbarkeitsnachweis (proof-of-concept) getestet. Der neuartige Ansatz, der verschiedene ingenieurwissenschaftliche und bergmännische Methoden bündelt, verspricht ein zielgerichtetes und damit effizientes Vorgehen.
Verschiedene Akteure garantieren dabei den Erfolg des Projekts – neben Experten aus den geothermischen Kernbereichen sind von Beginn an zwei weitere Partner mit dabei: Zum einen das Bochumer Bergbaumuseum, das als Kommunikationsplattform für die Geothermie dienen wird. „Vom Kohlebergbau zum Wärmebergbau“ ist der Leitsatz, unter dem die Chancen, Potenziale aber auch die Risiken der Geothermie einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden sollen. Zum anderen sind die Bochumer Stadtwerke Projektpartner. Sollte es mittelfristig gelingen, den Sprung von der wissenschaftlichen Anwendung zu einem produktiven System in Tiefen von 4.000 bis 5.000 Metern zu schaffen, sind die Stadtwerke der Partner, der die gewonnene Wärme vermarkten, verteilen und an Kunden verkaufen kann.

Zukunftsweisendes Energiesystem

Chance und zugleich Vision ist die Umstellung des klassisch mit Steinkohle befeuerten Fernwärmesystems im Bochumer Süden auf Geothermie. Ohne Komforteinbußen für die Kunden, ohne Investitionen oder Umbauten in den Häusern und Wohnungen könnte so ein zukunftsweisendes Energiesystem in der Fläche entstehen. Denkt man diese Vision im großen Maßstab weiter, stellen die vielfältigen Fernwärmesysteme in Deutschland ein großes Potenzial für die erneuerbare Energieversorgung der Zukunft dar. Denn ausgehend von bestehenden und etablierten Infrastrukturen können durchaus auch großräumige Strukturen mit erneuerbarer Wärme versorgt werden.

Prof. Dr. Rolf Bracke hat den Lehrstuhl für Geothermie und Umwelttechnik an der Hochschule Bochum inne.




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Geothermie
Schematische Darstellung einer Anlage zur tiefen Geothermie. Die Grafik zeigt einen Querschnitt durch den Untergrund mit mehreren Gesteinsschichten. Zwei Bohrungen reichen bis in rund 3.500 Meter Tiefe zu einer etwa 150 Grad Celsius heißen wasserführenden Schicht. Heißes Wasser wird über eine Förderbohrung an die Oberfläche geleitet, zur Erzeugung von Fernwärme und Elektrizität genutzt und anschließend über eine zweite Bohrung wieder in den Untergrund zurückgeführt. An der Oberfläche sind Gebäude, Felder, Stromleitungen und technische Anlagen dargestellt. Die Beschriftungen „Fernwärme“ und „Elektrizität“ verdeutlichen die Nutzung der geothermischen Energie.

Baden-Württemberg: Landesregierung setzt auf Geothermie

[12.06.2026] Die neue Landesregierung in Baden-Württemberg will den Ausbau der tiefen Geothermie vorantreiben. Nach Angaben der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg sollen Hemmnisse für die Technologie abgebaut werden. Derzeit befinden sich 17 Anlagen im Land in Planung, eine weitere wird gebaut. mehr...

Stadtwerke Husum: Tiefengeothermie für Wärmeversorgung

[02.06.2026] Die Stadtwerke Husum lassen die Möglichkeiten für eine Nutzung von Tiefengeothermie untersuchen. Eine Machbarkeitsstudie soll klären, ob und wo Bohrungen möglich sind und unter welchen Voraussetzungen sich das Vorhaben umsetzen lässt. mehr...

München: Geothermie-Messungen im Projekt GIGA-M

[01.06.2026] Mit einer Seismik-Kampagne sollen im Großraum München bislang ungenutzte Erdwärme-Potenziale untersucht werden. Mehrere Stadtwerke und kommunale Unternehmen haben sich dazu im Forschungsprojekt GIGA-M zusammengeschlossen. mehr...

Mehrere weiße Vibro-Trucks stehen auf einer Straße am Rand eines Feldes. Die Spezialfahrzeuge werden für seismische Messungen zur Untersuchung des Untergrunds eingesetzt. Der Himmel ist bewölkt.

Nürnberg: N-ERGIE plant Erdwärmeprojekt

[27.05.2026] N-ERGIE will in der zweiten Jahreshälfte 2026 den Untergrund in und um Nürnberg mit 2D-Seismik-Messungen untersuchen. Die Daten sollen helfen, das Potenzial von Erdwärme in der Region Nürnberg genauer zu bewerten. mehr...

Neuhofen: Informationsveranstaltung zu Tiefengeothermie-Projekt

[22.05.2026] Das Tiefengeothermie-Projekt „Rhein-Pfalz“ hat seine erste Bürgerinformationsveranstaltung in Neuhofen genutzt, um Technik, Bohrungen und Wärmenetzpläne vorzustellen. Das große Interesse der Besucher zeigt, wie stark die regionale Wärmewende und die Aussicht auf langfristig stabile Wärmepreise die Menschen vor Ort beschäftigen. mehr...

Oberschwaben: LGRB startet seismische Messkampagne im Herbst

[20.05.2026] In Oberschwaben beginnt im Oktober 2026 eine groß angelegte 2D-Seismik zur Erkundung tiefer geothermischer Potenziale. Die Messkampagne soll Kommunen und Energieversorgern belastbare Daten für klimaneutrale Wärmeprojekte liefern und gilt als wichtiger Baustein der Wärmewende in Baden-Württemberg. mehr...

Kaiserslautern: Pfälzer Wärme aus dem Untergrund

[07.05.2026] Das Unternehmen Deutsche ErdWärme und die Stadtwerke Kaiserslautern prüfen, ob Geothermie künftig zur Wärmeversorgung der Stadt beitragen kann. Dafür werden Daten aus seismischen Messungen im Untergrund ausgewertet. mehr...

Stadtwerke Münster: Untergrundmodell liefert möglichen Bohrstandort

[06.05.2026] Die Stadtwerke Münster haben aus einer groß angelegten 3D-Seismik ein detailliertes Untergrundmodell bis 6.000 Meter Tiefe erstellt und leiten daraus einen ersten möglichen Bohrstandort für Tiefengeothermie am Stadthafen ab. mehr...

Wuppertal: Machbarkeitsstudie zur tiefen Geothermie

[01.04.2026] Die Fraunhofer IEG und die Wuppertaler Stadtwerke starten eine Machbarkeitsstudie zur Nutzung tiefer Geothermie in Wuppertal. Die Untersuchung soll klären, ob Erdwärme aus mehreren tausend Metern Tiefe künftig zur klimafreundlichen Wärmeversorgung der Stadt beitragen kann. mehr...

Herrsching am Ammersee: Gymnasium nutzt PVT-Module

[26.03.2026] Ein Gymnasium in Herrsching am Ammersee nutzt erstmals PVT-Module in Kombination mit Geothermie für seine Energieversorgung. Das hybride System reduziert den Bedarf an Erdsonden deutlich und zeigt, wie sich Flächen- und Genehmigungsgrenzen in Neubauten überwinden lassen. mehr...

Praxisforum Tiefengeothermie: Schwerpunkte des Programms

[23.03.2026] Das Praxisforum Tiefengeothermie stellt vier thematische Foren für sein Programm 2026 vor, darunter ein neues Wärmenetz-Forum. Die Veranstaltung in Pullach will zeigen, wie sich die heimische Energiequelle schneller ausbauen lässt und gewinnt vor dem Hintergrund hoher Energiepreise an Brisanz. mehr...

Vulcan Energy: Neuer Bohrplatz in Rohrbach

[18.03.2026] Vulcan Energy baut mit dem Bohrplatz Trappelberg in Rohrbach einen weiteren Standort für sein Geothermie- und Lithiumprojekt Lionheart bei Landau. Der Ausbau soll klimaneutrale Wärme liefern und die industrielle Lithiumgewinnung in der Region voranbringen. mehr...

Plattform Erneuerbare Energien BW: Informationsportal zur Geothermie gestartet

[13.03.2026] Die Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg hat das Informationsportal Geothermie BW gestartet. Die neue Online-Plattform soll Transparenz über Projekte der tiefen Geothermie schaffen und den fachlichen Austausch zwischen Bürgern, Kommunen und Fachakteuren im Land stärken. mehr...

Fraunhofer IEG: Studie belegt Geothermie-Potenzial von verkarsteten Kalkgesteinen

[11.03.2026] Verkarstete Kalkgesteine in zwei bis drei Kilometern Tiefe könnten in Nordrhein-Westfalen ein bislang unterschätztes Reservoir für geothermische Wärme sein. Neue Bohrkernanalysen aus Iserlohn zeigen, welches Potenzial diese Gesteinsschichten für Wärmenetze und Industrieversorgung besitzen. mehr...

GeoTHERM expo & congress: Messe bestätigt ihren Stellenwert

[06.03.2026] Die GeoTHERM expo & congress 2026 in Offenburg hat ihre Rolle als führende europäische Fachmesse für Geothermie erneut bestätigt. Mehr Besucher, starke internationale Beteiligung und ein Innovationspreis für ein neues seismisches Erkundungsfahrzeug zeigen, wie dynamisch sich die Branche im Zuge der Wärmewende entwickelt. mehr...