Donnerstag, 6. August 2026

NetzplanungKein Bedarf

[30.05.2014] Der Bau von Hochspannungsleitungen ist hochumstritten. Ein Argument gegen die Gleichstrompassage Süd-Ost lautet: Die Trasse dient nur dazu, Braunkohlestrom nach Bayern zu transportieren und widerspricht damit den energiepolitischen Zielen der Bundesregierung.
Die Gleichstrompassage Süd-Ost ist zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit nicht notwendig.

Die Gleichstrompassage Süd-Ost ist zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit nicht notwendig.

(Bildquelle: 50Hertz Transmission)

Die Stromtrasse von Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) nach Meitingen (Bayern) ist eine von drei im Bundesbedarfsplan vorgeschlagenen Leitungen zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ-Technik), welche derzeit sowohl auf lokaler, landes- aber auch bundespolitischer Ebene kontrovers diskutiert werden. Die Leitung fand erstmals im Netzentwicklungsplan 2012 Erwähnung und wurde von der Bundesnetzagentur in den Bundesbedarfsplan übernommen. Als Begründung wird der Ausbau der erneuerbaren Energien in den neuen Bundesländern genannt. Allerdings liegen bis zum heutigen Tag keine konkreten quantitativen und transparent nachvollziehbaren Belege für diese Behauptung vor.
Die aktuelle Auseinandersetzung über die Notwendigkeit der so genannten Gleichstrompassage Süd-Ost steht stellvertretend für grundlegendere Kritik an der Methodik der Netzplanung in Deutschland sowie deren Resultaten: Statt das NOVA-Prinzip (Netzoptimierung, -verstärkung und -ausbau) behutsam umzusetzen, sieht der Netzentwicklungsplan die Einspeisung auch der letzten Kilowattstunde Braunkohlestroms sowie andere Maßnahmen vor, welche zu einem maximalen Ausbau führen. Hingegen werden technische Innovationen wie Leiterseil-Monitoring oder Hochtemperaturseile, welche den Ausbaubedarf weiter reduzieren könnten, nur unzureichend berücksichtigt. Das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) sieht eine Überarbeitung des Bundesbedarfsplans spätestens alle drei Jahre vor, dies wäre 2016/2017. Daher ist jetzt ein guter Zeitpunkt, nicht nur die Süd-Ost HGÜ-Leitung, sondern die gesamte Bundesbedarfsplanung kritisch zu hinterfragen.

Braunkohlestrom für Bayern

Die Bewertung der Stromtrasse muss vor dem Hintergrund der energie- und umweltpolitischen Ziele der Bundesregierung erfolgen: Dabei hat die Große Koalition die Ziele des Energiekonzepts 2010 weitgehend übernommen, unter anderem den Ausbau des Anteils erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung von über 50 Prozent bis zum Jahr 2030 und über 80 Prozent bis 2050 sowie die Reduktion der Treibhausgasemissionen um 40 Prozent bis zum Jahr 2020 und um 80 bis 95 Prozent bis 2050 (auf Basis des Jahres 1990).
Die Gleichstrompassage Süd-Ost ist dazu ausgelegt, Braunkohlestrom aus Mitteldeutschland und der Lausitz in Richtung Bayern zu transportieren, dies entspricht mitnichten den Zielen der Energiewende. Im Umkreis des Einspeisepunktes in Bad Lauchstädt stehen fünf der größten deutschen Braunkohlekraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt 10.500 Megawatt (MW): Schkopau und Lippendorf im Raum Leipzig sowie Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg in der Lausitz. Zwar gibt es in der Region auch eine zunehmende Anzahl von Windparks sowie Photovoltaikanlagen, jedoch ist der Anteil des ins Höchstspannungsnetz eingespeisten Stroms im Vergleich zum Braunkohlestrom vernachlässigbar (rund 20 Prozent).
Derzeit werden in Mittel- und Ostdeutschland zwei neue Braunkohlekraftwerke geplant, welche durch zusätzliche Stromleitungskapazitäten gefördert würden: Bei Halle/Leipzig wird ein 650-MW-Braunkohlekraftwerk in Profen geplant, in der Lausitz ein 2.000-MW-Braunkohlekraftwerk am Standort Jänschwalde. Zur Versorgung dieser Kraftwerke mit Rohbraunkohle ist der Aufschluss von drei neuen Braunkohletagebauen geplant: Lützen (Raum Halle/Leipzig) sowie Welzow II und Nochten II (bei Cottbus).

Versorgung gewährleistet

Die Süd-Ost-Leitung ist energiewirtschaftlich und -technisch nicht erforderlich. Lastflussberechnungen mit einem technisch-ökonomischen Modell des deutschen und europäischen Stromsystems zeigen, dass die Versorgungssicherheit Süddeutschlands nach dem Atomausstieg Mitte der 2020er-Jahre auch ohne die Leitung gewährleistet ist. Zum einen gibt es eine gut entwickelte Netzinfrastruktur, welche durch geringfügige Ergänzungen noch leistungsstärker gestaltet werden kann, zum anderen stehen eine Reihe von alternativen Versorgungsmöglichkeiten zur Verfügung, etwa die Kraftwerke in Süddeutschland und den Alpenländern, Last-Management sowie Speicherausbau. Selbst wenn beide Braunkohlekorridore (HGÜ-Leitung Rheinland-Karlsruhe sowie die Süd-Ost HGÜ-Leitung) nicht gebaut werden, ist die Versorgungssicherheit nicht gefährdet.
Die Verschiebung der weiteren Planung durch den Netzbetreiber Amprion sowie die angekündigte Überarbeitung des Netzentwicklungsplans geben nunmehr Gelegenheit, die Notwendigkeit der Gleichstrompassage Süd-Ost zu hinterfragen und die bisherige Planung auf ihre Annahmen kritisch zu durchleuchten. Dabei müssen sowohl der Szenariorahmen 2015 als Grundlage der Netzplanung als auch deren Methodik den Erfordernissen der Energiewende angepasst werden. Fundierte Antworten auf die derzeit kontrovers diskutierten Fragen können daher frühestens in den Netzentwicklungsplan 2015/2016 Eingang finden.

Prof. Dr. Christian von Hirschhausen leitet das Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) am Institut für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsrecht der Technischen Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem angewandte Industrieökonomik, Infrastruktur- und Netzwerkökonomie sowie Public Sector Management.

Die HGÜ-Stromautobahn Süd-Ost ist nicht nur unnötig, sondern unterminiert explizit die Ziele der Energiewende in Bezug auf Klimaschutz und erneuerbare Energien. Die Leitung würde den Bau von ein oder zwei Braunkohlekraftwerken in Mitteldeutschland fördern, wodurch die Braunkohletechnologie für die nächsten 60 Jahre im deutschen Energiemix verbleiben würde. Deutschland müsste sich nicht nur von seinen Klimazielen für 2020 verabschieden, auch die Ziele für 2050 würden unerreichbar. Unabhängig davon würden durch die Intensivierung der Braunkohlenutzung in den neuen Bundesländern mehr als 3.500 Menschen ihre Heimat verlieren, weil 15 zusätzliche Dörfer abgebaggert werden. Deshalb gilt: Die Stromtrasse ist energiewirtschaftlich überflüssig, umweltökonomisch verheerend und gesellschaftlich nicht akzeptabel.
Von Prof. Dr. Christian von Hirschhausen

Stichwörter: Netze | Smart Grid, Politik


Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Netze | Smart Grid

Mitnetz Strom: Investitionen in das Stromnetz in Brandenburg

[03.08.2026] Mitnetz Strom investiert 2026 rund 119 Millionen Euro in den Ausbau und die Modernisierung des Stromnetzes in Brandenburg. Die Vorhaben sollen zusätzliche Netzkapazitäten für erneuerbare Energien schaffen und die Versorgungssicherheit in mehreren Regionen stärken. mehr...

Bundesnetzagentur: Kar­te zur Ver­sor­gungs­qua­li­tät der Verteilernetzbetreiber veröffentlicht

[28.07.2026] Die Bundesnetzagentur hat eine Deutschlandkarte zur Versorgungsqualität der Stromverteilernetzbetreiber veröffentlicht. Sie macht Unterschiede bei Netzanschlüssen, Digitalisierung und Versorgungszuverlässigkeit sichtbar und soll den Wettbewerb um leistungsfähigere Netze fördern. mehr...

Hager: NH-Sicherungslastschaltleisten überarbeitet

[24.07.2026] Hager hat seine NH-Sicherungslastschaltleisten für 185-Millimeter-Sammelschienensysteme grundlegend überarbeitet. Die neue Baureihe soll die Sicherheit in Niederspannungsverteilungen erhöhen und zugleich Wartung, Überwachung und Montage erleichtern. mehr...

Stadtwerke Fellbach: Pilotprojekt zu dynamischen Zwillingen

[23.07.2026] Smight und retoflow entwickeln gemeinsam einen dynamischen Zwilling für Niederspannungsnetze. Das Pilotprojekt bei den Stadtwerken Fellbach zeigt, wie sich Mess- und Netzdaten innerhalb kurzer Zeit zu einem Modell für Planung und Netzbetrieb verknüpfen lassen. mehr...

Mitnetz Strom: Anschluss von Rechenzentrum

[21.07.2026] Mitnetz Strom schließt in Lübbenau das bislang größte Rechenzentrum seines Netzgebiets an das 110-Kilovolt-Hochspannungsnetz an. Das Projekt steht für den stark wachsenden Strombedarf von Rechenzentren und zeigt, wie sich die Anforderungen an die Verteilnetze im Zuge der Energiewende verändern. mehr...

Berlin: Umspannwerke ohne Treibhausgas

[17.07.2026] Stromnetz Berlin lässt zwei neue 110-Kilovolt-Umspannwerke in Wittenau und Neukölln errichten. Dabei kommen dabei SF₆-freie gasisolierte Schaltanlagen zum Einsatz. Die Projekte sollen die Netzinfrastruktur der Hauptstadt modernisieren und die Stromversorgung absichern. mehr...

Wiesbaden: Umspannwerk für die City

[16.07.2026] Die Stadtwerke Wiesbaden Netz haben mit dem Bau eines neuen Umspannwerks begonnen. Das Unternehmen investiert nach eigenen Angaben 39 Millionen Euro in das Projekt, das Anfang 2031 in Betrieb gehen soll. mehr...

TenneT: Ostbayernring vollständig in Betrieb

[15.07.2026] Die Höchstspannungsleitung Ostbayernring ist auf ihrer gesamten Länge von rund 185 Kilometern in Betrieb gegangen. Die Leitung erhöht die Transportkapazität für Strom und soll die Integration erneuerbarer Energien sowie die Versorgungssicherheit verbessern. mehr...

Thüga: Regler für mehr Solarstrom im Netz

[01.07.2026] Ein Pilotprojekt in Thüringen erprobt eine neue Technologie zur besseren Nutzung bestehender Stromnetze. Nach Angaben der Thüga kann ein neuer Mittelspannungslängsregler die Aufnahme von Photovoltaik-Strom deutlich erhöhen und so den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen. mehr...

Ein Techniker installiert ein intelligentes Messsystem (Smart Meter) in einem Stromzählerkasten. Das digitale Messgerät mit Kommunikationsmodul wird in die bestehende Strominfrastruktur eingebaut und ermöglicht die automatische Erfassung und Übermittlung von Verbrauchsdaten.

Stadtwerke Düsseldorf / EnBW: Kooperation für intelligente Stromnetze

[22.06.2026] Die Stadtwerke Düsseldorf und EnBW Utility Services bauen ihre Zusammenarbeit bei intelligenten Messsystemen aus. Künftig umfasst die Partnerschaft auch das sogenannte CLS-Management zur Steuerung dezentraler Energieanlagen. mehr...

Zwei Monteure in orangefarbener Schutzkleidung steigen an einem Hochspannungsmast aus Stahl empor. Im Hintergrund sind Stromleitungen vor blauem Himmel mit wenigen Wolken zu sehen.

BDEW: Schnellere Genehmigungen für den Netzausbau

[19.06.2026] Der BDEW hat Vorschläge zur Beschleunigung des Stromnetzausbaus vorgelegt. Nach Angaben des Verbands könnten Änderungen im Energiewirtschaftsgesetz und im Infrastruktur-Zukunftsgesetz dazu beitragen, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu verkürzen. Im Fokus stehen Vereinfachungen bei der Modernisierung bestehender Netze und bei Genehmigungsprozessen. mehr...

bne: Studie verweist auf Rekordrenditen bei VNB

[18.06.2026] Eine Analyse des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft zeigt Rekordrenditen bei Deutschlands größten Verteilnetzbetreibern. Gleichzeitig verschärfen sich die Probleme beim Netzausbau und bei neuen Netzanschlüssen für die Energiewende. mehr...

TransnetBW/EWE Netz: Energiewende-App bald in Niedersachsen verfügbar

[18.06.2026] Die Energiewende-App StromGedacht wird künftig auch im Netzgebiet von EWE Netz in Niedersachsen verfügbar sein. Die Kooperation mit TransnetBW erweitert das Konzept netzdienlichen Verbrauchs erstmals auf ein großes Verteilnetz und soll Verbraucher stärker in die Netzstabilisierung einbinden. mehr...

Mitnetz Strom: Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in die Planung

[16.06.2026] Mitnetz Strom setzt beim Bau einer neuen Hochspannungsleitung auf einen frühen und intensiven Dialog mit den Bürgern. Der Netzbetreiber will Konflikte vermeiden, die Feinplanung verbessern und Akzeptanz für den Ausbau der Energieinfrastruktur schaffen. mehr...

Netzanschluss: Software beschleunigt Berechnungen

[12.06.2026] Das Kölner Unternehmen envelio hat nach eigenen Angaben eine neue Technologie für die Berechnung von Stromnetzen entwickelt. Die Lösung soll Netzsimulationen erheblich beschleunigen und damit Netzanschlüsse schneller ermöglichen. mehr...