Sonntag, 14. Juni 2026

GeothermieKlimaschonende Wärme in NRW

[24.02.2020] Um die Klimaschutzziele der Bundesregierung zu erreichen und gleichzeitig die Energie- und Wärmeversorgung sicherzustellen, braucht es einen Mix erneuerbarer Energien. Geothermie kann dazu einen bedeutenden Beitrag leisten. In Nordrhein-Westfalen wird dieses Potenzial gehoben.
Mit über 55.000 Anlagen zur Nutzung oberflächennaher Geothermie ist Nordrhein-Westfalen Vorreiter in der Erschließung regenerativer Erdwärme.

Mit über 55.000 Anlagen zur Nutzung oberflächennaher Geothermie ist Nordrhein-Westfalen Vorreiter in der Erschließung regenerativer Erdwärme.

(Bildquelle: EnergieAgentur.NRW)

Auf die Wärmeversorgung entfallen rund 50 Prozent des deutschen Primärenergiebedarfs. Dabei werden laut Berechnungen des Umweltbundesamts ungefähr 40 Prozent der energiebedingten Treibhausgasemissionen in Deutschland verursacht. Einen Rahmen für die künftige Energieversorgung und -bereitstellung hat sich Nordrhein-Westfalen gegeben. Dabei ist die Wärmewende ein wesentliches Handlungsfeld der Energieversorgungsstrategie des Landes. Ziel ist es, den klimafreundlichen Transformationsprozess in diesem Sektor auszubauen und hierfür die notwendige Energie-Infrastruktur zu schaffen. Weiter ist beschrieben, dass eine erfolgreiche Wärmewende auf die lokalen Gegebenheiten abgestimmt sein und unter anderem auf einer weitgehend dekarbonisierten leitungsgebundenen Wärmeversorgung basieren muss. Dies erfordert eine stärkere Ausrichtung nicht nur auf erneuerbare Energien, sondern auch auf den Ausbau der tiefen Geothermie, mit der unter anderem Wohngebäude beheizt werden können. Außerdem ermöglicht es die Geothermie, Prozesswärme kostengünstig bereitzustellen. Und Wärmenetze können in Kombination mit Geothermie grüne Fernwärme liefern. Bundesweit liefern bereits 37 tiefe Geothermie-Anlagen jährlich circa 1,2 Terawattstunden (TWh) klimaneutrale Wärmeenergie.

Hohes geothermisches Potenzial

Um die Tiefengeothermie in Nordrhein-Westfalen systematisch auszubauen, ist zunächst eine Charakterisierung thermalwasserführender Gesteine hinsichtlich ihrer Nutzbarkeit erforderlich. Nach derzeitigem Kenntnisstand wird ein hohes geothermisches Potenzial in devon- und karbonzeitlichen Karbonat- und Sandsteinen sowie in Sandsteinen und Kalksteinen des Erdmittelalters erwartet. Auf der 15. NRW Geothermiekonferenz der EnergieAgentur.NRW im September 2019 wurde das von der EU geförderte INTERREG-Projekt „Roll-out of Deep Geothermal Energy in NWE“, kurz DGE Roll-out, vorgestellt. Es soll die Weichen für den Tiefe-Geothermie-Markt in Nordwesteuropa stellen, Projekte fördern und die dazu notwendigen geologischen Potenziale erkunden.

Fernwärmenetz regenerativ versorgen

Besonders im grenznahen westlichen Teil von Nordrhein-Westfalen können demnach vielversprechende Energiereserven erschlossen werden. Eine wesentliche Rolle könnte das Kraftwerk Weisweiler spielen, einer der derzeit größten Kohlemeiler Europas, der viele Tausend Menschen in und um Aachen mit Wärme versorgt. Energieversorger RWE sieht eine zukunftsweisende Möglichkeit darin, das an das Kraftwerk angebundene Fernwärmenetz mithilfe tiefer Geothermie ab etwa 2030 regenerativ zu versorgen.
Die Projektpartner des DGE Roll-out wollen nicht nur die uralten, verkarsteten Kalkgesteine mit hohen Thermalwassermengen erkunden. Es soll auch das hydrothermale Potenzial der Karbonate im Braunkohlenrevier am Standort Weisweiler und darüber hinaus charakterisiert werden. Ein erstes Vorbereitungsprojekt mit möglichen Aussagen zur Nutzbarmachung des tiefengeothermischen Potenzials am Kraftwerksstandort ist bereits auf den Weg gebracht.

NRW ist Vorreiter

Mit über 55.000 Anlagen zur Nutzung oberflächennaher Geothermie ist NRW Vorreiter in der Erschließung regenerativer Erdwärme. Nach Berechnungen des Landesumweltamts (LANUV) beträgt das Nutzungspotenzial knapp 154 Terawattstunden pro Jahr (TWh/a). Damit könnten circa 57 Prozent des jährlich anfallenden Wärmebedarfs gedeckt werden. Jährlich fragt das LANUV bei den Genehmigungsbehörden die Zubauquote von Erdwärmeheizungen ab. Für das Jahr 2018 wurden rund 4.000 neue Anlagen gezählt. Das ist im Vergleich zu 2017 ein Zuwachs von mehr als 7,5 Prozent bei den Neuinstallationen. Kommunen, die den höchsten Zubau an geothermischen Erdwärmeheizungen verzeichnen, werden auf dem NRW Geothermiekongress ausgezeichnet. Coesfeld beispielsweise lag in der Kategorie Landkreise für das Jahr 2018 mit rund 280 installierten Erdwärmeheizungen auf Platz eins. In der Kategorie Gemeinden siegte Havixbeck mit 29 neuen Erdwärmeheizungen im Jahr 2018. Das LANUV hat außerdem eine landesweite Studie zur oberflächennahen Geothermie erstellt, die den Kommunen als Planungsinstrument dienen kann.

Umsetzungsstrategien erarbeiten

Beim Erschließen hydrothermaler Quellen steht Nordrhein-Westfalen noch am Anfang. Mit dem Projekt DGE Roll-out erhofft sich die Landesregierung weitere Erkenntnisse über die geothermalen Reservoire, Entscheidungshilfen für Investoren sowie für Stadtwerke und Kommunen. Auch soll es gelingen, Umsetzungsstrategien für Geothermieprojekte zu erarbeiten und die geothermische Energie in die bestehenden Fernwärmenetze der Kohleverbrennungsstandorte einzubinden.

Der Autor: Leonhard Thien

Thien, LeonhardLeonhard Thien ist Leiter des Themengebiets Geothermie und Wärmepumpen bei der EnergieAgentur.NRW. Seit 2011 ist er Präsidiumsmitglied im Bundesverband Geothermie, seit 2015 Vizepräsident und Sprecher des Fachausschusses Oberflächennahe Geothermie.



Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Geothermie
Schematische Darstellung einer Anlage zur tiefen Geothermie. Die Grafik zeigt einen Querschnitt durch den Untergrund mit mehreren Gesteinsschichten. Zwei Bohrungen reichen bis in rund 3.500 Meter Tiefe zu einer etwa 150 Grad Celsius heißen wasserführenden Schicht. Heißes Wasser wird über eine Förderbohrung an die Oberfläche geleitet, zur Erzeugung von Fernwärme und Elektrizität genutzt und anschließend über eine zweite Bohrung wieder in den Untergrund zurückgeführt. An der Oberfläche sind Gebäude, Felder, Stromleitungen und technische Anlagen dargestellt. Die Beschriftungen „Fernwärme“ und „Elektrizität“ verdeutlichen die Nutzung der geothermischen Energie.

Baden-Württemberg: Landesregierung setzt auf Geothermie

[12.06.2026] Die neue Landesregierung in Baden-Württemberg will den Ausbau der tiefen Geothermie vorantreiben. Nach Angaben der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg sollen Hemmnisse für die Technologie abgebaut werden. Derzeit befinden sich 17 Anlagen im Land in Planung, eine weitere wird gebaut. mehr...

Stadtwerke Husum: Tiefengeothermie für Wärmeversorgung

[02.06.2026] Die Stadtwerke Husum lassen die Möglichkeiten für eine Nutzung von Tiefengeothermie untersuchen. Eine Machbarkeitsstudie soll klären, ob und wo Bohrungen möglich sind und unter welchen Voraussetzungen sich das Vorhaben umsetzen lässt. mehr...

München: Geothermie-Messungen im Projekt GIGA-M

[01.06.2026] Mit einer Seismik-Kampagne sollen im Großraum München bislang ungenutzte Erdwärme-Potenziale untersucht werden. Mehrere Stadtwerke und kommunale Unternehmen haben sich dazu im Forschungsprojekt GIGA-M zusammengeschlossen. mehr...

Mehrere weiße Vibro-Trucks stehen auf einer Straße am Rand eines Feldes. Die Spezialfahrzeuge werden für seismische Messungen zur Untersuchung des Untergrunds eingesetzt. Der Himmel ist bewölkt.

Nürnberg: N-ERGIE plant Erdwärmeprojekt

[27.05.2026] N-ERGIE will in der zweiten Jahreshälfte 2026 den Untergrund in und um Nürnberg mit 2D-Seismik-Messungen untersuchen. Die Daten sollen helfen, das Potenzial von Erdwärme in der Region Nürnberg genauer zu bewerten. mehr...

Neuhofen: Informationsveranstaltung zu Tiefengeothermie-Projekt

[22.05.2026] Das Tiefengeothermie-Projekt „Rhein-Pfalz“ hat seine erste Bürgerinformationsveranstaltung in Neuhofen genutzt, um Technik, Bohrungen und Wärmenetzpläne vorzustellen. Das große Interesse der Besucher zeigt, wie stark die regionale Wärmewende und die Aussicht auf langfristig stabile Wärmepreise die Menschen vor Ort beschäftigen. mehr...

Oberschwaben: LGRB startet seismische Messkampagne im Herbst

[20.05.2026] In Oberschwaben beginnt im Oktober 2026 eine groß angelegte 2D-Seismik zur Erkundung tiefer geothermischer Potenziale. Die Messkampagne soll Kommunen und Energieversorgern belastbare Daten für klimaneutrale Wärmeprojekte liefern und gilt als wichtiger Baustein der Wärmewende in Baden-Württemberg. mehr...

Kaiserslautern: Pfälzer Wärme aus dem Untergrund

[07.05.2026] Das Unternehmen Deutsche ErdWärme und die Stadtwerke Kaiserslautern prüfen, ob Geothermie künftig zur Wärmeversorgung der Stadt beitragen kann. Dafür werden Daten aus seismischen Messungen im Untergrund ausgewertet. mehr...

Stadtwerke Münster: Untergrundmodell liefert möglichen Bohrstandort

[06.05.2026] Die Stadtwerke Münster haben aus einer groß angelegten 3D-Seismik ein detailliertes Untergrundmodell bis 6.000 Meter Tiefe erstellt und leiten daraus einen ersten möglichen Bohrstandort für Tiefengeothermie am Stadthafen ab. mehr...

Wuppertal: Machbarkeitsstudie zur tiefen Geothermie

[01.04.2026] Die Fraunhofer IEG und die Wuppertaler Stadtwerke starten eine Machbarkeitsstudie zur Nutzung tiefer Geothermie in Wuppertal. Die Untersuchung soll klären, ob Erdwärme aus mehreren tausend Metern Tiefe künftig zur klimafreundlichen Wärmeversorgung der Stadt beitragen kann. mehr...

Herrsching am Ammersee: Gymnasium nutzt PVT-Module

[26.03.2026] Ein Gymnasium in Herrsching am Ammersee nutzt erstmals PVT-Module in Kombination mit Geothermie für seine Energieversorgung. Das hybride System reduziert den Bedarf an Erdsonden deutlich und zeigt, wie sich Flächen- und Genehmigungsgrenzen in Neubauten überwinden lassen. mehr...

Praxisforum Tiefengeothermie: Schwerpunkte des Programms

[23.03.2026] Das Praxisforum Tiefengeothermie stellt vier thematische Foren für sein Programm 2026 vor, darunter ein neues Wärmenetz-Forum. Die Veranstaltung in Pullach will zeigen, wie sich die heimische Energiequelle schneller ausbauen lässt und gewinnt vor dem Hintergrund hoher Energiepreise an Brisanz. mehr...

Vulcan Energy: Neuer Bohrplatz in Rohrbach

[18.03.2026] Vulcan Energy baut mit dem Bohrplatz Trappelberg in Rohrbach einen weiteren Standort für sein Geothermie- und Lithiumprojekt Lionheart bei Landau. Der Ausbau soll klimaneutrale Wärme liefern und die industrielle Lithiumgewinnung in der Region voranbringen. mehr...

Plattform Erneuerbare Energien BW: Informationsportal zur Geothermie gestartet

[13.03.2026] Die Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg hat das Informationsportal Geothermie BW gestartet. Die neue Online-Plattform soll Transparenz über Projekte der tiefen Geothermie schaffen und den fachlichen Austausch zwischen Bürgern, Kommunen und Fachakteuren im Land stärken. mehr...

Fraunhofer IEG: Studie belegt Geothermie-Potenzial von verkarsteten Kalkgesteinen

[11.03.2026] Verkarstete Kalkgesteine in zwei bis drei Kilometern Tiefe könnten in Nordrhein-Westfalen ein bislang unterschätztes Reservoir für geothermische Wärme sein. Neue Bohrkernanalysen aus Iserlohn zeigen, welches Potenzial diese Gesteinsschichten für Wärmenetze und Industrieversorgung besitzen. mehr...

GeoTHERM expo & congress: Messe bestätigt ihren Stellenwert

[06.03.2026] Die GeoTHERM expo & congress 2026 in Offenburg hat ihre Rolle als führende europäische Fachmesse für Geothermie erneut bestätigt. Mehr Besucher, starke internationale Beteiligung und ein Innovationspreis für ein neues seismisches Erkundungsfahrzeug zeigen, wie dynamisch sich die Branche im Zuge der Wärmewende entwickelt. mehr...