InterviewRevolutionäres System statt Update

Axel Falge ist mit Thüga SmartService seit dem Jahr 2019 Co-Innovationspartner für SAP Cloud for Utilities. Bei Thüga SmartService ist er für die Energiewirtschaftliche Abrechnungslösungsplattform IS-U verantwortlich.
(Bildquelle: Thüga SmartService GmbH)
Herr Falge, Herr Ostermann, die Transformation vom On-Premise-Modell zur Cloud-Lösung scheint unabwendbar. Ist das so – und wo liegen die wesentlichen Vorteile der Cloudisierung?
Axel Falge: Ich habe kürzlich eine Grafik gesehen und dachte, die steile Kurve nach oben zeige den Fortschritt beim Smart Meter Roll-out. Ein Irrtum. Es ging um die Verbreitung von Cloud-Anwendungen und zeigte das Ende klassischer Software im Jahr 2032. Die Cloudisierung ist also nicht mehr aufzuhalten.
Henrik Ostermann: Cloud ist kein Selbstzweck und soll Vorteile für die Nutzer bringen. Viele Software-Anbieter entwickeln Innovationen vor allem in der Cloud. Klar ist aus meiner Sicht, dass die Kunden durch die Cloudisierung zunächst einmal entlastet werden. Ein konkretes Beispiel bietet die Marktkommunikation im Energiemarkt. Um Formatwechsel und regulatorische Anpassungen müssen sich Energieversorger nicht mehr kümmern. Das entfällt in der Cloud, diese Marktprozesse übernehmen wir. Außerdem können die Kunden mit dem Technologiewandel leichter Schritt halten, denn Innovation und Weiterentwicklung findet in der Cloud in kürzeren Zyklen statt.
Wenn es um die Cloud geht, gibt es immer wieder Kritik hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit. Was entgegnen Sie den Bedenkenträgern?
Falge: Um IT-Sicherheit musste man sich schon immer kümmern, ob im Rechenzentrum oder in der Cloud. Klar ist jedenfalls: Datensicherheit ist eine Vertrauensfrage. Mich hat das Vorgehensmodell von SAP überzeugt. Es wird vor einem Projekt gemeinsam erarbeitet, welche Geschäftsfelder an sich bereits cloudfähig sind und welche nicht.
Ostermann: Wichtig ist es, transparent zu kommunizieren, wie die Rechenzentren abgesichert sind und was im Krisenfall passiert. Ich sehe es auch so, dass es um Vertrauen geht. Wir ergreifen viele Maßnahmen, um uns das Vertrauen der Kunden zu verdienen: Zertifizierung, Absicherung und Ausfallsicherheit der Rechenzentren oder Spiegelung der Daten auf entfernten Servern. Dazu bieten wir Desaster-Recovery-Verfahren und Service Level Agreements an, sodass die Kunden auf der sicheren Seite sind.
Vor welchen Herausforderungen stehen Energieversorger und Stadtwerke durch die Cloud?
Falge: Die erste Frage, die sich ein Stadtwerk stellen muss, lautet: Welche IT-Infrastruktur brauchen wir für die Zukunft? Ein großes, monolithisches System abzuschalten, ohne etwas zu verändern, wird nicht funktionieren. Wir müssen lernen, stärker in Prozessen zu denken, und diese konsequent in die neue Welt transformieren. Energieversorger sind datengetrieben, alle Geschäftsprozesse müssen sicher und schnell abgewickelt werden. Deshalb haben wir uns auch gewünscht, dass SAP Cloud for Utilities mehr wird als nur eine Erneuerung von SAP IS-U.
Ostermann: Während der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass Flexibilität und Innovationsfähigkeit sehr wichtig sind, um den stetigen Wandel in der Energiewirtschaft bewältigen zu können. Auf dem Weg von heutigen, vorwiegend in eigenen Rechenzentren gehosteten Lösungen, hin zu mehr Standardnutzung in der Cloud ist für Stadtwerke eine sukzessive Transformation sinnvoll. Die gezielte Einführung von Cloud-Lösungen als Ergänzung zu On-Premise-Software kann schnell zu echten Mehrwerten für bestimmte Geschäftsbereiche führen.
SAP und Thüga SmartService arbeiten zusammen innerhalb des Projekts Co-Innovation an der Cloud for Utilities. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Partnerschaft, kann SAP das nicht alleine entwickeln?
Ostermann: Wir könnten die Lösung sicher auch alleine entwickeln. Wir wollen aber den neuen Marktstandard setzen – und den setzt nicht der Anbieter, sondern der Markt. Deswegen vernetzen wir uns mit den Akteuren der Energiewirtschaft in der Co-Innovationsgruppe. Damit geben wir den Anwendern die Möglichkeit, ihre Erfahrungen einzubringen und erste Releases zu testen. Das frühe Kunden-Feedback steigert die Effizienz und Qualität der Software-Entwicklung und damit auch die der Lösung.
Falge: Natürlich waren wir etwas aufgeschreckt, als SAP angekündigt hat, dass die Wartung für die IS-U-Plattform ausläuft. Uns war klar, die Ablösung wird ein größeres Projekt. An der Entwicklung mitzuwirken, ist eine große Chance. Wir benötigen nicht nur ein Update, sondern ein revolutionär erneuertes System. Wir wissen ja, was mit der SAP-HANA-Plattform möglich ist. In der Co-Innovationsgruppe können wir darüber mit Branchenunternehmen auf der ganzen Welt diskutieren und uns schon jetzt auf die Zukunft vorbereiten.
Ostermann: Die Co-Innovationsgruppe setzt sich aus Mitgliedern aus 20 Ländern zusammen. Dabei sind sehr kleine Unternehmen – etwa vertreten durch Thüga SmartService – und sehr große Unternehmen mit Millionen von Kunden. So ist sichergestellt, dass alle Anforderungen berücksichtigt werden können.
„Standards setzt nicht der Anbieter, sondern der Markt.“
Welche Prioritäten gelten für die Entwicklung der Lösung?
Ostermann: In erster Linie wollen wir Geschäftsnutzen realisieren, die Cost to Serve senken, die Time to Market reduzieren und neue Geschäftsfelder, also das Non-Commodity-Geschäft, ermöglichen. Weitere Fokusthemen sind Vorgangsvermeidung und Automatisierung. Insgesamt soll die IT-Systemlandschaft der Energieversorger modularer und flexibler werden.
Falge: Häufig wird die Frage gestellt, ob gerade ein kleineres Stadtwerk eine SAP-Lösung braucht. Es zeigt sich: Durch die Skalierbarkeit passt die Lösung für Unternehmen aller Größenklassen. Für uns ist es wichtig, dass wir Altsysteme und Add-ons abschalten können. SAP Cloud for Utilities sollte also 100 Prozent plus x des Ist-Zustands abdecken.
Mit Blick auf die Roadmap: Wo stehen Sie und wann können Kunden mit dem Produkt rechnen?
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Ostermann: Sämtliche Komponenten von SAP Cloud for Utilities sind bereits verfügbar und auch schon bei Kunden produktiv im Einsatz. Derzeit geht es um die Komposition der Komponenten zu einem Ganzen, um Ende-zu-Ende-Prozesse möglich zu machen. In Zusammenarbeit mit E.ON entwickeln wir bis Ende dieses Jahres den neuen Standard für den Verteilnetzbetreiber und den Messstellenbetreiber, inklusive der MaKo Cloud für den Netzbetreiber, für den Lieferanten wird die MaKo Cloud bis Mitte 2022 ausgeliefert.
Was macht die Cloud for Utilities zu einem echten Quantensprung?
Ostermann: Technologisch haben wir mit der Entwicklungsplattform SAP HANA und der In-memory-Funktion für die Echtzeitanalyse großer Datenmengen einen riesigen Schritt gemacht. Diese Technologie ist die Basis für weitere Innovationen, für Flexibilität und Agilität. Mit SAP Cloud for Utilities werden wir alle drei Marktrollen in Ende-zu-Ende-Prozessen abdecken, natürlich inklusive der Marktkommunikation aus der Cloud. Das heißt, dass wir Altsysteme nach erfolgreicher Transformation vollständig ablösen können.
Falge: Unsere Erwartung ist natürlich zunächst, dass wir nichts verlieren und alles so abrechnen können wie heute. Zusätzlich wird es künftig nicht nur möglich sein, schnell neue Geschäftsfelder zu erschließen, sondern durch intelligente Automation auch viele Vorgänge zu vermeiden. Und wir können das Potenzial neuer Technologien wie künstliche Intelligenz, Machine Learning oder Data Analytics auch in der Energiewirtschaft ausschöpfen.
https://www.sap.com
Dieser Beitrag ist im Sonderheft Juni 2021 von stadt+werk zur Infrastruktur für die Smart City erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
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