Donnerstag, 5. März 2026

HerrenchiemseeKulturerbe hat Nahwärmesystem erhalten

[19.01.2026] Auf der Herreninsel im Chiemsee ist ein neues Nahwärmesystem mit Holzvergaser-Blockheizkraftwerk in Betrieb gegangen, das mehrere denkmalgeschützte Gebäude nahezu autark mit Wärme und Strom versorgt. Das Projekt zeigt, wie sich erneuerbare Energietechnik auch in sensiblen Kulturerbe-Strukturen technisch anspruchsvoll integrieren lässt.

Die 40 Meter lange Hackschnitzelhalle auf der Herreninsel.

(Bildquelle: Fotograf Vetter)

Ein neues Holzvergaser-Blockheizkraftwerk bildet das Zentrum eines vollständig erneuerten Energiekonzepts für das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift auf Herrenchiemsee, das heute als Altes Schloss Teil des denkmalgeschützten Ensembles der Herreninsel ist. Wie Gammel Engineering mitteilt, wurde das Projekt gemeinsam mit dem Staatlichen Bauamt Rosenheim realisiert und erweitert ein bestehendes Nahwärmenetz zu einer kombinierten Wärme- und Stromversorgung auf Basis regionaler Biomasse.

Das Nahwärmenetz versorgt seit Jahren die Schlossgebäude, Werkstätten und landwirtschaftlichen Einrichtungen der Insel. Zuvor erzeugte ein Hackschnitzelkessel mit Heizöl-Reserve die Wärme. Nach einem Defekt der Altanlage entschied sich der Bauherr für eine grundlegende Neuausrichtung, bei der neben Wärme auch elektrische Energie erzeugt werden sollte. Ein zusätzlicher Rahmen ergibt sich aus dem Bayerischen Klimaschutzgesetz von 2021, das staatliche Einrichtungen zu einem verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien verpflichtet. Die Herreninsel verfügt über rund 150 Hektar nachhaltig bewirtschafteten Waldbestand, der mehr Holz liefert, als für die Eigenversorgung erforderlich ist.

Inselwald liefert Holz

Kern der neuen Anlage ist ein Holzvergaser-Blockheizkraftwerk vom Typ Spanner Re² HKA 70 Prozess. Die Anlage nutzt Hackschnitzel aus dem eigenen Inselwald, die vor Ort aufbereitet werden, zur Erzeugung von Holzgas. Dieses treibt einen Gasmotor an, der gleichzeitig Strom und Wärme erzeugt. Der Kraft-Wärme-Kopplungsprozess erreicht dadurch einen hohen Gesamtwirkungsgrad. Das BHKW deckt die Grundlast des Wärmenetzes ab und stellt eine elektrische Leistung von 68 Kilowatt für die angeschlossenen Liegenschaften bereit. Überschüssiger Strom wird in einem integrierten Batteriespeicher zwischengespeichert. Für Lastspitzen sind zwei zusätzliche Hackschnitzelkessel installiert, die seit 2021 im Bräuhausstock untergebracht sind.

Besondere Aufmerksamkeit galt der Brennstoffqualität. Der Holzvergaser benötigt Hackschnitzel mit einem Feuchtegehalt von maximal zehn Prozent. Gammel-Projektleiter Thomas Reithmeier erläutert: „Wir haben einen hohen Anspruch an den Brennstoff. Der darf maximal noch zehn Prozent Feuchteanteil haben.“ Die erforderliche Trocknung erfolgt Gammel Engineering zufolge nicht mit zusätzlichem Energieeinsatz, sondern über die Abwärme des BHKW. Damit entsteht ein geschlossener Energiekreislauf, der die Effizienz der Gesamtanlage weiter erhöht.

Abluft trocknet Brennstoff

Baulich wurde eine bestehende, rund 40 Meter lange Hackschnitzelhalle um einen Trocknungs- und Bunkerbereich ergänzt. Das Blockheizkraftwerk selbst befindet sich im Untergeschoss, sodass die warme Abluft ohne lange Transportwege zur Brennstofftrocknung genutzt werden kann. Eine neue, etwa 100 Meter lange Trasse bindet die Anlage an das vorhandene Wärmenetz an und verteilt die erzeugte Energie an die angeschlossenen Gebäude.

Die Planung und Umsetzung erfolgten im denkmal- und naturschutzrechtlich sensiblen Umfeld der Herreninsel. Über einen Zeitraum von drei Jahren begleitete Gammel Engineering die Genehmigungs- und Ausführungsphase. Die Integration in das bestehende Wärmenetz erwies sich als technisch anspruchsvoll, da viele Bestandsleitungen nicht vollständig dokumentiert waren und hydraulisch exakt mit der neuen Technik abgestimmt werden mussten.

Erweiterung des ursprünglichen Auftrags

Zusätzliche Herausforderungen ergaben sich durch die Erweiterung des ursprünglichen Auftrags, insbesondere im Hochbau der Trocknungsanlage und bei den Brandschutzanforderungen.

Seit Ende September 2025 befindet sich das Holzvergaser-Blockheizkraftwerk im Vollbetrieb. Nach Angaben des Projektbeteiligten laufen noch Feinjustierungen, die grundsätzliche Funktionsfähigkeit und Effizienz des Systems gilt jedoch als nachgewiesen. Michael Gammel, Geschäftsführer von Gammel Engineering, erklärt dazu: „Ein Projekt, das aus unserer Sicht beispielhaft dafür steht, wie die Energiewende auch in denkmalgeschützten Gebäuden gelingen kann.“

Mit dem neuen Nahwärmekonzept verbindet die Herreninsel regionale Ressourcen, Kraft-Wärme-Kopplung und eine technisch anspruchsvolle Einbindung in historische Bausubstanz. Das Projekt zeigt, dass nachhaltige Energieversorgung und der Schutz kulturellen Erbes miteinander vereinbar sind und liefert damit einen Ansatz, der auch für andere Kommunen und Kulturgüter von Interesse sein kann.





Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Kraft-Wärme-Kopplung Wärmeversorgung

Jade Hochschule: Vereinheitlichung der kommunalen Wärmeplanung

[04.03.2026] Die Jade Hochschule will die kommunale Wärmeplanung in Niedersachsen mit einem landesweit einheitlichen Daten- und Methodenstandard harmonisieren. Ein neues, vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördertes Forschungsprojekt soll Kommunen schneller zu belastbaren Entscheidungen über Wärmenetze oder dezentrale Lösungen führen. mehr...

Saarland: Studie analysiert Wärmeversorgung

[04.03.2026] Eine neue Studie analysiert die Wärmeversorgung im Saarland und zeigt Wege zur klimaneutralen Wärmewende auf. Die Untersuchung soll Kommunen eine belastbare Grundlage für ihre Wärmeplanung bis 2045 liefern. mehr...

Region Mitte Niedersachsen: Förderung dreier Klimaschutz-Projekte

[02.03.2026] Die Zukunftsregion Mitte Niedersachsen fördert drei Projekte zu Mikrowärmenetzen, energetischer Sanierung und Abfallpädagogik mit rund 540.000 Euro. Die Bescheide übergab Landesbeauftragter Ottmar von Holtz in Rehburg-Loccum und setzte damit ein Signal für die interkommunale Zusammenarbeit in Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft. mehr...

Braunschweig: Holzheizkessel in Betrieb genommen

[27.02.2026] BS Energy und SH Kraft & Wärme haben im Braunschweiger Energie Effizienz Quartier Gliesmarode/Querum einen zweiten Holzheizkessel in Betrieb genommen. Mit der Leistungssteigerung um 50 Prozent wächst der Anteil erneuerbarer Wärme im Quartiersnetz weiter und das Ziel einer vollständig regenerativen Versorgung bis 2040 rückt näher. mehr...

Gebäudemodernisierungsgesetz: Kritik und Lob von Branchenverbänden

[26.02.2026] Das neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) setzt auf eine Grüngasquote, eine entfristete Bio-Treppe und stärkere Förderung für Fernwärmenetze. Verbände aus der Energie- und Wärmewirtschaft begrüßen den Kurswechsel, warnen aber vor Preisrisiken, fehlender Planungssicherheit und offenen Detailfragen. mehr...

Böhl-Iggelheim: Entstehung von kaltem Nahwärmenetz

[26.02.2026] In Böhl-Iggelheim entsteht an der Jakob-Heinrich-Lützel-Grundschule ein kaltes Nahwärmenetz auf Basis von Erdsonden und Sole-Wasser-Wärmepumpen. Das Projekt soll die kommunale Wärmeversorgung ab 2026 klimafreundlich sichern und perspektivisch ein ganzes Quartier einbinden. mehr...

Sechsstufige Wärmepumpenanlage „Energy Unit 2.0“ in der XL-Variante: Außen aufgestellte Luft/Wasser-Wärmepumpenmodule in schallgedämmter Einhausung vor einem Mehrfamilienhaus, teilweise mit geöffneten Schutzgittern.

Vaillant: XL-Wärmepumpe für Mehrfamilienhäuser

[23.02.2026] In Dortmund wurde erstmals eine sechsstufige Wärmepumpenanlage der XL-Variante in Betrieb genommen. Das System versorgt zwei Mehrfamilienhäuser aus den 1960er-Jahren. Laut den Beteiligten spart es jährlich 20,5 Tonnen CO₂ ein. mehr...

Stadtwerke Lemgo: Beteiligungsvolumen für Großwärmespeicher ausgeschöpft

[20.02.2026] Das Beteiligungsvolumen für den Großwärmespeicher der Stadtwerke Lemgo ist binnen weniger Tage vollständig ausgeschöpft. Zwei Millionen Euro flossen in das Projekt zur klimaneutralen Wärmeversorgung und zeigen die breite Unterstützung für die Wärmewende vor Ort. mehr...

Enpal: Wärmepumpe kompensiert Fernwärmenetz

[20.02.2026] Enpal steigt in die kommunale Wärmeplanung ein und übernimmt für Städte und Gemeinden die Versorgung von Haushalten außerhalb bestehender Fernwärmenetze mit Wärmepumpen. Damit reagiert das Unternehmen auf den wachsenden Handlungsdruck der Kommunen und will mit hoher Installationskapazität eine Lücke in der lokalen Wärmewende schließen. mehr...

BBSR: Studie zur Wärmeplanung mit Digitalen Zwillingen

[18.02.2026] Eine neue Studie untersucht, wie Digitale Zwillinge die kommunale Wärmeplanung strategisch unterstützen. Der Bericht des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zeigt anhand von 189 Kommunen, wann sich der Einsatz digitaler Modelle lohnt und wo ihre Grenzen liegen. mehr...

Cuxhaven: Alter Fischereihafen erhält Energiespundwand

[13.02.2026] Niedersachsen fördert im Alten Fischereihafen Cuxhaven eine bundesweit einzigartige Energiespundwand, die Wärme direkt aus dem Meerwasser gewinnt. Das 3,1-Millionen-Euro-Projekt soll ein 61.000 Quadratmeter großes Quartier klimaneutral mit Heiz- und Kühlenergie versorgen und gilt als Modell für die Wärmewende in Häfen. mehr...

SAENA: Kostenfreies Webinar zur Wärmeplanung

[12.02.2026] Die Sächsische Energieagentur SAENA bietet am 27. Februar 2026 ein kostenfreies Webinar zu Ausschreibung und Vergabe in der kommunalen Wärmeplanung an. mehr...

Stiftung Umweltenergierecht: Webinar zur Wärmeplanung

[09.02.2026] Neue Leitfäden sollen Kommunen den Schritt von der Wärmeplanung in die praktische Umsetzung erleichtern. Die Stiftung Umweltenergierecht stellt zentrale Inhalte und Empfehlungen in einem kostenfreien Online-Seminar vor. mehr...

Stuttgart: Abwärme von Rechenzentrum macht Schule

[06.02.2026] Ein Rechenzentrum in Stuttgart speist seine Abwärme erstmals systematisch in ein lokales Wärmenetz ein. Das Projekt von nLighten und Wärmelösungen Synergiepark Stuttgart zeigt, wie digitale Infrastruktur konkret zur Dekarbonisierung städtischer Wärmeversorgung beitragen kann. mehr...

Leverkusen: Wärmeplan liegt öffentlich aus

[05.02.2026] Der Entwurf der kommunalen Wärmeplanung der Stadt Leverkusen liegt nun öffentlich aus. Bürgerinnen und Bürger haben die Möglichkeit, den Plan online einzusehen und Stellung zu nehmen. Das Ziel ist eine klimaneutrale Wärmeversorgung bis zum Jahr 2045. mehr...