Samstag, 11. April 2026

HamburgWärme aus Abwasser

[07.01.2026] Mit der größten Abwasserwärmepumpe Deutschlands treiben die Hamburger Energiewerke und Hamburg Wasser die Wärmewende voran. Das Pionierprojekt im Energiepark Hafen demonstriert, wie Städte ihre lokalen Energiepotenziale nutzen können.

Vier leistungsstarke Aggregate bilden den Kern der Anlage im Energiepark Hafen auf der Elbinsel Dradenau.

(Bildquelle: Hamburger Energiewerke/HAMBURG WASSER)

Was für viele im Alltag unsichtbar verschwindet, ist für die Ingenieurin Kirsten Fust eine wertvolle Ressource: Abwasser. „Direkt vor unserer Haustür schlummert ein enormes Wärmepotenzial. Wir alle tragen täglich dazu bei“, sagt Fust. Sie steht am zukünftigen Standort der Abwasserwärmepumpe am Klärwerk Hamburg zwischen Verdichtern, Wärmetauschern und Rohrleitungen. Fust weiß, wovon sie spricht. Als Geschäftsführerin der Hamburger Energiewerke (HEnW) verantwortet sie das Pionierprojekt zur Nutzung des kommunalen Abwassers: die Abwasserwärmepumpe auf der Elbinsel Dradenau im Hamburger Hafen. Partner ist das Unternehmen Hamburg Wasser, der städtische Trinkwasserver- und Abwasserentsorger. Der Bau der Abwasserwärmepumpe ist bereits weit fortgeschritten. Dank geeigneter Technologie, einem idealen Standort und der treibenden Kraft politischer Entschlossenheit steht der Stadt diese bislang ungenutzte Ressource bald zur Verfügung – als verlässliche Wärmequelle für tausende Hamburger Haushalte.

Tempo beim Klimaschutz

Die Freie und Hansestadt will beim Klimaschutz Tempo machen: Bis spätestens 2030 soll der Kohleausstieg gemäß Klimaschutzgesetz vollendet sein. Als städtischer Energieversorger sind die Hamburger Energiewerke zentraler Treiber dieser Transformation. Mit der Ablösung ihrer Heizkraftwerke in Wedel und Hamburg-Tiefstack erreichen die Hamburger Energiewerke bereits 2028 ihr Zwischenziel von rund 50 Prozent klimaneutraler Wärme im Stadtnetz. Um diese Wärme zu ersetzen, müssen sie lokale Wärmepotenziale erkennen und wirtschaftlich erschließen. Hamburg hat als Millionenmetropole, Industrie- und Hafenstandort viele solcher Ressourcen.

Mit dem Energiepark Hafen auf der Dradenau entsteht derzeit ein zen­traler Ort für die Wärmewende. Die Hamburger Energiewerke binden in diesen modularen Erzeugungspark klimafreundliche Wärme aus Abwasser sowie Abwärme aus Industrie und Müllverwertung ein. Gemeinsam mit dem Energiepark Tiefstack, in dem der Hamburger Kohleausstieg vollendet wird , bildet der Energiepark Hafen künftig das Rückgrat der Hamburger Wärmeversorgung.

Ideale Wärmequelle

Rund 450.000 Kubikmeter durchlaufen täglich das Klärwerk von Hamburg Wasser bei verlässlichen Temperaturen von mindestens zwölf Grad Celsius, selbst im Winter. Genau diese Grundwärme macht das Abwasser zur idealen Wärmequelle. Nach ihrer Fertigstellung liefert die 60-Megawatt-Anlage klimafreundliche Fernwärme für rechnerisch bis zu 39.000 Hamburger Haushalte. Damit zählt sie zu den größten Abwasserwärmepumpen Europas. Vier leistungsstarke Aggregate am Klärwerksablauf mit je 15 Megawatt Wärmeleistung bilden den Kern der Anlage, die bis zu 90.000 Tonnen CO2 pro Jahr im Vergleich zur bisherigen fossil erzeugten Wärme einspart. 

Die aus dem Abwasser gewonnene Wärme wird zunächst zur benachbarten, derzeit im Bau befindlichen Gas-und-Dampfturbinenanlage (GuD) der Hamburger Energiewerke geleitet. Sie bildet das Herzstück des Energieparks und fungiert als Drehkreuz für die aus unterschiedlichen Quellen eintreffende Wärme. Hier wird geregelt, ob die Temperatur der Wärme noch weiter angehoben werden muss, beispielsweise im Winter, oder ob sie zur späteren Verwendung in den 50 Meter hohen Wärmespeicher geleitet wird. Über den neuen Fernwärmetunnel unter der Elbe transportieren die Hamburger Energiewerke die Wärme schließlich in das städtische Fernwärmenetz und zu den Hamburger Haushalten.

Große Transformation

Die Dimensionen dieses wie auch anderer aktueller Projekte der Hamburger Energiewerke zeigen eindrücklich: Hamburgs Fernwärmeversorgung steht vor ihrer wohl größten Transformation. Auch für den städtischen Versorger bedeutet das einen gewaltigen Kraftakt. Zwischen 2022 und 2028 investieren die HEnW rund 2,85 Milliarden Euro in den Aus- und Umbau des Fernwärmesystems sowie in den Ausbau erneuerbarer Energien. 

Großwärmepumpen wie die Anlage auf der Dradenau spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie entstehen dort, wo Wärme konstant verfügbar ist. GuD-Anlagen stellen flexibel und bedarfsgerecht zusätzliche Leistung bereit. Der Energiepark Hafen verkörpert diese Logik und steht zugleich für einen Paradigmenwechsel in der Wärmeerzeugung: weg von wenigen zentralen Kraftwerken, hin zu einem modularen, flexiblen System. Weitere Großwärmepumpen sind bereits in Planung, etwa eine Flusswasserwärmepumpe an der Billwerder Bucht als Teil des neuen Energieparks Tiefstack.

Auch förderrechtlich ist das Projekt zukunftsweisend: Die Anlagenkonstellation aus Großwärmepumpe, Gas- und Dampfturbinenkraftwerk, Wärmespeicher sowie Power-to-Heat-Einheit bildet gemeinsam ein sogenanntes innovatives Kraft-Wärme-Kopplungssystem (iKWK). Über das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG) wird dieses System besonders gefördert. Es verknüpft Technologien intelligent, nutzt Wärme effizient und reduziert CO₂-Emissionen signifikant. Der politische Impuls für diese Systemförderung kam maßgeblich aus Hamburg.

Der Energiepark Hafen ist daher nicht nur ein Ort technischer Innovation. Er steht auch für kommunale Umsetzungskraft und politische Rückendeckung. Mit Projekten wie der Abwasserwärmepumpe zeigen die beiden städtischen Unternehmen Hamburger Energiewerke und Hamburg Wasser, dass die Wärmewende nicht allein eine Frage der Technologie ist, sondern auch eine von Haltung, Strategie und verlässlichen Rahmenbedingungen.

Hamburger Leuchtturm

Die Abwasserwärmepumpe auf der Elbinsel Dradenau ist somit ein Leuchtturmprojekt für urbanen Klimaschutz, das die Wärmewende in Sicht bringt und zugleich zeigt, dass die Zukunft der Wärmeversorgung buchstäblich direkt vor unserer Haustür beginnt. Hamburg macht vor, wie die konsequente Nutzung eigener Potenziale die Wärmewende Realität werden lässt. Damit sendet die Stadt ein starkes Signal an andere Städte. Auch sie können ihre lokalen Ressourcen für eine klimaneutrale Zukunft erschließen.

Dr. Ulrich Liebenthal ist Leiter Systemplanung bei der Hamburger Energiewerke GmbH.




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Wärmeversorgung

Kronshagen: Altlastenfläche wird zum Bürgerpark

[10.04.2026] Kronshagen erschließt Erdwärme unter einem ehemaligen Altlastenstandort und koppelt das Projekt mit einer Parkentwicklung. Die frühzeitige Wärmeplanung ermöglicht klimaneutrales Heizen und zeigt, wie Kommunen mehrere Ziele gleichzeitig erreichen können. mehr...

Dresden: Kommunale Wärmeplanung überarbeitet

[09.04.2026] Dresden bringt eine überarbeitete Fassung seines kommunalen Wärmeplans in den Stadtrat ein, mit klarem Fokus auf den Ausbau von Wärmenetzen und lokale Lösungen. Die Maßnahmen bis 2028 sollen den hohen Erdgasanteil senken und die künftige Rolle des Gasnetzes klären. mehr...

Alt-Text: Bürgerversammlung der Stadt Leverkusen zur kommunalen Wärmeplanung: Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sitzen in einem Veranstaltungsraum und verfolgen einen Vortrag auf einer großen Leinwand, auf der „Heizen mit Zukunft“ präsentiert wird.

Leverkusen: Plan für klimaneutrale Wärme liegt vor

[08.04.2026] Nach der Auswertung von Bürgerhinweisen liegt nun der finale Bericht zur Wärmeplanung der Stadt Leverkusen vor. Dieser benennt Einsparpotenziale sowie mögliche Ausbaugebiete für Wärmenetze. Bei Zustimmung des Rates kann die schrittweise Umsetzung beginnen. mehr...

Deutschlandkarte mit kommunaler Wärmeplanung auf Kreisebene: In verschiedenen Blautönen sind alle Kommunen dargestellt, wobei dunkle Flächen jene Kommunen kennzeichnen, die bereits einen fertigen Wärmeplan vorliegen haben. Diese konzentrieren sich vor allem in Süddeutschland sowie in einzelnen Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet, während in vielen anderen Regionen – insbesondere in Teilen Ostdeutschlands und ländlichen Gebieten – noch überwiegend hellere Flächen ohne abgeschlossene Planung dominieren.

BBSR: Wärmeplanung kommt voran

[07.04.2026] In Deutschland leben immer mehr Menschen in Kommunen mit einem fertigen Wärmeplan. Laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung waren es Ende 2025 knapp ein Drittel der Bevölkerung. Besonders weit sind einzelne Bundesländer im Süden und Norden. mehr...

Mehrere Männer stehen und sitzen an einem großen Holztisch in einem repräsentativen Raum und unterzeichnen gemeinsam Dokumente. Zwei Männer sitzen in der Mitte und unterschreiben die Absichtserklärung, während andere Beteiligte daneben stehen und zuschauen. Im Hintergrund sind die Flaggen Deutschlands, der Europäischen Union und Polens zu sehen.

Stadtwerke Görlitz: Deutsch-polnisches Projekt United Heat

[01.04.2026] In Görlitz hat der Bau eines deutsch-polnischen Fernwärmeprojekts begonnen. Das Vorhaben sieht vor, die Wärmenetze von Görlitz und Zgorzelec zu verbinden und bis 2030 klimaneutral zu machen. Die Bundesregierung unterstützt das Projekt mit rund 80 Millionen Euro. mehr...

Deutscher Städte- und Gemeindebund: Umsetzung der Wärmewende in Gefahr

[30.03.2026] Deutschlands Kommunen warnen vor einem finanziellen Kollaps, der Investitionen in die Wärmewende ausbremst. Ohne grundlegende Reformen und verlässliche Förderstrukturen drohen Planung und Umsetzung vor Ort ins Stocken zu geraten. mehr...

Studie: Wärmenetze trotz knapper Kassen finanzieren

[25.03.2026] Eine neue Studie zeigt, wie Kommunen Wärmenetze trotz knapper Kassen finanzieren und wirtschaftlich betreiben können. Sie liefert konkrete Modelle, Planungswege und ein Berechnungstool – entscheidend angesichts milliardenschwerer Investitionen bis 2030. mehr...

Dresden: Intelligentes Fernwärmenetz in Betrieb gegangen

[23.03.2026] In Dresden-Friedrichstadt ist ein digital gesteuertes Fernwärmenetz mit modularer Großwärmepumpe in Betrieb gegangen. Das Projekt zeigt, wie sich erneuerbare Wärme und intelligente Datensteuerung für eine effizientere und klimafreundliche Versorgung kombinieren lassen. mehr...

Stadtwerke Tübingen: Förderung für Großwärmepumpe erhalten

[20.03.2026] Die Stadtwerke Tübingen erhalten 23 Millionen Euro Förderung für eine Großwärmepumpe am Klärwerk. Damit gewinnt die Transformation der Fernwärme an Tempo und ein zentraler Baustein für die Dekarbonisierung rückt näher. mehr...

Von links: Wolf-Thomas Hendrich (Versorgungsbetriebe Hoyerswerda), Katrin Bartsch (Stadtwerke Weißwasser) und Michael Schiemenz (Städtische Werke Spremberg) unterzeichnen eine Vereinbarung.

Kooperation: Klimaneutrale Wärme in der Lausitz

[16.03.2026] Drei Stadtwerke aus der Lausitz treiben ihre Wärmewende voran. Die Unternehmen aus Weißwasser, Hoyerswerda und Spremberg haben einen Planervertrag für ein gemeinsames Projekt zur Transformation der Wärmeversorgung unterzeichnet. Das Ziel ist eine weitgehend dekarbonisierte Wärmeversorgung bis Mitte der 2030er Jahre. mehr...

BEE: Positionspapier empfiehlt Holzenergie für die Wärmeversorgung

[09.03.2026] Ein neues Positionspapier des Bundesverbands Erneuerbare Energie stellt Holzenergie als zentralen Baustein der Wärmewende dar. Angesichts geopolitischer Risiken und steigender Preise für Öl und Gas fordert der Verband, heimische Holzwärme stärker in der Wärmeversorgung zu berücksichtigen. mehr...

Jade Hochschule: Vereinheitlichung der kommunalen Wärmeplanung

[04.03.2026] Die Jade Hochschule will die kommunale Wärmeplanung in Niedersachsen mit einem landesweit einheitlichen Daten- und Methodenstandard harmonisieren. Ein neues, vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördertes Forschungsprojekt soll Kommunen schneller zu belastbaren Entscheidungen über Wärmenetze oder dezentrale Lösungen führen. mehr...

Saarland: Studie analysiert Wärmeversorgung

[04.03.2026] Eine neue Studie analysiert die Wärmeversorgung im Saarland und zeigt Wege zur klimaneutralen Wärmewende auf. Die Untersuchung soll Kommunen eine belastbare Grundlage für ihre Wärmeplanung bis 2045 liefern. mehr...

Region Mitte Niedersachsen: Förderung dreier Klimaschutz-Projekte

[02.03.2026] Die Zukunftsregion Mitte Niedersachsen fördert drei Projekte zu Mikrowärmenetzen, energetischer Sanierung und Abfallpädagogik mit rund 540.000 Euro. Die Bescheide übergab Landesbeauftragter Ottmar von Holtz in Rehburg-Loccum und setzte damit ein Signal für die interkommunale Zusammenarbeit in Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft. mehr...

Braunschweig: Holzheizkessel in Betrieb genommen

[27.02.2026] BS Energy und SH Kraft & Wärme haben im Braunschweiger Energie Effizienz Quartier Gliesmarode/Querum einen zweiten Holzheizkessel in Betrieb genommen. Mit der Leistungssteigerung um 50 Prozent wächst der Anteil erneuerbarer Wärme im Quartiersnetz weiter und das Ziel einer vollständig regenerativen Versorgung bis 2040 rückt näher. mehr...