Donnerstag, 17. September 2026

ElektromobilitätWildwuchs vorbeugen

[05.04.2024] Im Rahmen ihres Elektromobilitätskonzepts „otto fährt elektrisch“ hat die Stadt Magdeburg eine Gestaltungsrichtlinie für die Lade-Infrastruktur von E-Autos und E-Bikes erstellt. Dabei wurden auch Aspekte der Barrierefreiheit berücksichtigt.
Im Rahmen ihres Elektromobilitätskonzepts „otto fährt elektrisch“ hat die Stadt Magdeburg eine Gestaltungsrichtlinie für die Lade-Infrastruktur von E-Autos und E-Bikes erstellt.

Im Rahmen ihres Elektromobilitätskonzepts „otto fährt elektrisch“ hat die Stadt Magdeburg eine Gestaltungsrichtlinie für die Lade-Infrastruktur von E-Autos und E-Bikes erstellt.

(Bildquelle: Benasi Tharanga/stock.adobe.com)

Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg hat sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt. Die Erstellung eines Elektromobilitätskonzepts ist Teil der gesamtstädtischen Strategie zur Umsetzung des Energie- und Klimakonzepts. Mit der erfolgreichen Bewerbung um die Beteiligung am Exzellenz-Programm „Masterplan 100 % Klimaschutz“ der Nationalen Klimaschutzinitiative hat sich Magdeburg weitergehende ambitionierte Ziele gesetzt. So sollen bis zum Jahr 2050 die CO2-Emissionen auf kommunaler Ebene um 95 Prozent gegenüber 1990 gesenkt und der Energieverbrauch im gleichen Zeitraum halbiert werden. 2018 beschloss der Stadtrat einen Maßnahmenkatalog für die Handlungsfelder Energie, Gebäude, Wirtschaft und klimaverträglicher Alltag und leitete die Umsetzung der Vorhaben ein. Ein Jahr später wurde die Deklaration „Klimaschutz umsetzen – Klimakrise bewältigen“ verabschiedet. CO2-Neutralität wird damit bereits bis zum Jahr 2035 angestrebt. Das bedeutet jedoch nicht nur, den Maßnahmenkatalog des „Masterplans 100% Klimaschutz“ schneller umzusetzen. Vielmehr sind ein Denken in neuen Maßstäben und ein sehr schneller Mentalitätswechsel in allen Bereichen erforderlich.

Erarbeitung eines Konzepts

In diesem Kontext stehen die Aktivitäten zur Förderung der Elektromobilität im Stadtgebiet. Die Erarbeitung eines E-Mobilitätskonzepts wurde früh vom Stadtrat beschlossen, jedoch mussten von der Verwaltung zunächst die personellen und finanziellen Ressourcen abgesichert werden. Von 2020 bis 2022 erarbeitete die Verwaltung unter Einbindung des Planungsbüros SHP Ingenieure aus Hannover ein entsprechendes Konzept, dessen Schwerpunkte ein Standortkonzept für ­E-Ladesäulen, eine Gestaltungsrichtlinie für ­E-Ladepunkte sowie Empfehlungen zur Elektrifizierung des städtischen Fuhrparks, mit Fokus auf den Städtischen Abfallwirtschaftsbetrieb (SAB), umfassen. Das Konzept wurde im Jahr 2023 durch den Stadtrat bestätigt.
Eine Bestandsaufnahme aus den Jahren 2018 und 2019 zeigte, dass zunächst vor allem der lokale Energieversorger einzelne Ladesäulen errichtete, deren Betrieb angesichts der noch niedrigen Nutzung in den Anfangsjahren nur dank umfangreicher Förderung wirtschaftlich zu rechtfertigen war – und nach Aussage des Versorgers auch heute noch von Fördermitteln abhängig ist. Zudem boten einzelne Autohäuser Lademöglichkeiten auf ihrem Firmengelände. Seit ungefähr 2021 erreichen die Stadtverwaltung vermehrt Anfragen von Betreibern, die Interesse am Aufbau und Betrieb ihrer Ladesäulen im öffentlichen Straßenraum haben. Die Verwaltung steht somit vor dem Zielkonflikt, auf der einen Seite den Betreibern so viele Ladesäulen wie möglich zu gewähren, auf der anderen Seite jedoch einen Wildwuchs zu verhindern und für eine stadtbildverträgliche Einordnung der Ladesäulen zu sorgen.

Flächenbedarf und -konflikt

Bei Detailabstimmungen zu den ersten Ladesäulen im öffentlichen Straßenraum zeigte sich relativ schnell, welche Herausforderungen bestehen: Das ist zum einen der Flächenbedarf – auf welchen Flächen sollen Ladesäulen stehen dürfen? Zum anderen existiert ein Flächenkonflikt – welche Abstände zu anderen Nutzungen sind einzuhalten, insbesondere zu Hochbordradwegen, die neben den mit Ladesäulen auszurüstenden Pkw-Stellplätzen verlaufen?
Und auch wenn dem Thema Elek­tromobilität nicht die gleiche Bedeutung der Daseinsvorsorge wie dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zufällt, lag es nahe, das Thema Barrierefreiheit auf die Gestaltung von E-Ladesäulen zu übertragen. Während der Bearbeitung stellte sich schnell heraus, dass der beschriebene Flächenkonflikt nur gelöst werden kann, indem Infrastruktur für den (elektrischen) motorisierten Individualverkehr (MIV) auch auf Flächen, die bereits für den MIV vorgesehen sind, positioniert wird. Das hat den willkommenen Nebeneffekt, dass Menschen im Rollstuhl, die ihr Fahrzeug laden wollen, zwischen Fahrzeug und Ladesäule keinen Bordstein überwinden müssen, da sich die Flächen für den MIV und somit zukünftig auch die Ladesäulen unterhalb des Bordsteins befinden. Gleichwohl gehen mit einer solchen Anordnung erhöhte Anforderungen an einen Anprallschutz für die Ladesäulen einher, wenngleich die hierfür einzusetzenden Poller die Nutzbarkeit und Barrierefreiheit der Ladesäulen nicht beeinträchtigen dürfen.

Reduzierung der Stellplätze

Offensichtlich ist, dass der Flächenbedarf der Ladesäulen zu einer Reduzierung der auf der gleichen Fläche angebotenen Stellplätze führt. Diese kann bis zu 20 Prozent betragen. Positiv hierbei ist jedoch, dass die damit einhergehende Verknappung des Stellplatzangebots neben der durch die Ladesäulen angeregten Antriebswende auch Anreize zu einer Änderung des Mobilitätsverhaltens im Sinne einer Verkehrswende anregen kann.
Zur Abstimmung der weiteren Belange der Barrierefreiheit, wie etwa der notwendigen Abstandsmaße, wurde mit allen Beteiligten ein Vor-Ort-Termin an einer Ladesäule auf dem Parkplatz eines Baumarkts durchgeführt, die bereits viele Merkmale der Barrierefreiheit aufweist. Von großem Wert war, dass die anwesende Behindertenbeauftragte der Landeshauptstadt Magdeburg selbst als Rollstuhlnutzerin Auto fährt. Insbesondere die Erreichbarkeit der einzelnen Bedien­elemente, die Unterfahrbarkeit der Ladesäule und die Kabelführung stellten sich hierbei als wesentliche Knackpunkte heraus.

Unterschiedliche Qualitäten

Die bislang eingegangenen Anträge für Ladesäulen im öffentlichen Straßenraum wiesen bisher sehr unterschiedliche Qualitäten auf. Daher wurden nach Beschluss des Elektromobilitätskonzepts die wesentlichen Inhalte der Gestaltungsrichtlinie in einer Broschüre zusammengefasst, die neben verschiedenen Detailbestimmungen auch Lageplanskizzen und Bilder positiver Beispiele bereits vorhandener Ladesäulen enthält. Mit einer ebenfalls enthaltenen Liste an einzureichenden Antragsunterlagen soll eine zügige Bearbeitung der Anträge ermöglicht werden.
Ziel ist, das öffentlich zugängliche Ladesäulennetz in den nächsten Jahren erheblich zu verdichten, sodass dieses einen maßgeblichen Anteil an der Antriebswende in Richtung eines klimaverträglicheren Straßenverkehrs leisten kann.

Stefan Siesing

Der Autor, Stefan SiesingStefan Siesing ist Diplomingenieur für Verkehrsingenieurwesen und seit dem Jahr 2017 als Sachbearbeiter für generelle Verkehrsplanung im Stadtplanungsamt Magdeburg beschäftigt. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem das Thema Elektromobilität.



Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Elektromobilität

Stadtwerke Stuttgart: Einladung zu Ladegesprächen

[17.09.2026] Wie sich Lade-Infrastruktur zu einem wirtschaftlichen Kundengeschäft weiterentwickeln lässt, wollen Stadtwerke und Energieversorgungsunternehmen im November in Stuttgart diskutieren. Die Stadtwerke Stuttgart rufen dafür mit den „Ladegesprächen“ einen neuen geschlossenen Arbeitskreis ins Leben. mehr...

Kulmbach: E.ON eröffnet Schnellladepark

[16.09.2026] E.ON hat in Kulmbach einen neuen Schnellladestandort mit zwölf Ladeplätzen in Betrieb genommen. Der Ladepark ist Teil des Deutschlandnetzes und bietet eine Ladeleistung von bis zu 400 Kilowatt je Ladestation. mehr...

München: Neues Vergabeverfahren für Ausbau der Lade-Infrastruktur

[09.09.2026] München will den Ausbau öffentlicher Lade-Infrastruktur künftig über Konzessionen organisieren und damit das bisherige Verteilverfahren ablösen. Anlass für den Wechsel ist ein Urteil des Verwaltungsgerichts München, das Mängel am bisherigen Auswahlverfahren festgestellt hatte. mehr...

KVG: Betriebshof wird auf emissionsfreien Busverkehr umgestellt

[07.09.2026] Der Eigenbetrieb Beteiligungen der Landeshauptstadt Kiel modernisiert den KVG-Betriebshof in der Werftstraße für den weiteren Ausbau des Elektrobusverkehrs. Mit dem Abriss einer alten Wagenhalle entstehen Flächen für zusätzliche Fahrzeuge und Lade-Infrastruktur. mehr...

M3E: Aktualisiertes Whitepaper zur GEIG-Novelle

[24.08.2026] Die GEIG-Novelle verschärft die Vorgaben für Lade-Infrastruktur an Wohn- und Nichtwohngebäuden. M3E hat die neuen Pflichten und Fristen in einem aktualisierten Whitepaper zusammengefasst. mehr...

Hansen powercloud: Elli verlängert Vertrag für Abrechnungsplattform

[24.08.2026] Elli verlängert den Vertrag für die energiewirtschaftliche Abrechnungsplattform Hansen powercloud bis 2030. Die Plattform soll künftig auch neue Geschäftsmodelle und Vehicle-to-Grid-Anwendungen unterstützen. mehr...

Lichtblick: Schnellladestandorte erhalten Batteriespeicher

[18.08.2026] LichtBlick setzt erstmals Batteriespeicher ein, um Schnellladen auch bei begrenzter Netzanschlusskapazität zu ermöglichen. Zwei neue Standorte in Norddeutschland zeigen, wie Speicher hohe Ladeleistungen absichern und zugleich Lastspitzen abfangen können. mehr...

Würselen: Schnellladepark in Planung

[17.08.2026] EWV und Caritas planen in Würselen einen öffentlich zugänglichen Schnellladepark mit acht Ladepunkten und bis zu 400 Kilowatt Ladeleistung. Der Standort an der Krefelder Straße soll 2027 in Betrieb gehen und schnelles Laden mit Einkaufsmöglichkeiten verbinden. mehr...

swb: Webinare rund um Wärme, Solarenergie und E-Mobilität

[14.08.2026] swb bietet im August und September kostenfreie Webinare zu Wärme, Solar und E-Mobilität an. Im Mittelpunkt stehen neue Förderbedingungen, technische Lösungen und Fragen, die für geplante Investitionen im Land Bremen relevant sind. mehr...

Öffentliche Ladesäule der Stadtwerke Tübingen: Förderung durch den Bund ist laut BDEW zu bürokratisch.

E.ON-Umfrage: Zulassungsrekord von E-Autos

[12.08.2026] E-Autos erreichen 2026 einen neuen Zulassungsrekord, zugleich nennen Fahrer vor allem niedrigere Energiekosten und mehr Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen als Kaufgründe. Eine E.ON-Umfrage zeigt, welche Faktoren den Umstieg prägen und wo vor allem beim Laden, bei der Reichweite und beim Fahrzeugwert noch Informationsbedarf besteht. mehr...

Karlsruhe: Lade-Infrastruktur wächst

[12.08.2026] Karlsruhe hat fünf weitere Schnellladestandorte für Elektrofahrzeuge in Betrieb genommen. Damit wächst das öffentliche Ladenetz auf rund 530 Ladepunkte, während die Stadt bereits weitere Standorte prüft. mehr...

BSI: Eckpunkte zur Cyber-Sicherheit von Ladesäulen

[03.08.2026] Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat ein Eckpunktepapier zur Cyber-Sicherheit öffentlicher Lade-Infrastruktur veröffentlicht. Es soll den Ausbau der Elektromobilität mit einheitlichen Sicherheitsmaßnahmen begleiten und den Schutz vor künftigen Cyber-Risiken verbessern. mehr...

Stadtwerke Stuttgart: Ausbau von digitaler Ladeplattform

[31.07.2026] Die Stadtwerke Stuttgart bauen ihre digitale Ladeplattform für Elektrofahrzeuge aus. Die neue Systemarchitektur soll neue Tarife, eine Fahrer-App und zusätzliche Angebote für Privat- und Geschäftskunden ermöglichen. mehr...

Lade-Infrastruktur: BDEW liefert neue Zahlen zum Ausbau

[28.07.2026] Die öffentliche Lade-Infrastruktur in Deutschland wächst weiter und umfasst inzwischen mehr als 204.000 Ladepunkte. Neue Zahlen des BDEW zeigen, dass der Ausbau dem Fahrzeugbestand deutlich vorausläuft und die Auslastung der Ladesäulen niedrig bleibt. mehr...

Wiesbaden: Ausbauziel der Lade-Infrastruktur übertroffen

[23.07.2026] Wiesbaden hat den ersten Ausbauschritt seiner öffentlichen Lade-Infrastruktur früher als geplant übertroffen. Mit 446 neuen Ladepunkten setzt die Stadt ihren Ausbaupfad bis 2030 fort und stärkt die Elektromobilität im öffentlichen Raum. mehr...