Montag, 19. Oktober 2026

MobilitätswendeNeue Wege wagen

[04.04.2022] Um die Klimaziele zu erreichen, muss auch und vor allem im Verkehr der CO2-Ausstoß verringert werden. Bei dem Vorhaben, die Mobilität fit für die Zukunft zu machen, müssen EU, Bund und Länder gemeinsam mit den Städten und Regionen an einem Strang ziehen.
Der Verkehr rollt unermüdlich durch unsere Städte.

Der Verkehr rollt unermüdlich durch unsere Städte.

(Bildquelle: connel_design/stock.adobe.com)

Der Verkehr rollt unermüdlich durch unsere Städte – daran hat auch die Corona-Pandemie nichts geändert. Im Gegenteil: Viele Menschen fahren bewusst im privaten Auto, weil sie sich darin während der Pandemie sicherer fühlen, der Lieferverkehr boomt stärker denn je. Das sorgt für laute, übervolle Straßen und Staus. Die Abgase und der CO2-Ausstoß belasten die Umwelt und das Klima. Wir brauchen daher dringend Lösungen, wie wir den öffentlichen Raum besser für ein Miteinander der Menschen nutzen und gleichzeitig die Verkehrssicherheit erhöhen. Notwendig ist ein attraktiver öffent­licher Nahverkehr, auch der Radverkehr braucht mehr Platz, Fuß­gän­ger­innen und Fußgänger müssen sich sicher bewegen können und wer ein E-Fahrzeug fährt, muss es unkompliziert laden können.
Liest man den Koalitionsvertrag, fällt auf, dass die neue Bundesregierung dem Thema „Nachhaltige Mobilität“ viel Raum gibt. Ziel ist: Unsere Mobilität fit für die Zukunft zu machen. Das geht nicht abrupt, sondern nur mit viel Überzeugungsarbeit, wohlüberlegt und in einem wirtschaftlich verträglichen Prozess. Allerdings muss es deutlich schneller gehen, als es in den vergangenen Dekaden der Fall war.
Wir alle haben unterschiedliche Ansprüche an Mobilität und entscheiden sehr individuell, wie wir unsere täglichen Wege zurücklegen. Im Schnitt verbringen wir damit eine Stunde und 20 Minuten unseres Tages. Jeder einzelne Weg ist im Durchschnitt etwa zwölf Kilometer lang. Mit sicheren Rad- und Fußverbindungen können wir Städte schaffen, in denen viele alltägliche Wege nur 15 Minuten dauern, an der frischen Luft stattfinden und so das Verkehrstosen verringern. Für diesen Umstieg müssen wir begeistern.

Kommunen mehr Spielraum geben

Um Mobilitätsangebote so zu gestalten, dass sie zu den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen passen, brauchen wir mehr kommunale Entscheidungsspielräume. Die Städte müssen neue Konzepte erproben können. Wo ist welche Geschwindigkeit gut verträglich? Wie lässt sich Parkraum für die Gemeinschaft gut nutzen? Das lässt sich vor Ort am besten beurteilen und entscheiden. Dafür muss der Bund die gesetzlichen Regelungen schaffen.
Das Rückgrat einer gelingenden Mobilitätswende ist ein attraktiver, moderner und leistungsstarker öffentlicher Nahverkehr. Es braucht zeitgemäße, klima­freundliche und komfortable Busse und Bahnen, in denen die Menschen gern fahren, in denen sie mit digitalen Systemen leicht für das richtige Ticket zahlen und den besten möglichen Anschluss finden können. Die unterschiedlichen Verkehrssysteme müssen so aufeinander abgestimmt werden, dass der Umstieg auf andere Mobilitätsarten einfach und ohne lange Wartezeiten funktioniert. Die digitale Vernetzung des öffentlichen Verkehrs gilt es, mit Sharing und Pooling-Modellen voranzutreiben. Der Bus- und Bahnverkehr muss zudem viel stärker als bisher ausgebaut werden. Für mehr Bus- und Bahnlinien, dichtere Taktungen und höhere Kapazitäten ist eine solide und verlässliche Finanzausstattung sowohl für die notwendigen Investitionen als auch den Mehrbetrieb erforderlich.

Täglichen Verkehr umgestalten

Der tägliche Verkehr hat enorme Auswirkungen auf unser Klima, er verantwortet mindestens 20 Prozent des CO2-Ausstoßes. Hier müssen wir entschlossener und nachhaltiger als bisher umgestalten. Einsparungen beim CO2-Ausstoß einzelner Fahrzeuge wurden bislang durch immer größere und insgesamt mehr Fahrzeuge wieder aufgezehrt. Damit ist nichts gewonnen. Um die Klimaziele bis 2030 und 2045 zu erreichen, müssen wir mehr CO2 einsparen – auch und vor allem im Verkehr. Daher rüsten die Städte und ihre Betriebe beispielsweise ihre Verkehrsflotten um. Zukünftig fahren mehr Fahrzeuge mit Strom, Wasserstoff oder Biogas. Damit auch der private Verkehr klimafreundlich Fahrt aufnehmen kann, haben die Städte die Lade-Infrastruktur im Blick. Es gilt, klimafreundlichen Verkehr gegenüber schädlichen Verkehrsformen besser zu stellen und beispielsweise dafür zu sorgen, dass das Fahren von Verbrenner-Fahrzeugen mit hohem Verbrauch teurer, die Nutzung sauberer Fahrzeuge dagegen entlastet wird. Eine kluge CO2-Bepreisung kann dabei helfen.
Auch für den Lieferverkehr sind neue Konzepte nötig. Denkbar ist etwa eine durchgängige Elektrifizierung von Lieferketten. Was ich online bestelle, kann nachts weite Strecken auf Gleisen zurücklegen, dann auf Elektro-Lkw verladen werden und in der Stadt per Lastenrad oder zu Fuß zu mir gelangen. Logistikunternehmen müssen sich endlich für solche Lieferkonzepte auf der „letzten Meile“ zusammenfinden, gemeinsame Mikro-Depots als Zwischenlager aufbauen und anschließend die Auslieferung bündeln. Die Städte unterstützen das, etwa durch die Suche nach Flächen oder indem sie geeignete Ladezonen ausweisen.

Jetzt den Wandel gestalten

Damit die Verkehrswende gelingt, müssen die Europäische Union, der Bund und die Länder gemeinsam mit den Städten und Regionen an einem Strang ziehen. Wir alle brauchen den Mut der Politik, neue Wege zu gehen. Und alle beteiligten Ebenen müssen diesen Wandel ausreichend und verlässlich finanzieren.
Das Bündnis für moderne Mobilität zwischen Bund, Ländern und Kommunen hat wichtige Erkenntnisse gebracht, aus denen jetzt konkrete Pläne, Programme und Projekte werden müssen. Vom Programm der EU-Kommission für urbane Mobilität über verlässliche Fördermaßnahmen des Bundes aus dem Klimaschutz- und Transformationsfonds bis hin zu Elektromobilitätsmanagern und Klimakonzepten vor Ort: Wir brauchen die Lösungen so schnell wie möglich. Für ein wachsendes Angebot im öffentlichen Nahverkehr müssen Unternehmen beauftragt, mehr Fahrzeuge beschafft und zusätzliches Personal gewonnen werden. Das geht nicht von heute auf morgen. Jeder Entscheidungsaufschub verzögert den Wandel zur effizienten, bezahlbaren, nachhaltigen Mobilität in unseren Städten um Jahre.

Markus Lewe

Der Autor, Markus LeweMarkus Lewe ist seit 2009 Oberbürgermeister der Stadt Münster und seit Herbst 2021 Präsident des Deutschen Städtetages. Für Lewe ist es die zweite Amtszeit – er stand bereits von Januar 2018 bis Juni 2019 als Präsident an der Spitze des Verbands. Dem Präsidium des Deutschen Städtetages gehört er seit 2013 an.



Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Elektromobilität

Lademarkt-Report: Schnelllader werden häufiger genutzt

[13.10.2026] DC-Ladepunkte werden in Deutschland durchschnittlich fünfmal so häufig genutzt wie AC-Ladepunkte. Das zeigt der erste Lademarkt-Report von ChargePointRadar, der für das dritte Quartal 2026 insgesamt 24,5 Millionen Ladevorgänge auswertet. mehr...

Deutsche Umwelthilfe: Mannheim und Freiburg führen bei E-Bussen

[09.10.2026] Mannheim und Freiburg gehören bei der Elektrifizierung ihrer Busflotten zu den führenden Großstädten Deutschlands. In einem Vergleich der Deutschen Umwelthilfe belegen sie mit Elektrobus-Anteilen von 60,6 beziehungsweise 51,7 Prozent die ersten beiden Plätze. mehr...

Ludwigshafen: MVV und TWL bauen Lade-Infrastruktur aus

[01.10.2026] MVV und die Technischen Werke Ludwigshafen bauen gemeinsam die öffentliche Lade-Infrastruktur in Ludwigshafen aus. Drei neue Stationen sind bereits in Betrieb, insgesamt sind zehn Standorte mit jeweils zwei Ladepunkten geplant. mehr...

Elektrische Lkw an einer Ladesäule im E-Ladepark Niederzissen.

NEW: Ladehub für E-Lkw eröffnet

[25.09.2026] NEW hat in Niederzissen im Landkreis Ahrweiler einen öffentlichen Ladehub für Elektro-Lkw in Betrieb genommen. Vier Ladepunkte mit bis zu 400 Kilowatt Ladeleistung sollen vor allem Speditionen und Logistikunternehmen eine Alternative zu eigener Ladeinfrastruktur bieten. mehr...

Stadtwerke München: Erster Schnellladepark am Olympiazentrum

[24.09.2026] Die Stadtwerke München haben am ehemaligen Busbahnhof Olympiazentrum ihren ersten HPC-Ladepark eröffnet. Zehn Ladepunkte bieten jeweils bis zu 400 Kilowatt Leistung und werden mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt. mehr...

Stadtwerke Stuttgart: Einladung zu Ladegesprächen

[17.09.2026] Wie sich Lade-Infrastruktur zu einem wirtschaftlichen Kundengeschäft weiterentwickeln lässt, wollen Stadtwerke und Energieversorgungsunternehmen im November in Stuttgart diskutieren. Die Stadtwerke Stuttgart rufen dafür mit den „Ladegesprächen“ einen neuen geschlossenen Arbeitskreis ins Leben. mehr...

Kulmbach: E.ON eröffnet Schnellladepark

[16.09.2026] E.ON hat in Kulmbach einen neuen Schnellladestandort mit zwölf Ladeplätzen in Betrieb genommen. Der Ladepark ist Teil des Deutschlandnetzes und bietet eine Ladeleistung von bis zu 400 Kilowatt je Ladestation. mehr...

München: Neues Vergabeverfahren für Ausbau der Lade-Infrastruktur

[09.09.2026] München will den Ausbau öffentlicher Lade-Infrastruktur künftig über Konzessionen organisieren und damit das bisherige Verteilverfahren ablösen. Anlass für den Wechsel ist ein Urteil des Verwaltungsgerichts München, das Mängel am bisherigen Auswahlverfahren festgestellt hatte. mehr...

KVG: Betriebshof wird auf emissionsfreien Busverkehr umgestellt

[07.09.2026] Der Eigenbetrieb Beteiligungen der Landeshauptstadt Kiel modernisiert den KVG-Betriebshof in der Werftstraße für den weiteren Ausbau des Elektrobusverkehrs. Mit dem Abriss einer alten Wagenhalle entstehen Flächen für zusätzliche Fahrzeuge und Lade-Infrastruktur. mehr...

M3E: Aktualisiertes Whitepaper zur GEIG-Novelle

[24.08.2026] Die GEIG-Novelle verschärft die Vorgaben für Lade-Infrastruktur an Wohn- und Nichtwohngebäuden. M3E hat die neuen Pflichten und Fristen in einem aktualisierten Whitepaper zusammengefasst. mehr...

Hansen powercloud: Elli verlängert Vertrag für Abrechnungsplattform

[24.08.2026] Elli verlängert den Vertrag für die energiewirtschaftliche Abrechnungsplattform Hansen powercloud bis 2030. Die Plattform soll künftig auch neue Geschäftsmodelle und Vehicle-to-Grid-Anwendungen unterstützen. mehr...

Lichtblick: Schnellladestandorte erhalten Batteriespeicher

[18.08.2026] LichtBlick setzt erstmals Batteriespeicher ein, um Schnellladen auch bei begrenzter Netzanschlusskapazität zu ermöglichen. Zwei neue Standorte in Norddeutschland zeigen, wie Speicher hohe Ladeleistungen absichern und zugleich Lastspitzen abfangen können. mehr...

Würselen: Schnellladepark in Planung

[17.08.2026] EWV und Caritas planen in Würselen einen öffentlich zugänglichen Schnellladepark mit acht Ladepunkten und bis zu 400 Kilowatt Ladeleistung. Der Standort an der Krefelder Straße soll 2027 in Betrieb gehen und schnelles Laden mit Einkaufsmöglichkeiten verbinden. mehr...

swb: Webinare rund um Wärme, Solarenergie und E-Mobilität

[14.08.2026] swb bietet im August und September kostenfreie Webinare zu Wärme, Solar und E-Mobilität an. Im Mittelpunkt stehen neue Förderbedingungen, technische Lösungen und Fragen, die für geplante Investitionen im Land Bremen relevant sind. mehr...

Öffentliche Ladesäule der Stadtwerke Tübingen: Förderung durch den Bund ist laut BDEW zu bürokratisch.

E.ON-Umfrage: Zulassungsrekord von E-Autos

[12.08.2026] E-Autos erreichen 2026 einen neuen Zulassungsrekord, zugleich nennen Fahrer vor allem niedrigere Energiekosten und mehr Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen als Kaufgründe. Eine E.ON-Umfrage zeigt, welche Faktoren den Umstieg prägen und wo vor allem beim Laden, bei der Reichweite und beim Fahrzeugwert noch Informationsbedarf besteht. mehr...