Baden-WürttembergKlima-Impulse aus dem Süden

Vertikale Photovoltaikanlage am Parkplatz des Landratsamtes Calw.
(Bildquelle: Sandra Hinke, Landratsamt Calw)
Während Baden-Württemberg die Klimaneutralität bis 2040 gesetzlich anstrebt, wollen vier Kommunen dieses Ziel bereits fünf Jahre früher erreichen. Freiburg im Breisgau, Ludwigsburg, der Landkreis Calw und Denzlingen erproben im Landesförderprojekt „Auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2035“ unterschiedliche Strategien, die sich an den jeweiligen lokalen Voraussetzungen orientieren. Das Umweltministerium unterstützt die Vorhaben mit insgesamt bis zu 11,5 Millionen Euro. Koordiniert wird das Projekt von der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW), die fördertechnische Abwicklung übernimmt der Projektträger Karlsruhe.
Nach zweieinhalb Jahren Projektlaufzeit befinden sich die Kommunen auf der Zielgeraden. Mehr als 60 Maßnahmen wurden bereits umgesetzt oder befinden sich in der Realisierung. Auffällig ist dabei die Bandbreite der Ansätze: Sie reicht vom beschleunigten Ausbau der Solarenergie über innovative Modelle für die Wärmewende bis hin zu neuen Mobilitäts- und Beteiligungskonzepten.
Klimaneutralität braucht lokale Lösungen
Die vier Projektkommunen verfolgen bewusst unterschiedliche Schwerpunkte. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, Treibhausgasemissionen in den Bereichen Energie, Gebäude und Verkehr deutlich schneller zu reduzieren. Gleichzeitig sollen Maßnahmen entwickelt werden, die auch für andere Städte, Gemeinden und Landkreise übertragbar sind.
Gerade für Stadtwerke und kommunale Energieversorger sind viele Projekte von besonderem Interesse. Mehrere Maßnahmen setzen unmittelbar an der Wärmeversorgung, dem Ausbau erneuerbarer Energien oder der kommunalen Energieinfrastruktur an.
Freiburg setzt auf Solarenergie und Gebäudesanierung
Freiburg verbindet den Ausbau erneuerbarer Energien mit einer intensiven Beteiligung der Stadtgesellschaft. Im Mittelpunkt steht 2026 der „Solarsommer“, der Photovoltaik durch Beratungsangebote, Schulprojekte, Fortbildungen und Mitmachaktionen stärker im Alltag verankern soll. Ziel ist es, Hemmschwellen beim Ausbau privater Solaranlagen abzubauen. Parallel entwickelt die Stadt ein bestehendes Quartier im Stadtteil Zähringen zu einem Klimaquartier weiter. Bürgerinnen und Bürger werden über Workshops, Beratungsangebote und gemeinsame Aktionen in den Transformationsprozess eingebunden.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der energetischen Sanierung des Gebäudebestands. Sanierungssprints, Muster-Sanierungssteckbriefe für unterschiedliche Gebäudetypen und Informationsangebote sollen die Sanierungsquote deutlich erhöhen. Ergänzend entwickelt Freiburg mit „KliBERT“ ein Bilanzierungswerkzeug, das Treibhausgasemissionen neuer Baugebiete über den gesamten Lebenszyklus – von der Erschließung bis zum Rückbau – berechnet. Das Instrument soll künftig auch anderen Kommunen zur Verfügung stehen.
Ludwigsburg bündelt den Umstieg auf Wärmepumpen
Ludwigsburg konzentriert sich auf Maßnahmen, die den Wechsel von fossilen Heizsystemen erleichtern. Im Mittelpunkt steht eine kommunal organisierte Bündelungsaktion für Wärmepumpen. Ziel ist es, Planungsaufwand und Kosten für Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer zu reduzieren sowie qualifizierte Fachbetriebe koordiniert einzubinden. Bereits mehr als 200 Interessierte haben sich für die Initiative angemeldet.
Ein weiteres Instrument sind sogenannte Sanierungssprints. Dabei werden Wohngebäude innerhalb von 22 Werktagen energetisch modernisiert. Die Kommune unterstützt ausgewählte Projekte mit bis zu 25.000 Euro. Durch die enge Koordination aller beteiligten Gewerke sollen typische Verzögerungen bei Sanierungen vermieden werden.
Auch beim Ausbau der Solarenergie setzt Ludwigsburg auf konkrete Infrastruktur. Rund um die Hauptfeuerwache ging ein Photovoltaik-Komplex mit 659 Modulen und einer installierten Leistung von 295 Kilowatt in Betrieb. Ergänzt werden soll die Anlage durch einen Batteriespeicher mit vier Batterietürmen und einer maximalen Lade- und Entladeleistung von 80 Kilowatt. Damit möchte die Stadt den Eigenverbrauch des erzeugten Solarstroms erhöhen.
Landkreis Calw verbindet Innovationen mit kommunaler Infrastruktur
Der Landkreis Calw verfolgt einen besonders breiten Ansatz. Über einen eigens eingerichteten Innovationsfonds werden inzwischen 34 Klimaschutzprojekte in den 25 kreisangehörigen Städten und Gemeinden unterstützt. Ein Schwerpunkt liegt auf der kommunalen Energieversorgung. Im Freibad Bad Liebenzell werden Photovoltaik, Solarthermie und energieeffiziente Wärmetechnik miteinander kombiniert. Reflektierende Spiegelfolien sollen zusätzlich den Ertrag der Solarmodule erhöhen.
Parallel baut der Landkreis auf dem Parkplatz des Landratsamts eine vertikale Photovoltaikanlage mit 150 Kilowatt Leistung. Zusammen mit weiteren Dachanlagen und Batteriespeichern soll sie Teil eines standortübergreifenden Eigenstromkonzepts werden. Daneben beschäftigt sich der Kreis mit neuen Ansätzen für die Ladeinfrastruktur. Eine Studie untersucht derzeit, wie private Wallboxen künftig öffentlich oder nachbarschaftlich mitgenutzt werden könnten. Dabei werden sowohl technische als auch rechtliche Rahmenbedingungen betrachtet.
Auch die Digitalisierung kommunaler Dienstleistungen trägt zum Klimaschutz bei. Sämtliche 194 Glascontainer im Landkreis werden mit Füllstandssensoren ausgestattet. Dadurch lassen sich Leerungsfahrten bedarfsgerecht planen und unnötige Transporte vermeiden.
Denzlingen verbindet Wärmewende und Mobilität
Die Gemeinde Denzlingen setzt ihren Schwerpunkt auf die Verbindung von Mobilitäts- und Wärmewende. Im Verkehrsbereich testet die Kommune von September bis Dezember 2026 eine temporäre Fußgängerzone in der zentralen Rosenstraße. Begleitet wird der Versuch durch Verkehrszählungen und Bürgerbefragungen, um Erkenntnisse für eine dauerhafte Umgestaltung der Ortsmitte zu gewinnen. Bereits umgesetzt wurde die Elektrifizierung einer Carsharing-Station. Ergänzend untersuchte das Projekt „AndersMobil“, wie Haushalte zeitweise vollständig auf das eigene Auto verzichten können und stattdessen Carsharing, öffentlichen Nahverkehr und Fahrräder nutzen.
Für die Wärmewende gründete Denzlingen Anfang 2026 gemeinsam mit der örtlichen BürgerEnergiegenossenschaft eine Wärmegesellschaft. Das geplante Nahwärmenetz soll zentrale öffentliche Gebäude sowie Neubaugebiete versorgen. Gleichzeitig prüfen Machbarkeitsstudien die Einbindung weiterer Wohngebiete sowie den Einsatz von Photovoltaik und Solarthermie.
Übertragbare Modelle für andere Kommunen
Die vier Projektkommunen zeigen, dass es keinen einheitlichen Weg zur Klimaneutralität gibt. Entscheidend ist vielmehr die Kombination unterschiedlicher Instrumente, die zu den jeweiligen örtlichen Rahmenbedingungen passen. Auffällig ist, dass technische Maßnahmen zunehmend mit organisatorischen und sozialen Ansätzen verbunden werden. Wärmepumpen werden gemeinsam beschafft, Sanierungen standardisiert und beschleunigt, Bürgerinnen und Bürger aktiv eingebunden und digitale Technologien zur Optimierung kommunaler Infrastruktur genutzt. Gleichzeitig entstehen neue Modelle für lokale Wärmegesellschaften, gemeinschaftlich genutzte Ladeinfrastruktur oder intelligente Betriebsführung kommunaler Anlagen.
Für Stadtwerke eröffnen sich daraus vielfältige Anknüpfungspunkte – vom Ausbau erneuerbarer Energien über Nahwärmenetze und Batteriespeicher bis hin zu Beratungsangeboten und neuen Dienstleistungen rund um Gebäudesanierung und Elektromobilität. Die Erfahrungen aus Freiburg, Ludwigsburg, dem Landkreis Calw und Denzlingen könnten damit weit über die vier Modellkommunen hinaus Impulse für die kommunale Energiewende liefern.
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