Montag, 15. Juni 2026

InterviewLebensrealitäten im Blick behalten

[17.08.2020] Der ländliche Raum ist von der Energiewende stärker betroffen als die Städte. Der Deutsche Landkreistag (DLT) hat deshalb ein Positionspapier zum Klimaschutz vorgelegt. stadt+werk sprach darüber mit DLT-Präsident Reinhard Sager.
Reinhard Sager

Reinhard Sager

(Bildquelle: Deutscher Landkreistag)

Herr Landrat Sager, der Deutsche Landkreistag hat Anfang des Jahres ein Positionspapier „Klimaschutz und erneuerbare Energien in den Landkreisen“ vorgelegt. Warum kann aus Ihrer Sicht die Klimawende nur mit den ländlichen Räumen gelingen?

Die ländlichen Räume spielen in vielerlei Hinsicht eine entscheidende Rolle beim Klimaschutz. Zunächst befinden sich dort die meisten Anlagen, mit denen die erneuerbaren Energien produziert werden. Da geht es um Windräder, Solarparks und Biogasanlagen, die man aus gutem Grund nicht in den Städten errichten kann. Dasselbe gilt für die Übertragungsleitungen – für die Energiewende müssen mehrere tausend Kilometer neuer Stromtrassen errichtet werden. Zumeist verlaufen diese Trassen durch ländlich geprägte Gebiete. Hinzu kommt, dass die Menschen, die in diesen Gebieten leben, oft längere Arbeitswege haben.

Was heißt das für die Klimaschutzpolitik?

Wenn wir beispielsweise über Klimaschutz im Rahmen von Mobilität reden, müssen wir die Lebensrealität der Menschen im Blick behalten. Für viele ist es gegenwärtig schlicht nicht möglich, für ihre täglichen Wege auf das Auto zu verzichten. In den Landkreisen leben rund 68 Prozent der deutschen Bevölkerung: Ohne diese Menschen und ihre Lebens- und Arbeitswelt zu berücksichtigen, wird es uns nicht gelingen, die deutschen Klimaschutzziele zu erreichen. In der Großstadt denkt man über CO2-Bepreisung oder Windenergieausbau bisweilen anders als im ländlichen Raum. Das heißt natürlich nicht, dass wir uns in den Landkreisen nicht mit großem Engagement für Klimaschutz und erneuerbare Energien einsetzen. Es gibt nur eben einen Unterschied zwischen dem städtischen Blick auf diese Themen und der Lebensrealität der Menschen in den Landkreisen, die von der Energiewende ganz konkret und unmittelbar betroffen sind. Diesen Unterschied zwischen Stadt und Land beschreiben wir auch in unserem Positionspapier.

„Es gibt einen Unterschied zum städtischen Blick.”

Welche Forderungen stellen Sie an die Politik?

Unsere Kernforderung ist es, dass die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land bei allen Maßnahmen zur Erreichung der Klimaschutzziele berücksichtigt werden muss. Wir haben beispielsweise zustimmend zur Kenntnis genommen, dass das Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung eine Erhöhung der Pendlerpauschale beinhaltet, um die besonderen Belastungen für die Menschen im ländlichen Raum auszugleichen. Wir fordern allerdings, dass diese Erhöhung nicht nur befristet bis 2026 gilt. Außerdem sollte sie schon ab dem ersten Kilometer gezahlt werden. Zugleich ist uns wichtig, dass für den Ausbau des ÖPNV und auch des Radverkehrs im ländlichen Raum entsprechende Mittel zur Verfügung gestellt werden. Wesentlich ist auch der Ausbau der digitalen Infrastruktur sowie der Erhalt der Grundversorgung.

Wurden einzelne Forderungen inzwischen bereits umgesetzt?

Aktuell umgesetzt wird unsere Forderung nach einer generalisierenden Abstandsregelung von Windrädern zu vorhandener Wohnbebauung. Um in den ländlichen Räumen die Akzeptanz für den Windkraftausbau zu erhöhen, haben wir uns dafür ausgesprochen, dass die Länder unter Berücksichtigung regionaler Erfordernisse entsprechende Abstände festlegen können. Neben der entsprechenden Änderung des Baugesetzbuchs wäre es zur Steigerung der Akzeptanz aus unserer Sicht ebenso erforderlich, dass die betroffenen Gemeinden und auch die Anwohner finanziell am Ertrag der Windräder beteiligt werden. Und um die Finanzen geht es bei einer weiteren Forderung zum kommunalen Klimaschutz: Aktuell ist die Förderung, welche die Landkreise für Klimaschutzmaßnahmen erhalten, sehr stark projektbezogen und erlaubt oftmals keine Verstetigung der erforderlichen Personalstruktur in den Kreisverwaltungen. Wir wünschen uns, dass wir hier weg von dem Projektcharakter hin zu einer dauerhaften, auskömmlichen Finanzierung kommen.

Was tun die Landkreise bereits für den Klimaschutz?

Sie sind sehr aktiv. Schon vor vielen Jahren haben sich die ersten Landkreise auf den Weg gemacht, ihre Energieversorgung auf 100 Prozent erneuerbare Energien umzustellen. Wir haben Ende 2019 eine Umfrage durchgeführt, wonach es inzwischen in der weit überwiegenden Zahl der Landkreise Klimaschutzstrategien und Konzepte für erneuerbare Energien gibt. In den meisten Kreisverwaltungen beschäftigen sich Mitarbeiter im Schwerpunkt allein mit dem Klimaschutz. Innerhalb der Kreisverwaltung geht es dann beispielsweise um Energieeinsparungen, die energetische Sanierung von kreiseigenen Liegenschaften, die Beschaffung von klimafreundlichen Produkten oder die Umstellung des kreiseigenen Fuhrparks auf klimafreundliche Antriebstechniken. Daneben beraten wir die Bevölkerung zu Energie- und Klimaschutzthemen oder führen Aktionen dazu durch. Nicht nur dabei ist es nach meiner Erfahrung wichtig, die kreisangehörigen Gemeinden einzubinden, sodass möglichst alle Akteure an einem Strang ziehen.

Welche Chancen bieten Energiewende und Klimaschutzpolitik für die wirtschaftliche Entwicklung?

Hierin liegen zweifellos erhebliche Chancen. So ist es für die Menschen eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität, wenn das Nahverkehrsangebot ausgebaut oder neue Radwege gebaut werden. Dorfentwicklung und energetische Sanierung müssen zusammen gedacht werden, um attraktive Ortskerne als Wohn- und Lebensräume zu erhalten. Die Landkreise, die sich bereits seit vielen Jahren im Bereich der erneuerbaren Energien engagieren, legen beeindruckende Zahlen zur regionalen Wertschöpfung vor. Wichtig ist allerdings, dass die Wertschöpfungspotenziale selbst realisiert werden und damit der dortigen Bevölkerung zugutekommen.

Interview: Alexander Schaeff

Sager, ReinhardReinhard Sager ist Landrat des Kreises Ostholstein und seit 2014 Präsident des Deutschen Landkreistags. Der CDU-Politiker war von 1992 bis 2001 Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtags. Erste politische Mandate übernahm der Diplom-Verwaltungswirt als Gemeindevertreter in Grömitz und als Kreistagsabgeordneter in Ostholstein.



Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Klimaschutz

Energie-Kommune: Bremen will Klimaneutralität bis 2038

[15.06.2026] Bremen möchte seine Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2038 um 95 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren. So sieht es die Klimaschutzstrategie des Landes vor. Dafür wurde sie jetzt von der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) als Energie-Kommune des Monats Juni ausgezeichnet. mehr...

BEEKOMM: Thüringen erhält 1,6 Millionen Euro Förderung

[05.06.2026] Mit dem Projekt BEEKOMM unterstützt Thüringen Kommunen beim schnelleren Ausbau von Windenergie und Freiflächen-Photovoltaik. Bund und Land stellen dafür Fördermittel bereit und finanzieren neue Beratungsangebote, die Planungsprozesse vor Ort beschleunigen sollen. mehr...

Netzwerk Altmühlfranken: Auszeichnung für Energie- und Wärmewendeprojekte erhalten

[03.06.2026] Das kommunale Klimaschutznetzwerk Altmühlfranken ist für seine interkommunale Zusammenarbeit bei Energie- und Wärmewendeprojekten ausgezeichnet worden. In drei Jahren entstanden 38 gemeinsame Konzepte und Projekte, die den Ausbau erneuerbarer Energien in der Region deutlich vorangebracht haben. mehr...

eueco: Neue Leitfadenreihe zur Bürgerbeteiligung veröffentlicht

[28.05.2026] eueco hat eine neue Leitfadenreihe für Bürgerbeteiligung an Projekten mit erneuerbaren Energien veröffentlicht. Hintergrund sind strengere Vorgaben, wachsender Finanzierungsdruck und der steigende Bedarf an standardisierten Beteiligungsmodellen für Kommunen, Stadtwerke und Projektierer. mehr...

Oberpfalz: Kommunales Klimaschutz-Netzwerk gegründet

[26.05.2026] In der Oberpfalz hat ein kommunales Klimaschutz-Netzwerk für den Ausbau erneuerbarer Energien seine Arbeit aufgenommen. Das auf drei Jahre angelegte Projekt soll Städte und Gemeinden bei Speichertechnik, Netzausbau und Finanzierungsmodellen enger zusammenbringen. mehr...

Baden-Württemberg: Zum letzten Mal erhalten Kommunen den European Energy Award

[15.05.2026] Baden-Württemberg hat acht Kommunen mit dem European Energy Award ausgezeichnet, der in Deutschland nun ausläuft. Neue Klimaschutzmanagement-Systeme sollen den Übergang sichern und Kommunen beim Ausbau ihrer Klimaschutzmaßnahmen weiter unterstützen. mehr...

Bad Berleburg: Energie-Kommune mit Wind, PV und Verkehrswende

[13.05.2026] Die Stadt Bad Berleburg wurde von der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) zur „Energie-Kommune des Monats Mai 2026“ gekürt. Die nordrhein-westfälische Kommune setzt auf Windkraft, Photovoltaik und neue Mobilitätskonzepte. Ihr Ziel ist es, bis 2035 treibhausgasneutral zu sein. mehr...

Klimakommune Deutschland: Neues Programm für kommunalen Klimaschutz vorgestellt

[12.05.2026] Der Verein Klimakommune Deutschland hat ein neues Programm für kommunalen Klimaschutz und die Umsetzung der Energiewende vorgestellt. Nach dem Aus des European Energy Award sollen Städte, Gemeinden und Landkreise damit wieder ein strukturiertes Instrument für Klimastrategien und Emissionsminderung erhalten. mehr...

Bundeswirtschaftsministerium: Wettbewerb für klimafreundliche Quartiere

[06.05.2026] Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat einen neuen Innovationswettbewerb für Energiequartiere gestartet. Ziel ist es, bestehende Stadtteile effizienter, widerstandsfähiger und klimaverträglicher zu machen. Bewerbungen sind bis zum 2. Oktober 2026 möglich. mehr...

Nordrhein-Westfalen: Hochschulen legen CO2-Bilanz vor

[28.04.2026] Nordrhein-Westfalens Hochschulen legen erstmals eine gemeinsame, landesweite CO2-Bilanz nach einheitlichen Standards vor. Die Daten aus 30 öffentlich-rechtlichen Einrichtungen zeigen, wo Emissionen entstehen, welche Maßnahmen bereits greifen und warum daraus nun ein dauerhaftes Klimamonitoring folgt. mehr...

Wuppertaler Stadtwerke: Podcast-Folge zu kommunalen Transformationsprozessen

[28.04.2026] Die Wuppertaler Stadtwerke widmen eine neue Podcast-Folge der Frage, wie Kommunen lokale Transformationsprozesse trotz knapper Mittel steuern können. Im Gespräch mit Wuppertals Oberbürgermeisterin Miriam Scherff geht es um Zielkonflikte bei Stadtentwicklung, Mobilität und Klimaschutz – und um politische Strategien, die vor Ort tragfähig bleiben. mehr...

dena Energy Award: Bewerbungsphase eröffnet

[22.04.2026] Der dena Energy Award startet zum 20-jährigen Bestehen mit neuem Namen und erweitertem Fokus auf Dekarbonisierung. Unternehmen können sich bis Juni 2026 mit messbaren Effizienz- und Klimaschutzprojekten bewerben, die als Vorbild dienen. mehr...

Helmstedt: Energie-Kommune auch dank Bürgerförderung

[21.04.2026] Die Stadt Helmstedt treibt den Wandel ihrer Energieversorgung voran. Eine neue Wärmeplanung, große Projekte für Windkraft und Speicher sowie Bürgerförderung stehen im Mittelpunkt. Dafür erhält die Kommune eine bundesweite Auszeichnung. mehr...

Görlitz: Fahrplan für die klimaneutrale Stadt

[20.04.2026] Nach vier Jahren endet das Projekt TRUST in Görlitz mit mehreren Handlungsempfehlungen für den Weg zur Klimaneutralität. Die Ergebnisse stellte das Interdisziplinäre Zentrum für transformativen Stadtumbau Ende März im Rathaus vor. mehr...

Wolfsburg: Klimaneutrale Verwaltung bis 2040

[14.04.2026] Die Stadt Wolfsburg hat ein Konzept zur Klimaneutralität ihrer Verwaltung vorgelegt. Ziel ist es, die Treibhausgasemissionen bis 2040 deutlich zu senken. Nun soll das Papier in die politischen Gremien eingebracht werden. mehr...