Görlitz2030 grenzüberschreitend klimaneutral

Beim Umbau zur klimaneutralen Stadt setzt Görlitz auf neue Energietechnik und die Zusammenarbeit mit Partnern aus Deutschland und Polen.
(Bildquelle: Stadtwerke Görlitz / Kristian Scheffler)
Als Görlitz im Jahr 2019 das Ziel formulierte, bis zum Jahr 2030 klimaneutral zu werden, war dies zunächst ein politisches Signal. In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus ein umfassender Transformationsprozess.
Über Grenzen hinweg
Die Stadt im Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien bildet mit der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec eine Europastadt. Als ehemalige Kohleregion sieht sich Görlitz eigenen Angaben zufolge mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert wie viele andere kleinere und mittlere Städte. Dazu zählen der demografische Wandel, knappe kommunale Mittel sowie die Verbindung von Klimaschutz und wirtschaftlicher Entwicklung.
Der Klimaschutz spielt in Görlitz bereits seit 2001 eine Rolle. Damals wurde das Thema im Integrierten Stadtentwicklungskonzept verankert. Sieben Auszeichnungen mit dem European Energy Award dokumentieren die bisherigen Fortschritte, wie die Stadt angibt. Mit dem Beschluss zur angestrebten Klimaneutralität bis 2030 erhielt das Thema eine neue strategische Bedeutung.
Ausgangspunkt war der Bürgermeisterwahlkampf im Jahr 2019: Nach der Wahl von Oberbürgermeister Octavian Ursu musste das Ziel mit konkreten Maßnahmen unterlegt werden. Grundlage dafür wurde ein Leitfaden aus dem Jahr 2020.
Daran knüpfte das Forschungsprojekt TRUST an. Die Abkürzung steht für „Transformation auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt“. Das Projekt wurde vom Interdisziplinären Zentrum für Transformativen Stadtumbau des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung begleitet. In Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, den Stadtwerken, der Wirtschaftsförderung, Vereinen und weiteren Beteiligten wurden über einen Zeitraum von vier Jahren Konzepte für die Bereiche Energie, Mobilität, Bauen, Bildung und Stadtentwicklung entwickelt.
Rund 40 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft trafen sich regelmäßig in sogenannten Transformationsarenen. Sie entwickelten Zukunftsbilder und erarbeiteten Maßnahmen. Projektleiter Robert Knippschild erklärt: „Vorhandene Netzwerke wurden erstmals systematisch auf Klimafragen ausgerichtet – darin lag ein großer Mehrwert des Projekts.“
Gemeinsames Wärmenetz United Heat
Parallel dazu wurden Infrastrukturprojekte vorbereitet. Das größte Vorhaben trägt den Namen „UNITED HEAT“. Es verbindet die Fernwärmenetze von Görlitz und Zgorzelec. Ziel ist laut den Projektpartnern eine grenzüberschreitende Wärmeversorgung auf Basis erneuerbarer Energien.
Geplant ist ein Energiemix aus Biomasse, Wärmepumpen, Solarthermie, Power-to-Heat und Abwärmenutzung. Den mit 48 Prozent größten Anteil soll Biomasse liefern. Wärmepumpen sollen 33 Prozent beitragen. Sie sollen unter anderem Wärme aus dem Berzdorfer See und aus Abwasser gewinnen. Auf Solarthermie entfallen 17 Prozent.
Für das Projekt sind rund zwölf Kilometer neue Leitungen vorgesehen. Die Kosten dafür liegen laut den Projektpartnern bei rund 195 Millionen Euro. Davon entfallen etwa 158 Millionen Euro auf die deutsche und 37 Millionen Euro auf die polnische Seite.
Matthias Block, der Vorstandsvorsitzende der Stadtwerke Görlitz, sagt: „Die finanzielle Unterstützung durch die EU und den Bund macht den Unterschied zwischen Vision und Wirklichkeit aus. Ohne diese Förderung wäre das Projekt in der geplanten Form nicht realisierbar. Zumindest nicht, wenn wir weiterhin wettbewerbsfähige Preise für unsere Kunden anbieten wollen.”
Der erste Spatenstich erfolgte im März 2026 in Anwesenheit von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. Nach Schätzungen der Stadtwerke könnten durch das Projekt jährlich rund 50.000 Tonnen Kohlendioxid (CO₂) eingespart werden.
Gleichzeitig weisen die Stadtwerke auf Schwierigkeiten hin: „Solche länderübergreifenden Vorhaben sind selten. Wir betreten in vielen Bereichen Neuland und arbeiten eng mit den zuständigen Ministerien zusammen, um bislang unbeachtete Fragestellungen zu klären.”
Ein weiteres Projekt heißt „Energizing Borders“. Anfang 2026 wurde die Europastadt Görlitz/Zgorzelec laut einer Pressemitteilung der Europäischen Kommission in das Pilotprogramm „Cross-Border Energy Communities“ aufgenommen. Ziel ist der Aufbau grenzüberschreitender Energiegemeinschaften. Hintergrund sind Netzengpässe auf beiden Seiten der Neiße, die den Anschluss neuer Anlagen für erneuerbare Energien erschweren.
Aufgabe für gesamte Stadtentwicklung
Laut der Stadt versteht Görlitz Klimaneutralität inzwischen als Aufgabe der gesamten Stadtentwicklung. Dazu gehört auch die Nutzung bestehender Gebäude. Rund 5.000 Wohnungen stehen leer. Gleichzeitig rechnet die Stadt durch den Aufbau des Deutschen Zentrums für Astrophysik mit zusätzlichem Bedarf an Wohnraum. Deshalb soll geprüft werden, wie sich die bestehenden Gebäude sanieren und wieder nutzen lassen.
Mit dem Ende des Forschungsprojekts TRUST endet auch die wissenschaftliche Begleitung. Um die Zusammenarbeit fortzusetzen, wurden laut der Stadt fünf Handlungsfelder benannt: politische Legitimation, Koordination, Vernetzung, Kommunikation und Finanzierung.
Marek Jaskólski, Projektmanager Nachhaltigkeit bei der Europastadt GörlitzZgorzelec, sagt: „Unser Ziel ist ein funktionierendes Netzwerk über Bereiche und Hierarchien hinweg, das unabhängig von einzelnen Personen funktioniert. So werden Wissen, Erfahrungen und Projekte kontinuierlich weitergetragen und neue Impulse können jederzeit aufgenommen werden.”
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