Mittwoch, 4. März 2026

GeothermieMultitalent für die Wärmeversorgung

[11.02.2025] Tiefengeothermie gilt als Rückgrat der Wärmewende und ist für die Bestückung neuer Netze mit Wärme und die Dekarbonisierung von Bestandsnetzen alternativlos. Um sie wirtschaftlich nutzen zu können, müssen sich allerdings zahlreiche politische Rahmenbedingungen ändern.

Die Investitionskosten für Bohrungen und Anlagen sind bei der Geothermie hoch.

(Bildquelle: Heng Heng – AI Stock)

Die Klimakrise und die dringend notwendige Senkung unserer CO₂-Emissionen stellen hohe Anforderungen an die Energieversorgung. Der Gebäudesektor ist für 30 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich. Tiefengeothermie bietet hier vielversprechende Möglichkeiten, denn mit ihr lassen sich Gebäude klimaneutral heizen und kühlen. Zudem kann die Tiefengeothermie Strom erzeugen, Prozesswärme liefern oder auch Gewächshäuser heizen. 

Allein im Raum München hat die Tiefengeothermie im Vergleich zur Heizung mit Luftwärmepumpen das Einsparpotenzial eines mittleren Atommeilers. Die Volkswirtschaft spart mit ihr täglich Millionen an Transfers, die für ausländische fossile Rohstoffe notwendig sind. Mit Tiefengeothermie lässt sich die Energiewende vorantreiben und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern. Allerdings sind mit ihrer Nutzung einige Herausforderungen verbunden, zu nennen sind hier etwa die hohen Investitionskosten, die zu Beginn anfallen, politische Hürden sowie Herausforderungen bei der Finanzierung.

Ein bedeutender Vorteil der Geothermie ist ihre ökologische Bilanz. Durch die Nutzung von Erdwärme lassen sich die CO₂-Emissionen im Vergleich zu fossilen Heiztechniken drastisch senken. Geothermieprojekte leisten einen unmittelbaren Beitrag zur Dekarbonisierung von Wärmenetzen und beschleunigen den Übergang hin zu einer klimaneutralen Energieversorgung. Die tiefengeothermische Nutzung ist im Betrieb nahezu emissionsfrei und erfordert keine zusätzlichen Ressourcen wie Brennstoffe, was sie zu einer nachhaltigen und zuverlässigen Lösung macht.

Herkulesaufgabe Finanzierung

Die Finanzierung von Geothermieprojekten ist für Gemeinden, die Erdwärme nutzen wollen, allerdings eine Herkulesaufgabe. Denn die Investitionskosten für Bohrungen und Anlagen sind hoch, und die Fördermittel reichen bei Weitem nicht aus, um die ambitio­nierten Klimaziele zu erreichen. Staatliche Förderprogramme wie die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) bieten zwar Unterstützung, decken jedoch nur Teilbereiche ab. Zusätzlich sind für eine langfristige Planungssicherheit dringend verlässliche politische Rahmenbedingungen notwendig. Doch derzeit bestehen Unsicherheiten in der Förderung und den regulatorischen Anforderungen, die Investoren abschrecken und die Entwicklung geothermischer Projekte verlangsamen. Die im Kabinett bereits beschlossene Fündigkeitsversicherung zur Absicherung der Bohrrisiken durch KfW und Munich Re ist mangels verabschiedeten Bundeshaushalts erst einmal auf die lange Bank geschoben und harrt einer neuen Bundesregierung. 

Nachteile ausgleichen

Generell ist die Tiefengeothermie nach wie vor benachteiligt. Vor allem beim Wärmepreis kommt es zu Verzerrungen. Das hat mehrere Gründe: Zum einen gilt die Fernwärme von Stadtwerken, die durch die Verbrennung von Müll und Stromerzeugung mittels Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) – also durch das Verbrennen von Gas – entsteht, als klimafreundlich und wird seit 20 Jahren subventioniert. Aber auch KWK-Anlagen, die vorwiegend fossile Energie verbrennen, erhalten nach wie vor massive Förderung. Die BEW gleicht diesen Nachteil lediglich teilweise aus. 

Zum anderen benachteiligt der aktuell zu niedrige CO₂-Preis grüne Wärme. Wenn der untere Preis für die Tonne CO₂ bei 125 Euro liegt, wird erneuerbare Wärme erst im Jahr 2035 nicht mehr von mit KWK erzeugter Wärme verdrängt. Liegt der Preis für die Tonne CO₂ schon vor 2030 bei 125 Euro, wird es bereits fünf Jahre früher einen regelrechten Run auf erneuerbare Wärme geben. 

Der niedrige CO₂-Preis sorgt also dafür, dass der Ausbau von Geothermie bis 2035 nur schleppend vorangeht. Die Einführung eines speziellen Wärmeindexes für erneuerbare Energien könnte helfen, die Geothermie besser zu positionieren und die Abhängigkeit vom fossilen Energiemarkt zu verringern. So hält sich zum Beispiel das kommunale Geothermie-Unternehmen der Gemeinde Pullach im Isartal, die IEP Innovative Energie für Pullach, an den Pullach Erneuerbare Wärmepreisindex (PEWI), der keine Wärmeerzeuger enthält, die weniger als 65 Prozent ihrer Wärme aus erneuerbaren Energien beziehen. 

Ein weiterer Stolperstein sind die hohen Durchleitungsgebühren für Fernwärme, die deutlich über den Gebühren für Strom- oder Gasleitungen liegen. In Bayern etwa sind diese Kosten, die zum Beispiel die bayerischen Staatsforsten verlangen, bis zu zwanzigmal höher, was die Rentabilität der Geothermieprojekte schmälert und die Investitionsbereitschaft senkt. Außerdem fehlt es an einem spezifischen Preisindex für Wärme aus erneuerbaren Energien, was die Preisgestaltung für Geothermie zusätzlich erschwert und die Vergleichbarkeit im Markt mindert.

Synergien heben

Die Skalierung und effiziente Umsetzung von Geothermieprojekten lässt sich mit gezielten Kooperationen und Synergieeffekten erreichen. Vor allem in solchen Kommunen, in denen mehrere Bohrungen und vernetzte Systeme möglich sind, lassen sich durch die Verteilung der Spitzenlasten kosteneffiziente Lösungen schaffen. 

Skaleneffekte, etwa durch vier bis acht Bohrungen anstelle von Einzelprojekten mit nur einer Förder- und einer Reinjektionsbohrung (Bürgermeisterdublette), könnten die Kosten um bis zu 30 Prozent senken. Durch diese Netzwerke könnten sich die Produktionskosten deutlich reduzieren lassen, was die Wirtschaftlichkeit der Geothermie langfristig steigern würde. Interkommunale Verbundprojekte tragen langfristig ebenso zu mehr Wirtschaftlichkeit bei.

Die Finanzierung von Geothermieprojekten basiert auf einem Mix aus Eigen- und Fremdkapital. Eine aktive Beteiligung der Bevölkerung und die Einbindung von strategischen Investoren könnten zusätzliche Mittel generieren und die Akzeptanz der Projekte in der Bevölkerung steigern. Die Stadtwerke könnten durch Bürgerbeteiligungen und das Auflegen eines Wärmefonds auch private Investoren gewinnen. Zugleich gibt es Überlegungen für die Gründung eigenständiger Wärmetransportgesellschaften, was die Verbreitung von Fernwärme effizienter gestalten kann. Die Anpassung der Finanzierungsregeln könnte hier ebenfalls neue Spielräume eröffnen.

Zukünftige Perspektiven

Tiefengeothermie kann als Schlüsseltechnologie für eine nachhaltige und klimaneutrale Wärmeversorgung fungieren. Um jedoch ihr volles Potenzial auszuschöpfen, braucht es finanzielle Anreize und die Abschaffung bürokratischer Hürden. Zudem sind Innovationen und Kooperationen gefragt, um die Kosten zu senken und die Rentabilität zu steigern. Wenn es gelingt, die politischen Rahmenbedingungen klar und stabil zu gestalten, kann die Geothermie zur tragenden Säule der Wärmewende werden. In einer Zukunft, in der die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen minimiert ist und erneuerbare Energien das Rückgrat der Wärmeversorgung bilden, wird die Tiefengeothermie einen unverzichtbaren Beitrag zur Klimaneutralität leisten.

Die Transformation der Wärmeversorgung mit Tiefengeothermie ist nicht nur ein technisches Projekt, sondern ein gesellschaftliches Ziel. Mit politischen und wirtschaftlichen Anstrengungen, einem klaren Förderregime und dem Willen zur Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Investoren und der Bevölkerung kann die Tiefengeothermie den Übergang zu einer nachhaltigen Wärmeversorgung gestalten. Die Technologie ist da – jetzt gilt es, sie in die Breite zu tragen und gemeinsam die Weichen für eine klimafreundliche Zukunft zu stellen.


Der Autor, Helmut MangoldHelmut Mangold ist Geschäftsführer der Innovative Energie für Pullach GmbH (IEP). Die Geothermiegesellschaft der Gemeinde Pullach betreibt und erweitert seit 2005 das kommunale Geothermie-Fernwärmenetz und ist für den Messstellenbetrieb der Stromnetz Pullach GmbH verantwortlich.



Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Geothermie
Bohrgerät bei der Verlegung von Erdsonden für ein kaltes Nahwärmenetz: Auf einer Baustelle sind gestapelte Sondenrohre zu sehen, während ein Arbeiter die Tiefenbohrung zur Nutzung von Erdwärme vorbereitet.

Stadtwerke Münster: Kalte Nahwärme im Neubaugebiet

[27.02.2026] Im Neubaugebiet Albachten-Ost setzen die Stadtwerke Münster auf ein zentrales Wärmesystem, das mit Erdwärme betrieben wird. Rund 100 Erdsonden werden künftig rund 500 Wohneinheiten mit Wärme versorgen. Die Investitionskosten belaufen sich auf 8,5 Millionen Euro. mehr...

Berlin: Kicken und wärmen

[23.02.2026] Unter einem Fußballspielfeld in Berlin entsteht ein großflächiges Geothermie-Kollektorfeld, das vier öffentliche Gebäude vollständig mit erneuerbarer Wärme versorgt. Das Projekt am Maikäferpfad gilt als wirtschaftlich tragfähiges Modell für die kommunale Wärmewende und zeigt, wie sich Sportflächen energetisch doppelt nutzen lassen. mehr...

Praxisforum Tiefengeothermie: Neuer Name spiegelt Aufschwung

[23.02.2026] Das Praxisforum Geothermie Bayern firmiert künftig als Praxisforum Tiefengeothermie und richtet sich damit neu aus. Die Umbenennung reagiert auf das Geothermie-Beschleunigungsgesetz und den bundesweiten Ausbau der Tiefengeothermie – und markiert einen strategischen Schritt für das Branchentreffen im Oktober 2026. mehr...

Trier: Kaltes Nahwärmenetz im Bau

[18.02.2026] Im Trierer Stadtteil Gartenfeld entsteht derzeit ein neues Wärmenetz. Es nutzt oberflächennahe Geothermie und soll sowohl Neubauten als auch Bestandsgebäude versorgen. Laut den Projektbeteiligten ist das Vorhaben als Pilotprojekt angelegt. mehr...

Blick von oben in eine Messehalle der GeoTHERM in Offenburg: Zahlreiche Aussteller präsentieren an hell beleuchteten Ständen Bohrtechnik, Geothermie- und Energielösungen, während Fachbesucherinnen und Fachbesucher zwischen den Ständen Gespräche führen.

Fraunhofer IEG: Mehr Tempo bei Geothermie

[16.02.2026] Auf der GeoTHERM in Offenburg präsentiert das Fraunhofer IEG neue Ansätze zur Nutzung von Erdwärme. Das Ziel besteht darin, die Geothermie schneller in den Massenmarkt zu bringen. Die Forschenden sehen großes Potenzial für Kommunen und Industrie. mehr...

bericht

Potsdam: In der heißen Phase

[12.02.2026] Potsdam ist ein bundesweit und europäisch beachtetes Leuchtturmprojekt für Tiefengeothermie und erneuerbare Fernwärme. Das Vorhaben zeigt, wie die Wärmewende technisch machbar und wirtschaftlich umsetzbar ist. mehr...

bericht

Forschung: Den Blick in den Untergrund öffnen

[02.02.2026] Um das Potenzial von Geothermie als klimaneutrale Wärmequelle zu nutzen, brauchen Stadtwerke nicht nur Investitionsbereitschaft, sondern auch fundierte Daten und erprobte Technologien. Hier setzt das Reallabor Geothermie Rheinland des Fraunhofer IEG an. mehr...

Stadtwerke München: Bauabschnitt von Goethermie-Großprojekt abgeschlossen

[02.02.2026] Beim Geothermie-Großprojekt Michaelibad in München ist ein wichtiger Bauabschnitt abgeschlossen: Die acht Standrohrbohrungen sind fertiggestellt. Damit ist der erste Meilenstein der Bauphase für die größte Geothermie-Anlage Kontinentaleuropas erreicht. mehr...

Duisburg: Ministerium unterstützt Erkundungsbohrung

[13.01.2026] Nordrhein-Westfalen fördert in Duisburg eine Erkundungsbohrung zur Tiefengeothermie mit rund 7,5 Millionen Euro. Das Projekt der Stadtwerke Duisburg soll die Grundlage für eine klimafreundliche und langfristig bezahlbare Wärmeversorgung im Fernwärmenetz schaffen. mehr...

Eckernförder Bucht: LBEG weist Erlaubnisfeld für Tiefengeothermie aus

[13.01.2026] An der Eckernförder Bucht ist ein neues Erlaubnisfeld für Tiefengeothermie ausgewiesen worden. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie hat dafür dem Unternehmen Moin Moin! Innovativcluster Erdwärme das Erlaubnisfeld Schwansen zugeteilt. mehr...

GeoTHERM: Fraunhofer IEG zeigt Wärmewende-Forschung

[19.12.2025] Fraunhofer IEG präsentiert auf der GeoTHERM 2026 in Offenburg anwendungsnahe Forschung für die Wärmewende und positioniert Geothermie als zentrale Säule nachhaltiger Wärmeversorgung. mehr...

Schornsheim: Klimaneutrales Neubaugebiet fertiggestellt

[11.12.2025] Schornsheim hat das neue Neubaugebiet Gänsweide übernommen, das komplett auf Erdwärme setzt. MVV zufolge ist es das erste Gebiet der Verbandsgemeinde Wörrstadt, das mit einem kalten Nahwärmenetz erschlossen wurde. mehr...

AGFW: Statement zum Geothermie-Beschleunigungsgesetz

[10.12.2025] Der Bundestag hat das Geothermie-Beschleunigungsgesetz beschlossen und damit neue Standards für schnellere Planfeststellungsverfahren bei Wärmeleitungen gesetzt. Der Energieeffizienzverband AGFW warnt vor möglichen zusätzlichen Hürden durch unklare Formulierungen im Gesetz. mehr...

badenovaWÄRMEPLUS: Plan für Erdwärmeprojekt eingereicht

[09.12.2025] badenovaWÄRMEPLUS hat jetzt den Hauptbetriebsplan für das Projekt Erdwärme Breisgau beim Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau eingereicht. Die Behörde prüft nun die technischen Unterlagen für die geplanten Tiefenbohrungen im Oberrheingraben. mehr...

GeoTHERM: Kongressprogramm online

[08.12.2025] Die GeoTHERM 2026 präsentiert ein umfangreiches zweitägiges Kongressprogramm mit internationaler Expertise aus Wissenschaft und Industrie. Erstmals werden alle Vorträge per App simultan in drei Sprachen übertragen. mehr...