GeothermieMultitalent für die Wärmeversorgung

Die Investitionskosten für Bohrungen und Anlagen sind bei der Geothermie hoch.
(Bildquelle: Heng Heng – AI Stock)
Die Klimakrise und die dringend notwendige Senkung unserer CO₂-Emissionen stellen hohe Anforderungen an die Energieversorgung. Der Gebäudesektor ist für 30 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich. Tiefengeothermie bietet hier vielversprechende Möglichkeiten, denn mit ihr lassen sich Gebäude klimaneutral heizen und kühlen. Zudem kann die Tiefengeothermie Strom erzeugen, Prozesswärme liefern oder auch Gewächshäuser heizen.
Allein im Raum München hat die Tiefengeothermie im Vergleich zur Heizung mit Luftwärmepumpen das Einsparpotenzial eines mittleren Atommeilers. Die Volkswirtschaft spart mit ihr täglich Millionen an Transfers, die für ausländische fossile Rohstoffe notwendig sind. Mit Tiefengeothermie lässt sich die Energiewende vorantreiben und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern. Allerdings sind mit ihrer Nutzung einige Herausforderungen verbunden, zu nennen sind hier etwa die hohen Investitionskosten, die zu Beginn anfallen, politische Hürden sowie Herausforderungen bei der Finanzierung.
Ein bedeutender Vorteil der Geothermie ist ihre ökologische Bilanz. Durch die Nutzung von Erdwärme lassen sich die CO₂-Emissionen im Vergleich zu fossilen Heiztechniken drastisch senken. Geothermieprojekte leisten einen unmittelbaren Beitrag zur Dekarbonisierung von Wärmenetzen und beschleunigen den Übergang hin zu einer klimaneutralen Energieversorgung. Die tiefengeothermische Nutzung ist im Betrieb nahezu emissionsfrei und erfordert keine zusätzlichen Ressourcen wie Brennstoffe, was sie zu einer nachhaltigen und zuverlässigen Lösung macht.
Herkulesaufgabe Finanzierung
Die Finanzierung von Geothermieprojekten ist für Gemeinden, die Erdwärme nutzen wollen, allerdings eine Herkulesaufgabe. Denn die Investitionskosten für Bohrungen und Anlagen sind hoch, und die Fördermittel reichen bei Weitem nicht aus, um die ambitionierten Klimaziele zu erreichen. Staatliche Förderprogramme wie die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) bieten zwar Unterstützung, decken jedoch nur Teilbereiche ab. Zusätzlich sind für eine langfristige Planungssicherheit dringend verlässliche politische Rahmenbedingungen notwendig. Doch derzeit bestehen Unsicherheiten in der Förderung und den regulatorischen Anforderungen, die Investoren abschrecken und die Entwicklung geothermischer Projekte verlangsamen. Die im Kabinett bereits beschlossene Fündigkeitsversicherung zur Absicherung der Bohrrisiken durch KfW und Munich Re ist mangels verabschiedeten Bundeshaushalts erst einmal auf die lange Bank geschoben und harrt einer neuen Bundesregierung.
Nachteile ausgleichen
Generell ist die Tiefengeothermie nach wie vor benachteiligt. Vor allem beim Wärmepreis kommt es zu Verzerrungen. Das hat mehrere Gründe: Zum einen gilt die Fernwärme von Stadtwerken, die durch die Verbrennung von Müll und Stromerzeugung mittels Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) – also durch das Verbrennen von Gas – entsteht, als klimafreundlich und wird seit 20 Jahren subventioniert. Aber auch KWK-Anlagen, die vorwiegend fossile Energie verbrennen, erhalten nach wie vor massive Förderung. Die BEW gleicht diesen Nachteil lediglich teilweise aus.
Zum anderen benachteiligt der aktuell zu niedrige CO₂-Preis grüne Wärme. Wenn der untere Preis für die Tonne CO₂ bei 125 Euro liegt, wird erneuerbare Wärme erst im Jahr 2035 nicht mehr von mit KWK erzeugter Wärme verdrängt. Liegt der Preis für die Tonne CO₂ schon vor 2030 bei 125 Euro, wird es bereits fünf Jahre früher einen regelrechten Run auf erneuerbare Wärme geben.
Der niedrige CO₂-Preis sorgt also dafür, dass der Ausbau von Geothermie bis 2035 nur schleppend vorangeht. Die Einführung eines speziellen Wärmeindexes für erneuerbare Energien könnte helfen, die Geothermie besser zu positionieren und die Abhängigkeit vom fossilen Energiemarkt zu verringern. So hält sich zum Beispiel das kommunale Geothermie-Unternehmen der Gemeinde Pullach im Isartal, die IEP Innovative Energie für Pullach, an den Pullach Erneuerbare Wärmepreisindex (PEWI), der keine Wärmeerzeuger enthält, die weniger als 65 Prozent ihrer Wärme aus erneuerbaren Energien beziehen.
Ein weiterer Stolperstein sind die hohen Durchleitungsgebühren für Fernwärme, die deutlich über den Gebühren für Strom- oder Gasleitungen liegen. In Bayern etwa sind diese Kosten, die zum Beispiel die bayerischen Staatsforsten verlangen, bis zu zwanzigmal höher, was die Rentabilität der Geothermieprojekte schmälert und die Investitionsbereitschaft senkt. Außerdem fehlt es an einem spezifischen Preisindex für Wärme aus erneuerbaren Energien, was die Preisgestaltung für Geothermie zusätzlich erschwert und die Vergleichbarkeit im Markt mindert.
Synergien heben
Die Skalierung und effiziente Umsetzung von Geothermieprojekten lässt sich mit gezielten Kooperationen und Synergieeffekten erreichen. Vor allem in solchen Kommunen, in denen mehrere Bohrungen und vernetzte Systeme möglich sind, lassen sich durch die Verteilung der Spitzenlasten kosteneffiziente Lösungen schaffen.
Skaleneffekte, etwa durch vier bis acht Bohrungen anstelle von Einzelprojekten mit nur einer Förder- und einer Reinjektionsbohrung (Bürgermeisterdublette), könnten die Kosten um bis zu 30 Prozent senken. Durch diese Netzwerke könnten sich die Produktionskosten deutlich reduzieren lassen, was die Wirtschaftlichkeit der Geothermie langfristig steigern würde. Interkommunale Verbundprojekte tragen langfristig ebenso zu mehr Wirtschaftlichkeit bei.
Die Finanzierung von Geothermieprojekten basiert auf einem Mix aus Eigen- und Fremdkapital. Eine aktive Beteiligung der Bevölkerung und die Einbindung von strategischen Investoren könnten zusätzliche Mittel generieren und die Akzeptanz der Projekte in der Bevölkerung steigern. Die Stadtwerke könnten durch Bürgerbeteiligungen und das Auflegen eines Wärmefonds auch private Investoren gewinnen. Zugleich gibt es Überlegungen für die Gründung eigenständiger Wärmetransportgesellschaften, was die Verbreitung von Fernwärme effizienter gestalten kann. Die Anpassung der Finanzierungsregeln könnte hier ebenfalls neue Spielräume eröffnen.
Zukünftige Perspektiven
Tiefengeothermie kann als Schlüsseltechnologie für eine nachhaltige und klimaneutrale Wärmeversorgung fungieren. Um jedoch ihr volles Potenzial auszuschöpfen, braucht es finanzielle Anreize und die Abschaffung bürokratischer Hürden. Zudem sind Innovationen und Kooperationen gefragt, um die Kosten zu senken und die Rentabilität zu steigern. Wenn es gelingt, die politischen Rahmenbedingungen klar und stabil zu gestalten, kann die Geothermie zur tragenden Säule der Wärmewende werden. In einer Zukunft, in der die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen minimiert ist und erneuerbare Energien das Rückgrat der Wärmeversorgung bilden, wird die Tiefengeothermie einen unverzichtbaren Beitrag zur Klimaneutralität leisten.
Die Transformation der Wärmeversorgung mit Tiefengeothermie ist nicht nur ein technisches Projekt, sondern ein gesellschaftliches Ziel. Mit politischen und wirtschaftlichen Anstrengungen, einem klaren Förderregime und dem Willen zur Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Investoren und der Bevölkerung kann die Tiefengeothermie den Übergang zu einer nachhaltigen Wärmeversorgung gestalten. Die Technologie ist da – jetzt gilt es, sie in die Breite zu tragen und gemeinsam die Weichen für eine klimafreundliche Zukunft zu stellen.
Geologischer Dienst NRW: Erkundungen im nördlichen Münsterland
[03.09.2026] Im nördlichen Münsterland untersucht der Geologische Dienst NRW das Potenzial für tiefe Erdwärme. Drei Seismik-Trassen sollen Kommunen und Stadtwerken zeigen, wo sich weitere Erkundungen für die Wärmeversorgung lohnen. mehr...
Münster: Hochschulstandort baut Geothermie-Anlage weiter aus
[02.09.2026] Die FH Münster baut ihre Geothermie-Anlage am Technologie-Campus Steinfurt für 18,8 Millionen Euro aus. Künftig soll Erdwärme rund 64 Prozent des Wärmebedarfs decken und zugleich als Reallabor für effizientere Wärmepumpen dienen. mehr...
Stadtwerke Munster-Bispingen: Heißes Wasser mit bis zu 154 Grad Celsius entdeckt
[28.08.2026] Die Stadtwerke Munster-Bispingen sehen nach ersten Arbeiten am Tiefengeothermie-Projekt in Munster gute Chancen für eine wirtschaftliche Wärmenutzung. In einem ertüchtigten Bohrloch stieß die Unternehmenstochter HeideGeo auf Wasser mit Temperaturen von bis zu 154 Grad Celsius. mehr...
München: Seismik-Messungen gestartet
[26.08.2026] Im Großraum München wird der tiefe Untergrund in den kommenden Monaten großflächig untersucht. Die Daten sollen ein dreidimensionales geologisches Modell ermöglichen und die Planung weiterer Geothermieprojekte unterstützen. Die Messungen sind Teil des Forschungsprojekts GIGA-M. mehr...
Fraunhofer IEG: Forschungsprojekt zu Kalkgestein in der Rhein-Ruhr-Region
[17.08.2026] Ein Forschungsprojekt entwickelt neue Werkzeuge für die Tiefengeothermie in der Rhein-Ruhr-Region. R3Chain soll das Potenzial von Kalkgestein genauer bestimmen und Stadtwerken sowie Energieversorgern frühere Planungssicherheit geben. mehr...
Fraunhofer IEG: EU-Projekt entwickelt neue Bohrtechnik
[13.08.2026] Das EU-Projekt UPLIFT entwickelt mit der MTD-Technologie eine Bohrtechnik, die bestehende Geothermiebohrungen durch seitliche Mikro-Bohrungen erweitern soll. Das Verfahren wird in einer drei Kilometer tiefen Bohrung in Tschechien getestet und soll höhere Wärmeleistungen bei geringerem Erschließungsrisiko ermöglichen. mehr...
Hamburg: Tiefengeothermie-Projekt steht kurz vor Inbetriebnahme
[10.08.2026] Hamburgs erstes Tiefengeothermie-Projekt steht vor der Inbetriebnahme. Noch 2026 soll Erdwärme aus mehr als 1.300 Metern Tiefe in das Fernwärmenetz von Wilhelmsburg eingespeist werden. mehr...
Badenova: Vorbereitung von Tiefbohrungen
[10.08.2026] Das Geothermieprojekt Erdwärme Breisgau hat die bergrechtliche Genehmigung für die nächste Projektphase erhalten. Badenova und Herrenknecht bereiten nun die Bohrungen vor und investieren gemeinsam in die Erschließung eines Tiefengeothermie-Reservoirs. mehr...
Rheinisches Revier: Vorbereitung zu seismischen Messungen
[27.07.2026] Fraunhofer IEG bereitet seismische Messungen zur Erkundung des geothermischen Potenzials im Rheinischen Revier vor. Die Untersuchungen sollen die Datengrundlage für kommunale Wärmeplanung und künftige Geothermieprojekte verbessern. mehr...
EWP Potsdam: Bohrstart für Tiefengeothermie
[17.07.2026] Die Energie und Wasser Potsdam hat am Heizkraftwerk Süd die Bohrungen zur Erschließung von Tiefengeothermie begonnen. Mit dem Projekt soll eine weitere erneuerbare Wärmequelle für die Fernwärmeversorgung der Landeshauptstadt erschlossen werden. mehr...
München: Große Seismik-Kampagne
[14.07.2026] Im Großraum München beginnt Ende August eine groß angelegte seismische Messkampagne zur Erkundung von Geothermiepotenzialen. Nach Angaben des Forschungsprojekts GIGA-M soll dabei erstmals ein durchgängiges dreidimensionales Modell des tiefen Untergrunds entstehen. mehr...
Ruhrgebiet: Größtes Geothermie-Erlaubnisfeld
[25.06.2026] Im Ruhrgebiet entsteht das bislang größte Geothermie-Untersuchungsfeld in Deutschland. Für das Projekt „Erdwärme Metropole Ruhr“ wurde nun die entsprechende Erlaubnis erteilt. mehr...
Potsdam: Verlängerung von Projekt zur Tiefengeothermie
[24.06.2026] EWP und das GFZ erschließen in Potsdam gemeinsam weitere Standorte für die Tiefengeothermie. Die vierjährige Kooperation soll den Umbau der Wärmeversorgung beschleunigen und den Weg für den Ersatz des bestehenden Heizkraftwerks ebnen. mehr...
Münster: Forschungsbohrung für 2027 geplant
[22.06.2026] In Münster soll 2027 eine Forschungsbohrung prüfen, ob sich heißes Thermalwasser in mehr als einem Kilometer Tiefe nutzen lässt. Das Projekt könnte die Grundlage für eine klimafreundliche Wärmeversorgung legen und wichtige Entscheidungen für die Wärmewende in der Region beeinflussen. mehr...
Baden-Württemberg: Landesregierung setzt auf Geothermie
[12.06.2026] Die neue Landesregierung in Baden-Württemberg will den Ausbau der tiefen Geothermie vorantreiben. Nach Angaben der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg sollen Hemmnisse für die Technologie abgebaut werden. Derzeit befinden sich 17 Anlagen im Land in Planung, eine weitere wird gebaut. mehr...















