Freitag, 12. Juni 2026

VogelsbergkreisNeue Wege beherzt erkunden

[25.07.2014] Ob Elektromobilität eine Antwort auf den demografischen Wandel sein kann, testet der Vogelsbergkreis. So soll zum einen ein Nachbarschaftshilfeverein elektrisch fahren, zum anderen ist ein Elektro-Dorf-Carsharing geplant.

Ländlicher Raum, vernetztes Denken und Handeln, Modernität, Partizipation und Innovation – das geht im Vogelsbergkreis schon seit vielen Jahren sehr gut zusammen. Diese Erfahrung konnten die Verantwortlichen im Modellvorhaben der Raumordnung (MORO) machen, einem Demografieforschungsprojekt des Bundes. Der Vogelsbergkreis wurde dafür im Jahr 2011 aus 156 Bewerbern von der Bundesregierung ausgewählt. Die Kommune ist eine von 21 bundesweiten Modellregionen im Aktionsprogramm regionale Daseinsvorsorge.
MORO ist zwischenzeitlich abgeschlossen – und geht doch weiter. Zum Beispiel mit dem Projekt „E-Mobilität im Vogelsberg – neue Wege der Mobilität“. Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) erfüllt infolge der demografischen Entwicklung und der ländlichen Siedlungsstruktur bereits heute vielfach nicht mehr die Anforderungen. Das Projekt ermittelt deshalb, welches Potenzial Elektrofahrzeuge haben, um die Mobilität im ländlichen Raum zu sichern. Auch die Voraussetzungen für ihren erfolgreichen Einsatz werden untersucht und erprobt. Zielgruppe sind insbesondere ältere Menschen.

Partizipation als Markenzeichen

Das Vorhaben stützt sich auf ein bereits gut entwickeltes breites Netzwerk lokaler und regionaler Kooperationspartner aus verschiedenen, für die Umsetzung wichtigen Bereichen. Dazu zählen Kommunen, der Nachbarschaftshilfeverein, die Energiegenossenschaft Vogelsberg oder die Max-Eyth-Schule Alsfeld. Damit das Projekt erfolgreich umgesetzt werden kann, ist es wesentlich, die Bürger als Betroffene einzubinden. Daher wird an vorhandenen gemeinschaftsorientierten und bürgerschaftlichen Strukturen im Projekt direkt strategisch angeknüpft.
Mit einem Ansatz, der viele unterschiedliche Akteure unter einen Hut bringt, werden auch Jugendliche in Planungsprozesse oder Projekte einbezogen. Deshalb soll ein weiterer Projektbaustein bei der Max-Eyth-Schule in Alsfeld gesetzt werden. Das berufliche Gymnasium befasst sich seit Längerem mit der E-Mobilität. In Unterrichtsprojekten sollen eine Machbarkeitsstudie und die Planung einer E-Tankstelle erarbeitet werden. Als überregionaler Partner begleitet und evaluiert zudem die Stiftung Schloss Ettersburg das Projekt: Dabei soll ein Leitfaden für die erfolgreiche Implementierung von E-Mobilität im ländlichen Raum erstellt werden.

Nachbarschaftshilfe mit E-Fahrzeugen

Im Modellvorhaben sollen zwei unterschiedliche Mobilitätsansätze auf Basis von Elektrofahrzeugen erprobt werden. Das erste Modell befasst sich mit einem eher kleinstädtisch geprägten Raum. Dieser besteht aus der Kernstadt mit 3.000 bis 5.000 Einwohnern und ihren Stadtteilen mit insgesamt circa 10.000 Einwohnern. Hier sollen ein Hol- und Bringservice sowie weitere Dienstleistungen als neue Form der Nachbarschaftshilfe etabliert werden. In ländlichen Gebieten sind die Strukturen der Daseinsvorsorge durch Rückzug und Konzentration gekennzeichnet. Deshalb erfüllt bürgerschaftliches Engagement eine immer wichtigere Rolle. Wenn es gelingt, ehrenamtliches oder nachbarschaftliches Engagement über die Nutzung von E-Fahrzeugen in einem größeren Radius bereitzustellen, könnten deutlich mehr Bürger von den angebotenen Leistungen profitieren. Deshalb wird dem bürgerschaftlich hoch aktiven Verein Nachbarschaftshilfe Schotten ein Fahrzeug für den elektromobilen Hol- und Bringservice zur Verfügung gestellt.
Für das zweite Modell ist in einem ländlichen Ortsteil mit etwa 300 bis 500 Einwohnern ein Elektro-Dorf-Carsharing geplant. Dafür erhalten die Ortsteile Lautertal-Hopfmannsfeld und Gemünden-Nieder-Gemünden je ein Fahrzeug. Damit es auch wirklich passt, hat die Bürgerschaft das Nutzungskonzept für das E-Auto selbst entwickelt.
Der Vogelsbergkreis weist eine der höchsten Kraftfahrzeugdichten in Deutschland auf. Grund sind die großen Distanzen, die in dem flächenmäßig drittgrößten Kreis Hessens zurückzulegen sind. Hinzu kommt die Pendlerproblematik. Drei Pkw pro Haushalt sind eher die Regel als die Ausnahme. Damit verbunden sind hohe Kostenbelastungen für die Mobilität. Das Projekt zielt darauf, einen Teil der individuellen Alltagsmobilität und somit langfristig den Dritt- oder Zweitwagen zu ersetzen.

Projekt mit Mehrwert

Der Kreis hat sich für das Projekt entschieden, da es verschiedene Zielsetzungen kombiniert: Da der Hol- und Bringservice mit weiteren Dienstleistungen an einen Nachbarschaftsverein angebunden ist, wird nicht nur die Mobilität erhöht, auch Infrastrukturstandorte werden besser erreichbar. Ein weiterer Vorteil: Regional erzeugter Strom wird auch regional verbraucht. Vogelsberg mit einem vergleichsweise hohen Deckungsgrad an regenerativen Energien aus Windenergie oder Photovoltaik leistet damit einerseits einen Beitrag zur Energiewende. Andererseits eröffnen sich für die Region Wertschöpfungspotenziale. Nicht zuletzt erhöhen die genannten Vorhaben die Akzeptanz von E-Mobilität: Die derzeitigen Vorbehalte sollen durch eigene Erfahrungen der Bürger abgebaut werden.
Das Projekt wird mit 91.000 Euro aus Zuwendungen des Bundes und mit 49.000 Euro des Landes Hessen finanziert. Nach einer beteiligungsorientierten Konzeptphase erfolgt noch im dritten Quartal 2014 der Start in die Umsetzungsphase. Für diese ist eine Dauer von etwa 18 Monaten vorgesehen. Das Vorhaben wird fachlich begleitet und evaluiert. Im Jahr 2015 soll für die Projektfortführung nach der Förderung ein Verstetigungskonzept erarbeitet werden.

Manfred Görig

Görig, ManfredManfred Görig (SPD), Jahrgang 1959, ist seit 2012 Landrat des Vogelsbergkreises. Der Diplom-Ingenieur hat nicht nur 25 Jahre Berufserfahrung bei der Deutschen Telekom und der Regulierungsbehörde des Bundeswirtschaftsministeriums gesammelt, sondern hat auch auf kommunal- und landespolitischer Ebene bereits viele Ämter bekleidet.



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