Mittwoch, 16. September 2026

NetzentgelteSolidarische Tarife

[07.04.2014] Bürger, die ihren Strom selbst erzeugen und verbrauchen, zahlen keine Netzgebühren. Langfristig gefährdet dies die Finanzierung der Stromnetze und die Versorgungssicherheit. Ein Plädoyer für leistungsbasierte Netzentgelte.
Leistungsbasierte Netzentgelte können zu einer gerechteren und nachhaltigeren Finanzierung der Netzinfrastruktur beitragen.

Leistungsbasierte Netzentgelte können zu einer gerechteren und nachhaltigeren Finanzierung der Netzinfrastruktur beitragen.

(Bildquelle: Fotolia)

Die neue Bundesregierung sollte den Ordnungsrahmen für die deutsche Energiewirtschaft zügig überarbeiten. Zu den vordringlichen Aufgaben zählt dabei auch die Reform der Stromnetzentgeltverordnung (StromNEV). Es gilt, die Erhebung der Netzentgelte auf eine neue, tragfähige Basis zu stellen. Der Grund: Das gegenwärtige Verfahren gefährdet die Versorgungssicherheit und führt zu einer sozialen Schieflage. Derzeit werden die Netzkosten im Wesentlichen über ein mengenbasiertes Umlageverfahren aufgebracht. Das heißt, die Stromlieferanten verlangen vom Endkunden für jede Kilowattstunde einen bestimmten Betrag und führen dieses Netznutzungsentgelt an den Netzbetreiber ab. Laut Bundesnetzagentur beträgt das durchschnittliche Netzentgelt für Haushaltskunden gegenwärtig rund sechs Cent pro Kilowattstunde Strom. Addiert man hierzu die staatlich verordneten Strompreisbestandteile wie EEG-Umlage, Stromsteuer oder Umsatzsteuer, macht dies inzwischen rund 20 Cent pro Kilowattstunde und damit den Löwenanteil des Endkundenpreises aus. Die Folge: Für immer mehr Verbraucher rechnet es sich, Strom dezentral selbst zu produzieren und so die Netzgebühren und die staatlich verordneten Strompreisbestandteile zu vermeiden. Insbesondere für Eigenheimbesitzer stellt die Stromproduktion für den Eigenverbrauch eine Alternative gegenüber der Vollversorgung über das Netz dar. Eine Photovoltaikanlage auf dem Hausdach bietet in Verbindung mit einem Batteriespeicher inzwischen die Möglichkeit, einen erheblichen Teil des eigenen Stromverbrauchs selbst zu decken.

Trend zur Eigenstromproduktion

Kaum ein Eigenheimbesitzer mit eigener Stromproduktion wird sich indessen ganz vom Netz abkoppeln wollen und können. Schließlich bietet das Netz Versorgungssicherheit in sonnenarmer und einen Absatzkanal für überschüssigen Solarstrom in sonnenreicher Zeit. Das Netz wird also immer noch zu bestimmten Zeiten voll gebraucht. Die Kosten für seinen Unterhalt und seinen Ausbau reduzieren sich folglich nicht.
Der Trend zur Eigenstromproduktion ist sogar selbstverstärkend: Weil die Eigenverbraucher für den selbsterzeugten Strom kein Netzentgelt mehr bezahlen, müssen diese fehlenden Kostenbeiträge für die Finanzierung der Netzinfrastruktur von den verbleibenden Verbrauchern getragen werden. Das Netzentgelt und damit der Endkundenpreis für Strom aus dem Netz steigen dadurch weiter an. All diejenigen, die keinen Strom für den Eigenverbrauch produzieren, müssen deshalb noch tiefer in die eigene Tasche greifen. Das aber macht die Eigenstromproduktion noch attraktiver und noch mehr Eigenheimbesitzer wenden sich von der Vollversorgung ab.

Mieter sind benachteiligt

Die Hauptleidtragenden dieser Entwicklung sind diejenigen, die diese Option nicht haben – also vor allem Mieter. Auf diese Weise benachteiligen die mengenbasierten Netzentgelte letztlich die einkommens- und vermögensschwächeren Teile der Bevölkerung. Sie laufen Gefahr, die Hauptlast der Finanzierung der Netzinfrastruktur stemmen zu müssen. #bild2 Doch damit nicht genug: Durch diese Entwicklung wird der Druck auf die Politik steigen, Maßnahmen gegen den steigenden Endkundenpreis für Strom zu ergreifen. Schon jetzt ist zu erahnen, was passieren kann: Da wenig Interesse besteht, Steuern und Abgaben zu reduzieren und sich der Preis für die Erzeugung des Stroms am Markt bildet, bleiben nur die Netzentgelte, um den Kostenanstieg zu bremsen. Es besteht daher die Gefahr, dass die Erlöse aus dem Netzbetrieb künftig noch stärker gedeckelt werden. So gefährden mengenbasierte Netzentgelte letzten Endes die auskömmliche Finanzierung der Netze – zum Schaden der Versorgungssicherheit. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland wäre das fatal.
Um die Finanzierung der Netze gerecht und nachhaltig zu gestalten, bedarf es eines neuen Erhebungsverfahrens. Deutschland sollte zu leistungsbasierten anstelle von mengenbasierten Netzentgelten übergehen. Das heißt, Netzkunden sollten künftig für ihren Anschluss eine Pauschale bezahlen, die sich danach bemisst, wie viel Leitungskapazität sie benötigen. Bildlich gesprochen: Je dicker die Anschlussleitung, desto höher die zu entrichtende Pauschale. Der Preis, den ein Stromkunde pro abgenommener Kilowattstunde an seinen Lieferanten zahlen müsste, würde dadurch sinken. Im Gegenzug würde der Grundpreis steigen. Damit würden auch die Kosten fair und sozial angemessen verteilt.
Es wäre gut, wenn die Politik den Wechsel zu einem System leistungsbasierter Netztarife rasch einleiten würde. Auf diese Weise ließe sich eine gerechte und nachhaltige Finanzierung der Netzinfrastruktur gewährleisten, weil jeder, der in den Genuss von Versorgungszuverlässigkeit kommt, auch einen angemessen Beitrag entrichten würde.

Dr. Constantin H. Alsheimer studierte Rechtswissenschaften und war unter anderem bei einer Investment-Bank und im öffentlichen Dienst tätig. Von 2002 bis 2006 war er Geschäftsführer der AVA Abfallverbrennungsanlage Nordweststadt. Seit 2006 ist er Mitglied des Vorstands der Mainova AG, seit 2009 Vorstandsvorsitzender. Nebenamtlich ist er Sprecher der Stadtwerke Frankfurt.




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Bitkom: Besserer Schutz von Stromnetzen gefordert

[10.09.2026] Angesichts mutmaßlicher Sabotageversuche auf die Strominfrastruktur fordert der Digitalverband Bitkom einen stärkeren Schutz des Energiesystems. Neben physischen Angriffen müssten dabei auch Cyber-Attacken stärker berücksichtigt werden. mehr...

BDEW: Besserer Schutz für Kritische Infrastrukturen

[08.09.2026] Der BDEW dringt auf bessere Rahmenbedingungen für den Schutz der Energieversorgung. Der Verband fordert unter anderem weniger öffentlich zugängliche Infrastrukturdaten, eine wirksamere Drohnenabwehr und einen staatlich finanzierten Resilienzfonds. mehr...

Energiewende-Digitalisierungs-Allianz: Gesetzentwurf soll Netzbetreiber stärker in die Pflicht nehmen

[08.09.2026] Eine Allianz aus 17 Energieunternehmen fordert bundesweit einheitliche und digitale Verfahren für Netzanschlüsse und Netzbetrieb. Ein eigener Gesetzentwurf sieht 30 Maßnahmen vor – darunter finanzielle Ansprüche von Netznutzern, wenn Verteilnetzbetreiber gesetzliche Standards nicht einhalten. mehr...

Sachsen-Anhalt: Energiebranche mahnt Kontinuität an

[08.09.2026] Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnen Verbände und Unternehmen vor einem Bruch in der Energiepolitik. BEE, BWE und LichtBlick verweisen auf die wirtschaftliche Bedeutung der erneuerbaren Energien und fordern verlässliche Rahmenbedingungen für weitere Investitionen. mehr...

BDEW/VKU: Stellungnahme zum Brandanschlag

[02.09.2026] Nach dem Angriff auf ein Umspannwerk in Turnow-Preilack haben sich BDEW und VKU zum Schutz Kritischer Energie-Infrastruktur geäußert. Beide Verbände fordern Konsequenzen, unterscheiden sich aber in der Frage, welche Rolle Staat und Betreiber beim Schutz der Stromnetze übernehmen sollen. mehr...

Bundesregierung: Eckpunkte für ein Wärmenetzpaket beschlossen

[28.08.2026] Die Bundesregierung hat Eckpunkte für ein neues Wärmenetzpaket beschlossen. Der geplante Rechtsrahmen soll Investitionen erleichtern und zugleich Preise sowie Verbraucherrechte neu regeln. mehr...

RWE/Amprion: Stromanbieter kritisieren geplante Übernahme

[19.08.2026] Die geplante Übernahme von Amprion durch RWE stößt bei vier Ökostromanbietern auf Kritik. Sie fordern von der Bundesnetzagentur eine neue Prüfung, weil sie Risiken für Wettbewerb, Netzunabhängigkeit und den Zugang zu Flexibilitätsmärkten sehen. mehr...

Windenergie-auf-See-Gesetz: VKU fordert Ausbau mit Augenmaß

[19.08.2026] Der VKU fordert für den weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie mehr Wettbewerb und eine stärkere Orientierung am tatsächlichen Stromertrag. Zur Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes schlägt der Verband unter anderem ein niedrigeres Ausbauziel und kleinere Ausschreibungsflächen vor. mehr...

interview

Interview: Schocks absorbieren

[10.08.2026] Die Energiebranche fordert klare Regeln für den Schutz Kritischer Infrastrukturen. stadt+werk sprach mit Kerstin Andreae, BDEW, und Ingbert Liebing, VKU, über die Bedrohungslage und mögliche Wege zu höherer Sicherheit. mehr...

Verband Region Stuttgart: Ausbau der Stromnetze beschleunigen

[06.08.2026] Der Verband Region Stuttgart und zahlreiche Partner wollen den Ausbau der Stromnetze in der Region beschleunigen. Eine gemeinsame Absichtserklärung soll Planungs- und Genehmigungsverfahren vereinfachen und die Zusammenarbeit von Kommunen, Netzbetreibern und Stadtwerken stärken. mehr...

Bundesregierung: StromVKG verabschiedet

[04.08.2026] Das neue Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz schafft den Rahmen für zusätzliche flexible Stromkapazitäten. Es soll die Versorgung auch bei wachsendem Anteil erneuerbarer Energien und dem Kohleausstieg absichern. mehr...

EEG-Novelle/Netzanschlusspaket: Stellungnahmen zu Reformschritten

[29.07.2026] Das Bundeskabinett hat heute die Entwürfe für die EEG-Novelle und das Netzanschlusspaket beschlossen. Energieverbände begrüßen den Reformkurs, verlangen im parlamentarischen Verfahren aber an zentralen Punkten Änderungen. mehr...

Thüringen: Energie-Anlagen schneller genehmigen

[28.07.2026] Thüringen will Genehmigungsverfahren für Industrie- und Energie-Anlagen weiter beschleunigen. Neue Vorgaben und organisatorische Maßnahmen sollen Investitionen sowie den Ausbau der Energie-Infrastruktur erleichtern, ohne den Umweltschutz zu schwächen. mehr...

Politik: Stellungnahmen zur EEG-Novelle und zum Netzanschlusspaket

[24.07.2026] Die Referentenentwürfe zur EEG-Novelle und zum Netzanschlusspaket stoßen bei Ländern und Verbänden auf ein geteiltes Echo. Während einige Akteure Nachbesserungen verlangen, sehen andere wichtige Fortschritte – fordern aber mehr Zeit und einen strukturierten Dialog vor dem Kabinettsbeschluss. mehr...

Sokratherm: Politische Entscheidungen verbessern Bedingungen für KWK

[22.07.2026] Das neue Gebäudemodernisierungsgesetz und ein EuGH-Urteil stärken die Rahmenbedingungen für Kraft-Wärme-Kopplung. Beide Entscheidungen könnten den Einsatz von Blockheizkraftwerken erleichtern und die anstehende Reform des KWK-Gesetzes beeinflussen. mehr...