Freitag, 6. Februar 2026

EnergiepolitikAuf dem Weg in die Irre

[25.07.2017] Die Doktrin der stromgeführten Energiewende gefährdet das Ziel der dezentralen Versorgung und benachteiligt die kommunalen Unternehmen, sagt Constantin H. Alsheimer. stadt+werk sprach mit dem Mainova-Chef über aktuelle energiepolitische Entwicklungen.
Mainova-Chef Constantin H. Alsheimer: Verteilnetzbetreiber und Betreiber von KWK-Anlagen sollen offensichtlich geschwächt werden.

Mainova-Chef Constantin H. Alsheimer: Verteilnetzbetreiber und Betreiber von KWK-Anlagen sollen offensichtlich geschwächt werden.

(Bildquelle: Mainova AG)

Herr Dr. Alsheimer, Sie haben kürzlich davor gewarnt, dass die Energiewende in Gefahr ist, auf einen planwirtschaftlichen Irrweg zu geraten. Was läuft falsch bei der Energiepolitik? Wir beobachten, dass das Denken und Handeln der maßgeblichen Akteure im Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) seit einiger Zeit einer Doktrin der stromgeführten Energiewende folgt. Die Eckpunkte dieser Doktrin hat Staatssekretär Rainer Baake in einem Interview unlängst folgendermaßen umrissen: ‚Es wird darum gehen, in allen Sektoren erneuerbare Energien direkt einzusetzen‘, und weiter: ,Wir brauchen also eine Strategie, wie wir mit Strom Benzin und Diesel im Verkehr und Öl und Gas beim Heizen unserer Gebäude ablösen‘. Problematisch daran ist, dass die Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität offenbar durch den Staat auf einen bestimmten Umsetzungspfad hin festgelegt werden soll. Der Staat maßt sich an, für einen Zeitraum von gut 30 Jahren im Voraus den Weg für die effizienteste technologische Umsetzung der Energiewende zu kennen. Welche Auswirkungen hat diese Doktrin der stromgeführten Energiewende? Letztlich läuft sie darauf hinaus, das Prinzip der Technologieoffenheit aufzugeben und das Prinzip der Wirtschaftlichkeit zu missachten, denn potenziell kostengünstigeren Alternativen wird von vorneherein die Realisierungschance genommen. Alles soll über Strom laufen. Gas und die Gasinfrastruktur haben in dieser Doktrin keinen Platz mehr. Lösungen wie Power to Gas und die Rückverstromung des gespeicherten grünen Gases in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen werden damit irreversibel verworfen, ohne dass eine befriedigende Antwort auf die Frage nach Langzeitspeicherung geboten wird. Den volkswirtschaftlichen Kosten wird in der Doktrin der stromgeführten Energiewende offenbar kein großer Stellenwert eingeräumt. Beispielsweise scheint der gigantische Ausbaubedarf beim Stromnetz, der durch einen Switch von Gas auf Strom im Wärmesektor entstehen würde, ignoriert zu werden. Wir haben die entsprechenden finanziellen Folgen der stromgeführten Energiewende einmal überschlägig für das Stromverteilnetz in Frankfurt am Main errechnet. Das Ergebnis: Investitionskosten allein hier von drei bis vier Milliarden Euro – und das auch nur unter sehr optimistischen Annahmen und wohlgemerkt nur für das Frankfurter Verteilnetz. Die Kosten für das vorgelagerte Übertragungsnetz sind darin nicht enthalten. Sie plädieren für eine stärkere Rolle von Erdgas bei der Energiewende. Wo liegen die Vorteile dieses fossilen Energieträgers? Gas kann einen substanziellen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Mithilfe des emissionsarmen Energieträgers Gas könnten im Gebäudesektor erhebliche Treibhausgas-Einsparungen realisiert werden. Durch den Austausch von zwei Millionen veralteter Ölheizkessel gegen moderne Gasbrennwertkessel ließe sich eine Reduktion der Treibhausgasemissionen in Höhe von rund 18 Millionen Tonnen CO2 erreichen und zwar so, dass die Betroffenen dadurch auch noch finanziell profitieren würden. Auf lange Sicht bieten der Energieträger Gas und die Gasinfrastruktur über Power to Gas und die Rückverstromung des gespeicherten grünen Gases in KWK-Anlagen gerade in den urbanen Ballungsräumen einen vielversprechenden Ansatz für die Sektorkopplung. Dies gilt umso mehr als die Gasinfrastruktur mit ihren riesigen Kavernenspeichern in Verbindung mit Power to Gas derzeit die einzige aussichtsreiche Langzeitspeicherlösung bietet. „Kommunalen Energieversorgern drohen erhebliche wirtschaftliche Nachteile.” Durch die Energiewende sollte die dezentrale Versorgung in den Vordergrund rücken. Ist dieses Ziel mit der derzeitigen Energiepolitik zu erreichen? Leider nein. Mit der Doktrin der stromgeführten Energiewende ist nämlich noch eine weitere gravierende Implikation verbunden, die die Stadtwerke schon heute zu spüren bekommen – und zwar eine weitgehende Absage an das Prinzip der Dezentralität. Die maßgeblichen Akteure im Bundeswirtschaftsministerium und in der Bundesnetzagentur (BNetzA) scheinen einem zentralistisch-dirigistischen Paradigma zu folgen. Sie setzen auf einen Top-down-Ansatz. Entsprechend atmen viele energiepolitische Gesetzgebungsvorhaben der jüngeren Vergangenheit denselben strukturpolitischen Geist: ob Digitalisierungsgesetz, Netzstabilitätsanlagen gemäß Strommarktgesetz oder die vom Bundeswirtschaftsministerium geplante, zum Glück aber gescheiterte Abschaffung der vermiedenen Netzentgelte für KWK gemäß Netzentgeltmodernisierungsgesetz – die Übertragungsnetzbetreiber sollen offenbar systematisch gestärkt, die Verteilnetzbetreiber und die Betreiber insbesondere von KWK-Anlagen dagegen ganz offensichtlich geschwächt werden. Was bedeutet das für die kommunalen Energieversorger? Ihnen drohen erhebliche wirtschaftliche Nachteile, wenn die Doktrin der stromgeführten Energiewende die Agenda des Bundeswirtschaftsministeriums auch in der kommenden Legislaturperiode bestimmen sollte. Die eigentlichen Verlierer wären aber die Stromkunden und die deutsche Volkswirtschaft, auf die langfristig erhebliche Mehrkosten insbesondere in Gestalt stark steigender Stromnetzkosten zukämen. Auf hoher See gibt es erste Windparkprojekte, die ohne Förderung auskommen. Dennoch gibt es Stimmen, die den im Netzentwicklungsplan geforderten Ausbau der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen für unnötig halten. Wie ist Ihre Position? Es gibt gute Gründe, die für die Alternativlosigkeit speziell der HGÜ-Trassen sprechen. Ob das allerdings für alle gegenwärtig geplanten Netzausbaumaßnahmen auf der Übertragungsnetzebene gilt, daran habe ich meine Zweifel. Und erst recht gilt dies für alle Übertragungsnetzprojekte, die da noch kommen mögen, wenn an der Doktrin der stromgeführten Energiewende festgehalten wird. Das Problem ist doch, dass Alternativen zum alleinigen Ausbau der Stromautobahnen der Höchstspannungsebene bisher gar nicht erwogen und geprüft wurden. So hat man bislang die Möglichkeit außer Acht gelassen, durch die intelligente Verknüpfung von Erzeugung, Speicherung und Verbrauch in einem regionalen Rahmen auf Basis eines Ausbaus von Stromschnellstraßen der 110-Kilovolt-Hochspannungsebene die Übertragungsnetze zu entlasten, so den Netzausbaubedarf insgesamt zu minimieren und dadurch die Energiewende gegebenenfalls effizienter umzusetzen. Welche Rolle nehmen die Übertragungsnetzbetreiber bei der Energiepolitik ein? Die maßgeblichen Akteure im BMWi und bei der BNetzA sind offenbar der Ansicht, dass die Sicherstellung der Systemstabilität wie in der alten Energiewelt Top-down erfolgen soll. Um dies zu gewährleisten, soll das Übertragungsnetz massiv ausgebaut werden und die Rolle der Übertragungsnetzbetreiber – gleichsam als verlängerter Arm der staatlichen Exekutive – offenbar gestärkt werden. Wäre es aus Ihrer Sicht machbar, eine dezentrale und regionale Energieversorgung zu schaffen, die flexibel auf alle Anforderungen reagieren kann? Es liegt meines Erachtens in der Logik des Systems einer zunehmend dezentralen Erzeugungslandschaft, dass in Sachen Systemstabilität auch stärker dezentrale Ansätze zum Tragen kommen. Es spricht jedenfalls viel für das Subsidiaritätsprinzip, wonach es effizient ist, auftretende Probleme, in diesem Fall Ungleichgewichte von Erzeugung und Verbrauch, nach Möglichkeit dort auszutarieren, wo sie entstehen – und das ist in der neuen Energiewelt vielfach das Verteilnetz. Notwendig ist deshalb aus meiner Sicht, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, die es den volkswirtschaftlich effizientesten Lösungen ermöglichen, sich durchzusetzen. Lösungen im Sinne intelligenter Verknüpfung von Erzeugung, Speicherung und Verbrauch in einem regionalen Rahmen müssen eine faire Chance haben. Wenn sie tatsächlich effizienter sind, sollten wir diese umsetzen. Was erwarten Sie von einer neuen Bundesregierung nach der Wahl? Ich hoffe, dass sie diese ordnungspolitischen Grundsatzfragen entschlossen und umsichtig angeht. Das erscheint mir auch mit Blick auf Europa notwendig: Sowohl im EU-Parlament als auch in der EU-Kommission scheint man dem deutschen Sonderweg einer stromgeführten Energiewende mit deutlicher Skepsis zu begegnen. Wie stellt sich Mainova auf, um sich fit zu machen für die Zukunft? Die Energiewirtschaft steht unter dem beherrschenden Einfluss zweier Megatrends: Digitalisierung und Dezentralisierung der Erzeugungslandschaft mit einer zunehmenden Zahl von Prosumern. Wir wollen die Chancen nutzen, die daraus erwachsen. So sind wir mit neuen Produkten wie Photovoltaikanlagen mit Speicher für Eigenheimbesitzer, einem Eigenstrom-Pachtmodell für Gewerbekunden und Mieterstrom am Markt aktiv. Darüber hinaus arbeiten wir an der Verknüpfung der Produkte mit neuen Kundenerlebniswelten. Selbstverständlich nutzen wir die Möglichkeiten der Digitalisierung auch, um unsere Kernprozesse kontinuierlich zu verbessern.

Interview: Alexander Schaeff

Alsheimer, Dr. Constantin H.Dr. Constantin H. Alsheimer studierte Rechtswissenschaften und war unter anderem bei einer Investment-Bank und im öffentlichen Dienst tätig. Von 2002 bis 2006 war er Geschäftsführer der AVA Abfallverbrennungsanlage Nordweststadt. Seit dem Jahr 2006 ist er Mitglied des Vorstands der Mainova AG, seit 2009 Vorstandsvorsitzender.

Stichwörter: Politik, Mainova,


Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Baden-Württemberg: Klimaschutz-Programm reaktiviert

[04.02.2026] Kommunen in Baden-Württemberg können wieder Förderanträge für Beratungs- und Begleitmaßnahmen zur energetischen Sanierung öffentlicher Gebäude stellen. Das Land reaktiviert dafür den zweiten Teil des Programms Klimaschutz-Plus und ergänzt die bereits laufende Investitionsförderung. mehr...

Steinbeis: Neue AG für Konfliktkommunikation

[02.02.2026] Eine neue Arbeitsgemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, Konflikte bei Energie- und Infrastrukturprojekten zu verringern. Sie richtet sich an Verantwortliche aus Unternehmen und Kommunen. Ziel ist es, Bürgerinnen und Bürger stärker in Planungen einzubeziehen. mehr...

BDEW: Milliardeninvestitionen in den Netzausbau gefordert

[02.02.2026] Neue Regionalszenarien der Stromverteilnetzbetreiber zeigen einen drastisch steigenden Bedarf an Netzanschlüssen bis 2045. Der BDEW fordert deshalb Milliardeninvestitionen in den Netzausbau und bessere regulatorische Rahmenbedingungen, um privates Kapital zu mobilisieren. mehr...

KRITIS-Dachgesetz: BDEW fordert Tempo

[30.01.2026] Der Bundestag hat gestern das KRITIS-Dachgesetz zur Umsetzung der CER-Richtlinie verabschiedet. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft fordert nun Tempo, klare Zuständigkeiten und eine praxisnahe Ausgestaltung, um die Resilienz kritischer Infrastrukturen wirksam zu erhöhen. mehr...

Gebäudeenergiegesetz: Spitzenverbände fordern Reform

[29.01.2026] Mehrere Spitzenverbände aus Energie-, Kommunal- und Immobilienwirtschaft fordern eine schnelle und grundsätzliche Reform des Gebäudeenergiegesetzes hin zu einem Gebäudemodernisierungsgesetz. Sie verlangen klare, investitionsfreundliche und praxistaugliche Regeln, die nationale und europäische Vorgaben zusammenführen. mehr...

VKU: Kurskorrektur beim Offshore-Ausbau gefordert

[28.01.2026] Der Verband kommunaler Unternehmen fordert anlässlich des Nordsee-Gipfels eine Kurskorrektur beim Ausbau der Offshore-Windenergie. Ziel sei ein Ausbaupfad, der Systemkosten begrenzt, Netze besser auslastet und Investitionen wirtschaftlich tragfähig macht. mehr...

BSW-Solar: Bündnis fordert Fortsetzung der Photovoltaik-Förderungen

[28.01.2026] Ein breites Bündnis aus Wirtschafts- und Zivilgesellschaftsverbänden warnt vor geplanten Kürzungen bei der Förderung von Photovoltaik auf Gebäuden. Nach Ansicht der Unterzeichner würde ein Abbau der Förderung den Solarausbau bremsen, Strompreise verteuern und die Klimaziele gefährden. mehr...

Rheinisches Revier: Gigawattpakt erreicht Ausbauziele

[26.01.2026] Der Gigawattpakt im Rheinischen Revier erreicht schneller als geplant zentrale Ausbauziele: Die installierte Leistung erneuerbarer Energien ist seit Ende 2020 auf 4,4 Gigawatt gestiegen. Damit rückt die für 2028 vorgesehene Marke von fünf Gigawatt bereits nach knapp vier Jahren in greifbare Nähe. mehr...

Schleswig-Holstein: Erhöhung des Bürgerenergiefonds

[20.01.2026] Schleswig-Holstein erhöht den Bürgerenergiefonds um weitere fünf Millionen Euro und stärkt damit die Finanzierung von Energieprojekten in Bürgerhand. Das Gesamtvolumen des Fonds steigt auf 15 Millionen Euro und soll neue Wind-, Solar- und Wärmeprojekte anschieben. mehr...

BDEW: Stellungnahme zur Kraftwerksstrategie

[19.01.2026] Bundesregierung und EU-Kommission haben sich auf Eckpunkte der Kraftwerksstrategie verständigt und damit den Weg für neue Ausschreibungen und zusätzliche gesicherte Leistung geebnet. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft sieht darin ein wichtiges Signal für Versorgungssicherheit und Investitionen in steuerbare Kapazitäten. mehr...

BDEW: Zehn-Punkte-Papier für mehr Resilienz

[14.01.2026] Nach dem mehrtägigen Stromausfall infolge eines Brandanschlags in Berlin fordert der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft rasche politische und rechtliche Konsequenzen. Ein Zehn-Punkte-Papier soll die Resilienz Kritischer Energie- und Wasserinfrastrukturen gegen Sabotage, Ausfälle und Krisen stärken. mehr...

Deutscher Landkreistag: Änderungen an KRITIS-Dachgesetz gefordert

[12.01.2026] Ein mehrtägiger Stromausfall nach einem Anschlag im Berliner Südwesten hat aus Sicht der Landkreise gravierende Schwachstellen in der Krisenvorsorge offengelegt. Der Deutsche Landkreistag dringt deshalb auf einen umfassenderen Schutz Kritischer Infrastrukturen und auf Nachbesserungen beim geplanten KRITIS-Dachgesetz. mehr...

Sachsen: Fortsetzung der zentralen Wasserstoff-Anlaufstelle

[12.01.2026] Sachsen setzt die Arbeit seiner zentralen Wasserstoff-Anlaufstelle fort und beauftragt die bisherige Trägergemeinschaft erneut. Damit soll der Aufbau einer durchgängigen Wasserstoffwirtschaft bis 2030 weiter unterstützt werden. mehr...

Niedersachsen: Gewerbesteueraufkommen für Offshore-Windparks gesichert

[07.01.2026] Niedersachsen ordnet die Gewerbesteuer für Offshore-Windparks neu und sichert damit dauerhaft hohe Einnahmen für seine Kommunen. Kern der Regelung ist die Zuweisung der Hebeberechtigung an Wilhelmshaven ab 2026, mit umfangreichen Umverteilungseffekten über den Kommunalen Finanzausgleich. mehr...

AEE: Fortschritte bei Flächen-Ausweisungen

[07.01.2026] Die Bundesländer kommen bei der Ausweisung von Flächen für Windenergie voran, erreichen die gesetzten Zwischenziele jedoch bislang nur teilweise. Ein Hintergrundpapier der Agentur für Erneuerbare Energien zeigt zudem deutliche Unterschiede zwischen den Ländern sowie Fortschritte bei Genehmigungen und Photovoltaik-Freiflächen. mehr...