EEG-ReformEnergiewende im Konsens umsetzen

Trianel-Geschäftsführer Sven Becker: „Dass Braunkohle der Gewinner der Energiewende ist, halte ich für eine echte Kuriosität.“
(Bildquelle: Trianel)
Herr Becker, die Energiewende gilt als wichtigstes innenpolitisches Projekt der Bundesregierung in der abgelaufenen Legislaturperiode. Haben Sie den Eindruck, dass der Umbau des Energiesystems in Deutschland mit richtigem Konzept und Nachdruck von der Politik vorangetrieben wurde?
Zunächst einmal möchte ich betonen, dass wir als Unternehmen und Stadtwerke-Netzwerk voll hinter der Energiewende stehen und uns mit entsprechenden Maßnahmen für das Gelingen dieses Projekts einsetzen. Wir halten die Ziele – weniger CO2-Ausstoß, Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähige Energiepreise – für richtig. Allerdings ist der Politik die Umsetzung noch nicht gelungen. Im Ergebnis wurde bis dato durch das Festhalten am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und die Passivität beim CO2-Handel das Gegenteil erreicht: Es wird mehr CO2 ausgestoßen, die Systeminstabilität nimmt zu und die Endverbraucherpreise steigen immer weiter an.
Wie kam es zu diesen Effekten?
Es ist ja nicht alles falsch gelaufen. Das EEG war richtig und wichtig, um den Markt für erneuerbare Energien zu öffnen. Dieses Instrument ist jedoch außer Kontrolle geraten, da die Fördersätze nicht ausreichend nachgesteuert wurden. Es gibt keinen Mechanismus zur Regulierung des Zubaus erneuerbarer Energien. In den vergangenen fünf Jahren wurden beispielsweise Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von insgesamt über 30.000 Megawatt errichtet, die allerdings alle zur selben Zeit produzieren. Dadurch kommt es zu Instabilitäten im System, auch weil gleichzeitig der Netzausbau vernachlässigt und die Frage nach Energiespeichern nicht vorangetrieben worden ist. Durch die vermehrte Einspeisung von Strom aus regenerativen Quellen sind die EEX-Preise immer weiter verfallen, was zwei dramatische Konsequenzen hat: Einerseits machen Kraftwerksbetreiber nun Verluste, mit dem Effekt, dass sie keine Mittel für Investitionen in die Modernisierung von Kraftwerken und den Ausbau der Netze mehr haben. Andererseits führen sinkende Großhandelspreise dazu, dass es keine Anreize mehr gibt, neue Kraftwerke zu bauen. Hier sehen wir reale Gefahren für die Versorgungssicherheit.
Wo lagen weitere Versäumnisse?
Ein weiterer Fehler war es, den CO2-Markt aus dem Blick zu verlieren. Durch den übermäßigen Ausbau der Erneuerbaren und die Wirtschaftskrise bei unseren europäischen Nachbarn sind auch die Preise für CO2-Zertifikate gefallen. Das macht den Einsatz von Braunkohlekraftwerken attraktiv, sodass diese wieder vermehrt zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Das ist angesichts der angestrebten Ziele fatal. Dass Braunkohle der Gewinner der Energiewende ist, halte ich für eine echte Kuriosität.
Auch Trianel war von den Auswirkungen betroffen. Welche Projekte haben am meisten gelitten?
Wir bauen derzeit den Windpark Borkum. Das Offshore-Projekt ist durch massive Probleme bei der Netzanbindung in Verzug geraten. Hier haben wir Mehrkosten in zweistelliger Millionenhöhe zu verkraften. Hinzu kommt, dass sich das Gas- und Dampfkraftwerk (GuD) Hamm und das Kohlekraftwerk in Lünen, das wir gerade in Betrieb nehmen wollen, einfach nicht mehr rentieren, weil sowohl die Deckungsbeiträge aus dem Stromverkauf als auch die Betriebsstunden sinken. Dabei könnten beide Anlagen einen wichtigen Beitrag für die Energiewende leisten, weil sie hocheffizient sind und viel weniger CO2 ausstoßen als herkömmliche fossile Kraftwerke. In der Pipeline haben wir zwei weitere GuD-Projekte und die zweite Ausbaustufe des Offshore-Windparks. Vor dem Hintergrund der unsicheren Rahmenbedingungen tun sich unsere Gesellschafter allerdings schwer damit, weiteren Investitionen zuzustimmen. Die Eingriffszyklen der Politik werden immer kürzer, mit der Folge, dass in einer Industrie, die auf langfristig gültige Rahmenbedingungen angewiesen ist, immer mehr Verunsicherung herrscht und immer weniger investiert wird.
„Dass Braunkohle der Gewinner der Energiewende ist, halte ich für eine echte Kuriosität.“
Im Wahlkampf hat die Bundeskanzlerin kaum noch über die Energiewende gesprochen, wohingegen SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück Mitte August ein energiepolitisches Zehn-Punkte-Sofortprogramm vorgelegt hat. Was halten Sie vom SPD-Programm und den energiepolitischen Positionen der anderen Parteien?
Es ist eigentlich kein Wunder, dass das Thema Energiewende im Wahlkampf nicht so hoch gehängt wurde. Bei der Umsetzung hapert es und in der Öffentlichkeit ist ein negativer Eindruck entstanden. Ich will zu einzelnen Parteiprogrammen hier keine Stellung beziehen. Wir haben es positiv zur Kenntnis genommen, dass sich alle Parteien in ihren Wahlprogrammen mit der Energiewende beschäftigen. Ganz wichtig ist, dass das Generationenprojekt Energiewende nach der Wahl nicht länger blockiert wird. Egal welche Koalition am Ende die Regierung bildet, werden wir einen parteiübergreifenden Konsens brauchen, wie die Reformen anzugehen sind. Zudem ist eine bessere Koordination zwischen Bund und Ländern nötig. Es sind schnelle, aber nicht überhastete Lösungen gefragt, damit die Planungs- und Investitionssicherheit zurückgewonnen wird.
Welche energiepolitischen Weichenstellungen erwarten Sie von einer neuen Bundesregierung?
Wichtig ist, dass wir zurück zu marktwirtschaftlichen Lösungen finden, nach dem Motto: soviel Markt wie möglich und so wenig Staat wie nötig. Unternehmen der Energiewirtschaft brauchen einen Rahmen, in dem energiewirtschaftlich und umweltökonomisch sinnvolle Aktivitäten auch wirtschaftlich darstellbar sind. Es kann nicht sein, dass sich hochmoderne konventionelle Kraftwerke nicht mehr wirtschaftlich betreiben lassen, weil die Erneuerbaren durch ein ordnungspolitisch rigides Fördersystem, zum Preis von in den Markt einspeisen. Es ist deshalb an der Zeit, dass ein neues Marktmodell eingeführt wird, in dem die Erneuerbaren auch Systemverantwortung übernehmen und das auf die ebenso dringenden Reformen beim EEG abgestimmt ist. Wir brauchen einen verlässlichen Rahmen, um die immer volatilere Einspeisung mit den Lasten synchronisieren zu können. Möglich wird dies durch flexible Kraftwerke, steuerbare Erneuerbare-Energien-Anlagen und prognostizierbare Verbräuche durch Smart Metering. Darüber hinaus ist es dringend erforderlich, den CO2-Markt zu reformieren – die wahren Kosten für CO2 werden durch den jetzigen Marktpreis infolge des politisch induzierten Überangebots nicht ausgedrückt.
Sollte die neue Bundesregierung ein Energieministerium schaffen?
Ich will der neuen Regierung keine Ratschläge erteilen. Es steht für mich aber außer Frage, dass wir eine zentrale Stelle benötigen, um die Energiewende zum Erfolg zu machen. Sie wird auch in der nächsten Legislaturperiode eines der wichtigsten Projekte der Bundesregierung sein. In der vergangenen hat sich gezeigt: Ein Kampf der Ressorts kann zum Stillstand führen.
Das Interview ist in der September-Ausgabe von stadt+werk erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
VKU: Stadtwerke zweifeln an Wärmewende-Ziel für 2045
[17.09.2026] Eine Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) zeigt erhebliche Zweifel kommunaler Wärmeversorger am Zeitplan der Wärmewende. Drei Viertel der Befragten halten klimaneutrales Heizen bis 2045 unter den derzeitigen Rahmenbedingungen für unrealistisch. mehr...
BDEW/VKU: Kritik am BNetzA-Entwurf
[17.09.2026] BDEW und VKU haben Nachbesserungen bei der geplanten Kapitalverzinsung für Gasnetzbetreiber gefordert. Aus Sicht der Verbände reichen die von der Bundesnetzagentur vorgesehenen Zinssätze nicht aus, um die notwendigen Investitionen in die Transformation der Gasnetze zu finanzieren. mehr...
Bitkom: Besserer Schutz von Stromnetzen gefordert
[10.09.2026] Angesichts mutmaßlicher Sabotageversuche auf die Strominfrastruktur fordert der Digitalverband Bitkom einen stärkeren Schutz des Energiesystems. Neben physischen Angriffen müssten dabei auch Cyber-Attacken stärker berücksichtigt werden. mehr...
BDEW: Besserer Schutz für Kritische Infrastrukturen
[08.09.2026] Der BDEW dringt auf bessere Rahmenbedingungen für den Schutz der Energieversorgung. Der Verband fordert unter anderem weniger öffentlich zugängliche Infrastrukturdaten, eine wirksamere Drohnenabwehr und einen staatlich finanzierten Resilienzfonds. mehr...
Energiewende-Digitalisierungs-Allianz: Gesetzentwurf soll Netzbetreiber stärker in die Pflicht nehmen
[08.09.2026] Eine Allianz aus 17 Energieunternehmen fordert bundesweit einheitliche und digitale Verfahren für Netzanschlüsse und Netzbetrieb. Ein eigener Gesetzentwurf sieht 30 Maßnahmen vor – darunter finanzielle Ansprüche von Netznutzern, wenn Verteilnetzbetreiber gesetzliche Standards nicht einhalten. mehr...
Sachsen-Anhalt: Energiebranche mahnt Kontinuität an
[08.09.2026] Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnen Verbände und Unternehmen vor einem Bruch in der Energiepolitik. BEE, BWE und LichtBlick verweisen auf die wirtschaftliche Bedeutung der erneuerbaren Energien und fordern verlässliche Rahmenbedingungen für weitere Investitionen. mehr...
BDEW/VKU: Stellungnahme zum Brandanschlag
[02.09.2026] Nach dem Angriff auf ein Umspannwerk in Turnow-Preilack haben sich BDEW und VKU zum Schutz Kritischer Energie-Infrastruktur geäußert. Beide Verbände fordern Konsequenzen, unterscheiden sich aber in der Frage, welche Rolle Staat und Betreiber beim Schutz der Stromnetze übernehmen sollen. mehr...
Bundesregierung: Eckpunkte für ein Wärmenetzpaket beschlossen
[28.08.2026] Die Bundesregierung hat Eckpunkte für ein neues Wärmenetzpaket beschlossen. Der geplante Rechtsrahmen soll Investitionen erleichtern und zugleich Preise sowie Verbraucherrechte neu regeln. mehr...
RWE/Amprion: Stromanbieter kritisieren geplante Übernahme
[19.08.2026] Die geplante Übernahme von Amprion durch RWE stößt bei vier Ökostromanbietern auf Kritik. Sie fordern von der Bundesnetzagentur eine neue Prüfung, weil sie Risiken für Wettbewerb, Netzunabhängigkeit und den Zugang zu Flexibilitätsmärkten sehen. mehr...
Windenergie-auf-See-Gesetz: VKU fordert Ausbau mit Augenmaß
[19.08.2026] Der VKU fordert für den weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie mehr Wettbewerb und eine stärkere Orientierung am tatsächlichen Stromertrag. Zur Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes schlägt der Verband unter anderem ein niedrigeres Ausbauziel und kleinere Ausschreibungsflächen vor. mehr...
Interview: Schocks absorbieren
[10.08.2026] Die Energiebranche fordert klare Regeln für den Schutz Kritischer Infrastrukturen. stadt+werk sprach mit Kerstin Andreae, BDEW, und Ingbert Liebing, VKU, über die Bedrohungslage und mögliche Wege zu höherer Sicherheit. mehr...
Verband Region Stuttgart: Ausbau der Stromnetze beschleunigen
[06.08.2026] Der Verband Region Stuttgart und zahlreiche Partner wollen den Ausbau der Stromnetze in der Region beschleunigen. Eine gemeinsame Absichtserklärung soll Planungs- und Genehmigungsverfahren vereinfachen und die Zusammenarbeit von Kommunen, Netzbetreibern und Stadtwerken stärken. mehr...
Bundesregierung: StromVKG verabschiedet
[04.08.2026] Das neue Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz schafft den Rahmen für zusätzliche flexible Stromkapazitäten. Es soll die Versorgung auch bei wachsendem Anteil erneuerbarer Energien und dem Kohleausstieg absichern. mehr...
EEG-Novelle/Netzanschlusspaket: Stellungnahmen zu Reformschritten
[29.07.2026] Das Bundeskabinett hat heute die Entwürfe für die EEG-Novelle und das Netzanschlusspaket beschlossen. Energieverbände begrüßen den Reformkurs, verlangen im parlamentarischen Verfahren aber an zentralen Punkten Änderungen. mehr...
Thüringen: Energie-Anlagen schneller genehmigen
[28.07.2026] Thüringen will Genehmigungsverfahren für Industrie- und Energie-Anlagen weiter beschleunigen. Neue Vorgaben und organisatorische Maßnahmen sollen Investitionen sowie den Ausbau der Energie-Infrastruktur erleichtern, ohne den Umweltschutz zu schwächen. mehr...














