Mittwoch, 16. September 2026

ÖPNVWie die Umstellung in Fahrt kommt

[20.03.2019] Auf Deutschlands Straßen fahren bislang nur wenige elektrisch angetriebene Busse. Kosten, technische Risiken und eine komplexe Förderlandschaft verunsichern die ÖPNV-Betreiber. Eine neu strukturierte Beschaffung und Maßnahmen des Gesetzgebers könnten dem entgegenwirken.
In Deutschland sind bislang nur wenige E-Busse unterwegs.

In Deutschland sind bislang nur wenige E-Busse unterwegs.

(Bildquelle: evm Ditscher)

Obwohl der Handlungsdruck immer größer wird, sind auf deutschen Straßen bislang nur wenige ausschließlich elektrisch angetriebene Busse unterwegs. Das zeigt der nüchterne Blick auf die Zahlen: Von etwa 35.000 Bussen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) fahren hierzulande erst circa 600 mit alternativen Antrieben – der Großteil von ihnen mit Hybridmotor. Zwar setzen einige Städte bei Pilotprojekten auf reine E-Busse mit Batterien oder Brennstoffzellen, doch ist deren Anzahl insgesamt nach wie vor sehr überschaubar. Der aktuelle E-Bus-Radar der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) zeigt aber auch, dass sich ein leichter Zuwachs andeutet: 2018 haben mehr Kommunen als im Vorjahr angekündigt, E-Busse zu beschaffen, oder haben solche Fahrzeuge bereits bestellt.

Kommunen zögern

Durch das im Jahr 2017 initiierte Sofortprogramm „Saubere Luft“ hat der Bund immerhin die Beschaffung von 250 E-Bussen auf den Weg gebracht. Mehr als ein erster Schritt ist das jedoch nicht, denn die Kommunen fragen die Förderung deutlich stärker nach als Mittel zur Verfügung stehen. Momentan ist die Bundesförderung ausgeschöpft, und überhaupt ist die Förderlandschaft auf unterschiedlichsten Ebenen äußerst komplex. Das macht es den häufig klammen Kommunen schwer, die Elektrifizierung der Busflotten finanziell zuverlässig zu planen und zu stemmen. Schließlich sind E-Busse noch ungefähr doppelt so teuer wie Dieselmodelle. Die Anschaffungskosten für Fahrzeuge und Batterien sind hoch, und auch die Kosten für die Infrastruktur sind – trotz staatlicher Förderung – erheblich. Ladestationen müssen verfügbar sein und Betriebshöfe sowie Werkstätten umgerüstet werden. Hinzu kommt die Schulung des Personals. Kommunen zögern auch deshalb, weil sie noch nicht abschätzen können, wie sich die Betriebskosten, zum Beispiel für Instandhaltung und Energie, und gegebenenfalls auch die Wiederverkaufswerte entwickeln werden.

Ladestrategie ist entscheidend

Für Unsicherheit sorgt darüber hinaus die Frage, welche Antriebs- und Ladetechnologie sich durchsetzen wird und welche Ladestrategie die sinnvollste ist. Die Alternative zum Opportunity Charging in Betriebspausen auf der Strecke ist das Overnight Charging, das Laden über Nacht im Betriebshof. Diese Variante setzt allerdings schwerere Batterien mit größerer Kapazität voraus, wodurch die Energieeffizienz leidet und sich gewichtsbedingt die Fahrgastkapazität je Bus verringern könnte. Die Ladestrategie ist entscheidend, weil die Reichweiten von E-Bussen nach wie vor geringer sind als bei herkömmlichen Dieselfahrzeugen. Die elektrischen Fahrzeuge sind daher weniger flexibel einsetzbar. So darf es auch im betrieblich schlimmsten Fall, etwa an kalten Wintertagen mit vielen Fahrgästen, nicht zu Störungen oder Ausfällen kommen.

Experimentierstadium verlassen

In der aktuellen Debatte um die Elektrifizierung der Flotten wird oft vorgebracht, dass die im deutschen Markt etablierten E-Bus-Hersteller die benötigten Fahrzeuge noch nicht in großen Stückzahlen liefern können. Dies mag noch für die kurzfristige Beschaffung von geringen Stückzahlen gelten. Um aber ganze (Teil-)Flotten umzustellen und das Experimentierstadium zu verlassen, ist eine Vorlaufzeit von etwa zwei Jahren erforderlich – für die Entwicklung von Betriebskonzepten, Planung, Ausschreibungsverfahren und die Errichtung der Infrastruktur. Da Bushersteller ihre Angebote verändern und erweitern, wird sich diese Herausforderung mittelfristig lösen lassen. Zudem gibt es im E-Bus-Markt neue Anbieter, die den Engpass abfedern könnten. Allerdings sind Kommunen hier häufig noch skeptisch, was die Qualität und den Service angeht.

Als Gesamtsystem betrachten

Es wird kaum ausreichen, Dieselbusse im bestehenden ÖPNV-System nach und nach einfach durch E-Busse zu ersetzen. Vielmehr sollten die Verantwortlichen und Planer in den Kommunen und Verkehrsunternehmen
E-Busse als neues Gesamtsystem betrachten und die zugrundeliegenden Betriebskonzepte, den Fahrzeugeinsatz, die erforderliche Lade-Infrastruktur sowie Werkstatt- und Servicekapazitäten für die Anforderungen der E-Mobilität optimieren. Das erfordert teilweise zwar umfangreiche Anpassungen gegenüber dem Status quo, aber nur so lassen sich die Vorteile der E-Mobilität bestmöglich in der Praxis realisieren.
Soll E-Mobilität im ÖPNV langfristig Wirkung zeigen, muss sie zudem in eine gesamtstädtische Strategie für nachhaltige Mobilität eingebettet sein. Das gilt auch für die Finanzierung. Die derzeit noch relativ hohen Anfangsinvestitionen für Fahrzeuge, Batterien, Infrastruktur und Personalqualifizierung rentieren sich deutlich besser, wenn zumindest eine kritische Fuhrparkgröße zwischen 30 und 40 Bussen auf elektrische Antriebe umgestellt wird. Den hierfür anfallenden Kosten steht ein großer volkswirtschaftlicher Nutzen gegenüber: weniger Schadstoffe in der Luft, weniger Lärm und bessere Lebensqualität in dichten, urbanen Räumen. Auch entfallen die Strafzahlungen, welche der öffentlichen Hand drohen, falls sie die Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschreitet.

Risiken verringern

Um die Initialinvestitionen für die Flottenumstellung abzufedern, sollte die Beschaffung anders organisiert werden. Die Verkehrsunternehmen könnten zum Beispiel weiterhin die Fahrzeuge ohne Batterien, analog zu heutigen Dieselbussen, beschaffen. Die Batterien könnten dagegen die Fahrzeug- oder Batteriehersteller mit Leasing- sowie Mietmodellen bereitstellen, wodurch diese auch die Risiken bezüglich Lebensdauer und Wiederverwertung tragen würden. Bilanziell würde dieses Modell die Verkehrsunternehmen nicht viel stärker belasten als bisher. Denkbar ist außerdem, dass nicht allein die Kommunen für den Aufbau der Lade-Infrastruktur sorgen, sondern dass die Energieversorger zumindest teilweise die Lade-Infrastruktur bereitstellen. Verbunden mit längerfristig laufenden Stromlieferverträgen könnte dies auch für Stromanbieter ein lohnendes Geschäft sein.

Wirtschaftlicher Anreiz für Antriebswende

Solange sich E-Busse betriebswirtschaftlich nicht rentieren, ist jedoch auch die Politik gefragt, ausreichende Fördermittel bereitzustellen. Förderungen, soweit vorhanden, stammen aktuell aus unterschiedlichen Quellen, etwa von der Europäischen Union, vom Bund und von den Ländern. Eine stärkere Vereinheitlichung der Förderprogramme könnte deren Wirkung vergrößern. Darüber hinaus sollte der Gesetzgeber prüfen, ob die Abschreibungszeiträume für E-Busse verlängert werden können, da diese aufgrund der geringeren mechanischen Belastungen, etwa durch Vibrationen, erwartungsgemäß länger einsetzbar sein werden. So entfallen bei den E-Modellen auch aufwendige Verschleißteile wie der Verbrennungsmotor und das Getriebe. Um einen zusätzlichen wirtschaftlichen Anreiz für die Antriebswende im ÖPNV zu schaffen, ist denkbar, die Unternehmen bei den Stromkosten für E-Busse zu entlasten. Der Gesetzgeber könnte sie beispielsweise von der EEG-Umlage befreien – wie er es schon beim Schienenverkehr getan hat.

Bekenntnis zur E-Mobilität

Damit die unterschiedlichen Initiativen Wirkung zeigen können, bedarf es eines langfristigen, eindeutigen Bekenntnisses der Politik zur E-Mobilität, und zwar auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Solch ein Bekenntnis müsste auch die Bereitschaft einschließen, die trotz intelligenter Konzepte nicht vermeidbaren Mehrkosten für die Umstellung der Flotten auf E-Busse auszugleichen, solange die elektrischen Modelle sich wirtschaftlich noch nicht selbst tragen können.
Momentan verhindern Unsicherheiten und hohe (Anfangs-)Investitionen die flächendeckende Umstellung der kommunalen Flotten auf E-Busse. Um die Emissions- und Klimaschutzziele zu erreichen, muss diese Transformation aber dringend beschleunigt werden. Mit innovativen Konzepten zur Umsetzung, wirtschaftlichen Anreizen und langfristigen Förderprogrammen kann die Elektrifizierung der Busse im ÖPNV gelingen – wenn alle beteiligten Akteure stärker als bisher zusammenarbeiten und sich langfristig dafür einsetzen.

Maximilian Rohs ist Manager Infrastructure & Mobility bei der PricewaterhouseCoopers GmbH WPG (PwC).




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Elektromobilität

Kulmbach: E.ON eröffnet Schnellladepark

[16.09.2026] E.ON hat in Kulmbach einen neuen Schnellladestandort mit zwölf Ladeplätzen in Betrieb genommen. Der Ladepark ist Teil des Deutschlandnetzes und bietet eine Ladeleistung von bis zu 400 Kilowatt je Ladestation. mehr...

München: Neues Vergabeverfahren für Ausbau der Lade-Infrastruktur

[09.09.2026] München will den Ausbau öffentlicher Lade-Infrastruktur künftig über Konzessionen organisieren und damit das bisherige Verteilverfahren ablösen. Anlass für den Wechsel ist ein Urteil des Verwaltungsgerichts München, das Mängel am bisherigen Auswahlverfahren festgestellt hatte. mehr...

KVG: Betriebshof wird auf emissionsfreien Busverkehr umgestellt

[07.09.2026] Der Eigenbetrieb Beteiligungen der Landeshauptstadt Kiel modernisiert den KVG-Betriebshof in der Werftstraße für den weiteren Ausbau des Elektrobusverkehrs. Mit dem Abriss einer alten Wagenhalle entstehen Flächen für zusätzliche Fahrzeuge und Lade-Infrastruktur. mehr...

M3E: Aktualisiertes Whitepaper zur GEIG-Novelle

[24.08.2026] Die GEIG-Novelle verschärft die Vorgaben für Lade-Infrastruktur an Wohn- und Nichtwohngebäuden. M3E hat die neuen Pflichten und Fristen in einem aktualisierten Whitepaper zusammengefasst. mehr...

Hansen powercloud: Elli verlängert Vertrag für Abrechnungsplattform

[24.08.2026] Elli verlängert den Vertrag für die energiewirtschaftliche Abrechnungsplattform Hansen powercloud bis 2030. Die Plattform soll künftig auch neue Geschäftsmodelle und Vehicle-to-Grid-Anwendungen unterstützen. mehr...

Lichtblick: Schnellladestandorte erhalten Batteriespeicher

[18.08.2026] LichtBlick setzt erstmals Batteriespeicher ein, um Schnellladen auch bei begrenzter Netzanschlusskapazität zu ermöglichen. Zwei neue Standorte in Norddeutschland zeigen, wie Speicher hohe Ladeleistungen absichern und zugleich Lastspitzen abfangen können. mehr...

Würselen: Schnellladepark in Planung

[17.08.2026] EWV und Caritas planen in Würselen einen öffentlich zugänglichen Schnellladepark mit acht Ladepunkten und bis zu 400 Kilowatt Ladeleistung. Der Standort an der Krefelder Straße soll 2027 in Betrieb gehen und schnelles Laden mit Einkaufsmöglichkeiten verbinden. mehr...

swb: Webinare rund um Wärme, Solarenergie und E-Mobilität

[14.08.2026] swb bietet im August und September kostenfreie Webinare zu Wärme, Solar und E-Mobilität an. Im Mittelpunkt stehen neue Förderbedingungen, technische Lösungen und Fragen, die für geplante Investitionen im Land Bremen relevant sind. mehr...

Öffentliche Ladesäule der Stadtwerke Tübingen: Förderung durch den Bund ist laut BDEW zu bürokratisch.

E.ON-Umfrage: Zulassungsrekord von E-Autos

[12.08.2026] E-Autos erreichen 2026 einen neuen Zulassungsrekord, zugleich nennen Fahrer vor allem niedrigere Energiekosten und mehr Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen als Kaufgründe. Eine E.ON-Umfrage zeigt, welche Faktoren den Umstieg prägen und wo vor allem beim Laden, bei der Reichweite und beim Fahrzeugwert noch Informationsbedarf besteht. mehr...

Karlsruhe: Lade-Infrastruktur wächst

[12.08.2026] Karlsruhe hat fünf weitere Schnellladestandorte für Elektrofahrzeuge in Betrieb genommen. Damit wächst das öffentliche Ladenetz auf rund 530 Ladepunkte, während die Stadt bereits weitere Standorte prüft. mehr...

BSI: Eckpunkte zur Cyber-Sicherheit von Ladesäulen

[03.08.2026] Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat ein Eckpunktepapier zur Cyber-Sicherheit öffentlicher Lade-Infrastruktur veröffentlicht. Es soll den Ausbau der Elektromobilität mit einheitlichen Sicherheitsmaßnahmen begleiten und den Schutz vor künftigen Cyber-Risiken verbessern. mehr...

Stadtwerke Stuttgart: Ausbau von digitaler Ladeplattform

[31.07.2026] Die Stadtwerke Stuttgart bauen ihre digitale Ladeplattform für Elektrofahrzeuge aus. Die neue Systemarchitektur soll neue Tarife, eine Fahrer-App und zusätzliche Angebote für Privat- und Geschäftskunden ermöglichen. mehr...

Lade-Infrastruktur: BDEW liefert neue Zahlen zum Ausbau

[28.07.2026] Die öffentliche Lade-Infrastruktur in Deutschland wächst weiter und umfasst inzwischen mehr als 204.000 Ladepunkte. Neue Zahlen des BDEW zeigen, dass der Ausbau dem Fahrzeugbestand deutlich vorausläuft und die Auslastung der Ladesäulen niedrig bleibt. mehr...

Wiesbaden: Ausbauziel der Lade-Infrastruktur übertroffen

[23.07.2026] Wiesbaden hat den ersten Ausbauschritt seiner öffentlichen Lade-Infrastruktur früher als geplant übertroffen. Mit 446 neuen Ladepunkten setzt die Stadt ihren Ausbaupfad bis 2030 fort und stärkt die Elektromobilität im öffentlichen Raum. mehr...

Abfallwirtschaft Stuttgart: Neue Betriebsstelle in Betrieb genommen

[30.06.2026] Abfallwirtschaft Stuttgart hat in Stuttgart-Wangen eine neue Betriebsstelle mit Lade-Infrastruktur für vollelektrische Müllfahrzeuge und großflächiger Photovoltaikanlage in Betrieb genommen. mehr...