Dienstag, 29. September 2026

InterviewNeue Gangart vorlegen

[18.06.2021] Stuttgart will beim Klimaschutz vorangehen. Welche Maßnahmen konkret geplant sind und wie die Stadt Innovationen im Bereich Energiewende auf ein neues Level heben möchte, erklärt Jan Kohlmeyer, Leiter der Stabsstelle Klimaschutz, im stadt+werk-Interview.
Jan Kohlmeyer

Jan Kohlmeyer, Leiter der Stabsstelle Klimaschutz.

(Bildquelle: Franziska Kraufmann: www.pressefoto-kraufmann.de)

Herr Kohlmeyer, Sie haben zum 1. Juli 2020 die Leitung der neuen Stabsstelle Klimaschutz der Stadt Stuttgart übernommen. Was hat die baden-württembergische Landeshauptstadt dazu bewogen, eine solche Stelle einzurichten?

Stuttgart hat ein 200 Millionen Euro starkes Paket beschlossen, um die Aktivitäten im Klimaschutz zu steigern. Um das Aktionsprogramm zu koordinieren, haben wir im Geschäftskreis des Oberbürgermeisters die Stabsstelle Klimaschutz aufgebaut. Das Aktionsprogramm erstreckt sich über die gesamte Stadtverwaltung hinweg. Auch die städtischen Beteiligungen, wie zum Beispiel die Stadtwerke oder der Flughafen, tragen dazu bei. Da ist es enorm wichtig, dass die Informationen an einer kompetenten Stelle zusammenlaufen. Wir sind für das übergeordnete Management zuständig, also für zentrale Koordinierungs- und Steuerungsaufgaben. Wir verantworten die Kommunikation rund um das Aktionsprogramm, das wir im Umfeld der Themen Transformation, zukunftsfähiges Wirtschaften und Innovationen positionieren. Dazu passt gut, dass wir auch für das Management des Stuttgarter Klima-Innovationsfonds verantwortlich sind. Außerdem bringen wir uns bei der Strategieentwicklung ein, vor allem in der Stadtverwaltung, aber auch bei Unternehmen, die den Klimaschutz als wesentliches Element zukünftigen Erfolgs erkannt haben.

„Der Klimaschutz ist wohl die größte Herausforderung unserer Zeit.“
Sie sind Diplom-Physiker – wie sind Sie zum Thema Klimaschutz gekommen?

Der Klimaschutz ist wohl die größte Herausforderung unserer Zeit. Es ist eine Aufgabe, die unsere Lebensarbeitszeit bestimmen wird. Das gilt zumindest für die Personen, die noch ein paar Jahre Berufsleben vor sich haben. Für schnellen Klimaschutz brauchen wir interdisziplinäre und neuartige Lösungen – das ist ein Arbeitsumfeld, das ich als sehr inspirierend empfinde.

In den vergangenen elf Jahren waren Sie Mitglied der Geschäftsleitung bei verschiedenen Energieversorgern. Inwiefern helfen Ihnen die dort gesammelten Erfahrungen, in Stuttgart den Weg in Richtung Klimaneutralität zu ebnen?

Für meine jetzige Aufgabe ist es sehr hilfreich, dass ich breite unternehmerische Erfahrung mitbringe, insbesondere in den Bereichen Change Management, Turnaround Management sowie in disruptiven Märkten mit neuen Geschäftsfeldern und sich dynamisch ändernden Randbedingungen. Da ist die Energiewirtschaft eine gute Schule gewesen. Denn sie hat eine große Transformation durchlebt, die in anderen Branchen – etwa der Automobilwirtschaft oder der Baubranche – erst jetzt so richtig beginnt. Viele Unternehmen treffen gerade richtungsweisende Entscheidungen. Wenn unsere Region zu langsam ist und ins Hintertreffen gerät, hat das immense Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts, die Zukunftsfähigkeit der ansässigen Wirtschaft sowie die Wohn- und Lebensqualität der Haushalte. Das ist eine enorme Verantwortung.

Was sind die wichtigsten Eckpunkte des Aktionsprogramms „Weltklima in Not – Stuttgart handelt“?

Der größte Baustein betrifft klassische Energiethemen wie Strom, Wärme und Gebäudeeffizienz – sowohl im Bestand als auch beim klimafreundlichen Neubau. Stuttgart steckt 75 Millionen Euro in Beratungs‐ und Förderprogramme rund um die energetische Sanierung im Gebäudebestand, 31 Millionen Euro in den beschleunigten Ausbau von Solarenergie auf privaten, gewerblichen und städtischen Dächern sowie fünf Millionen Euro in Konzepte, Förderprogramme und die Umsetzung einer Wärme- und Quartiersoffensive. 22 Millionen Euro sind darüber hinaus für die Förderung von Plusenergie-Gebäuden vorgesehen sowie für Konzepte und Projekte, die es ermöglichen, städtische Immobilien klimaneutral zu bauen. Ein weiterer Baustein ist das Thema Mobilität. 14 Millionen Euro sollen dem vernetzten und intelligenten Verkehr zugutekommen, beispielsweise dem ÖPNV, dem Radverkehr sowie Carsharing und Elektromobilität. Was viele nicht wissen: Unsere Ernährung verursacht mehr CO2 als unsere Heizung. Deshalb werden fünf Millionen Euro für ein hochwertigeres und gesünderes Angebot bei der Ernährung, vor allem in Schulen und Kindergärten, ausgegeben. Und natürlich adressiert das Programm auch die öffentlichen Emissionen, etwa über die Bausteine Innovationen und Vorbildwirkung. Zehn Millionen Euro sind für den Stuttgarter Klima-Innovationsfonds eingeplant und sechs Millionen Euro für die Vorbildwirkung der Stadtverwaltung, vor allem bei der Beschaffung von Material und Dienstleistungen.

Wie sieht es mit Anpassungen an Klimaveränderungen aus?

Das Aktionsprogramm Klimaschutz enthält auch Budgets, mit denen wir die Stadt auf sommerliche Hitze­wellen und Dürreperioden vorbereiten. Denn Städte sind erheblich anfälliger und sehen sich stärker mit den negativen Folgen der Erd­erwärmung konfrontiert. Im Vergleich zum Umland ist die Luft in Städten bereits jetzt durchschnittlich ein bis drei Grad wärmer. In Stuttgart kommen die besonderen Bedingungen aufgrund der Kessellage hinzu. Das Aktionsprogramm sieht für die Anpassung an die Klimaveränderung 32 Millionen Euro vor, insbesondere für zusätzliche Bäume und Begrünung sowie Wasser an öffentlichen Plätzen.

Ein Fokus des Programms liegt auf dem Ausbau der Solarenergienutzung in Stuttgart – was ist hier konkret geplant?

Die größten Treibhausgasein­sparungen müssen bis zum Jahr 2030 aus der Energieerzeugung kommen, sonst können wir nationale und europäische Klimaziele nicht erreichen. Photovoltaik muss den mit Abstand größten Beitrag leisten, damit die fossilen Anteile im heutigen Strommix ersetzt werden können und gleichzeitig der weiter wachsende Strombedarf mit erneuerbaren Energien bedient werden kann. Also brauchen wir eine Solaroffensive. Stuttgart fördert begleitende Maßnahmen bei der Planung, Errichtung und Inbetriebnahme von Photovoltaikanlagen, netzdienliche Stromspeicher und die Kombination mit Lade-­Infrastruktur. Die Förderung ist richtig attraktiv und beträgt beispielsweise bei begleitenden Maßnahmen für PV-Anlagen bis zu 50 Prozent der Kosten. Darüber hinaus geht die Stadt bei ihren eigenen Gebäuden voran und rüstet sie sehr zügig mit Solaranlagen aus.

Zu Ihren Aufgaben gehören auch Organisation und Aufbau eines Innovationsfonds. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie hier?

Deutschland braucht eine neue Gangart, um 2030 das Zwischenziel von minus 65 Prozent Treibhausgase zu schaffen – auch auf kommunaler Ebene. Hierfür richten wir den Stuttgarter Klima-Innovationsfonds ein. Dabei geht es nicht nur um technische Lösungen, sondern vielmehr um neue Kollaborationen von Akteuren und neue Geschäftsmodelle. Mit dem Innovationsfonds unterstützen wir Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch Vereine und Initiativen bei solchen innovativen Klimaschutzprojekten. Wichtig ist uns, passgenaue Angebote zu machen, damit nicht der lokale Verein mit dem multinationalen Unternehmen um die Mittel konkurrieren muss. Außerdem wollen wir die Innovationen nicht pauschal, sondern ergebnisbasiert fördern. Die Bewerbungsphase beginnt voraussichtlich Mitte des Jahres. Die Projekte werden von einem hochkarätig besetzten, interdisziplinären Expertengremium bewertet und ausgewählt. Wir sind selbst gespannt, welche Ideen ins Rennen gehen und welche mit unserer Starthilfe in Stuttgart pilotiert oder im größeren Rahmen umgesetzt werden. Wir möchten innovative Projekte auf ein neues Level heben. Immerhin dürfte dieser Fonds mit zehn Millionen Euro über eines der größten Budgets, möglicherweise das größte Budget aller Innovationsfonds deutscher Städte verfügen.

Interview: Bettina Schömig

Im Interview, Jan KohlmeyerJan Kohlmeyer koordiniert für die Stadt Stuttgart das Aktionsprogramm Klimaschutz. Zuvor war er unter anderem sieben Jahre lang Mitglied der Geschäftsleitung der Stadtwerke Böblingen. Mehrere von ihm initiierte Wärmeprojekte wurden vom Umweltminis­terium Baden-Württemberg ausgezeichnet und von der Bundesregierung im Programm „Innovationen für die Energiewende“ gefördert.



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