BlockheizkraftwerkeBHKW 4.0 bringt Nutzen für das System

BHKW-Modul zur Versorgung der Wohnsiedlung in Oberhausen-Barmingholten.
(Bildquelle: Energieversorgung Oberhausen)
Die Wiege von Blockheizkraftwerken (BHKW) für die kommunale Bereitstellung von Quartierswärme liegt im Süden der Republik. So wurde bereits im Jahr 1975 von den Stadtwerken in Heidenheim an der Brenz ein vom Bundesforschungsministerium gefördertes Pilotprojekt zu Planung, Errichtung und Betrieb eines Blockheizkraftwerks ins Leben gerufen. 1978 wurden dort sechs Gasmotoren mit jeweils 100 Kilowatt (kW) elektrischer Leistung in Betrieb genommen, die in einer zweigeschossigen Energiezentrale untergebracht und bis 1987 in Betrieb waren. Im Fokus dieser ersten BHKW-Anlagen – ähnliche Projekte wurden Ende der 1970er-Jahre von den Stadtwerken in Ingolstadt, Rottweil und Neustadt an der Weinstraße realisiert – stand das Bemühen um eine rationelle Energieversorgung.
Modernes Kompaktmodul
Mit der Erneuerung der Gasmotoren im Jahr 1987 wurde das Heidenheimer BHKW an den neuesten technischen Stand angepasst und mit Katalysatoren ausgestattet. Die zweite Generation BHKW stand bundesweit im Zeichen der Umweltentlastung durch Schadstoffminderung. Die dritte Phase wurde 1998 mit dem „Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts“ und der anschließenden Liberalisierung eingeläutet. Es folgte eine Diversifizierung der BHKW-Anwendungsfälle und Ausweitung ihres Einsatzes auf die Eigenstromversorgung im Bereich Industrie und Gewerbe. Hocheffiziente BHKW mit hoher Auslastung sollten zur CO2-Reduktion zunehmend die Grundlast-Stromerzeugung konventioneller Kondensationskraftwerke verdrängen. Auch die Heidenheimer nutzten diese Phase für die erneute Ertüchtigung ihrer BHKW-Anlage. Die sechs Motoren wurden 2005 durch ein modernes BHKW-Kompaktmodul von Sokratherm mit 400 kW elektrischer Leistung ersetzt, das bis heute in Betrieb ist.
Strom- und Wärme bedarfsgerecht erzeugen
Unter Berücksichtigung der fortschreitenden Dezentralisierung der Stromerzeugungslandschaft und des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien (EE) werden seit 2015 ganz neue Anforderungen an Blockheizkraftwerke gestellt. Seither müssen sie mit ihren rotierenden Massen zur Spannungs- und Frequenzhaltung im Stromnetz beitragen, sich also an Systemdienstleistungen beteiligen, die bis dato allein von Großkraftwerken erbracht wurden.
Mit Blick auf den weiter geplanten EE-Ausbau gibt es heute jedoch immer weniger Bedarf für ganzjährig mit Nennlast erzeugten KWK-Strom (Kraft-Wärme-Kopplung). BHKW in Industrie und Gewerbe sind davon weniger betroffen. Hier gibt es auch ohne KWK-Zuschlag noch vielfach interessante Möglichkeiten, eigene Strom- und Wärmemengen bedarfsgerecht selbst zu erzeugen. Kommunale Blockheizkraftwerke müssen sich hingegen wieder einmal neu erfinden.
Optimierter BHKW-Betrieb
Die Grundlage für das BHKW 4.0 bringt Carsten Beier vom Fraunhofer-Institut UMSICHT in Oberhausen auf den Punkt: „Gegenwärtig wird eine hohe Auslastung von KWK-Anlagen für einen wirtschaftlichen Betrieb vorausgesetzt. Zukünftig werden diese Anlagen aber insbesondere dann wirtschaftlich agieren und einen großen Nutzen für das Energiesystem darstellen, wenn sie den Strom zu Zeiten erzeugen, in denen zu wenig Wind- und Solarstrom zur Verfügung steht und gleichzeitig hiervon unabhängig die Anforderungen an die Wärmeerzeugung erfüllen können.“
Mit dieser Erkenntnis im Gepäck machten sich die Forscher Anfang 2016 im Auftrag der Energieversorgung Oberhausen (evo) an die Arbeit. Zielstellung eines vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Pilotprojekts war ein maximierter Deckungsgrad des Wärmebedarfs über KWK bei zeitlich optimierter Stromproduktion zur Erzeugung und Vermarktung von Ausgleichsenergie.
Wärmeversorgung im Wohnquartier
Der Anwendungsfall selbst geht zurück zum Ursprung, es handelt sich um eine Wärmeversorgung im Wohnquartier. Das bestehende Nahwärmenetz in Oberhausen-Barmingholten wurde zuvor aus einer Heizzentrale mit zwei Gaskesseln und einer Gesamtleistung von 1.150 kW versorgt. Die alte Heizzentrale war abgängig, und so bot sich die Möglichkeit, verschiedene Sanierungsvarianten zu prüfen. Bei klassischer BHKW-Auslegung mit etwa 100 kW elektrischer und knapp 200 kW thermischer Leistung wäre Potenzial für jährlich etwa 6.400 Volllaststunden vorhanden gewesen. #bild2 Unter Berücksichtigung der gegebenen Platzverhältnisse in der alten Heizzentrale, die weiter genutzt werden sollte, wurde für die Realisierung schließlich eine BHKW-Variante mit rund 530 kW elektrischer und 650 kW thermischer Leistung gewählt, kombiniert mit einem Pufferspeicher und einer Power-to-Heat-Anlage. Den Analysen zufolge sollte damit bei etwa 2.500 Volllaststunden pro Jahr ein KWK-Anteil der Wärmeversorgung von über 90 Prozent möglich sein.
Mehrerlöse erzielt
Im April 2017 wurde das BHKW-Kompaktmodul GG 530 von Sokratherm in Oberhausen in den Regelbetrieb genommen. „Wir sind stolz, als einer der BHKW-Pioniere bei diesem innovativen Pilotprojekt mit an Bord sein zu dürfen“, sagt Benedikt Huxol, Projektleiter bei Sokratherm. „Insbesondere auch die Betriebsweise der Maschine übertrifft unsere Erwartungen deutlich. Dank des großen Puffers läuft der Motor im Mittel über drei Stunden pro Motorstart und größtenteils mit Nennlast“, erläutert er nach gut zweieinhalb Jahren Betriebserfahrung. Im Schnitt erzielt das BHKW rund 2.600 Betriebsstunden pro Jahr.
Sämtliche in das Projekt gesetzten Erwartungen werden erfüllt. So zeigt eine Auswertung über die webbasierte Fernüberwachung RemoteManager des BHKW-Herstellers im Abgleich mit den Börsenpreisen, dass etwa im Betriebsjahr 2018 im Vergleich zu einer Vermarktung von Grundlast-Strom ein Mehrerlös von fast 30 Prozent möglich war.
Aufbau von Nahwärmeinseln
Auch für Bernd Homberg, technischer Vorstand der evo, ist das Projekt ein Meilenstein: „Die bedarfsgerechte Stromeinspeisung und Wärmeabnahme sind ein wichtiger Schritt zur erfolgreichen Gestaltung der Energiewende.“ Drei Folgeprojekte mit gleicher Ausrichtung sind in Oberhausen für 2020 bereits genehmigt. „Mit der Vernetzung von Systemen und dem Aufbau von Nahwärmeinseln leisten wir einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz in Oberhausen“, erklärt Homberg.
Neben der Marktdienlichkeit bleibt nämlich die Einsparung von Primärenergie in der Wärmeversorgung ein wesentlicher Treiber für entsprechend ausgerichtete Folgeprojekte. Während bei einer üblichen Auslegung, in der ein kleineres BHKW etwa zwei Drittel des Wärmebedarfs deckt und ein Primärenergiefaktor von etwa 0,5 erreicht werden kann, weist die Zentrale in Oberhausen den Faktor 0,11 aus. Insbesondere auch für Neubaugebiete stellen flexibilisierte Blockheizkraftwerke daher eine zukunftsweisende Versorgungsoption dar.
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe Januar/Februar 2020 von stadt+werk erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
Tettnang: Richtfest für Nahwärmezentrale
[24.06.2026] Das Nahwärmeprojekt in Tettnang hat einen weiteren Meilenstein erreicht. Knapp elf Monate nach dem Spatenstich wurde das Richtfest für die Energiezentrale gefeiert. Die erste Versorgung öffentlicher Gebäude mit erneuerbarer Wärme ist für September 2026 vorgesehen. mehr...
Hanau: Kommunaler Beirat soll Wärmeplan begleiten
[23.06.2026] Hanau richtet einen Kommunalen Entwicklungsbeirat ein, der die Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung begleiten soll. Das neue Beteiligungsformat bringt Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen und soll Konflikte bei der Wärmewende frühzeitig sichtbar machen. mehr...
DStGB/DGRV: Genossenschaften als Motor der kommunalen Wärmewende
[19.06.2026] Eine neue Publikation von DStGB und DGRV zeigt, wie Genossenschaften die kommunale Wärmewende voranbringen können. Anhand von Praxisbeispielen verdeutlicht sie, warum gerade Städte, Gemeinden und ländliche Regionen von diesem Modell profitieren. mehr...
Nürnberg: Spatenstich für neues Heizkraftwerk
[17.06.2026] N-ERGIE baut im Nürnberger Südwesten ein innovatives Heizkraftwerk für eine klimafreundliche Fernwärmeversorgung. Die Anlage soll ein neues Stadtquartier und Teile des bestehenden Netzes versorgen und gilt als wichtiger Baustein der Wärmewende. mehr...
Koblenz: Konkretisierung der Wärmepläne
[15.06.2026] Koblenz treibt die kommunale Wärmeplanung voran und konkretisiert Projekte für Wärmenetze in mehreren Stadtteilen. Neue Bundesvorgaben verändern zwar den gesetzlichen Rahmen, doch für Eigentümer werden nun wichtige Weichen für die künftige Wärmeversorgung gestellt. mehr...
Krefeld/Kassel: Fortschritte bei der Wärmeplanung
[15.06.2026] Die Städte Krefeld und Kassel treiben ihre kommunale Wärmeplanung voran und schaffen damit strategische Grundlagen für die Wärmewende. Während Krefeld den politischen Fahrplan bereits beschlossen hat, hat Kassel die nächste Beschlussstufe erreicht und bereitet die verstärkte Umsetzung vor. mehr...
Stadtwerke Flensburg: Grundstein für Großwärmepumpe gelegt
[10.06.2026] Die Stadtwerke Flensburg haben den Grundstein für ihre erste Großwärmepumpe mit 60 MW thermischer Leistung gelegt. Das 70-Millionen-Euro-Projekt soll ab 2027 Wärme aus Fördewasser ins Fernwärmenetz einspeisen und ist ein zentraler Baustein für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung. mehr...
Oldenburg: Rat hat Wärmeplanung beschlossen
[10.06.2026] Der Rat der Stadt Oldenburg hat den kommunalen Wärmeplan mit 18 Maßnahmen zur Wärmewende beschlossen. Nun startet die Umsetzung von Wärmenetzstudien, Beratungsangeboten und neuen Beteiligungsformaten, die den Umstieg auf klimafreundliche Wärmeversorgung voranbringen sollen. mehr...
Darmstadt: Fahrplan bis 2045 vorgestellt
[09.06.2026] Darmstadt hatte sich bereits 2022 zur Erarbeitung einer kommunalen Wärmeplanung entschlossen. Nach umfassender Datenerhebung liegen jetzt die Ergebnisse vor. Eine Erkenntnis: Wasserstoff ist für Darmstadt keine realistische Option zur flächendeckenden Wärmeversorgung. mehr...
RheinEnergie: Bau einer Flusswasser-Wärmepumpe startet
[09.06.2026] In Köln hat die Hauptbauphase für eine der europaweit größten Flusswasser-Wärmepumpen begonnen. Das Unternehmen RheinEnergie investiert 280 Millionen Euro in das Projekt am Standort Köln-Niehl. Ab 2028 soll die Anlage Fernwärme für bis zu 50.000 Haushalte liefern. mehr...
Kiel: Förderung für Quartierswärmemanagement
[08.06.2026] Schleswig-Holstein fördert erstmals ein Quartierswärmemanagement zur Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung. Die Stadt Kiel erhält dafür rund 198.000 Euro und startet in zwei Quartieren mit Beratungs- und Unterstützungsangeboten für die Wärmewende. mehr...
Kommunale Wärmeplanung: Fossile Energieträger dominieren
[03.06.2026] Eine aktuelle Studie zur kommunalen Wärmeplanung zeigt: Großstädte setzen auf den Ausbau der Fernwärme. In kleineren Kommunen werden dezentrale Strategien mit Wärmepumpen und biogenen Energieträgern verfolgt. mehr...
Bremen: Erster Klimaturm soll Quartier versorgen
[03.06.2026] Towergy nimmt Ende Juni in Bremen den ersten Klimaturm in Betrieb, eine kompakte Luft-Wasser-Großwärmepumpe für dicht bebaute Quartiere. Das System soll erneuerbare Wärme und Kälte platzsparend bereitstellen und könnte neue Möglichkeiten für die Wärmewende in Städten eröffnen. mehr...
Berlin: Wärme aus dem Rechenzentrum für Modell-Campus
[01.06.2026] Auf dem Modell-Campus ringberlin soll künftig Wärme aus einem benachbarten Rechenzentrum genutzt werden. Langfristig ist die Wärmeversorgung des gesamten Quartiers geplant. mehr...
Wärmewende: Austauschprojekt zwischen Städten gestartet
[29.05.2026] Stuttgart, Leipzig und Köln starten mit der Forschungsstelle für Energiewirtschaft das Projekt GLOW-Up zur kommunalen Wärmewende. Das Netzwerk soll Städten helfen, Wärmepläne schneller umzusetzen, Bürger früh einzubinden und praxistaugliche Lösungen für Finanzierung und Infrastruktur zu entwickeln. mehr...













