InterviewCloud oder Nicht-Cloud?

Peter Schulte-Rentrop, Vertriebsleiter Versorgungswirtschaft bei Wilken.
(Bildquelle: Wilken)
Herr Schulte-Rentrop, viele Unternehmen denken darüber nach, ob sie nicht Teile ihrer IT oder auch komplette Bereiche in die Cloud verlagern sollen. Ihr neues Angebot dazu heißt P/5 Wanyplace. Ist der Name hier Programm?
Für uns steht schon länger fest, dass die monolithischen und an rein funktionalem Denken ausgerichteten ERP-Systeme und Branchenlösungen der Vergangenheit angehören. Anwendungen aus der Cloud heraus zu nutzen, gehört in vielen Unternehmen bereits zum Alltag. Doch wie spielen diese mit den anderen Software-Systemen zusammen, die noch im eigenen Rechenzentrum angesiedelt sind? Wir haben deswegen mit P/5 Wanyplace – steht für „Wilken überall“ – ein Konzept entwickelt, bei dem die Cloud mit On-Premises-Anwendungen zusammenspielen kann.
Wäre es nicht einfacher, sofort und komplett in die Cloud zu wechseln?
Auf den ersten Blick schon. Denn Cloud-Lösungen bieten eine ganze Reihe an Vorteilen: Die Investitions- und laufenden Kosten für die IT-Infrastruktur entfallen vollständig, man muss sich nicht mehr um Datensicherheit oder Back-ups kümmern, und auch sonst sinkt der Aufwand für die Administration deutlich. Und: Die Cloud-Lösung kann von überall genutzt werden, solange ein Internet-Anschluss vorhanden ist – gerade in Zeiten von Corona ein wichtiges Argument. Auf der anderen Seite sind Cloud-Lösungen durchweg standardisierter als die On-Premises-Anwendungen, die auf eigenen Servern laufen. Diese Programme können viel stärker an die individuellen Anforderungen im Unternehmen angepasst werden. Und sie können inzwischen oftmals über webbasierte Benutzeroberflächen auch im Homeoffice genutzt werden. In der Praxis ist es deswegen oft die bessere Lösung, die Cloud zunächst nicht als Alternative, sondern als Ergänzung anzusehen, etwa wenn es um die Einführung neuer Geschäftsmodelle geht.
Was bedeutet das in der Praxis?
Ein Beispiel ist die Heiz- und Nebenkostenabrechnung: Viele Versorgungsunternehmen überlegen sich derzeit, ob sich die Einführung dieses neuen Dienstleistungsangebots wirtschaftlich rechnet. Um dies zu testen, musste in der klassischen Welt erst einmal ein IT-Projekt aufgesetzt werden. Damit muss zunächst ein beträchtlicher Betrag investiert werden, bevor überhaupt klar ist, ob das neue Geschäftsmodell auch für das eigene Unternehmen funktioniert. Wird die Heiz- und Nebenkostenabrechnung dagegen als einfach konfigurierbare Cloud-Anwendung aufgesetzt, kann sie im kleinen Rahmen ausprobiert werden, auch mit einigen wenigen Wohneinheiten. Natürlich darf dieser Prozess nicht völlig isoliert laufen. Denn nur, wenn die Datenflüsse durchgängig und hochautomatisiert abgebildet werden, ist Digitalisierung sinnvoll.
Wie haben Sie das reibungslose Zusammenspiel von Cloud- und Nicht-Cloud-Anwendungen umgesetzt?
Voraussetzung dafür ist ein grundsätzlich anderes Software-Design. Statt der klassischen rein funktionalen Architektur muss die Lösung prozessorientiert aufgebaut sein. Gesteuert werden die Aufgaben über einen Workflow, der definiert, wer wann was und wie zu tun hat. Der große Vorteil: Die einzelnen Prozessbausteine werden über den Workflow gesteuert und sind wiederverwertbar. Denn sie werden angestoßen je nachdem, wo sie gebraucht werden. Das reduziert nicht nur die Komplexität, sondern vereinfacht auch die Software-Entwicklung. Die Bausteine sind nicht fest verdrahtet im System wie in bisherigen Lösungen, sondern flexibel nutzbar.
„Die Cloud kann als Katalysator für neue Produkte wirken.”
Wie funktioniert das?
Eine wesentliche Voraussetzung für das Cloud Computing ist die durchgängige Virtualisierung im Rechenzentrum. Damit die Services zuverlässig funktionieren und am Ende auch tatsächlich abgerechnet werden können, muss die eigene IT-Infrastruktur erst einmal cloudfähig gemacht werden. Das geht nicht ohne eine durchgängige Standardisierung und Automatisierung der Prozesse. Soll eine Hybrid-Cloud aufgebaut werden, also ein Teil der Prozesse in eine externe Cloud ausgelagert und ein Teil im Haus laufen, gilt dies natürlich auch für das eigene Rechenzentrum. So können die Standardfunktionen beispielsweise im Wilken-Rechenzentrum betrieben werden. Die geschäftskritischen Daten verbleiben dagegen in der eigenen Cloud beim Kunden.
Die Cloud setzt doch auch ein ganz anderes Abrechnungsmodell voraus als die klassische Software-Lizenz.
Ziel beim Cloud Computing ist es, von einem auf die Anschaffungskosten ausgerichteten zu einem benutzungsorientierten Abrechnungsmodell zu kommen. Der Zugang zur Cloud gestaltet sich dabei so einfach wie möglich, etwa über Internet-Portale oder Thin Clients. Auf diese Weise erhält der Nutzer den gesicherten Zugriff auf die jeweiligen Services – wo immer er sie braucht und genau dann, wenn er sie benötigt. Am Ende wird all das nutzungsbezogen abgerechnet.
Kann der Anwender das heute schon nutzen?
Nur zum Teil, denn die Umstellung unserer Anwendungen auf die neue P/5-Plattform ist noch nicht abgeschlossen. Jeder neue Prozess jedoch, der auf Basis von P/5 entwickelt wird, kann auch über das Wanyplace-Portal zur Verfügung gestellt werden. Künftig können so einfach neue Vertriebsideen ausprobiert werden. Soll beispielsweise ein neues Produkt wie Bienenstrom oder ein Spezialpaket für die Fans eines Fußballvereins aufgesetzt werden, muss dafür kein Aufwand in der bestehenden Umgebung betrieben werden. Über den Wanyplace-Katalog wird das entsprechende Cloud-Paket ausgewählt und einzeln gebucht.
Wo sehen Sie die wesentlichen Vorteile für die Kunden?
Mit diesem Ansatz kann die Cloud als Katalysator für neue Services und Produkte wirken. Versorgungsunternehmen werden damit in die Lage versetzt, schnell handlungsfähig zu werden, ohne dass dafür große Investitionen notwendig wären. Natürlich sind die Cloud-Anwendungen genauso skalierbar wie die im eigenen Rechenzentrum angesiedelten Systeme. Damit behält das Unternehmen die volle Entscheidungsfreiheit, wie es künftig arbeiten möchte und kann sich jeweils flexibel auf die sich wandelnden Marktverhältnisse einstellen.
Dieses Interview ist in der Augabe September/Oktober 2020 von stadt+werk erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
Thüga SmartService: KI-Plattform für Stadtwerke gestartet
[09.09.2026] Thüga SmartService hat mit SKIP eine speziell auf die Energiewirtschaft zugeschnittene Plattform für Künstliche Intelligenz entwickelt. Stadtwerke und Energieversorger sollen damit KI-Agenten für Wissensmanagement und Geschäftsprozesse einsetzen können, ohne die Kontrolle über ihre Daten abzugeben. mehr...
cortility: KI automatisiert Standardanliegen
[03.09.2026] cortility und Pipeforce wollen Künstliche Intelligenz stärker für die automatisierte Bearbeitung von Kundenanliegen bei Energieversorgern einsetzen. Standardvorgänge wie Zählerstandsmeldungen, Umzüge oder Abschlagsfragen sollen sich damit weitgehend ohne manuelle Eingriffe verarbeiten lassen. mehr...
E-Rechnung: Versandpflicht wird ausgeweitet
[26.08.2026] Für Unternehmen mit mehr als 800.000 Euro Umsatz verschärfen sich zum Jahreswechsel die Vorgaben für elektronische Rechnungen. Ab Januar 2027 müssen sie E-Rechnungen nach der europäischen Norm EN 16931 versenden. Ein Jahr später gilt die Vorgabe für alle Unternehmen. mehr...
KRITIS-Schutz: Resilienz ist Pflicht
[18.08.2026] Mit dem KRITIS-Dachgesetz sind Städte und Gemeinden unter Zugzwang: Bis Mai 2027 müssen Schutzkonzepte stehen. Doch zwischen gesetzlicher Pflicht und gelebter Resilienz klafft häufig noch eine gefährliche Lücke. mehr...
Maingau: Portfoliomanagement in der Cloud
[14.08.2026] Maingau hat sein Portfolio-Management auf eine Cloud-Lösung von Kisters umgestellt. Damit will der Energieversorger Handelsprozesse stärker automatisieren und weitere Funktionen in die Systemlandschaft integrieren. mehr...
Kundenservice: Vom Antrag zur Lösung
[13.08.2026] Stadtwerke können ihre Kundenservices mit durchgängigen End-to-End-Prozessen effizienter gestalten. Standardisierte Abläufe, intelligentes Routing und KI sollen Bearbeitungszeiten verkürzen und Mitarbeitende entlasten – entscheidend bleibt dabei die Verbindung von Technik, Daten und Menschen. mehr...
kraftwerk Software Gruppe: Joules erhält KI-Funktionen
[13.08.2026] Die kraftwerk Software Gruppe hat die Software Joules erweitert. Das aktuelle Release bringt KI-gestützte Funktionen für verschiedene Arbeitsabläufe sowie ein neu aufgebautes Kunden-, Lead- und Servicemanagement. mehr...
IT-Infrastruktur: Vollumfassende Integration
[11.08.2026] Neue digitale Angebote und gesetzliche Anforderungen überfordern die IT-Landschaften der Stadtwerke zunehmend. Insbesondere bei systemübergreifenden Prozessen reichen punktuelle Integrationen nicht mehr aus. Gefragt sind vielmehr durchgängige Prozessketten, die verteilte Anwendungen zuverlässig verbinden. mehr...
cortility: EDM-Kooperation mit endica
[11.08.2026] Das Unternehmen cortility überträgt die bislang von endica eingesetzten Lösungen für das Energiedatenmanagement auf SAP S/4HANA Utilities. Damit soll das Energiedatenmanagement für Strom und Gas auch in der neuen Systemlandschaft von endica verfügbar sein. mehr...
Kraftwerk Software Gruppe: Neue KI-gestützte Wissensplattform vorgestellt
[24.07.2026] Die Kraftwerk Software Gruppe hat mit der Lösung kraftwerk.Knowledge eine KI-gestützte Wissensplattform für Versorgungsunternehmen vorgestellt. Sie soll Stadtwerke bei der Dokumentation, der Einhaltung regulatorischer Vorgaben und der schnellen Suche nach Fachinformationen unterstützen. mehr...
Civitas Connect: Offene digitale Basisinfrastrukturen
[20.07.2026] Ein offener Brief fordert, bestehende offene Daten- und Integrationsplattformen stärker in die föderalen Digitalstrukturen einzubinden. Laut Initiator Civitas Connect richtet sich die Initiative an Bund, Länder und weitere zuständige Gremien. Kommunen, öffentliche Unternehmen und andere Organisationen können sich der Erklärung bis Ende September anschließen. mehr...
cortility: SAP-Umstellung bleibt eine Herausforderung
[17.07.2026] Mit dem Ende des Supports für SAP R/3 Ende 2027 wächst der Zeitdruck für Energieversorger. Nach Einschätzung des IT-Dienstleisters cortility werden jedoch zahlreiche Unternehmen den Termin nicht einhalten können. mehr...
enercity: Test für KI-Energie-Assistenten
[16.07.2026] enercity hat die Testphase eines KI-Energie-Assistenten gestartet, der Kundinnen und Kunden die Verwaltung ihres Energievertrags direkt über ChatGPT ermöglichen soll. Nach Angaben des Unternehmens können unter anderem Vertragsdaten eingesehen, Rechnungen abgefragt und Zählerstände übermittelt werden. mehr...
Stadtwerke Baden-Baden: Neue GIS-Plattform für alle Versorgungssparten
[10.07.2026] Die Stadtwerke Baden-Baden stellen ihre Geoinformations- und Netzsysteme schrittweise auf eine neue webbasierte Plattform um. Nach Angaben von VertiGIS soll damit eine integrierte Arbeitsumgebung für die Sparten Strom, Gas, Wasser und Fernwärme entstehen. mehr...
Mahnwesen: Lücke im SAP-System
[09.07.2026] Stadtwerke, die SAP im Mahnwesen einsetzen, müssen Mahngebühren manuell verbuchen. Das kostet wertvolle Arbeitszeit und birgt die Gefahr von Fehlbuchungen und Compliance-Risiken. Eine SAP-basierte Erweiterung automatisiert den Prozess und beseitigt diese Schwachstelle. mehr...










