DardesheimGlücksfall Windpark

Die WKA wurden auf dem Druiberg im Norden von Dardesheim so platziert, dass die Sichtbeziehungen nach Süden zum 30 Kilometer entfernten Harz-Panorama erhalten blieben.
(Bildquelle: Bürgerenergie Druiberg eG)
In Dardesheim (Kreis Harz) entsteht mit dem BürgerEnergiePark Druiberg derzeit der erste große Bürgerwindpark in Sachsen-Anhalt. Die Bauarbeiten am Druiberg begannen im März 2025 nach Unterzeichnung des Kaufvertrags über die schlüsselfertige Lieferung von 13 Enercon-Windkraftanlagen mit insgesamt 72 Megawatt installierter Leistung. Bereits seit 2004 sind im Bestands-Windpark Druiberg, der zwischen den drei Ortschaften Dardesheim, Badersleben und Rohrsheim liegt, 37 WKA sukzessive in Betrieb gegangen. Ursprünglich sollte dieses Vorgängerprojekt als Bürgerwindpark umgesetzt werden. In den Nachwendejahren war die Zeit für solche Projekte jedoch noch nicht reif, zumal das dafür erforderliche Kapital in den Haushalten fehlte. Dennoch war es den Initiatoren der örtlichen Windpark Druiberg GmbH & Co. KG (WDG) auch in den Folgejahren wichtig, den Einwohnern der drei anliegenden Orte möglichst viele Vorteile des Windparks zukommen zu lassen.
Mit den Vertretern der Kommunen und des örtlichen Vereinslebens wurde vereinbart, den Einwohnern ab Betriebsbeginn einen Umsatzanteil von einem Prozent des Windparkertrags für kommunale und soziokulturelle Zwecke zur Verfügung zu stellen. Zu diesem Zweck wurde in den drei (nicht mehr selbstständigen) Orten jeweils ein Förderverein gegründet, in dem alle lokalen Vereine und Kommunalstrukturen wie beispielsweise Feuerwehr, Kindertagesstätte und Kirchen Mitglied werden konnten. Die ertragsabhängigen Fördermittel von jährlich etwa 100.000 Euro wurden zu etwa 70 Prozent für kommunale und zu etwa 30 Prozent für vereinsinterne Zwecke genutzt. Letzteres war für das Überleben der Vereine und den Erhalt von zwei Freibädern von großer Bedeutung, da die kommunale Vereins- und Kulturförderung aufgrund der zunehmenden Finanzschwäche der Gemeinden immer schwieriger wurde. Der örtliche Windpark ersetzte somit die bisherige Stützungsfunktion der beiden übergeordneten Einheitsgemeinden. Da nahezu alle Bürger in mindestens einem Verein Mitglied sind, traten die Vorteile des Projekts mit den Jahren immer stärker ins öffentliche Bewusstsein.

Doch damit wollte es der Windpark nicht bewenden lassen. Als Ersatz für das im Jahr 2004 noch nicht umgesetzte Bürgerwind-Modell wurde den Einwohnerinnen und Einwohnern eine private Kapitalanlage in Form von Nachrangdarlehen mit einer ertragsabhängigen Verzinsung von vier bis neun Prozent der Einlagesumme angeboten. Mit den Jahren beteiligten sich daran rund 60 Familien. Außerdem konnte durch Verhandlungen mit dem WKA-Hersteller in Dardesheim eine regionale WKA-Servicestelle mit rund zehn Dauerarbeitsplätzen für junge Wartungskräfte aus der Region geschaffen werden. Diese existiert noch heute. Um weitere möglichst hohe regionale Wertschöpfungseffekte zu erreichen, wurde zudem ein Großteil der Windpark-Kosten von 100 Millionen Euro an regionale Firmen im Umkreis von bis zu 80 Kilometern vergeben.

Aber auch die Haushalte und alle weiteren lokalen Akteure sollten zur Teilnahme an der Energiewende motiviert werden. Zu diesem Zweck lobte der Windpark die „Dardesheimer Umweltpreise“ mit einem Preisgeld von jährlich 5.000 Euro aus. Damit wurden unter anderem Investitionen in private Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und E-Autos gefördert. Seit 2005 gingen dadurch insgesamt über 100.000 Euro an über 200 örtliche Regenerativ-Projekte, sodass Dardesheim seit vielen Jahren mit dem Logo einer „Stadt der Erneuerbaren Energie“ wirbt.
In den 20 Jahren des Bestehens des Windparks war auch die transparente Kommunikation mit den Gemeinden und den Einwohnern wichtig. Zu diesem Zweck wurden die Website www.energiepark-druiberg.de sowie das „Druiberg Windblatt“ ins Leben gerufen. Letzteres dient den Vereinen als Werbeträger und wird vierteljährlich kostenlos an alle Haushalte verteilt. Da es ein solches Vereinsblatt mit allen öffentlichen Terminen in den drei Orten bisher nicht gab, ist das Druiberg-Windblatt zu einer wichtigen Informationsquelle über das örtliche Kulturleben geworden – einschließlich der Neuigkeiten rund um den Windpark, etwa über externe Besucher. Durch die genannten Maßnahmen erwarb sich der Windpark eine hohe öffentliche Zustimmung und zog zunehmend regionale und überregionale Besucher nach Dardesheim, darunter auch internationale Gäste aus inzwischen über 50 Ländern. Die Windpark-Mitarbeiter bieten den Besuchern Führungen durch den Windpark und alle weiteren gewünschten Informationen.

Nachdem im Jahr 2022 der Ukraine-Krieg ausgebrochen war und die Energiepreise explodiert waren, kamen Anfragen nach kostengünstiger Strom-Direktbelieferung auf. Der WDG-Windpark führte daraufhin mit Unterstützung eines eingeschalteten Direktvermarkters ein preisreduziertes Bürgerstrom-Angebot für die Einwohner und Gewerbebetriebe der drei Windpark-Orte ein. Der sogenannte Druibergstrom-Tarif mit zunächst 30 Cent pro Kilowattstunde (kWh) lag zehn Cent unter der von der Bundesregierung im Jahr 2022 beschlossenen Strompreisbremse von 40 Cent pro kWh. Inzwischen wird dieser Tarif von rund 80 Prozent der örtlichen Verbraucher genutzt. Der Tarif wurde seitdem zweimal reduziert: 2023 auf 28 Cent und Anfang 2026 auf 24,75 Cent pro kWh. Seit dieser Zeit sprechen die örtlichen Bürger, Gewerbebetriebe und Kommunalpolitiker zunehmend vom „Glücksfall“ des örtlichen Windparks, der nun auch in der Lage war, die regionalen Energiepreise mitzubestimmen und auf ein für sie attraktives Niveau zu reduzieren.
Als vor einigen Jahren das Ende der 20-jährigen Förderdauer für Windenergieanlagen (WKA) nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und ein mögliches Repowering mit neuen, größeren Maschinen in Sicht kamen, belebte sich die Diskussion um das Bürgerwind-Modell erneut. Zu diesem Zweck wurde ein Windparkbeirat gegründet, der sich aus jeweils drei Ortsbürgermeistern, Fördervereinsvorsitzenden und gewählten Repräsentanten der involvierten Landeigentümer sowie zwei Windpark-Vertretern zusammensetzt. Dieser Beirat wurde in alle Fragen der Repowering-Planung einbezogen. Er unterstützte auch die Bestrebungen der beiden beteiligten Einheitsgemeinden Osterwieck und Huy zur Einführung von kommunalen „Leitlinien für faire Windkraft- und Solarprojekt-Planung“. Diese wurden im Jahr 2023 mit dem Ziel „möglichst hoher regionaler Wertschöpfung und Bürger-Teilhabe“ beschlossen und sind ein Beispiel für eine entsprechende kommunale Muster-Leitlinie des „Landesnetzwerks Bürgerenergie Sachsen-Anhalt“ für weitere interessierte Kommunen. Im Juni 2023 wurde aus dem Windpark-Beirat heraus auch die örtliche Energiegenossenschaft BürgerEnergie Drübeck (BED) gegründet. Diese soll mindestens 51 Prozent des Eigenkapitals und der Stimmrechte in der neuen Betriebsgesellschaft für das Repowering-Projekt übernehmen.

Angesichts zahlreicher Initiativen gegen Windenergie in anderen Regionen Sachsen-Anhalts war es beim Repowering des Windparks das Ziel, möglichst viele Vorteile des Neuprojekts für die Bewohner der drei Ortsteile zu sichern. Wie dies erreicht werden könne, war seit 2019 Gegenstand zahlreicher Bürger- und Eigentümerversammlungen. Der dadurch erarbeitete Konsens über die Struktur des neuen BürgerEnergieParks führte zu dem erfreulichen Ergebnis, dass der immissionsrechtliche Genehmigungsbescheid zum Abbau von 24 Bestands-WKA der Zwei-Megawatt-Klasse und zur Neuerrichtung von 13 WKA mit je 5,5 MW ohne eine einzige Bürger- oder Träger-Eingabe erteilt werden konnte. Dieses Ergebnis ist im Vergleich zu vielen anderen, teilweise sehr umstrittenen Windkraftprojekten im Land einzigartig.

Für die Bauphase bis zur Inbetriebnahme des BürgerEnergieParks im Herbst 2026 wurden etwa 18 Monate eingeplant. In dieser Zeit fand beziehungsweise findet noch eine intensive Beteiligungswerbung mit mehreren Informationsveranstaltungen in den drei Windpark-Orten statt. Um eine günstige Kostensituation und eine entsprechend attraktive Rendite für die Teilhaber zu erzielen, wurde die komplette Projektierung des Vorhabens durch den ortsansässigen Bestandswindpark durchgeführt. Die Kostenaufstellung konnte den Interessierten daher transparent und detailliert erläutert werden. Um die mit der Anlagenerrichtung verbundenen Risiken für die teilnahmeinteressierten Bürger zu reduzieren, hat der Bestandswindpark auch die gesamte Projektfinanzierung übernommen. Erst nach der Inbetriebnahme, wenn die Einwohner die tadellose Funktion der neuen Maschinen vor Augen haben, muss das Beteiligungskapital eingezahlt werden. Alle Beteiligten schauen dem Betrieb des ersten Bürgerwindparks in Sachsen-Anhalt mit Spannung entgegen.
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