Berchtesgadener LandVorbildlicher Energienutzungsplan

Für jede der 15 kreisangehörigen Kommunen des Berchtesgadener Lands wurde ein Energienutzungsplan mit Maßnahmenkatalog zur Umsetzung konkreter Projekte erarbeitet.
(Bildquelle: MEV Verlag)
Fragen der Energieversorgung, der Umweltverträglichkeit und der Nachhaltigkeit werden mehr und mehr zum entscheidenden Standortfaktor – nicht nur für Unternehmer. Auch die Bürger erwarten von ihrer Gemeinde eine zeitgemäße und zukunftsweisende Energie- und Klimapolitik mit klimaschutzfreundlichen und regionalen Versorgungskonzepten. An dieser Stelle setzt der digitale Energienutzungsplan (ENP) als strategisches Planungsinstrument für Kommunen an. In diesem werden die momentane Energiebedarfs- und Energieversorgungssituation in einer Gemeinde oder einem Landkreis detailliert erfasst und darauf basierend konkrete Handlungsempfehlungen für eine klimaschutzfreundliche Energieversorgung vor Ort ausgearbeitet.
Energiewende vor Ort gemeinsam voranzutreiben
Der bayerische Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, Hubert Aiwanger, hat im Mai 2019 in einem Ministerschreiben alle Kommunen im Freistaat animiert, einen digitalen Energienutzungsplan aufzustellen und die Energiewende vor Ort gemeinsam voranzutreiben. Das bayerische Wirtschaftsministerium unterstützt die Gemeinden und Landkreise dabei im Rahmen des Förderprogramms Energienutzungspläne und übernimmt bis zu 70 Prozent der Kosten. Vorläufer und erstes Pilotprojekt in Bayern war der digitale Energienutzungsplan für das Berchtesgadener Land. Durch die hohe Detailschärfe und vollständige Flächendeckung konnten in der digitalen Energieplanung völlig neue Maßstäbe gesetzt werden: Das digitale 3D-Energiesystemmodell bildet jedes der 30.000 Gebäude im Landkreis detailliert ab und weist deren aktuellen Wärmebedarf und energetische Sanierungsoptionen aus.
Vollständiges Abbild der Energie-Infrastruktur
Auf Basis des gebäudescharfen Ist-Zustands können dann Potenziale zur Versorgung mit erneuerbaren Energien, wie Photovoltaik und Solarthermie oder oberflächennaher Geothermie ebenfalls gebäudescharf analysiert werden. Weiterhin beinhaltet der ENP ein vollständiges Abbild der Energie-Infrastruktur mit unter anderem Erzeugungsanlagen, Wärme- und Stromnetzen und weist Potenziale für deren Ausbau aus. Das ermöglicht eine ganzheitliche Erarbeitung optimaler Entwicklungspfade für die Energiewende vor Ort, die alle relevanten technischen, wirtschaftlichen und politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen einbezieht.
Auf Basis dieser umfassenden, digitalen Datengrundlage wurde für jede der 15 kreisangehörigen Kommunen ein Energienutzungsplan mit Maßnahmenkatalog zur Umsetzung konkreter Projekte erarbeitet und im Stadt- beziehungsweise Gemeinderat beschlossen. Besonders vielversprechende Projekte wurden technisch und wirtschaftlich detailliert betrachtet und für eine zeitnahe Umsetzung in den Kommunen aufbereitet.
Bereits zahlreiche Projekte umgesetzt
Die damalige bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner hob bei der Abschlusspräsentation im November 2017 die zukunftsweisende Bedeutung des Projekts für die Energiewende in den bayerischen Kommunen hervor: „Der Energienutzungsplan Berchtesgadener Land hat Vorbildcharakter und setzt Maßstäbe für alle weiteren Pläne.“
Knapp zwei Jahre nach Vorstellung des Energienutzungsplans sind im Berchtesgadener Land bereits zahlreiche Projekte mit einem Gesamtvolumen von mehr als zehn Millionen Euro in Planung oder erfolgreich umgesetzt. Ein Beispiel ist der Energieverbund in der Stadt Freilassing: Mehrere über das Stadtgebiet verteilte kommunale Liegenschaften werden strom- und wärmeseitig zu einem Areal vernetzt, das sich vollständig selbst mit Wärme und zum großen Teil auch mit Strom versorgt.
Städtische Grüngutabfälle verwerten
Das Rückgrat der Energieversorgung bilden zwei hochflexibel einsetzbare Klärgas-BHKW-Module, die ausgehend von der Kläranlage die Grundversorgung mit Strom und Wärme sicherstellen. Die BHKW können unterbrechungsfrei sowohl mit Klärgas als auch mit Erdgas in beliebigen Mischungen betrieben werden. Stromseitig speisen zusätzlich Photovoltaikanlagen auf den städtischen Liegenschaften in den Verbund ein. Auf der Wärmeseite ergänzt die Versorgung ein Biomassekessel, der für feuchte Einsatzstoffe geeignet ist, sodass auch städtische Grüngutabfälle verwertet werden können. Der Verbund wird so ausgeregelt, dass die Versorgung mit Strom und Wärme vorrangig aus den vor Ort vorhandenen Energieressourcen gedeckt wird und keine unnötige Rückspeisung ins öffentliche Netz erfolgt. Durch den Energieverbund können jährlich rund 320 Tonnen CO2 eingespart werden, gleichzeitig sinken durch die optimale Ausnutzung erneuerbarer Energien die Energiegestehungskosten.
Gebäudescharfen Informationen nutzen
Der Energienutzungsplan richtet sich jedoch nicht nur an Kommunen, sondern bietet auch einen direkten Mehrwert für alle privaten Hauseigentümer und Wirtschaftsbetriebe im Landkreis. Mit den gebäudescharfen Informationen aus dem Energienutzungsplan können alle Bürger unterstützt werden, die eine energetische Sanierung planen oder erneuerbare Energien für das eigene Gebäude nutzen möchten. So wird beispielsweise die kostenlose Energie-Erstberatung der Energieagentur Südostbayern im Landkreis durch die Analysen aus dem Energienutzungsplan deutlich gestärkt.
„Rückblickend kann ich sagen: Der Einsatz hat sich gelohnt. Denn dadurch ist ein wirklich umsatzorientiertes Konzept entstanden, das allen einen großen Nutzen bringt“, resümiert Georg Grabner, Landrat des Kreises Berchtesgadener Land.
Bayerischer Energiepreis 2018
Für ihren Energienutzungsplan erhielt die Kommune den Bayerischen Energiepreis 2018. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger betonte: „Die Energiewende gelingt nur durch eine effiziente Energieverwendung. Wir brauchen neue Ideen, wie wir die Energienutzung intelligent steuern“. Die Auszeichnung des Landkreises mit dem begehrten Preis in der Kategorie Kommunale Energiekonzepte begründet Ministerialdirigent Rudolf Escheu in seiner Laudatio folgendermaßen: „Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage: Das Gelingen der Energiewende steht und fällt mit dem Engagement unserer Kommunen. Deshalb ist uns diese Kategorie ein besonderes Anliegen, um damit kommunales Engagement zu würdigen. Der Landkreis Berchtesgadener Land ist mit dem Projekt Energienutzungsplan ein Gestalter der Energiewende par excellence. Er setzt mit allen kreisangehörigen Kommunen auf nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und arbeitet seit Jahren konsequent an der Umsetzung ehrgeiziger Klimaschutzziele.“
Gründung eines Energieeffizienz-Netzwerks
Die gemeinsame und abgestimmte Vorgehensweise der Kommunen im Berchtesgadener Land zeigt sich auch in der Gründung des Energieeffizienz-Netzwerks im Oktober 2018, das vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gefördert wird. In einer dreijährigen Zusammenarbeit erfolgt ein intensiver Erfahrungsaustausch mit gezielter Umsetzung der im Energienutzungsplan aufgezeigten Projektideen.
Der digitale Energienutzungsplan wurde vom Institut für Energietechnik IfE an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen ENIANO erarbeitet. Das Klimaschutz-Management des Landkreises Berchtesgadener Land hat die Erstellung maßgeblich unterstützt.
Interaktive Ausschreibungshilfe
Am 2. Mai 2019 gab Wirtschaftsminister Aiwanger gemeinsam mit Landrat Grabner den Startschuss für die neue Generation der Energienutzungspläne in Bayern: ENPonline ist ein Online-Leitfaden zur Ausschreibung und Erstellung von Energienutzungsplänen, das den Ausschreibungsprozess für Kommunen deutlich vereinfacht und standardisiert. Die neuen Standards der kommunalen Energieplanung für Bayern in Form von ENPonline basieren insbesondere auf den Erfahrungen des Energienutzungsplans Berchtesgadener Land. Nach diesem Vorbild soll künftig die Daten- und Planungsgrundlage für die Erstellung von Energienutzungsplänen im gesamten Freistaat nach einheitlichen Qualitätsstandards erarbeitet werden.
https://www.ifeam.de
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe Januar/Februar 2020 von stadt+werk erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
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