Freitag, 1. Mai 2026

NIS2-RichtliniePflichtaufgabe für Stadtwerke

[31.07.2025] Die nationale Umsetzung der NIS2-Richtlinie kommt – und betrifft auch kleinere Stadtwerke. Sie müssen rechtzeitig prüfen, ob sie betroffen sind. Ansonsten drohen Zeitdruck, hohe Kosten und sogar Bußgelder.

Auch kleinere Stadtwerke könnten unter die NIS2-Richtlinie fallen.

(Bildquelle: AI.noevation/stock.adobe.com)

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Die eigentlich schon für Oktober 2024 vorgeschriebene Überführung der europäischen NIS2-Richtlinie in nationales Recht wird die neue Bundesregierung jetzt zeitnah umsetzen. Dieses umfangreiche Regelwerk verpflichtet auch kleinere und mittlere Stadtwerke, die keine kritischen Anlagen selbst betreiben, den aktuellen Stand der Cybersicherheit umzusetzen. Erste Hürde: Die Unternehmen müssen ohne Aufforderung prüfen, ob sie betroffen sind. „Allein der deutschen Wirtschaft entsteht durch Cyberattacken jährlich ein Schaden von gut 179 Milliarden Euro“, so Ralf Wintergerst, Präsident des Branchenverbands Bitkom.

Genau hier setzt das NIS2-Umsetzungs- und Cybersicherheitsstärkungsgesetz (NIS2UmsuCG) an. Es gilt für Unternehmen definierter Sektoren mit mindestens 50 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von zehn Millionen Euro. In besonders wichtigen Sektoren wie der Energieversorgung sind aber auch kleinere Unternehmen verpflichtet, ihre Betroffenheit selbst zu prüfen und sich zu registrieren. Es gibt dazu keine Aufforderung von Behörden – die Pflicht zur Betroffenheitsanalyse liegt aktuell allein bei den Unternehmen. Für den Bitkom-Präsidenten ist hierfür spezielles Know-how notwendig: „Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen brauchen Unterstützung, um festzustellen, ob und wie sie von dem Gesetz betroffen sind und welche Maßnahmen sie ergreifen müssen.“

Zeitig Unterstützung suchen

Sobald das Gesetz beschlossen wird, herrscht Zeitdruck, wie Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) hervorhebt: „Die strengen Regeln gelten dann für die Anlagensteuerung bis hin zur Office-IT. Umsetzungskosten spielen offenbar keine Rolle, Umsetzungsfristen sind nicht vorgesehen.“ Dabei gilt wie bei anderen großen Veränderungen immer die Faustregel: Je später Unternehmen mit der Umsetzung beginnen, desto teurer wird es, weil es nur eine begrenzte Zahl an wirklich erfahrenen IT-Sicherheitsexperten gibt – und die sind sehr schnell ausgebucht. Das Spektrum reicht von Selbstständigen bis hin zu den großen Beratungsunternehmen, von generischen Online-Fragebögen bis hin zu kompletten Beratungsteams. „Gerade bei der Umsetzung von NIS2 ist es wichtig, mit IT-Dienstleistern zusammenzuarbeiten, die Branchenerfahrungen haben und die Regulatorik in der Energiebranche genau kennen“, empfiehlt Thomas Mayerbacher, Geschäftsführer des Unternehmens prego services, das als IT- und Serviceprovider für Energieversorgungsunternehmen selbst der NIS2-Richtlinie unterliegt.

Prioritäten setzen

Für die Umsetzung der NIS2-Richtlinie empfiehlt Mayerbacher, konsequent zu priorisieren: Unternehmen im Energiesektor müssen als erstes eine Betroffenheitsanalyse mit einem Nachweis erstellen. Das gilt auch für Unternehmen, die bereits ein zertifiziertes IT-Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS) eingeführt haben. „Für prego services ist die Betroffenheitsanalyse ein erster Baustein, mit dem wir EVUs unterstützen“, so Thomas Mayer­bacher. An zweiter Stelle steht eine umfassende Schwachstellenanalyse der IT-Infrastruktur – die Fit-Gap-Analyse. Diese kann große Sicherheitslücken aufdecken und Hinweise geben, was als erstes umgesetzt werden muss. 

So muss eine Personal- und Zugangskontrolle vorhanden sein, das Passwortmanagement auf Multifaktor-Authentifizierung umgestellt, ein Vorfallmanagement eingeführt und Vorbereitungen zu Back-up und Krisenfallmanagement getroffen werden. Auch Geschäftsführer müssen neue Aufgaben übernehmen, denn sie sind persönlich verantwortlich für Vorsorgemaßnahmen wie kontinuierliche Mitarbeiterschulungen und die regelmäßige Überprüfung der Maßnahmen, damit sie immer dem aktuellen Stand der Technik entsprechen. Im vorliegenden Entwurf zur NIS2-Umsetzung wird dazu erstmals auch eine Haftung der Geschäftsführung mit Bußgeldern bei Verstößen oder Nichteinhalten der Meldepflichten vorgesehen.

Weniger komplexe Zertifizierung

Im Anschluss müssen Unternehmen prüfen, ob sie verpflichtet sind, ein Informationssicherheits-Managementsystem einzuführen. Für kleinere Stadtwerke interessant: Neben der komplexen Zertifizierung nach ISO 27001 können sie sich auch für die weniger komplexe Zertifizierung nach VdS 10000 entscheiden. Für betroffene Unternehmen gelten dann Nachweis- und Meldepflichten. Die Erstmeldung von erheblichen Cybersicherheitsvorfällen muss innerhalb von 24 Stunden nach Bekanntwerden erfolgen.

Neben diesen technischen Vorkehrungen umfasst NIS2 auch eine Reihe von prozessualen Themen, um die Resilienz der Unternehmen zu steigern. Die Analyse der IT-Strukturen und Prozesse bietet gerade kleineren und mittleren Stadtwerken auch Chancen über eine gehärtete IT-Sicherheit hinaus: Sie kann dazu beitragen, die digitale Transformation aller Prozesse zu beschleunigen und damit die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken.

Torsten Kirchmann ist freier Autor mit den Schwerpunkten IT, Energiewirtschaft und Fabrikautomation.




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik
Arbeiter in Schutzkleidung und Helmen steigen an einem hohen Strommast aus Metall hinauf, während sie an Hochspannungsleitungen arbeiten; der Himmel ist blau mit wenigen Wolken.

Energiewende: Kommunen profitieren

[30.04.2026] Viele Städte und Gemeinden erzielen laut einer Umfrage zusätzliche Einnahmen durch erneuerbare Energien. Gleichzeitig bremsen nach Angaben der Kommunen vor allem fehlende Netze und knappe Haushaltsmittel den weiteren Ausbau. mehr...

DStGB: Forderung nach autonomen Bussen

[30.04.2026] Deutschlands Kommunen verlangen deutlich mehr Geld für den Nahverkehr und drängen zugleich auf autonome Busse im ländlichen Raum. Hintergrund sind Rekorddefizite in den Haushalten, drohende Angebotskürzungen im ÖPNV und die Frage, wie Mobilität außerhalb der Ballungszentren künftig gesichert werden kann. mehr...

Politik: Verbände positionieren sich zu aktuellen Gesetzentwürfen

[24.04.2026] Die Gesetzentwürfe zu StromVKG, EEG und Netzpaket stoßen in der Branche auf breite Zustimmung und scharfe Kritik zugleich. Verbände warnen vor Investitionsrisiken und Ausbauhemmnissen, während die Bundesregierung unter Zeitdruck zentrale Weichen stellt. mehr...

Stadtwerke München: Nachbesserungen bei Energiegesetzen

[24.04.2026] Die Stadtwerke München unterstützen die geplanten Reformen beim Erneuerbare-Energien-Gesetz und beim Netzanschlussverfahren grundsätzlich, warnen jedoch vor schwächeren Investitionsanreizen und einem langsameren Ausbau erneuerbarer Energien, vor allem in Städten. mehr...

Baden-Württemberg: 15-Punkte-Plan für künftige Landesregierung

[21.04.2026] Erneuerbaren-Verbände legen einen 15-Punkte-Plan für den Umbau der Energieversorgung in Baden-Württemberg vor. Der Katalog zielt auf schnelleren Ausbau, mehr Versorgungssicherheit und neue Impulse für Industrie und Verkehr – und setzt die künftige Landesregierung unter Handlungsdruck. mehr...

Gas- und Dampfkraftwerk der Stadtwerke Düsseldorf mit moderner Industriearchitektur, großem verglasten Turm und Schornstein auf dem Betriebsgelände bei Tageslicht.

BDEW: Mix bei Kraftwerksstrategie

[17.04.2026] Der BDEW spricht sich für mehrere Technologien zur Absicherung der Stromversorgung aus. Neben Gaskraftwerken nennt der Verband Batteriespeicher und flexible Stromnachfrage. Hintergrund ist die Debatte über das Ausschreibungsdesign der geplanten Kraftwerksstrategie. mehr...

BEE: Fossile Abhängigkeiten verringern

[14.04.2026] Der Bundesverband Erneuerbare Energie begrüßt die geplanten Entlastungen der Bundesregierung angesichts steigender Energiepreise. Zugleich fordert der Verband schnellere Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien. mehr...

BDEW: Mehr Tempo bei Elektrifizierung

[13.04.2026] Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft begrüßt die Ergebnisse des Koalitionsausschusses zum Ausbau erneuerbarer Energien. Zugleich kritisiert der Verband die ausbleibende Senkung der Stromsteuer. mehr...

Umfrage: Mehrheit empfindet Energie-Abhängigkeit als Bedrohung

[10.04.2026] Eine große Mehrheit der Deutschen sieht die Abhängigkeit von Energieimporten als Bedrohung. Eine aktuelle Umfrage zeigt zugleich klaren Rückhalt für mehr erneuerbare Energien und Speicher – und stellt politische Pläne infrage. mehr...

Saarland: Gasspeicher-Strategie gefordert

[02.04.2026] Das Saarland fordert eine nationale Strategie für Gasspeicher, um sinkenden Füllständen und Marktunsicherheiten zu begegnen. Angesichts geopolitischer Spannungen und steigender Preisrisiken wächst der Druck auf den Bund, rechtzeitig vor der nächsten Heizperiode zu handeln. mehr...

Bundesverband Erneuerbare Energie: Branche legt Maßnahmenpaket vor

[31.03.2026] Die Erneuerbaren-Branche legt ein eigenes Maßnahmenpaket für ein kostengünstiges und resilientes Energiesystem vor. Es reagiert auf umstrittene Gesetzesvorschläge aus dem Bundeswirtschaftsministerium und zielt auf mehr Investitionssicherheit und geringere Systemkosten. mehr...

Deutscher Städte- und Gemeindebund: Umsetzung der Wärmewende in Gefahr

[30.03.2026] Deutschlands Kommunen warnen vor einem finanziellen Kollaps, der Investitionen in die Wärmewende ausbremst. Ohne grundlegende Reformen und verlässliche Förderstrukturen drohen Planung und Umsetzung vor Ort ins Stocken zu geraten. mehr...

Gaspaket: Lob und Kritik von Branchenverbänden

[26.03.2026] Drei Branchenverbände bewerten den Gesetzentwurf zum Gas- und Wasserstoffbinnenmarkt grundlegend unterschiedlich. Ihre Stellungnahmen zeigen, wo es beim Umbau der Gasnetze zu Biomethan und Wasserstoff noch hakt und welche Nachbesserungen sie fordern. mehr...

Klimaschutzprogramm: Stellungnahmen von VKU, BSW-Solar und BDEW

[26.03.2026] VKU, BSW-Solar und BDEW haben das neue Klimaschutzprogramm der Bundesregierung bewertet und fordern Nachbesserungen. Die Verbände sehen Fortschritte, warnen aber vor Umsetzungsdefiziten und widersprüchlichen Signalen für zentrale Sektoren der Energiewende. mehr...

Naturstrom: Umfrage zur Energiepolitik veröffentlicht

[18.03.2026] Eine große Mehrheit der Bevölkerung bewertet die Energiepolitik der Bundesregierung negativ und lehnt zentrale Reformpläne ab. Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage zeigen wachsende Skepsis gegenüber Solar- und Heizungsentscheidungen – mit möglichen Folgen für Investitionen und Akzeptanz der Energiewende. mehr...