Montag, 17. August 2026

StuttgartKlimaziele nicht erreichbar

[17.08.2026] Stuttgart hat seine Treibhausgasemissionen seit 1990 deutlich reduziert. Für das Ziel, bis 2035 klimaneutral zu werden, reicht das bisherige Tempo jedoch nicht aus. Das geht aus dem neuen Bericht zur Gesamtstädtischen Klimastrategie hervor. Besonders kritisch bewertet die Stadt die Entwicklung im Wärmesektor.
Photovoltaikanlage auf dem Dach des Stuttgarter Rathauses mit Blick über die Innenstadt. Am Horizont ist der Stuttgarter Fernsehturm erkennbar.

PV-Anlage auf dem Stuttgarter Rathaus: Die Klimaziele der Landeshauptstadt sind in Gefahr.

(Bildquelle: Stadt Stuttgart)

Laut dem aktuellen Klimabericht der Stadt Stuttgart sind die Treibhausgasemissionen zwischen 1990 und 2023 um rund 54 Prozent gesunken. Damit liegt die baden-württembergische Landeshauptstadt nach Berechnungen der Verwaltung über dem bundesweiten Rückgang von rund 46 Prozent und dem Rückgang in Baden-Württemberg von rund 27 Prozent. Besonders stark gingen die Emissionen bei den städtischen Liegenschaften zurück. Dort beträgt das Minus seit 1990 rund 77 Prozent. In der Industrie sanken die Emissionen um 67 Prozent, in den Bereichen Wohnen sowie Gewerbe, Handel und Dienstleistungen jeweils um 50 Prozent. Im Verkehr waren es 42 Prozent.

Dennoch sieht die Stadt eine erhebliche Lücke zum Klimaziel. Für 2035 erwartet sie noch Treibhausgasemissionen von 0,4 bis einer Million Tonnen CO₂-Äquivalenten. Bei einer Fortschreibung der aktuellen Entwicklung sei eher mit der oberen Grenze von rund einer Million Tonnen zu rechnen. Gegenüber 1990 entspräche dies einer Reduktion um etwa 85 Prozent. Um die Emissionen stärker zu senken, müsste sich das Reduktionstempo gegenüber dem Zeitraum 1990 bis 2024 ungefähr verdoppeln.

Stromsektor auf Gelb

Der Stromsektor verursacht derzeit 36 Prozent der Stuttgarter Treibhausgasemissionen. Die Stadt bewertet die Entwicklung mit einer gelben Ampel. Eine wichtige Rolle spielt dabei der bundesweite Strommix. Je höher der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland ausfällt, desto geringer werden auch die Stuttgart zugerechneten Emissionen.

Beim Ausbau der Photovoltaik liegt Stuttgart bislang auf dem vorgesehenen Entwicklungspfad.  Bis 2035 sollen Anlagen mit insgesamt 800 Megawatt Peak installiert sein. Im ersten Quartal 2026 waren es 142 Megawatt Peak. Allerdings muss sich der Ausbau nach Einschätzung der Stadt künftig beschleunigen.

Deutlich hinter den Erwartungen bleibt die erneuerbare Stromerzeugung außerhalb Stuttgarts, die von Stuttgarter Akteuren angestoßen wird. Bis 2035 sollen jährlich 1.300 Gigawattstunden erzeugt werden. 2025 waren es 171 Gigawattstunden. Die Stadtwerke Stuttgart nehmen dabei laut Klimabericht eine strategisch wichtige Rolle ein. Die Verwaltung geht jedoch davon aus, dass sie ihre bisherigen Ausbauziele nicht erreichen werden.

Wärme bleibt größte Baustelle

Noch kritischer ist die Situation im Wärmesektor. Er verursacht 44 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen und erhält im Klimabericht eine rote Ampel. Nach Einschätzung der Verwaltung ist Stuttgart hier zu langsam unterwegs, um die für 2035 gesetzten Ziele zu erreichen. Der Wärmeverbrauch soll bis dahin auf 4.100 Gigawattstunden sinken. 2024 betrug er noch 6.009 Gigawattstunden. Gleichzeitig müsste die Zahl der Wärmepumpen stark steigen. Bis 2035 sollen 45.000 Anlagen installiert sein. Ende 2025 waren es erst 3.121. Auch beim Ausbau der Wärmenetze besteht erheblicher Nachholbedarf. Die klimaneutrale Fernwärme soll 2035 rund 32 Prozent des Wärmebedarfs decken. Hinzu sollen neue klimaneutrale Wärmenetze mit einem Anteil von zehn Prozent kommen. Die Stadt sieht bei der notwendigen Entwicklung derzeit nicht die erforderliche Dynamik.

Stadtwerke Stuttgart bleiben hinter Investitionszielen

Der Ausbau von Nahwärmenetzen stößt dabei auch auf praktische Schwierigkeiten. Die Stuttgarter Zeitung berichtete bereits über Probleme, geeignete Grundstücke für Energiezentralen zu finden. In dicht bebauten Stadtteilen seien entsprechende Flächen knapp. In der Winterhalde in Bad Cannstatt konnte für ein geplantes Wärmenetz eine Fläche für eine Energiezentrale identifiziert werden. Eine Schlüsselrolle weist die Klimastrategie den Stadtwerken Stuttgart zu. Der Gemeinderat hatte für sie Investitionsziele von einer Milliarde Euro bis 2026 und weiteren drei Milliarden Euro bis 2035 beschlossen. Nach Einschätzung des Klimaschutz-Programm-Managements werden diese Ziele nicht erreicht.

Als Gründe nennt der Klimabericht unter anderem die Finanzierung, unsichere politische Rahmenbedingungen, notwendige Anschlussquoten für Wärmenetze und Schwierigkeiten bei der Sicherung geeigneter Flächen. Die Strategie der Stadtwerke soll deshalb spätestens bis Ende 2026 neu ausgerichtet werden.

Verkehr mit besseren Aussichten

Vergleichsweise günstiger entwickelt sich der Verkehrssektor, der rund 19 Prozent der Stuttgarter Treibhausgasemissionen verursacht. Die Stadt bewertet ihn mit einer gelben Ampel. Elektromobilität und der Wechsel zu Bus, Bahn, Fahrrad und Fußverkehr entwickeln sich teilweise schneller als ursprünglich prognostiziert. Bis 2035 sollen 50 Prozent der Fahrzeuge klimaneutral fahren. Im ersten Quartal 2026 lag der Anteil einschließlich Plug-in-Hybriden bei 13,7 Prozent. Reine batterieelektrische Fahrzeuge kamen auf acht Prozent. Der Anteil des Umweltverbunds an der Verkehrsleistung soll bis 2035 auf 66 Prozent steigen. 2025 lag er bei 52 Prozent. Dennoch erwartet die Stadt auch 2035 noch relevante Treibhausgasemissionen aus dem Verkehr.

Finanzielle Spielräume werden enger

Neben den technischen Herausforderungen rückt die Finanzierung der Klimastrategie stärker in den Mittelpunkt. Insbesondere die Investitionsmöglichkeiten der Stadtwerke Stuttgart sind begrenzt. Deren bisherige Strategie soll deshalb spätestens bis Ende 2026 überprüft und neu ausgerichtet werden. Wie stark die angespannte Haushaltslage inzwischen auch die Klimapolitik beeinflusst, zeigen Aussagen von Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann. Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, sieht Fuhrmann die Stadt mit den im Klimabericht dargestellten Maßnahmen „in Summe finanziell überfordert“. Angesichts der sehr angespannten Finanzlage habe die Haushaltskonsolidierung oberste Priorität. Deshalb habe sich „auch die Gesamtstädtische Klimastrategie anzupassen“.

Grüne halten am Ziel der Klimaneutralität 2035 fest

Die politischen Konsequenzen aus dem Klimabericht werden unterschiedlich bewertet. Grünen-Fraktionschef Björn Peterhoff, der auch dem Aufsichtsrat der Stadtwerke angehört, will laut Stuttgarter Zeitung am Ziel der Klimaneutralität 2035 festhalten. „Wir müssen jetzt alle Projekte angehen, die wir uns leisten können“, sagte er der Zeitung. Angesichts der Finanzierungsprobleme müssten zusätzliche Finanzierungsquellen erschlossen werden. Als Möglichkeit nannte Peterhoff das vom Land angekündigte Klimainvestitionsprogramm.

CDU-Fraktionschef Alexander Kotz, ebenfalls Mitglied des Stadtwerke-Aufsichtsrats, hält das Ziel 2035 dagegen laut Stuttgarter Zeitung nicht mehr für realistisch. Er plädiert dafür, stärker in die Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu investieren. Als Beispiele nennt er Klimaanlagen für Schulen und Kliniken sowie Trinkbrunnen. Bei den Stadtwerken müssten nach seiner Einschätzung Vorhaben reduziert und möglicherweise neue Schwerpunkte gesetzt werden. Damit verschärft die Haushaltslage den Handlungsdruck: Stuttgart müsste das Tempo bei der Emissionsminderung deutlich erhöhen, verfügt zugleich aber über weniger finanziellen Spielraum für die dafür notwendigen Investitionen.

Doppelte Herausforderung

Damit steht Stuttgart vor einer doppelten Herausforderung: Die Stadt müsste das Tempo bei der Emissionsminderung deutlich erhöhen, während gleichzeitig die finanziellen Spielräume kleiner werden. Vor allem die Umstellung der Wärmeversorgung und die Finanzierung der dafür notwendigen Infrastruktur entscheiden nach Einschätzung der Stadt darüber, wie nahe Stuttgart seinem Ziel der Klimaneutralität 2035 noch kommen kann.

Alexander Schaeff




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