Mittwoch, 15. April 2026

InterviewAutarkie für Solarstromproduzenten

[03.03.2020] Ein Schlüssel, damit sich die private Solarstromerzeugung auch in Zukunft rechnet, sind intelligente Energie-Management-Systeme. Wie Stadtwerke davon profitieren können, erläutert Christian Münch, Leiter des Bereichs Partnervertrieb und E-Commerce bei BayWa  r.e., im stadt+werk-Interview.
Christian Münch ist Bereichsleiter Partnervertrieb und E-Commerce bei der BayWa r.e. Solar Energy Systems GmbH.

Christian Münch ist Bereichsleiter Partnervertrieb und E-Commerce bei der BayWa r.e. Solar Energy Systems GmbH.

(Bildquelle: BayWa r.e.)

Herr Münch, die Einspeisevergütung gab für viele Endkunden bislang meist den Ausschlag, sich für eine Photovoltaikanlage (PV-Anlage) zu entscheiden. Das Argument zählt jedoch immer weniger. Ab 2021 fällt zudem die erste Generation der Solarstromanlagen aus der EEG-Förderung. Warum sollten sich Endverbraucher dennoch für eine solche Anlage entscheiden?

Weil es sich auch in Zukunft lohnen wird, Solarstrom selbst zu produzieren. Die EEG-Förderung hat viel auf den Weg gebracht. Immerhin deckte der Ökostromanteil in Deutschland im ersten Halbjahr 2019 bereits 44 Prozent des Stromverbrauchs ab. Allein die Solaranlagen lieferten 24 Milliarden Kilowattstunden und damit eine Milliarde mehr als im Vorjahr. Diese positive Entwicklung wird sich weiter fortsetzen. Was sich verschiebt, ist allerdings die Perspektive beziehungsweise der Treiber der Entwicklung. Die Einspeisevergütung machte es für die Betreiber von Solaranlagen interessant, den selbst produzierten Strom zu verkaufen. Fällt dieser Anreiz weg, bleiben die Anlagen für Endverbraucher dennoch interessant. Nun allerdings nicht mehr so sehr, um Strom zu verkaufen, sondern um möglichst viel der erzeugten Energie selbst zu verbrauchen und damit die wirtschaftliche Rentabilität noch weiter zu erhöhen.

Erfahrungsgemäß decken die Betreiber aber lediglich 30 Prozent ihres jährlichen Eigenbedarfs über ihre PV-Anlage ab. Wird in einen Speicher investiert, der überschüssige Energie für erzeugungsarme Zeiten vorhält, erreichen Solarstromerzeuger allenfalls zu 60 Prozent Autarkie. Wie lässt sich dieser Wert steigern?

Durch smarte Technologien, die bei BayWa r.e. beispielsweise im Home-Energy-Management-System eingesetzt werden. Neben der Photovoltaikanlage und einem physischen Stromspeicher enthält das System einen intelligenten Energie-Manager, der alle Produktions- und Verbrauchsdaten des PV-Betreibers sammelt, analysiert und auf dieser Basis Prognosen über das künftige Nutzungsverhaltung erstellt, sodass die Stromproduktion optimal auf die Speichernutzung abgestimmt werden kann.

Für die Entwicklung des Home-Energy-Management-Systems hat sich BayWa r.e. mit Kiwigrid, einem Spezialisten für cloudbasierte Energie-Plattformen, zusammengetan. Was war der Grund dafür?

Cloud-Plattformen eröffnen dem Energie-Management völlig neue Möglichkeiten, da alle Komponenten über die Cloud kommunizieren können. Ein Beispiel dafür ist die Erweiterung des physischen Speichers um eine Art cloudbasiertes Stromkonto, wie wir es mit unserem System realisiert haben.

„Es wird sich auch in Zukunft lohnen, Solarstrom selbst zu produzieren.”
Wie kann man sich das vorstellen?

Im Grunde handelt es sich dabei um ein auf die Photovoltaikanlage und den Speicher abgestimmtes Konto, auf das man Energie einzahlt und bei Bedarf Strom abhebt. Wer beispielsweise neben seinem eigenproduzierten Strom noch 1.500 Kilowattstunden pro Jahr an Reststrom benötigt, bucht sich den Bedarf in der Cloud auf seinen virtuellen Speicher. Auf diese Weise kann er zum Festpreis bedarfsgerecht Energie beziehen. Der Endkunde reduziert seine Stromkosten und kann mit festen Strompreisen kalkulieren.

Auch Stadtwerke sollen von smarten Home-Energy-Management-Systemen profitieren. Welche Vorteile ergeben sich für sie?

Wenn die Stadtwerke Solarstromproduzenten 100-prozentige Autarkie anbieten können, ergeben sich vor allem Wettbewerbsvorteile – natürlich nur, sofern der Endkunde das auch wünscht. Ganz bewusst haben wir unser Home Energy Management so konzipiert, dass Stadtwerke ihren Kunden skalierbare Angebote unterbreiten können. Die Basisversion ist das intelligente Solarpaket. Dieses besteht aus dem Hardware-Paket mit PV-Anlage und Stromspeicher, dem intelligenten Energie-Manager und der Endkunden-App, über welche die Betreiber jederzeit Nutzungs- und Erzeugungsdaten verfolgen und bei Bedarf Einstellungen ändern können. Wer mehr will, bucht mit einem Zusatzpaket die 100-Prozent-Autarkie. Damit dieses Paket fair und attraktiv für den Endkunden bleibt, richtet sich der monatliche Beitrag dafür nach der Photovoltaikerzeugung pro Jahr sowie der jährlich in Anspruch genommenen Freistrommenge. Ein weiteres Upselling zielt auf Kunden, die ihr E-Auto in der eigenen Garage aufladen möchten. Das dafür notwendige Wallbox-Paket kann der Kunde – wie alle Pakete − ganz einfach über die App buchen. Das gilt in Zukunft auch für neue Produkte, wie das „100-Prozent-Autarkie-Paket to go“. Mit diesem können Endkunden dann auch ortsunabhängig auf ihren virtuellen Stromspeicher zugreifen und ihr E-Auto so auch unterwegs über ihr eigenes Stromkonto aufladen.

Sie bieten das System als Komplettlösung an. Warum wenden Sie sich nicht direkt an die Endkunden?

Energieversorgung ist für die Verbraucher immer auch Vertrauenssache. Daher setzen wir bewusst auf die Zusammenarbeit mit Stadtwerken. Damit sich diese auch für uns entscheiden, bieten wir das Home-Energy-Management-System als White-Label-Paket an. Das gesamte Branding und die Visualisierung der Lösung können also im Corporate Design des Stadtwerks erfolgen. Über eine eigens für Stadtwerke geschaffene Administratoren-Schnittstelle, die Contract App, kann das Stadtwerk die Verwaltung der Endkunden im Portal selbst vornehmen. Dadurch kann das Paket aus Hardware, Software und Reststrom unter der eigenen Marke verkauft werden, ohne den Messstellenbetrieb und die Stromlieferung an externe Dienstleister abgeben zu müssen.

Interview: Alexandra Braun

Münch, ChristianChristian Münch arbeitet seit 2016 als Bereichsleiter Partnervertrieb und E-Commerce für die BayWa r.e. Solar Energy Systems GmbH, eine Tochtergesellschaft der BayWa r.e. GmbH. Für BayWa agierte Münch bereits als Manager sowie als Head of Business Development. Zuvor war er für die Phoenix Solar AG sowie für EuPD Research / 360Consult tätig.



Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Informationstechnik

Frankfurt (Oder): Stadtwerke setzen auf Echtzeit-Steuerung

[15.04.2026] Die Stadtwerke Frankfurt (Oder) treiben die digitale Optimierung ihrer Energieanlagen voran. In Zusammenarbeit mit Data Cybernetics soll eine Software den Betrieb flexibler und wirtschaftlicher gestalten. Das Ziel ist eine automatisierte Steuerung in Echtzeit. mehr...

Collage zu Energieversorgung mit Heizungsregler, Wasserhahn, Stecker, Windrädern, Strommasten und Telekom- sowie Thüga-Logo.

Thüga: KI-Rahmenvertrag mit der Telekom

[15.04.2026] Das Stadtwerke-Netzwerk Thüga setzt auf KI-Anwendungen der Deutschen Telekom. Die Systeme sollen kommunale Energie- und Wasserdienstleister bei Standardaufgaben unterstützen. Nach Angaben der Unternehmen erfolgt die Datenverarbeitung ausschließlich im europäischen Rechtsraum. mehr...

Smight: Stromversorgung Greding führt Echtzeit-Monitoring ein

[08.04.2026] Die Stromversorgung Greding führt Echtzeit-Monitoring in ihren Ortsnetzstationen ein und digitalisiert damit ihr Verteilnetz. Der Schritt soll den Netzbetrieb angesichts wachsender Einspeisung und Lasten präziser steuern und gezieltere Investitionen ermöglichen. mehr...

rku․it: Fünf Energieversorger steigen auf Plattform um

[31.03.2026] Das Unternehmen rku․it bringt fünf Energieversorger gleichzeitig auf seine Plattform NextGen in den Produktivbetrieb. Der koordinierte Parallel-Go-live zeigt, wie skalierbar integrierte Cloud-Lösungen in der Energiewirtschaft heute umgesetzt werden können. mehr...

EWE: Eigenes SOC für IT- und OT-Systeme

[25.03.2026] Der Energie- und Telekommunikationskonzern EWE baut seine Cyber-Abwehr mit einem eigenen Security Operations Center für IT- und OT-Systeme aus. Das Angebot richtet sich bundesweit an Unternehmen und KRITIS-Betreiber und reagiert auf steigende Anforderungen durch NIS2, KI-gestützte Angriffe und komplexe Cloud-Umgebungen. mehr...

Advertorial: Forderungsmanagement auslagern

[19.03.2026] Der Fachkräftemangel zwingt Energieversorger zum Umdenken. Gleichzeitig steigen die Anforderungen im Forderungsmanagement. Die Lösung: Ein spezialisierter Partner übernimmt die komplette Zahlungsabwicklung – von der ersten Buchung bis zum Inkasso. mehr...

beegy: EEBUS-Zertifikat erhalten

[19.03.2026] Das Heim-Energiemanagementsystem von beegy ist nach dem herstellerübergreifenden EEBUS-Standard zertifiziert. Damit erfüllt die Lösung zentrale Vorgaben für interoperables Energiemanagement und wird für Energieversorger im Prosumer-Markt unmittelbar einsetzbar. mehr...

kraftwerk Software Gruppe: Energieversorger wechseln auf cloudbasierte Plattform

[18.03.2026] Die Stromversorgung Greding und die Stadtwerke Hemau stellen ihre IT-Landschaft gemeinsam auf eine cloudbasierte Plattform um. Das Projekt soll Prozesse vereinheitlichen, Synergien heben und den Weg für weitere Digitalisierungsschritte ebnen. mehr...

Stadtwerke Lübeck: Erstes eigenes Rechenzentrum in Betrieb genommen

[13.03.2026] Die Stadtwerke Lübeck haben ihr erstes eigenes Rechenzentrum in Betrieb genommen, das sensible Daten künftig direkt vor Ort verarbeitet und speichert. Das Projekt soll die digitale Souveränität der Region stärken – und stößt schon zum Start auf große Nachfrage. mehr...

Nexiga: Plattform analysiert Strommarkt-Dynamiken

[05.03.2026] Das Unternehmen Nexiga bringt mit dem Hellbrise Monitor eine neue Datenplattform zur Analyse von Strommarkt-Dynamiken an den Start. Das Tool soll Einspeisespitzen, negative Preise und strukturelle Risiken der Energiewende transparent machen und richtet sich an Versorger, Netzbetreiber, Forschung und Politik. mehr...

VertiGIS: Vorarlberger Energienetze erneuert Geo-Informationssystem

[04.03.2026] Das Unternehmen Vorarlberger Energienetze stellt sein Geo-Informationssystem auf die dritte Generation um und setzt dabei auf Technologie von VertiGIS. Der Wechsel ist wegen des auslaufenden Altsystems bis 2028 zwingend und betrifft Datenqualität, Netzbetrieb und künftige KI-Anwendungen gleichermaßen. mehr...

Mitarbeiterin im Kundenzentrum der evm mit Headset vor zwei Monitoren im Büro, im Hintergrund eine gelbe Wand mit evm-Logo.

evm: KI-Chatbot entlastet Kundenservice

[03.03.2026] Das kommunale Unternehmen Energieversorgung Mittelrhein (evm) zieht eine Zwischenbilanz zum Einsatz seines KI-Chatbots Eva. Demnach wurden allein im Jahr 2025 mehr als 40.000 Gespräche geführt. mehr...

WEMAG: Wechsel auf S/4HANA-Plattform

[03.03.2026] Die WEMAG-Gruppe hat ihre IT-Systeme grundlegend umgestellt. Nach einer Projektzeit von 18 Monaten nutzt das Unternehmen nun die S/4HANA-Plattform von Thüga SmartService. Dabei wurden 92 Buchungskreise und knapp 500 Nutzerinnen und Nutzer migriert. mehr...

bericht

Plattformstrategie: Hybrid denken, souverän handeln

[26.02.2026] Die Erlanger Stadtwerke sind mit Microsoft 365 auf eine Plattform umgestiegen, die Mitarbeitende spürbar entlastet und die Zusammenarbeit effizienter gestaltet. Im Sinne der digitalen Souveränität wurde für die Softwarearchitektur ein hybrider Ansatz gewählt. mehr...

Wuppertaler Stadtwerke: IT-Partnerschaft mit rku․it besiegelt

[23.02.2026] Die Wuppertaler Stadtwerke bauen ihre IT mit der NextGen-Plattform von rku.it aus. Die strategische Partnerschaft soll Prozesse im SAP-Umfeld modernisieren und den kommunalen Versorger langfristig digital absichern. mehr...