Donnerstag, 19. März 2026

Rhein-Hunsrück-KreisHeimat der Energiewende-Vormacher

[26.03.2019] Seit 20 Jahren ist der Rhein-Hunsrück-Kreis im Klimaschutz aktiv und gilt national wie international als Musterbeispiel für eine erfolgreiche Regionalentwicklung. Von der Agentur für Erneuerbare Energien wurde der Kreis jetzt als Energie-Kommune des Jahrzehnts geehrt.
Der Gemeinderat Horn steht stellvertretend für zahlreiche im Klimaschutz Engagierte im Rhein-Hunsrück-Kreis.

Der Gemeinderat Horn steht stellvertretend für zahlreiche im Klimaschutz Engagierte im Rhein-Hunsrück-Kreis.

(Bildquelle: Energieagentur Rheinland-Pfalz/Sonja Schwarz)

Der Rhein-Hunsrück-Kreis ist bereits seit dem Jahr 1999 im Klimaschutz aktiv. Er gilt auch international als Musterbeispiel für eine erfolgreiche Regionalentwicklung – basierend nicht zuletzt auf der dezentralen Energiewende. Im vergangenen Jahr wurde der rheinland-pfälzische Kreis bilanzieller -Emissions-Landkreis in den Sektoren Wärme, Strom und Abfall, was für einen deutschen Binnenlandkreis einmalig sein dürfte.
Von der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) wurde der Rhein-Hunsrück-Kreis zur Energie-Kommune des Jahrzehnts gekürt (wir berichteten). Am 20. November 2018 wurde der Kreis aus 120 prämierten Energie-Kommunen des Monats von einer Fachjury mit diesem Titel geehrt. Die Auszeichnung ist eine ganz besondere Anerkennung für die vielen im Klimaschutz aktiven Bürger, Gemeinden und Unternehmen, welche diesen Preis mit viel Herzblut, Visionen und außergewöhnlichem Engagement erarbeitet haben.

4.400 Photovoltaikanlagen im Kreis

Begonnen hat der Prozess zur Energieeinsparung Ende der 1990er-Jahre im Rahmen des Agenda21-Prozesses. Bis Mitte der 1990er-Jahre musste der komplette Strombedarf des Kreises importiert werden. Keine einzige Kilowattstunde wurde lokal produziert – geschweige denn regenerativ. 1995 wurde das erste Windrad errichtet. Es erzeugte Strom für 200 Haushalte. 2017 produzierten 271 Räder Strom für mehr als 300.000 Haushalte. Ende vergangenen Jahres wurden aus lokaler Biomasse, Photovoltaik und Windkraft bilanziell rund 300 Prozent des Gesamtstromverbrauchs im Kreis erzeugt.
Im Jahr 2008 wurde mit der HunsrückSonne die erste Solargenossenschaft in Rheinland-Pfalz gegründet, damit auch Bürger ohne eigenes oder ohne geeignetes Dach an der Photovoltaik teilhaben können. 2010 hat der Kreis zudem das erste Solardachkataster in Rheinland-Pfalz veröffentlicht. Ziel war es, 1.000 Dächer zu solarisieren. Heute decken 4.400 Photovoltaikanlagen rund 18 Prozent des Strombedarfs im Kreis – das ist dreimal so viel wie im Bundesdurchschnitt.

Nachbarschaftlich organisierte Dorfwärme

Im Jahr 2002 fasste der Kreistag einen Grundsatzbeschluss zur Umrüstung der kreiseigenen Schulen und Verwaltungsgebäude auf erneuerbare Energien. 2005 ersetzte die erste Holzhackschnitzelheizung in einer Schule 60.000 Liter Heizöl im Jahr. Hieraus folgte 2006 die erste nachbarschaftlich organisierte Dorfwärme für sieben Häuser in Fronhofen. Heute versorgen 16 Nahwärmeverbünde insgesamt 566 Gebäude mit erneuerbarer Wärme. Jährlich werden hierdurch insgesamt 2,7 Millionen Liter Heizölimporte vermieden. In den Verbünden Neuerkirch-Külz und Ellern wird die sommerliche Wärme komplett aus solarthermischen Großfeldern gedeckt. Die Entwicklung zeigt: Die Kommune muss als Vorbild vorausgehen – aus kleinen Impulsen kann dank der Mitwirkung vieler Bürger und Kommunen binnen einer Dekade eine Graswurzelbewegung entstehen.

Gartenpflege heizt

Bundesweit einmalig ist das Baum- und Strauchschnittkonzept der Rhein-Hunsrück Entsorgung zur Beheizung von aktuell 37 kommunalen Großgebäuden. Durch die Nutzung des Baum- und Strauchschnitts aus den Gärten der Bürger erfolgt diese Wertschöpfung ohne Eingriff in den bereits belebten, regionalen Brennholzmarkt. Die Bürger heizen mit ihrer Gartenpflege somit quasi die Schulen ihrer Kinder und Enkel. Dabei wird aktuell lediglich die Hälfte des Materials benötigt, das auf den insgesamt 120 kommunalen Sammelplätzen im Kreis zur Verfügung steht. Dies zeigt die enormen Potenziale des regionalen Stoffstrom-Managements.
Als erste konkrete Maßnahme aus dem Agenda21-Prozess führte die Kreisverwaltung 1999 ein Energie-Controlling für ihre sieben kreiseigenen Schulen und das Verwaltungsgebäude ein. In den ersten zwölf Jahren wurden hierdurch zwei Millionen Euro Energiekosten und 9.500 Tonnen CO2 vermieden.

Das Schnorbacher Modell

Die Erfahrung, dass Energieeffizienz der schlafende Riese ist, floss auch ins Klimaschutzkonzept ein. Bis zum Jahr 2050 soll der Strom- und Wärmebedarf im Gebäudebestand halbiert werden. Zur Erreichung dieses ambitionierten Ziels organisiert das Klimaschutz-Management kostenlose, unabhängige Energieberatungsangebote für alle Privathaushalte, Unternehmen und Kommunen im Kreis. 2012 wurde die stationäre Energieberatung der Verbraucherzentrale im Kreis ausgeweitet. Zwei Jahre später wurde eine Kampagne gestartet, um die Energieberatung in Haushalten zu bewerben. Hieraus haben sich systematische Dorfkampagnen basierend auf dem Schnorbacher Modell entwickelt. Gemeinden setzen einen Teil ihrer Windpachteinnahmen für Energiesparrichtlinien ein. Die Richtlinien sind sozial sehr ausgewogen. Jeder kann teilhaben, egal, ob Mieter oder Hausbesitzer. Gute Ideen verbreiten sich schnell im Hunsrück: Heute werden bereits in mehr als 40 Kommunen im Kreis Leistungen nach dem Schnorbacher Modell bezuschusst.

Zukunft ist Realität

Das intelligente Stromnetz der Zukunft ist heute schon Realität im Rhein-Hunsrück-Kreis. Das Energiewendeprojekt Designetz, das Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und das Saarland vernetzt, ging 2017 an den Start. Das ambitionierte Ziel der 47 Projektpartner unter Konsortialführung von innogy ist es, die Blaupause für die Energiewende zu entwickeln. Der Rhein-Hunsrück-Kreis ist dabei als einziger Landkreis assoziierter Partner in dem Verbundprojekt. Im Designetz-Projekt Energiewabe Rhein-Hunsrück-Kreis wird das Management von regenerativem Überschussstrom unter Einbindung einer Großbatterie und weiterer Speicher getestet. Darunter sind auch Haushalte mit so genannten Windheizungen, die man sich ähnlich wie konventionelle Nachtspeicheröfen vorstellen kann. Innerhalb der Wabe synchronisiert der Kreis die Erzeugung und den Verbrauch der lokalen Energie.

Die Region gewinnt

Der Rhein-Hunsrück-Kreis galt früher als strukturschwache Region. Heute sind die Gemeinden so gut wie schuldenfrei und verfügen über erhebliche finanzielle Rücklagen. Früher hat der ländliche Raum die Lebensmittel für die umliegenden Großstädte erzeugt. Im Zeitalter der dezentralen Energieerzeugung produziert der ländliche Raum auch die Energie für die umliegenden Ballungszentren – verbunden mit der entsprechenden Wertschöpfung in Form von Windpacht.
Dörfer wie Neuerkirch-Külz haben die Herausforderungen des demografischen Wandels bewältigt: Leerstand gehört der Vergangenheit an. Junge, gut ausgebildete Menschen schätzen die Lebensqualität und ziehen aus Ballungsräumen (zurück) auf den Hunsrück.
Revitalisierung ländlicher Räume mittels dezentraler Energieerzeugung: Was theoretisch klingt, kann im Rhein-Hunsrück-Kreis in der Praxis begutachtet werden. Fachbesucher aus 46 Nationen haben sich in den vergangenen Jahren vor Ort davon überzeugt und Anregungen für die regionale Energiewende mit nach Hause genommen.

Dr. Marlon Bröhr (CDU), Jahrgang 1974, ist seit September 2014 Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises. Von 2007 bis 2014 war der Zahnarzt Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kastellaun.




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