Donnerstag, 22. Februar 2024

MaKo 2020:
Wende erforderlich


[15.7.2020] Neue Regelwerke stellen Stadtwerke vor Herausforderungen. Für eine nachhaltige Strategie muss laut Cortility-Chef Klaus Nitschke nicht nur die IT-Mannschaft zukunftsfähig aufgestellt, sondern der IT auch der Freiraum für die strategischen Aufgaben gegeben werden.

Neue Regelwerke stellen IT-Abteilungen oft vor zeitliche Herausforderungen. Die äußeren Rahmenbedingungen bei der Marktkommunikation sorgen bei Stadtwerken für schwere See. „Statt Kurs auf die Zukunft zu nehmen, sind sie mit ganzer Kraft bemüht, das Schiff durch schnelle Manöver vor Schäden zu schützen“, erklärt Klaus Nitschke, Geschäftsführer des IT-Dienstleisters Cortility. „Die Mannschaft ist seit vielen Quartalen durch die immer engere Taktung im Tagesgeschäft massiv überlastet.“ Viele Energieversorger würden derzeit Raubbau an ihrer IT und den Mitarbeitern in den betroffenen Abteilungen betreiben und das, so Nitschke weiter, „nicht aus eigenem Interesse – und schon gar nicht, weil der Wettbewerb bei Strom und Gas das erfordere.“ Vielmehr seien die immer wieder neuen Anpassungen an regulatorische Anforderungen und die Veränderungen bei der Marktkommunikation der Auslöser. Statt die Belastungen der Unternehmen durch einen längeren Zeitraum zwischen den Formatumstellungen zu verringern, kam sogar noch ein zusätzlicher Stichtag für die Marktkommunikation 2020 (MaKo 2020) mit einem sehr kurzen Umsetzungszeitraum hinzu.

Es fehlt an Manpower

Während die bestehende Mannschaft sich im Tagesgeschäft abarbeitet, bleiben die Vorbereitung und Vorsorge für die Zukunft unerledigt liegen. „Bei unseren Kunden bedeutet jeder neue Stichtag, dass die Mitarbeiter mit einem prall gefüllten Überstundenkonto aus dem Projekt gehen. Und der nächste Stichtag, zu dem die Anpassungen – meist kurzfristig – umgesetzt werden müssen, ist dann schon wieder in Sichtweite“, beschreibt Nitschke seine Beobachtung. Während die Verbände die Vorgaben zur Marktkommunikation mittragen, leidet darunter die Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit der Stadtwerke. Nitschke: „Für die strategischen Fragen und Aufgaben fehlt den Mitarbeitern in den Unternehmen schlichtweg die Zeit.“
Die Hoffnung, dass sich an den Regulierungsvorgängen etwas ändert und bei den Stadtwerken die Arbeitsbelastung sinkt, hat er mittlerweile aufgegeben: „Aus meiner Sicht müssen die Unternehmen daher ihre Mannschaft so zusammenstellen und teilweise auch verstärken, dass neben dem Tagesgeschäft auch die Vorbereitung auf die Zukunft erfolgen kann.“

Hoher Anpassungs- und Testaufwand

Effizienzsteigerungen sind aus Sicht von Nitschke bei den Anpassungen für die Marktkommunikation kaum noch möglich: „Wir nutzen schon automatisierte Unterstützung, wo immer es geht. Wir setzen Testsysteme frühzeitig ein, um entsprechend angepasste Updates bei unseren Kunden auszurollen. Aber im Unternehmen wird es bei den aktuellen IT-Systemen immer einen hohen Anpassungs- und Testaufwand geben.“ Auch würden EVU – besonders während der Corona-Pandemie – Aufgaben an Dienstleister auslagern. Das sorge jedoch nur dafür, dass die dringenden Arbeiten weiterlaufen; Freiraum für die zukünftige Strategie und Aufstellung der IT ergibt sich daraus meist nicht.
Bei der Ausrichtung auf die Zukunft gebe es zudem noch einen gravierenden Unterschied gegenüber früher: „Wir sprechen nicht mehr über technische Einführungsprojekte, sondern über Transformationsprojekte, die in die Geschäftsprozesse der Unternehmen eingreifen“, erklärt der Cortility-Chef. Der Übergang zu Cloud- und Big-Data-Systemen sei eine unternehmerische Herausforderung. Allein mit der bestehenden Mannschaft werde eine Wende auf den Zukunftskurs nicht zu meistern sein. „Viele Aufgaben der Zukunft sind heute in den Stadtwerken noch nicht ausreichend mit Menschen und Know-how hinterlegt“, stellt Nitschke fest. Zur nachhaltigen Unternehmensstrategie gehöre es erstens, die IT-Mannschaft zukunftsfähig aufzustellen und zweitens der IT den erforderlichen Freiraum für die strategischen Aufgaben zu geben.

Marktentscheidender Faktor

Der Blick in andere Branchen zeigt, dass IT nicht mehr bloßes Werkzeug ist. Aus Sicht von Nitschke ist sie in vielen Fällen der gestaltende und marktentscheidende Faktor. Vielleicht hat hierbei sogar die Corona-Krise in der Energiewirtschaft für deutliche Impulse gesorgt. Denn sowohl interne Veränderungen – wie ein abteilungsübergreifendes Arbeiten im Home- beziehungsweise Mobiloffice – als auch die Erwartung der Kunden, dass ein Stadtwerk reibungslose Online-Services rund um die Uhr anbietet, sorgen für neue Ansätze bei der Unternehmens-IT. Standen Online und Cloud bislang besonders für Kostenersparnisse, sind diese Aspekte heute eine wichtige Grundlage für die Zusammenarbeit im Unternehmen und kundenorientierte Angebote.
Grundsätzlich sieht Nitschke zwei strategische Herausforderungen bei den Unternehmen: Einerseits sollen die Geschäftsprozesse konsequent an die neuen Möglichkeiten der zukünftigen IT-Systeme angepasst werden. Und andererseits muss die eigene Prozesslandschaft grundlegend verschlankt sowie re-standardisiert werden. Dies sei auch notwendig, um bei weiterhin hohem Veränderungsdruck durch die Regulierung langfristig in ruhiges Fahrwasser zu kommen.

Flexibles Gesamtpaket

Die Idee der Re-Standardisierung zeige sich auch als Leitlinie bei der zukünftigen Lösung von SAP für die Energiewirtschaft. Nitschke erklärt: „Spannend finde ich, dass SAP zum Beispiel Besonderheiten für den deutschen Energiemarkt als Cloud-Lösung realisiert. Das zeigt, dass das Gesamtpaket sehr flexibel sein wird – ohne die Ziele Standardisierung und Automatisierung zu vernachlässigen.“ Cortility unterstützt EVU mit branchenspezifischen Software-Produkten und Beratungsleistungen. Im Fokus steht dabei das komplette SAP-Portfolio für Energieversorger inklusive SAP S/4HANA.
Die Aufgabe bei der Digitalisierung in der Energiewirtschaft lautet aktuell: vom Schlagwort zu den Anwendungen. Die Erfahrungen in der Corona-Krise haben bei einigen Unternehmen die Vorstellungskraft deutlich erweitert, was für Anwendungen sinnvoll sind. Doch viele Zukunftsthemen und branchenspezifische Anforderungen – wie zum Beispiel Automatisierung oder KI/ Machine Learning – erfordern, dass die Unternehmen bereits heute den zukünftigen Kurs bestimmen und das Stadtwerk fit für die Zukunft machen. Dazu sollten die Mitarbeiter der Unternehmen auf Partner mit Branchen- und System-Know-how zurückgreifen.

Jens Voshage ist freier Fachjournalist in Hannover mit den Schwerpunkten Energiewirtschaft und IT.

SAP: Wartungsverlängerung schafft Freiräume,
Noch vor einem Jahr war eine große Unsicherheit bei den SAP-Nutzern erkennbar: Denn es war lediglich bekannt, dass SAP IS-U bald einen Nachfolger auf Basis von SAP S/4HANA bekommt – doch sonst blieb vieles nebulös. Mittlerweile sind die Nachfolgelösungen von SAP für die Energiewirtschaft immer deutlicher zu erkennen. Und der Software-Konzern hat mit Blick auf die Kunden den Zeitdruck für die notwendigen strategischen Entscheidungen herausgenommen. Denn seit Jahresanfang ist bekannt, dass SAP die Wartung der aktuellen IT-Lösungen nicht schon 2025 auslaufen lässt, sondern mindestens bis 2027 beziehungsweise 2030 sicherstellt. Hieraus ergibt sich eine wichtige Chance für viele EVU. Denn die Wartungsverlängerung erlaubt es ihnen, mit einem realistischen Zeitplan die großen Aufgaben anzugehen und die dafür erforderlichen Freiräume bei den Mitarbeitern zu schaffen. „Zeit, die jetzt durch unternehmerische Entscheidungen genutzt werden sollte“, findet Cortility-Chef Klaus Nitschke.

https://cortility.de
Dieser Beitrag ist im Juni Sonderheft 2020 von stadt+werk zur Digitalisierung der Energiewirtschaft erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren. (Deep Link)

Stichwörter: Informationstechnik, SAP, cortility, MaKo 2020

Bildquelle: REDPIXEL/adobe.stock.com

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