Mittwoch, 14. April 2021
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Interview:
Großer Sprung nach vorn


[23.3.2021] Das Leipziger Unternehmen VNG hat vergangenes Jahr Gas-Union übernommen. stadt+werk sprach mit VNG-Chef Ulf Heitmüller über die Hintergründe und Ziele der Akquisition sowie über die Zukunft des Erdgasgeschäfts.

Ulf Heitmüller Herr Heitmüller, VNG hat Mitte 2020 alle Anteile an der Gas-Union GmbH erworben. Welche Argumente sprachen für die Akquisition?

VNG ist eines der wenigen Unternehmen im Gassektor, das weite Teil der Wertschöpfungskette abbildet. Angefangen beim Transport und dem Speicherbereich über den Import bis hin zum Handel und Vertrieb agieren wir sehr vielseitig. Gas-Union war ähnlich aufgestellt. Insofern war uns schnell klar, dass ein Erwerb dieses Unternehmens unser Portfolio optimal ergänzen würde, denn im Grunde gab es in fast jedem Bereich, in dem Gas-Union aktiv war, Anknüpfungspunkte für VNG oder unsere Konzernmutter EnBW. Insgesamt kann man sagen, dass es das Gesamtpaket war, das den Erwerb der Gas-Union für uns interessant gemacht hat.
Welche Pläne haben Sie mit Gas-Union und welche Synergieeffekte erwarten Sie?
Man muss konstatieren, dass Gas-Union wirtschaftlich herausfordernde Jahre hinter sich hat. Mit Blick auf die künftigen Geschäftsaktivitäten der einzelnen Bereiche galt es bei der Integration und Re-Organisation ab dem Closing im vergangenen Herbst, wirtschaftlich sinnvolle Lösungen für alle Beteiligten und Bereiche zu finden. Für uns steht die Nutzung von Synergieeffekten im Handel- und Vertriebsgeschäft im Vordergrund. Indem wir das Portfolio von Gas-Union mit unseren Vertriebskanälen zusammenbringen, werden wir einen großen Sprung nach vorne machen – und das in einem Umfeld, in dem immer mehr Player ihre Geschäfte deutlich reduzieren oder sogar ganz vom Markt verschwinden.

„Langfristig wird Erdgas schrittweise durch grüne Gase ersetzt.“

Was geschieht mit den weiteren Geschäftsbereichen von Gas-Union?

Aufgrund eines spürbaren Interesses für die Speicheraktivitäten und den Transportbereich von Gas-Union haben wir uns nach intensivem Abwägen für eine jeweilige Weiterveräußerung entschieden. So wurde der Speicherbereich von Gas-Union von der international agierenden MET Holding übernommen. Und was den Transportbereich betrifft, so hat sich mit der Stuttgarter terranets bw ein Käufer aus dem Konzernverbund der EnBW gefunden, der damit sein eigenes Netz ideal ergänzen und strategisch wachsen kann.

Was ändert sich für die Kunden von Gas-Union?

VNG steht für Kontinuität und Stabilität. Insofern ändert sich für jene Kunden, die künftig mit uns zusammenarbeiten, zunächst erstmal nichts. Sie haben weiterhin einen starken und verlässlichen Partner an ihrer Seite.
Fossile Energieträger gelten als Auslaufmodell. Wie lange wird Erdgas noch eine Rolle spielen?
Ich bin mir sicher, dass Erdgas noch lange eine gewichtige Rolle spielen wird. Es garantiert eine sichere, bezahlbare und umweltverträgliche Energieversorgung, trägt zum Klimaschutz bei und kann in vielen Bereichen wirtschaftlich sinnvoll genutzt werden, beispielsweise in der Industrie, im Wärmemarkt, Personen-, Güter- und Schiffsverkehr oder in der Stromerzeugung. Deshalb gehe ich davon aus, dass die momentane Entwicklung anhält und Erdgas als Brückentechnologie mittelfristig sogar noch an Bedeutung gewinnen wird. Als Partner der erneuerbaren Energien bietet Erdgas hervorragende Möglichkeiten, um die Erzeugungsschwankungen bei diesen optimal auszugleichen. Zudem verfügen wir mit der Gas-Infrastruktur über ein volkswirtschaftliches Pfund, das bereits vorhanden ist und das wir perspektivisch komplett „vergrünen“ können.

Wird grüner Wasserstoff Erdgas ersetzen können?

Wir sind uns dessen vollkommen bewusst, dass Erdgas in einer längerfristigen Perspektive schrittweise durch grüne und dekarbonisierte Gase, allen voran durch Biogas sowie Wasserstoff, ersetzt werden wird. Deshalb haben wir den Transformationspfad von Erdgas hin zu erneuerbaren und dekarbonisierten Gasen in unserer Konzernstrategie hinterlegt, unser Biogasgeschäft in den vergangenen Jahren sukzessive erfolgreich ausgebaut und innerhalb unserer Konzernstruktur als eigenen Geschäftsbereich etabliert. Inzwischen zählt unser Tochterunternehmen BALANCE Erneuerbare Energien zu den führenden Biogasanlagenbetreibern Deutschlands. Was Wasserstoff betrifft, wollen wir den Energieträger als Konzern geschäftsbereichsübergreifend voranbringen und bis 2025 H2-ready sein.

In welchen Bereichen wird Wasserstoff erfolgreich sein?

Was die künftige Anwendung von Wasserstoff betrifft, so sehen wir neben der Industrie und dem Verkehr auch im Wärmemarkt immenses Potenzial. Beispielsweise sind an die Gasverteilnetze 19 Millionen Haushalte in Deutschland angeschlossen, die Stand heute mit Gas heizen. Dazu kommen noch rund 1,6 Millionen Abnehmer aus Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen. Das bedeutet, dass es enormes Potenzial gibt, die Kosten der Energiewende zu senken, wenn wir Wasserstoff über die bestehende Gasinfrastruktur in den Wärmemarkt bringen. Das hat auch die Leitstudie der Deutschen Energieagentur verdeutlicht. Demnach könnte ein Mix aus Strom und grünen Gasen, einschließlich Wasserstoff, im Gebäudesektor die Energiesystemkosten bis zum Jahr 2050 um mindestens 260 Milliarden Euro senken. Daher sollte der Wärmemarkt keineswegs unberücksichtigt bleiben.

Wie wird sich der Gasmarkt aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren entwickeln?

Was Erdgas betrifft, so wird der Rückgang der innereuropäischen Produktion vor dem Hintergrund eines zeitgleich steigenden Energiebedarfs zu einem zusätzlichen Importbedarf Europas in den kommenden Jahren führen. Dieser Bedarf wird voraussichtlich insbesondere durch weitere russische Liefermengen sowie durch den Import von Flüssigerdgas gedeckt werden können. Gleichzeitig wird Erdgas in der Stromerzeugung Europas weiter an Bedeutung gewinnen. Da zudem der Anteil der Erneuerbaren im Stromsektor weiter steigt, wird auch die Volatilität in beiden Märkten eher zunehmen, sodass die Sicherung langfristiger Lieferverträge mit flexiblen Preisen und Liefermengen noch mehr an Bedeutung gewinnt.

Interview: Alexander Schaeff

Im Interview, Ulf Heitmüller
Ulf Heitmüller ist seit 2016 Vorstandsvorsitzender der VNG AG mit Sitz in Leipzig. Zuvor war Heitmann für Energie Baden-Württemberg (EnBW) sowie den Mineralöl-Konzern Shell tätig. Seit 2017 ist der Diplom-Ingenieur Honorarkonsul des Königreichs Norwegen für den Freistaat Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

https://vng.de/de
Dieser Beitrag ist im Titel der Ausgabe März/April 2021 von stadt+werk erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren. (Deep Link)

Stichwörter: Erdgas, VNG, Ulf Heitmüller

Bildquelle: VNG AG / JEIBMANN PHOTOGRAPHIK

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