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Interview:
Der Mensch im Mittelpunkt


[4.10.2016] Die Stadt Oldenburg und das Informatikinstitut OFFIS erarbeiten derzeit eine Smart-City-Strategie. Oberbürgermeister Jürgen Krogmann spricht im stadt+werk-Interview über die wesentlichen Eckpfeiler und das Modellprojekt Smart City Living Lab Fliegerhorst.

Jürgen Krogmann: „Wir müssen uns erst einmal selbst zur Smart City aufstellen.“ Herr Krogmann, Smart Cities nutzen Vernetzungs-, Informations- und Kommunikationstechnologien. Was verstehen Sie unter einer Smart City?

Für den Begriff Smart City gibt es inzwischen eine ganze Flut von Definitionen, der ich keine weitere hinzufügen, gleichwohl aber deutlich machen möchte, was mir dabei wichtig ist: Wir befinden uns in einem Prozess, Städte effizienter, technologisch fortschrittlicher, umweltfreundlicher und sozial inklusiver zu gestalten – und zwar aus gesamtheitlicher Perspektive. Diese Konzepte beinhalten technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovationen. Entscheidend ist aber, dass sie von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen werden. Daher stehe ich hinter dem Grundsatz, den wir in Oldenburg verfolgen: „Der Mensch im Mittelpunkt“. Smart Cities sind von Informationstechnologie in allen Bereichen durchdrungen, aber ohne die Akzeptanz, Kreativität und Schaffenskraft von Menschen sind sie nichts. Es ist meine Aufgabe, aber auch mein Herzblut, unsere schöne Stadt für die Zukunft weiter fit und wettbewerbsfähig zu machen. Und da sind Smart-City-Ansätze der Schlüssel, zumal wir die Kompetenzen dafür in Wirtschaft und Wissenschaft direkt vor der Haustür haben.

Wann ist die Entscheidung für die Smart City Oldenburg gefallen und welche Ziele konnten Sie bislang erreichen?

Mitte 2015 habe ich entschieden, dass es sehr sinnvoll sein kann, sich systematisch und strategisch mit dem Thema Smart City zu beschäftigen. Wir sind zwar schon seit dem Jahr 2014 in einem Netzwerk mit anderen Städten wie Bremen, unserer Partnerstadt Groningen und Assen in den Niederlanden im Austausch dazu, aber es fehlte die Zielrichtung. Als mir in meiner jungen Amtszeit verschiedene Großkonzerne Konzepte für die Lösung von Problemen verkaufen wollten, um an unsere Daten zu kommen, habe ich entschieden: wir müssen uns zur Smart City erst einmal selbst aufstellen. Und das ist uns innerhalb kurzer Zeit gelungen.

Was sind die wesentlichen Eckpunkte der Smart-City-Strategie Oldenburg?

„Ohne Einbindung der Bürger ist eine Smart City nicht lebbar.“


Die Stadt Oldenburg hat OFFIS als renommiertes Forschungsinstitut in der IT-Anwendung von smart-city-relevanten Themen damit beauftragt, eine Smart-City-Strategie für Oldenburg zu erarbeiten. Hierbei wurden schließlich die inhaltlichen Schwerpunkte zu den Bereichen Versorgung, Transport und Verkehr, Smart Governance und Smart-City-Plattform sowie bessere Lebensqualität in den Bereichen Gesundheit, Alter, Nachbarschaftshilfe und Sicherheit gebündelt. Die Erarbeitung der Smart-City-Strategie erfolgte dabei in folgenden Schritten: Von Januar bis April 2016 wurde zunächst eine systematische Bestandserhebung von aktuellen und geplanten Smart-City-Aktivitäten der Stadt Oldenburg quer durch alle relevanten Verwaltungseinheiten durchgeführt. Im Mai wurden dann Experteninterviews mit Mitarbeitern der Dezernate und der Eigenbetriebe der Stadt, Forschern und Industriepartnern geführt. Mitte Juni 2016 fand schließlich ein gemeinsamer Innovationsworkshop mit Vertretern aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft statt und seit August dieses Jahres erstellt OFFIS den Abschlussbericht beziehungsweise ein Visionspapier. Im Herbst oder Winter soll das Smart-City-Konzept abschließend präsentiert und verabschiedet werden.

Was soll die Smart-City-Strategie Oldenburg einmal leisten?

Wie bereits geschildert: Ohne Einbindung der Bürger ist eine Smart City nicht sinnvoll und auch nicht lebbar. Es geht also darum, frühzeitig den Dialog zu suchen, die Akzeptanz moderner Technologien zu fördern sowie den Themen Datensicherheit, Datenschutz und Schutz der persönlichen Identität einen hohen Stellenwert im Entstehungsprozess und der Umsetzung einzuräumen. Das sind zentrale Aufgaben der Stadt. Wenn das gelingt, sehe ich gute Möglichkeiten, beispielsweise den Nachbarschaftsgedanken in Oldenburg neu zu entwickeln: durch energieeffiziente Quartiere, durch moderne Mobilitäts- und Gesundheitskonzepte, durch verstärktes Teilen und Kommunizieren – eben mittels Smart-City-Technologie. Soweit mir bekannt ist, gibt es gerade in einigen deutschen Städten – nicht nur in den Mega-Cities – einen intensiven Prozess, sich mit Smart-City-Themen zu beschäftigen. So scheinen mir auch in der Telekom-City-Friedrichshafen Stichworte wie innovative Mobilitätskonzepte, Smart-Metering-Umsetzungen, E-Governance, Gesundheit und Betreuung oben auf der Agenda zu stehen. Da muss jede Stadt ihren eigenen und glaubwürdigen Weg gehen. Wir haben hier das Glück, mit der regionalen Forschung und Wirtschaft im Bereich Smart City exzellent ausgestattet zu sein. Wir müssen unsere Strategie daher nicht unter dem Dach eines Konzerns entwickeln.

Welche Aspekte liegen Ihnen bei der Umsetzung einer solchen Strategie besonders am Herzen?

Es ist mir sehr wichtig, dass wir jede, ich betone: jede Bürgerin und jeden Bürger ansprechen und, wie man so schön sagt, abholen. Technologie entwickelt sich rasend und wir müssen dafür sorgen, dass jeder, auch Menschen im hohen Alter, die Möglichkeit hat, eingebunden und nicht ausgegrenzt zu werden.

Wer profitiert von einer Smart City Oldenburg? Die Stadtbewohner, Forschungsinstitute oder die Industrie?

Alle zusammen werden profitieren, wenn es gelingt, aufeinander zuzugehen und Vorbehalte abzubauen.

Was verbirgt sich hinter dem Modellprojekt Smart Living Lab Fliegerhorst?

Wir wollen auf dem ehemaligen Militärflughafen Fliegerhorst auf einer rund 3,9 Hektar großen Fläche ein Reallabor für die Smart City entwickeln, wobei die Aufgabenverteilung klar ist: die Stadt wird unter dem Vorbehalt von Ratsbeschlüssen die Fläche zur Verfügung stellen – die Planung und Umsetzung muss durch Wirtschaft, Forschung und andere Partner erfolgen, wobei natürlich die Stadt hier in der Begleitung eng eingebunden sein muss und wird. Ich gehe davon aus, dass wir aus der Umsetzung des Masterplans Fliegerhorst heraus die Smart-City-Fläche circa ab Ende 2017 beplanen werden. Der Zeitplan steht und fällt damit, ob es gelingt, ein Konsortium für die Umsetzung zu organisieren und Fördermöglichkeiten zu akquirieren. Da bin ich aber durchaus optimistisch: Unter der Federführung von OFFIS ist es bereits gelungen, innerhalb kürzester Zeit 24 Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft in ein Verbundprojekt für ein energieeffizientes Quartier zusammenzubringen – quasi der erste Schritt für das Smart-City-Areal – und bis Ende Juli 2016 einen Förderantrag beim Bund zu stellen.

Wie wollen Sie im Smart Living Lab die Themen Datenschutz und Datennutzung unter einen Hut bringen? Und wer soll einmal hier wohnen?

Die Themen Datenschutz und Datennutzung stehen bei der Realisierung von Smart-City-Konzepten ganz klar im Mittelpunkt. Dazu wird es in Kooperation mit der Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsame Konzepte geben. Ein Smart City Lab lebt davon, dass unterschiedliche Wohnformen und Wohngemeinschaften zusammenkommen und keine Ausgrenzung erfolgt. Natürlich hat es Labor-Charakter, denn es ist ja gerade das Ziel, voneinander zu lernen, also experimentell vorzugehen, um daraus wieder Konzepte neu zu optimieren. Die Bewohner müssten also schon bereit sein, sich als Probanden für eine bestimmte Zeit zur Verfügung zu stellen. Aber da bin ich für Oldenburg sehr optimistisch. Aus dem Hochschulumfeld und auch sonst höre ich schon erste Signale: Wann geht es los, wann kann man einziehen?

Interview: Melanie Schulz

Krogmann, Jürgen
Jürgen Krogmann (SPD) ist seit November 2014 Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg. Seine Amtszeit beträgt sieben Jahre. Zuvor war der NDR-Hörfunkreporter und -Moderator Sprecher der Stadt Oldenburg und von 2008 bis 2014 Abgeordneter des Niedersächsischen Landtags.

http://www.stadt-oldenburg.de
Dieser Beitrag ist in der September/Oktober von stadt+werk erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren. (Deep Link)

Stichwörter: Politik, Oldenburg, Jürgen Krogmann, Smart City

Bildquelle: Stadt Oldenburg/Markus Hibbeler

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